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Wie gelingt „Sex worth wanting”, also Sex, von dem man nicht genug bekommen kann?

Heike Niemeier trifft Volker Schmidt. Kennengelernt haben sich die beiden beim „Barcamp Sex” in Leipzig. Danach hat Heike sein  Buch „Untervögelt – Macht zu wenig (guter!) Sex uns hässlich, krank und dumm?“ gelesen. Ein provokanter Titel – eine gute Frage? Im Interview unterhalten sich die Sexberaterin und der Sexperte über Klischees wie Heilige oder Hure und den angeblich so triebgesteuerten Mann, über Mangelgefühle beim Sex und wie man zu Sex worth wanting kommt. 

Volker, du lachst mich so fröhlich an. Was macht Dir so gute Laune?

Ich freue mich darüber, hier mit Dir zu sitzen und in einem Forum über unsere Sexualität zu sprechen, dessen Ressort den Namen „Happy Vagina“ trägt. Ich freue mich riesig darüber! Weil es mir zeigt, dass der kulturelle Wandel, den ich für so dringend und wichtig halte, längst im Gange ist.

Was meinst Du damit?

Naja, es ist noch gar nicht so lange her, und ich habe es erlebt, da war „Sex“ ein Thema, über das niemand ernsthaft sprach. Weder in der Öffentlichkeit, noch zwischen Freunden oder Freundinnen, noch nicht einmal zwischen Liebes- und Sexualpartner*innen wurde offen darüber gesprochen. Dass eine Vulva oder Vagina überhaupt glücklich oder unglücklich sein könnte, darüber hat sich damals niemand (fast niemand!) Gedanken gemacht. Und jetzt sitzen wir zwei hier bei „Happy Vagina“ und sprechen darüber, was es bräuchte, damit mehr Vulven und Vaginen sexuell wirklich satt und happy sind. Von den Penissen ganz zu schweigen. Ich finde das großartig!

Womit wir direkt beim Titel deines Buches wären. Also, was heißt „untervögelt“ für Dich Volker?

Ich persönlich finde ja den Titel meines Buches gar nicht so provokant formuliert. Zumal die wissenschaftliche nüchterne Antwort auf die Titel-Frage lautet: „Es sieht verdammt nochmal ganz danach aus!“. Leider haben sich allerdings in meinen Augen nur die wenigsten von uns über ihr Sexualleben jemals wirklich Gedanken gemacht.

Das Adjektiv “„untervögelt“ bezeichnet in meinen Augen einen Zustand subjektiven Mangelgefühls, verbunden mit dem Wunsch danach, diesen zu beheben. Von der Warte aus betrachtet ist das Wort nicht provokanter oder bissiger als Begriffe wie „hungrig“,  „durstig“ oder „müde“. Sie alle bringen zum Ausdruck, dass unserem System bedeutsame Ressourcen fehlen, die wir brauchen, um zu blühen, zu gedeihen und unser physisches wie psychisches Potenzial zur Entfaltung zu bringen.

Du meinst also, wir alle bräuchten einfach mehr Sex, und dann würde es uns besser gehen?

Nein! Da bin ich kleinkariert. Das, was uns in meinen Augen fehlt, ist nicht irgendwelcher Sex, sondern richtig guter Sex. Es geht um das, was die kanadische Sexualforscherin Peggy Kleinplatz so herrlich treffend in dem Begriff „sex worth wanting“ fasst. Den allerdings haben, so wie ich es derzeit sehe, nur die wenigsten bei uns im Lande jemals wirklich erleben dürfen. 

Was für ein vernichtendes Urteil über den Sex in unserem Land.

VS: Wir leben in einer Kultur, in der meiner Auffassung nach die meisten der heute erwachsenen Menschen ein schwer gespaltenes Verhältnis zu ihrer eigenen Sexualität mit sich herumtragen. Sie spüren, da ist etwas, das ihnen guttut, wonach sie sich sehnen. Doch sie haben gelernt, dass Wollust und sexuelles Begehren niedere Triebe sind, über die sie sich zu erheben hätten. Die männliche Sexualität wurde über Jahrzehnte als triebgesteuert und minderwertig betrachtet, die weibliche Sexualität als unschuldig, zart, heilig, kurz gesagt: verkümmert. 

Oder genau andersrum! Stichwort: „Heilige oder Hure“!

