Mann der sich den kopf hält als Symbol für Stress im Bett
shutterstock.com / UfaBizPhoto

Stress killt die Libido beim Mann (und der Frau)

Stress ist ein großer Libido-Killer beim Mann. Coach und Therapeut Volker Schmidt erklärt uns, wie man besser mit Stress umgehen kann, sodass es vielleicht sogar die Beziehung bereichert…

Teil 1 – Männliche Lust, weibliche Lust 

Teil 2 – Lust-Killer: Stress und Liebeskonflikte

Teil 3 – Lust-Booster: Selbstliebe und Selbsterfahrung

Lieber Volker, lass uns mit dem Offensichtlichen beginnen. Stress killt Lust, das ist inzwischen wohl recht bekannt.

Das Empfinden von Stress hat große Auswirkungen auf unser gesamtes System. Es ist daher in meinen Augen überhaupt nicht verwunderlich, dass unsere Lust auf Sinnlichkeit und Sex zu seinen ersten Opfern zählt. Halten wir uns vor Augen, dass das, was wir „Stress“ nennen, von der Evolution vorsätzlich in uns angelegt wurde, damit wir in der Lage sind, akute Gefahren möglichst schnell und entschlossen anzupacken und zu überwinden.

Unser heutiger Stress ist aber doch ganz anders als der unserer Vorfahren.

Meiner Auffassung nach handelt es sich hierbei um ein kleines, aber weit verbreitetes Missverständnis. Die Reaktionen unseres Organismus, unsere Stress-Reaktionen also, sind noch genau dieselben wie vor etwa 100.000 oder auch vor 2 Millionen Jahren. Was sich geändert hat, ist die Art unserer Stress-Auslöser. Das allerdings massiv.

Anders als damals nämlich haben wir es heute nicht mit akuten Bedrohungen ausgehend von Raubtieren oder Naturkatastrophen zu tun: im Job jagt ein Projekt das nächste, zu Hause erwarten uns unsere Kinder mit ihren Bedürfnissen und Wünschen, obendrein gesellschaftliche Erwartungen an unsere Rolle als Mutter oder Vater. Einige Menschen, die ich kenne, haben mit finanziellen Nöten zu tun. Andere mit der Angst davor, dass diese irgendwann eintreten könnten.

Auspowern gegen Stress

Wir müssen bis ins hohe Alter darauf eingestellt sein, aus urplötzlich auftauchenden Gründen heraus unseren Job zu verlieren und damit – in einer Leistungskultur wie der unseren – auch unseren Platz und unser Ansehen in der Gesellschaft.

Für Situationen wie diese ist unser Gehirn schlicht und einfach nicht ausgelegt. In Bezug auf unseren Ursprung wäre das vergleichbar mit einer Situation, in der wir mit unserem Stamm permanent von Hyänen umzingelt gewesen wären. 

Brechen wir es mal radikal runter. Wenn ich heute Abend mit meinem Mann zu einem sinnlichen Treffen verabredet wäre, mir aber ständig Gedanken durch den Kopf schössen, die mich belasteten – Was würdest du mir ganz konkret empfehlen?

Mein erster Tipp an dich wäre intensive körperliche Bewegung. Joggen, Radfahren, jede Art von Sport, Tanzen, aktive Meditationen und natürlich auch Sex, wenn wir ihn genießen… All diese Dinge ziehen uns relativ zügig das lähmende und auf Dauer überaus toxisch wirkende Stresshormon Cortisol aus dem Blut. Viel Wasser und nährstoffreiche Nahrung wirken auf diesen Prozess nachgewiesenermaßen positiv ein.

Gespräche helfen gegen Stress

Wenn du „erstens“ sagst, dann gibt es noch einen zweiten Tipp. Welcher ist das?

Mein zweiter Tipp an dich: Sprich über deinen Stress! Und zwar mit deinem Mann oder deiner Frau. Bestenfalls nicht nur, aber doch insbesondere. Zeige dich mit all dem, was dich berührt, dich aufwühlt oder umtreibt. 

Die meisten von uns lernen im Laufe ihres Lebens leider nur genau zwei Umgangsweisen mit schwierigen Gefühlen. Die erste besteht darin, dass wir diese blind ausagieren. Jedes Baby tut dies. Und mancher Mensch tut dies sein Leben lang.

Da wir mit dieser Strategie unwillkürlich mit den Gefühlen und Bedürfnissen unserer Mitmenschen kollidieren, lernen die meisten von uns ebenfalls im frühen Kleinkindalter, ihre Gefühle zu unterdrücken. Erwachsene, die dies tun, sagen dazu gern: „Ich mache die Sache mit mir selbst aus.“ In den meisten Fällen ist das allerdings nur ein Euphemismus für emotionale Verdrängung.

Ich habe es selbst erfahren und erfahre es seither immer wieder! Es klingt doof, aber darüber reden, hilft tatsächlich!

Wenn da ein Mensch ist, dem ich mich mit meinen Gefühlen wirklich offenbaren kann, ohne auch nur den Gedanken daran, etwas verstecken zu müssen, zu verfälschen, zu glätten oder zu verzieren, dann passiert etwas, das psychologisch einerseits subtil und andererseits hochgradig wirksam ist:

In so einem Augenblick nämlich fühlen wir uns in dem, was wir erfahren haben oder was uns weiterhin widerfährt, von diesem anderen Menschen gesehen, angenommen und geachtet. Unsere Aufgabe mag nicht kleiner geworden sein, unser Problem nicht gelöst, aber hier und jetzt, in diesem Augenblick, sind wir in all dem nicht allein.

