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Neue Dating-App – Zum Reinhören

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Foto – Swipe – Foto – Swipe. Online-Dating kann ganz schön langweilig sein. Nun bringt die Schweizer Dating-App noii Schwung in den Markt. Mit Dating zum Hören. Vom Match lernt man als Erstes die Stimme kennen. Kann das funktionieren?

Liebe Laura, wie entstand die Idee zu zur Dating-App noii? 

Ausschlaggebend war eine Plattform in der Corona-Zeit, auf der ich hilfsbedürftige Menschen mit Helfern verbunden habe – z. B. zum Einkaufen. Darüber kamen immer mehr Anfragen von Menschen, die sich gerne sozial vernetzen wollten – per Telefon. Plötzlich wurde daraus eine kleine Telefon-Verkupplungsaktion. Das wollte ich gerne weiter ausgebaut und bin in die Dating-Welt eingetaucht. 

Welche Erfahrung hast Du dort gemacht? 

Ich selbst habe nie eine Dating-Plattform genutzt. Das Konzept stundenlang Bilder nach rechts und links zu swipen, um dann im Chat immer den gleichen Smalltalk zu führen, hat mich überhaupt nicht angesprochen. Da tauchte bei mir die Idee auf: Geht das nicht auch anders? 

Dating App noii, Online-Dating

Laura Matter, Jahrgang 2000, absolvierte ihre Journalistenausbildung beim Ringier Axel Springer Verlag in Zürich. Danach war Sie bis 2020 als Social Media & Marketing Managerin  bei theINDUSTRY tätig. 2020 folgte dann der Schritt in die Selbständigkeit als Social Media Freelancerin und noii wurde gegründet.

Foto: Gründerin Laura Matter / PR

Du meinst den Nachteil, nur nach dem Äußeren beurteilt zu werden und zu beurteilen?

Ja, dies ist ein erster wichtiger Painpoint. Dazu kommt, dass es immer noch viel zu einfach ist, ein Fake-Profil anzulegen und die Plattformen mit diesen überfüllt sind. Außerdem ist das Angebot an Profilen überwältigend. Gerade Frauen erhalten teilweise hunderte Matches pro Woche. Wer bitte soll die alle anschauen, geschweige denn kennenlernen? Dadurch verbringen wir viel zu viel Zeit auf der Plattform, anstatt dass wir uns wirklich kennenzulernen. 

Bei der Dating-App hat Sicherheit Priorität

Was macht ihr konkret gegen Fake-Profile?

Ich habe mich bei den Dating-Apps auch mit einem Fake-Profil angemeldet. Dass dies so einfach möglich war, hat mich erschreckt und so wurde ein „sicheres Umfeld“ für mich zu einem wichtigen Kriterium. Jede*r User*in von noii muss  sich mit ID, Ausweis oder Pass und Gesichtserkennung zu verifizieren.

Das heißt ohne gültigen Pass kein Zugang?

Nicht ganz, bei dem Pass wird überprüft, ob die Angaben auf dem Pass – wie Name und Alter – auch mit dem Profil übereinstimmen. Der Pass wird aber nicht auf seine Gültigkeit überprüft, oder welche Staatsangehörigkeit der Pass benennt. Die Daten werden außerdem nur so lange bei noii gespeichert, bis das aktive User Profil erlischt. Es gibt auch die Möglichkeit beispielsweise den Führerschein einzureichen, wenn man dies explizit anfragt.

Stimme geht über Aussehen

Nicht Äußerlichkeiten spielen die Hauptrolle, sondern die Stimme. Wie geht das genau vor sich? 

Zwei Personen hören erst ihre Stimme und haben ein Gespräch, bevor sie sich überhaupt sehen. Somit stellen wir Äußerlichkeiten nicht an erster Stelle und User lernen sich bei einem richtigen, zeitlich begrenzten (zwischen 5-10 Minuten) Gespräch kennen. Bei einem kurzen Gespräch merkt man sofort, ob man sich auf einer ersten Wellenlänge versteht.

Dating-App noii, Online-Dating
Dating App noii / PR

Sagt die Stimme mehr aus als das Äußere?

Die Stimme sagt nicht mehr aus als das Äußere, aber sie spielt eine extrem große Rolle, was uns oft nicht bewusst ist. Studien zeigen, dass Menschen bis zu 38 % durch ihre Stimme wirken. Unsere Stimme verrät viel über unseren Charakter und kann Auskunft über die Persönlichkeit des Gegenübers vermitteln. Dabei geht es weniger um das Gesagte, sondern viel mehr um Ausdruck und die Sprechweise. Der Stimmforscher Hartwig Eckert nennt sie sogar unsere „intime Visitenkarte“.