VS: Das sind polarisierende Spottworte, die bilderbuchhaft widerspiegeln, wie infantil und unreflektiert unser Umgang mit unserer Sexualität ist. Weder das Bild der Heiligen noch das der Hure ist ja wirklich attraktiv oder gar begehrenswert. Allerdings maskieren diese Begriffe zwei Kräfte, die nicht nur in jeder und jedem von uns vorhanden sind, sondern die darüber hinaus geradezu wundervoll unsere Sexualität bereichern. Schlimmer noch: Ich behaupte, wenn diese Kräfte fehlen oder unterdrückt werden, dann werden wir unsere Sexualität niemals wirklich als erfüllt und erfüllend erfahren. Ich nenne diese innerpsychischen Aspekte in uns „den Engel“ und „das Tier“.

Hm… Ich kann zwar nicht für alle Frauen sprechen, aber mir fällt es tatsächlich bedeutend leichter, mich mit „dem Engel in mir“ und mit „dem wilden Tier in mir“ zu identifizieren. 

Das gilt ja nicht nur für euch Frauen, sondern für die allermeisten: Niemand hat uns beigebracht, unsere eigene Sexualität zu ehren, sie zu feiern und ihr in unserem Leben substanziell Raum zu geben. Niemand hat uns beigebracht, welche Freude und Fülle entstehen können, wenn sich zwei Menschen in diesem Feld offen, frei und hingebungsvoll zu begegnen wissen. Im Gegenteil! Wir haben gelernt, unser Innerstes, unsere Gedanken, Gefühle und Impulse, voreinander zu verbergen, uns über unsere wahren Gefühle und Absichten zu täuschen, um in der Lage zu sein, einander zu manipulieren und kontrollieren. Das aber verhindert nicht nur zwingend, uns jemals in der Liebe auf Augenhöhe zu begegnen, sondern es hält uns auch davon ab, jemals zu erfahren, wie beglückend, nährend und erfüllend unsere Sexualität sein könnte.

Ich stimme Dir zu, dass wir wenig Selbstbewusstsein im Kontext Sexualität mit auf den Weg bekommen haben und uns auch heute noch in „alten“ Rollenbildern verzetteln. Wie aber schaffen wir es, dass Jungen und Mädchen, Männer und Frauen, einen neugierigen und selbstbestimmten Umgang mit ihrer Sexualität leben können? Nach wie vor wird heutzutage ein weiblicher Umgang mit Lust negativ rezensiert und nicht positiv in der Gesellschaft betrachtet. 

Das gilt für beide Geschlechter! Vergessen wir nicht, wie leichtfertig wir nicht nur sexuell selbstbewusste Frauen als „Schlampen“ abfertigen, sondern auch ebensolche Männer als „schwanzgesteuert“. Vergib mir, wenn ich mich wiederhole, aber dies ist mir wichtig. Ich glaube, wir werden wirkliche sexuelle Erfüllung erst dann erleben, wenn alle Menschen aller Geschlechter sich in ihrer Sexualität frei, gewollt und verehrt fühlen!

Einverstanden. Uneingeschränkt. Wie aber nun schaffen wir in unserer Kultur den Raum und die Bedingungen dafür, dass beide oder alle Geschlechter sich selbstbestimmt in ihrer Sexualität erkunden und erfahren können? Wo können wir ansetzen?

Woanders als bei uns selbst und genau da, wo wir sind? Und zwar jeder und jede einzelne von uns. Ich glaube, diese sexuelle Revolution findet weniger auf der Straße oder in den Medien statt als morgens im heimischen Badezimmer beim Blick in den Spiegel. Der erste Schritt hin zu wirklicher sexueller Erfüllung besteht darin, uns selbst wirklich anzuschauen und anzunehmen mit allem, was wir sind. Damit meine ich: mit all unseren Prägungen und Sehnsüchten, unserer Unbeholfenheit, unserer irrationalen Scham und unseren offenen (vielleicht sogar nie gestellten) Fragen. Eine meiner Grundregeln lautet: „Was da ist, ist da. (Und hört auch nicht auf damit, da zu sein, wenn wir es doof finden!)“. Was auch immer wir tun, wir bringen all das mit ein, was wir sind und was wir über uns selbst glauben. Wir vergessen leicht, wie tief die Prägungen und Erfahrungen in uns sitzen. Wer glaubt, all dies ablegen zu müssen, bevor sexuelle Erfüllung möglich ist, wird diesen Zustand höchstwahrscheinlich niemals erfahren. Vielen von uns erscheint es als absurd oder irgendwie unzulässig, einen Weg einzuschlagen, dessen Ziel nichts anderes ist als unser eigenes Glück. Ich sage jetzt nicht nur: „Es ist zulässig“, sondern darüber hinaus noch: „Es ist gesund.“.