Vertrauen fördert die Libido

Diese Erfahrung des wertschätzenden Bezeugens unserer eigenen Gefühle führt dazu, dass sich unsere Atmung und unser Herzschlag verlangsamen. Körper und Geist beruhigen sich, und sei es auch nur für einen Moment. Das aufrichtige Teilen von Gefühlen und Erfahrungen führt zur Stärkung, Stabilisierung und Vertiefung ihrer Beziehungen untereinander.

Womit wir nun schon direkt und mittendrin sind im zweiten großen Wirkfaktor auf unsere Libido. Damit meine ich die ganz konkrete Beziehung zwischen uns und unserer aktuellen Liebes- oder Lustpartner:in. Diese wirkt sich schließlich ebenso zwangsläufig wie einleuchtend ganz massiv auf unsere Lust auf Sex aus: entweder fördernd oder dämpfend.

Das, was du beschreibst, habe ich auch erfahren. Wenn ich mich öffne und darin gesehen fühle, dann öffnet sich auch mein Herz – und mein Schoß. Was aber mache ich, wenn ich mich in meiner eigenen Beziehung nicht gerade dazu eingeladen fühle, mich zu zeigen und über meine Gefühle zu sprechen?

Das ist dann wohl eine ziemlich blöde Situation. In meinen Augen haben die Erfahrungen, die wir in der Liebe und in der Lust machen, immer einen hochintensiven Effekt auf unsere Psyche. Und zwar wahlweise heilend oder retraumatisierend. In diesem Fall würde ich wohl eher auf eine retraumatisierende Beziehungserfahrung tippen.

Toys und Dessous für mehr Lust und Libido?

Vergessen wir nicht: Nur die allerwenigsten von uns haben je gelernt, offen und bewusst über ihre Gefühle zu sprechen. All unsere unterdrückten Gefühle streben jedoch nach dem Licht. Über kurz oder lang werden sie einen Weg finden, sich impulsiv und unkontrolliert zu zeigen. Was dann leider wiederum eher Ablehnung hervorruft als Mitgefühl. Und das fühlt sich dann halt doof an.

Wer diese Erfahrung ein paarmal gemacht hat, zieht daraus schnell die Lektion, dass es grundsätzlich besser ist, seine wahren Gefühle, Wünsche und Gedanken für sich zu behalten. Auf diese Weise zieht das Schweigen ein. Das bedeutet nicht, dass die Beziehungspartner nun gar nicht mehr miteinander sprechen würden. Manche reden geradezu unablässig. Sie reden miteinander – nur halt eben nicht über das, was sie wirklich beschäftigt oder berührt.

Können sexy Dessous oder Toys hilfreich sein, um wieder mehr Lust in die Liebe einzuladen?

Oh, selbstverständlich! Wenn zwei Menschen sich wirklich gerne mögen und überdies körperlich intensiv anziehend finden, dann kann es viel Freude bereiten, mit Kleidern oder Spielzeugen zu experimentieren.

Wenn aber die grundlegende Basis der Beziehung angeknackst ist, wenn die beiden sich vom jeweils anderen nicht gesehen oder unterstützt fühlen, dann glaube ich nicht daran, dass ein neuer Vibrator oder ein Paar halterlose Strümpfe die Situation auch nur in irgendeiner Weise vor dem weiteren Zerfall retten werden.

Libido-Booster: Mut & Selbsliebe

Für dich ist das Gespräch der Weg zur Lust?

Für mich ist das Gespräch der Weg zu einer Chance darauf, dass Verbundenheit und Vertrauen entweder neu oder vielleicht auch erstmalig einziehen und wachsen können. Und zwar sowohl das Vertrauen in die Beziehung zu unserem Partner, als auch unser Vertrauen in uns selbst und unsere Fähigkeiten, mit diesen Gefühlen auf eine gute Weise umzugehen.

Dieser Schritt aber fordert, wie jeder ungeübte, aber bedeutsame Schritt, zuallererst eine ganze Menge Mut von uns.

Mut – auch sich selbst anzunehmen?

Ja. Das Fundament und die Basis all unserer Beziehungen zu anderen Menschen bildet nach wie vor unsere Beziehung zu uns selbst. Je mehr wir gelernt haben, uns selbst in all dem anzunehmen, was ich unsere himmelschreiende ur-menschliche Unvollkommenheit nenne, desto weniger abhängig machen wir uns von unseren Erwartungen an das Urteil anderer über uns. Weder Kraft noch Wille, allein die Wahrheit macht uns frei. Das gilt auch hier.

Selbstliebe und Selbstannahme sind definitiv ein kraftvoller Dünger für die Libido. Lass uns diese Themen daher noch ein wenig vertiefen. Beim nächsten Mal?

Ich freue mich darauf!

Mehr von Volker Schmidt lesen:

Wir leben in einer Yangwelt

Lockdown-Sex: vögeln statt hamstern

Wie gelingt Sex, von dem man nicht genug kriegen kann