Aber auf noii wird jemand nicht nur aufgrund seiner Stimme gematched. Unser Matching-Prozess berücksichtigt verschiedene Faktoren, ein wichtiger davon ist die Stimme, dazu kommen aber beispielsweise Fragestellungen über die Werte, Persönlichkeit und Ziele der Person.

Lustige Dating-Fragen statt Swipen

Und wenn man jemanden nur nach der Stimme auswählen möchte?

Es gibt einen Part auf noii, wo der oder die User*in Aufnahmen anhören kann, die potenzielle Matches aufgenommen haben. Er oder sie wählt, welche Stimme ihm oder ihr sympathisch ist. Diese Auswahl wird jedoch über einen Algorithmus definiert.

Ihr stellt auf Eurer Dating-App auch lustige Fragen zum Kennenlernen: „Welchen Titel hätte deine Biografie?“ oder „Was darf in deinem Kühlschrank nicht fehlen?“ Beantwortet man die mittels Sprachnachricht?

Diese Fragen können nicht über eine Sprachnachricht beantwortet werden, denn es gibt zwei verschiedene Parts. In einem Part beantwortet man die aufgelisteten Fragen mit Freitext, Multiple Choice etc. In einem nächsten Part beantwortet man eine Frage oder spricht einfach frei für 30 Sekunden. 

Das erste persönliche Gespräch

Und wenn sich jemand spannend anhört? 

Dann besteht die Möglichkeit für ein erstes kurzes Telefongespräch. Das Gespräch läuft direkt über die Dating-App. Hast du ein erstes, tolles Gespräch geführt und bist neugierig, wer sich hinter der Stimme verbirgt, dann können jetzt die Fotos freigegeben werden. Bei Gefallen organisieren wir ein erstes Treffen oder der/die User*in kann es selber direkt über die Plattform vereinbaren.

Boah das klingt super, wann kommt noii aus der Schweiz nach Deutschland?

In wenigen Monaten sollte es so weit sein. Wenn wir die heutige Version noch um einiges optimieren sind wir ready. Ihr hoffentlich auch.

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6 Dinge, die Dir Lust machen: Sexberaterin Heike Niemeier

Sex, Lust, Fun, Fragen, Freude

Was macht Frauen eigentlich so richtig Lust? Ihre Top Sex, sorry 6 Lustmacher verrät diesmal Sexberaterin und Happy Vagina-Autorin Heike Niemeier.

Da fragt mich Tina Molin doch neulich, nach sechs Dingen, die mir Lust machen? Doch ich will mich bei den Antworten nicht auf sexuellen Präferenzen beschränken, daher hier meine Lustmacher:

1) Mir bereiten Literatur, 2) Tanzperformances, 3) sich selbst verwöhnen, 4) ein gutes Körpergefühl, 5) Visionen und Neues auszuprobieren viel Lust. 

6) Insbesondere aber Grenzen, Denkgrenzen zu überschreiten, das macht wirklich Lust und ist zudem auch lustig. Und damit meine ich definitiv nicht das nächste „coole“ Sextoy oder den nächsten Porno auszuprobieren, beziehungsweise anzuschauen. Ich erzähle euch mal ein Beispiel mit enormer verändernder Tragweite.

Die uninteressanteste Person im Raum

In jungen Jahren habe ich intensiv Bücher zum Thema Coaching gelesen und in einem dieser Bücher stand folgendes: Besuchen Sie einmal eine Veranstaltung zu einem Thema von dem Sie keinerlei Ahnung haben. Dann setzen Sie sich neben die Person, die für Sie am uninteressantesten erscheint. 

Sexberaterin Heike Niemeier berichtet über Laune(n), Lust und Leidenschaft

by Stefan Zeitz

Irre Idee dachte ich und was soll das? Aber irgendwie ließ mich die Idee nicht los. Zack stöberte ich im „Urania“-Programm und fand einen Vortrag, wo ich schon den Titel nicht verstand, irgendetwas mit Physik. Der Vortrag fand dazu an einem Sonntag um 10 Uhr statt. Also kein Ausschlafen, kein langes Frühstück – wollte ich das wirklich? Ja, ich wollte. 

Er roch gut

Spannung stieg in mir auf, als ich den schon gut gefüllten Vortragssaal betrat. Mein Blick schweifte von einem „Physik Nerd“ zum nächsten. Nicht eine einzige Frau im Saal – ach doch: ich. Ich stand nun also vor dieser Entscheidung, mich neben den für mich uninteressantesten Menschen zu setzen. Ich machte es von der Kleidung abhängig und setzte mich neben einen Mann, der meiner Meinung nach den unmodernsten Pullover anhatte, den ich je gesehen hatte. Gedacht und hingesetzt. Er begrüßte mich ebenso freundlich wie ich ihn.