Das klingt mir jetzt doch ein bisschen arg einfach …

Im Grunde ist es doch genauso einfach. Ich fasse es mal ganz Yang-typisch linkshirnig in fünf Schritte: 

Schritt 1: Wir beginnen damit, uns selbst (endlich!) anzunehmen und zu lieben, mit allem, was wir sind. 

Schritt 2: Wir erkennen an, dass dies unser einziges Leben ist und niemand außer uns darüber entscheiden kann, wie wir dieses (eine!) Leben nutzen. 

Schritt 3: Wir beginnen zu ahnen oder gar zu begreifen, dass das, was uns über Sex beigebracht wurde, und das, was wir bislang erfahren haben, potenziell wenig bis gar nichts damit zu tun hat, was uns in Sachen Sex zu erleben, zu erfahren und zu fühlen möglich ist. 

Schritt 4: Wir entscheiden uns dazu, dem Feature „erfüllte und erfüllende Sexualität“ einen substanziellen Platz auf der Prioritätenliste unseres (einen!) Lebens zu geben. 

Schritt 5: Wir lassen den Entscheidungen konsequente Taten folgen. In meinen Augen ist „sex worth wanting“ keine Frage von Körpermaßen oder akrobatischem Talent, sondern von Bewusstheit, Selbstverantwortung und Konsequenz. 

Das ist aber nicht so einfach wie es sich anhört.

(Lacht) Das war jetzt zu linkshirnig, oder?!

(Lacht) Ein bisschen …

Wie siehst Du das als Sexberaterin – und als Frau?

Ich bin, was deine 5 Schritte anbelangt, bei Dir. Aber wie lange habe ich gebraucht, um allein Schritt 1 zu gehen? Ich bin sicher noch nicht am Ende angekommen und ich halte mich für eine durchaus reflektierte und kluge Frau. Trotzdem hadere ich manchmal immer noch mit meinen Äußerlichkeiten und stehe dann meinem eigenen Loslassen, Fallenlassen und meiner Freude im Weg. Es ist ein lebenslanger Lern- und Bewusstwerdungsprozess, der auch sehr abhängig ist davon, welchen Menschen ich begegne und mit wem ich welche Art von Erfahrungen mache. 

Ich benenne ja nicht ohne Grund „ein gesundes Körperbewusstsein“ und „ein gesundes Selbstbewusstsein“ als Basiszutaten für das, was ich „richtig guten Sex“ nenne. Ich weiß: Das ist ebenso wahr wie leicht daher gesagt. Schließlich sind doch die meisten von uns in einer Kultur geprägt und sozialisiert worden, die sie vermittelte, sie selbst seien in irgendeiner Weise minderwertig und ihre Gefühle und Bedürfnisse wären daher bedeutungslos. Sind derart toxische Gedanken erst einmal Teil des eigenen Selbstkonzepts, dann drängt es sich ja geradezu auf, unser Umfeld beständig zu täuschen und zu manipulieren. Wir haben Angst davor, uns einander wirklich authentisch zu offenbaren. Das würde schließlich bedeuten, dass die anderen Menschen sehen würden, wie unvollkommen und vor allem, wie verletzlich wir sind. Je wichtiger uns dabei ein anderer Mensch wird, desto größer wird unsere Angst, von ihm/ihr verletzt oder verlassen zu werden. So kommt es, dass viele von uns umso mehr lügen, täuschen und verschweigen, je bedeutender uns ein Mensch ist. Ist das nicht zynisch?

Ich weiß, Du übst schwere Kritik am Umgang unserer Kultur mit unserer Sexualität.

VS: Ja, verdammt! Dir als Frau wurde beigebracht, dass weibliche Attraktivität vor allem eine Frage der Optik ist: Wer nicht die richtigen Körpermaße hat oder die richtigen Rundungen an den richtigen Stellen, ist, so das Mantra, als Frau halt eine mangelhafte Partie. Mir als Mann wurden andere Märchen erzählt, interessanterweise aber mit dem gleichen Ergebnis. Was Körbchengröße oder BMI für euch Frauen, das waren und sind für uns Männer bis heute die wirtschaftliche und soziale Stellung sowie der Stand des eigenen Kontos. Wer hier nicht die richtigen Karten auszuspielen in der Lage ist, ist als Mann ein jämmerliches Modell. 

Wo liegt Deiner Meinung nach der Ausweg? Wie erschafft man eine positive und bejahende Sexualkultur? 

VS: Naja … Vielleicht, so denke ich manchmal, liegt der Ausweg genau da, wo wir bislang nur das Problem sehen. Da wir Menschen soziale Wesen sind, lernen wir die meisten Dinge in unserem Leben durch Vorbild und Nachahmung. Was wäre, frage ich mich, wenn wir den Menschen in unserem Land neue Vorbilder anbieten würden? Vorbilder, die uns verdeutlichen, wie viel Freiheit und Lebensfreude entstehen können, wenn wir uns einander wirklich wahrhaftig und authentisch zeigen. Vorbilder, die uns Mut machen, uns mit unserer Wahrheit, unseren Gefühlen und Wünschen zuzumuten. Vorbilder, die uns einladen dazu, aus dem Spiel der Täuschung und Manipulation auszusteigen und stattdessen selbst zu definieren, nach welchen Regeln wir das Spiel dieses einen Lebens, das uns geschenkt wurde, spielen wollen. 

Wen meinst Du damit? Uns Beraterinnen, Therapeutinnen und Coaches?

Ich meine damit uns alle. Jede und jeden von uns. Wir selbst können unseren Liebespartner*innen und sexuellen Freund*innen ein Beispiel dafür geben, was es heißt, uns selbst und unsere/n Liebste/n dazu einzuladen, mit allem da zu sein, was ist. Mit allen Gefühlen, allen Gedanken, allen irrationalen Mustern, aber auch mit allen Wünschen, Sehnsüchten oder Ideen. Wenn du mich nach dem einen Hebel fragst, der den Prozess unserer sexuellen Befreiung in Gang setzt, dann ist es der Hebel einer entschlossenen Entscheidung.

Einer Entscheidung wozu genau?

Einer Entscheidung dazu, uns selbst und unsere sexuelle Erfüllung exakt und auf den Punkt genauso wichtig zu nehmen wie die unseres Liebesgefährten oder unserer Liebesgefährtin. Es mag nicht unsere Aufgabe sein, ihm oder ihr alle Wünsche oder Sehnsüchte zu erfüllen, aber er oder sie hat doch das ebenso bedingungslose Geburtsrecht darauf, in selbstbestimmter sexueller Fülle zu leben wie wir selbst. Darüber hinaus ist wissenschaftlich belegt, dass wir Menschen gegenüber, deren Gegenwart wir als … ich sage mal: „unserer sexuellen Erfüllung zuträglich“ erfahren, weitaus wohlwollender gegenüber gestimmt sind als solchen, die wir als Hindernisse auf dem Weg dahin empfinden.

Eine Entscheidung dazu, immer wieder „wirklich guten Sex“ miteinander zu haben?

Eine Entscheidung dazu, das Thema „sexuelle Fülle“ im eigenen Leben wichtig zu nehmen. Für uns selbst mit uns allein, Stichwort „Masturbation“, und natürlich umso mehr, wenn vorhanden, als Thema mit unseren Liebes- und/oder Sexualpartner*innen.

Das hat uns nun wirklich niemand beigebracht …

Naja, ist halt so. Genau darum ist es halt nun an uns, es unseren Freund*innen und Geliebt*innen, und als Eltern auch, es unseren Kindern beizubringen …

Sorry, wenn ich kurz unterbreche, aber die Schulen sollten hier auch mit in die Verantwortung genommen werden. Dieses Zusammenspiel von Eltern und Schulen könnte (Betonung liegt auf könnte) eine Sexualität, die den eigenen Wünschen und Vorlieben entspricht wirklich fördern. 

 Ja, wie schön wäre es, wenn Kinder in der Schule bereits lernten, mit ihrer Sexualität selbstbewusst und natürlich umzugehen und offen miteinander darüber zu kommunizieren. Ich sehe das genauso wie du!

Prima, aber nun Volker hätte ich von Dir gerne noch ein knackiges Statement zum Schluss!

(Überlegt) Unsere Sexualität ist eine Urkraft in jeder und jedem von uns. Wir alle spüren sie auf die eine oder andere Weise. Sie ist existenziell verbunden mit unserem Selbstbild und unserem Selbstwertempfinden. Es ist an der Zeit, dass wir dieser Bedeutung Rechnung tragen und uns bewusst mit uns selbst und unserer Sexualität auseinandersetzen. Dass wir uns erlauben, echte sexuelle Fülle für machbar und für möglich zu halten. Und dass wir uns entscheiden dafür, dieser sexuellen Fülle substanziell Platz und Priorität in unserem Leben zu geben. Wie heißt es in dem schönen Sprichwort: „Glückliche Mösen, glückliches Land!“

(Lacht) Das ist kein Sprichwort!

(Lacht) Aber vielleicht könnte es eines werde!

Vielen Dank Volker für das Interview. Ich kann jetzt nur noch einmal das Buch empfehlen: Es ist ernst, es ist lustig, es ist wissenschaftlich, es ist unterhaltsam. Also bitte lesen!