Meine erste Wahrnehmung: Er roch gut. Der Vortrag begann. Ich gab mir wirklich Mühe, aber ich verstand kein Wort, wirklich kein Wort. Während ich den Vortragenden beobachtete, der mit unglaublicher Euphorie und Enthusiasmus sein Thema darlegte, schaute ich zu meinem Sitznachbarn rüber. Er schaute zurück und wir lächelten uns an. Ich traute mich und sagte ihm, dass ich kein Wort verstehen würde. Er entgegnete, dass er auch nur die Hälfte begreifen würde. Lächelnde Übereinkunft und Verständnis machten sich zwischen uns breit, und ich fühlte mich nicht mehr allein mit meinem Nichtwissen. Nach 90 Minuten und einer Runde Applaus war es endlich geschafft. Mein Körper signalisierte eindeutig Flucht, ab nach Hause, weg hier, wieso hast du dir das angetan.

Danke für diese Erfahrung

Ich stand also auf und hörte von links „vielleicht noch Lust auf einen Kaffee?“ Mein Pulloversitznachbar fragte mich das! Ich sagte spontan ja. Und was ich jetzt erleben durfte, ließ meine sämtlichen Vorurteile gegenüber Äußerlichkeiten komplett zerplatzen. Nach mehreren Kaffees und Proseccos und einem wunderbaren Gespräch mit viel Lachen und Inspiration verabschiedeten wir uns voneinander. Jens (falscher Name, Anmerkung der Verfasserin) entpuppte sich als total kluger, eloquenter, humorvoller, charmanter Mann, der letztendlich von Physik genauso wenig Ahnung hatte wie ich, denn er war Zahnarzt.

Ich sage heute noch einmal Danke an das Coaching-Buch. Danke für die Erfahrung, die ich machen durfte. Und dass mich diese Erfahrung gelehrt hat, Menschen nicht nach Äußerlichkeiten und einer schnell von mir gefassten Meinung in Schubladen zu packen. Dies tun wir ja nur allzu oft und allzu gern. Und ich möchte mich da nicht ausschließen. Aber dieser „Coaching-Tipp“ hat mir damals die Augen geöffnet und mir dadurch die Begegnungen und Freundschaften mit Menschen ermöglicht, die ich sonst am Rande hätte stehen lassen. Und diese Begegnungen, die ich dadurch nicht an mir hab vorbeiziehen lassen, haben mir viel Lust in mein Leben gebracht – auch Lust im sexuellen Bereich. 

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Ich will Sex! Wie belebe ich unser Liebesleben?

#Stayhome und #Lockdown während der Corona-Krise haben viele Paare dazu gezwungen, mehr Zeit miteinander zu verbringen. 24/7 zusammen war eine Herausforderung, aber auch eine Chance für die Liebe. Sexberaterin Heike Niemeier bekommt nun vermehrt Anrufe von Paaren, die ihr Sexleben wiederbeleben wollen. 

Ich glaube, es gibt nach Corona mehr Sex und mehr Scheidungen. Viele Paare sind jetzt aus ihrem alten Leben rauskatapultiert. Es ist wie im Urlaub: Man hat ganz viel Zeit für einander, doch statt Nähe und Freude kommt Frust auf. Die gemeinsamen Routinen sind aufgehoben, Nähe und Distanz außer Kraft gesetzt. Man sieht sich nicht nur morgens und abends, sondern 24/7. 

Es braucht ganz viel Mut und Muße diese Corona-Zeit als Paar gut und lebendig zu meistern. Es ist aber auch eine Riesenchance, denn man kann sich nicht ausweichen. Liebschaften außerhalb gehen nicht, alle Ablenkung fällt weg. Nur noch du und ich. Wenn man lange keinen (guten) Sex hatte, ist das eine einmalige Chance. Jetzt gilt es den Mut aufbringen und zu sagen: Ich hätte gerne mal wieder Sex mit Dir. 

Schwung ins Bett bringen

Wenn das zu Streit, Missbilligung und Augenrollen führt, dann liegt etwas im Argen. Im Moment melden sich deswegen vermehrt Menschen in meiner Praxis, die meine Unterstützung suchen, um wieder Schwung ins Bett zu bringen. 

Zuerst gilt es für mich als Sexberaterin zu klären: Kennen die beiden ihren Körper und wissen sie, wie man sich Lust verschaffen kann? Dann ist schon viel gewonnen, denn man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele Menschen weder sich noch ihre Lust kennen. Als Nächstes ist es wichtig Wünsche zu äußern, auch auf die Gefahr hin, dass der oder die andere erstmal überrascht ist. Wenn man es verbal nicht schafft, dann rate ich: „Schreibt euch Briefe!“. Oder legt ein gemeinsames Liebesbuch in der Wohnung aus, wo jede*r ehrlich und offen reinschreibt, was man besprechen möchte oder was man sich wünscht. Ohne dass das Geschriebene bewertet und abgewertet, sondern es als Anstoß für ein Gespräch genommen wird.

Regeln für ein Zwiegespräch

Zuhören ist aus meiner Erfahrung das Wichtigste. Die Regeln für so ein Zwiegespräch sind einfach: 1) Keine*r fällt dem oder der anderen ins Wort. 2) Jede*r hat die gleiche Redezeit. 3) Alle Handys auf Flugmodus. 4) Nicht beleidigend oder belächeln werden, sondern das Gehörte einfach mal zur Kenntnis nehmen. Wichtig ist, dass sich der Redende gehört und gesehen fühlt. Und 5) bitte keine Du-Botschaften senden, die dann dazu führen, dass sich der oder die andere rechtfertigen muss. 

Im Gespräch dann sagen, was einen verletzt hat oder was man sich wünscht. Man muss dann sehr achtsam mit sich und der anderen Person sein. Nicht vorpreschen, sondern lieber innehalten. Dem Gegenüber wirklich zuhören. Ich persönlich vereinbare immer, wenn ich presche, dann soll man mir die „rote Karte“ zeigen. Das ist mein Signal, dann halte ich erstmal inne. Solche Signale muss man vorab in Ruhe besprechen. Da können wir viel aus SM-Beziehungen lernen, denn dort werden Verhaltensregeln genau und im Voraus definiert. 

Verhandeln Sie!

Wenn beim Gespräch herauskommt,. der Mann wünscht sich mehr Sex, kann man erstmal über die Form reden. Reicht auch eine Berührung, ein Streicheln? Oder reicht es schon, wenn sie ihm beim Onanieren zuschaut und er das geil findet. Es gibt so viele Facetten, die man leben kann, bevor die Penetration stattfindet. Ich erkläre meinen Klient*innen auch immer wieder: Für mich fängt Sexualität schon beim Erzählen von Wünschen und Fantasien an. Auch Zuwendungen, also einfach mal nur zu geben und den anderen in den Schlaf zu streicheln, zähle ich schon in die Sexualität. 

Es gibt so viele Möglichkeiten sich wieder näherzukommen. Man kann beschließen, jede Woche darf eine*r einen Wunsch äußern, dann kann man nachfühlen, ob man sich das Gewünschte vorstellen kann. Die Woche darauf ist der oder die andere dann dran. 

Schluss mit Orgasmuswahn

Oder man liest sich bei einem Glas Rotwein tolle Bücher vor. „Vogelweide“ von Uwe Timm, James Baldwins „Giovannis Zimmer“ oder „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ (Liebesbriefe berühmter Frauen und Männern herausgegeben von Petra Müller und Rainer Wieland). Große Literatur bringt uns in das miteinander Sprechen, aber bitte nicht „Fifty Shades of Grey“. 

Vergessen sie einfach mal für ein paar Tage Orgasmuswahn und Penetrationswahn. Einfach mal befummeln, lecken, knutschen und dann ganz satt nebeneinander liegen. Nur stoppen, um Sekt und Sandwiche zu genießen. Und dann geht’s wieder weiter. Sex soll nichts haben von: Jetzt müssen wir fertig werden! Probieren sie auch ruhig mal Sex-Toys, weil die so dolle brummen – und es einen total abturnt (oder auch nicht). Vielleicht bringt es sie auch zum miteinander Lachen, denn Humor ist auch beim Sex großartig.

Spielregeln klar besprechen

Bei speziellen Wünschen im Zwiegespräch gilt: Aussprechen, verhandeln, zuhören. Erst später geht man ins Gefühl. Er will in den Swingerclub? Zuhören! Und erst später in sich reinfühlen: Wie fühle ich mich dabei? Was sind meine Ängste? Oder was kommt da noch hoch in mir? Dann aussprechen und verhandeln.

Im nächsten Schritt ist es wichtig, die Spielregeln klar zurren: Will er im Swingerclub mit anderen Frauen Sex haben? Darf sie dann mit anderen Männern Sex haben? Darf sie die Frauen für ihn und er die Männer für sie aussuchen? Oder geht man nur hin, um sich Appetit für Zuhause zu holen?

Reden Sie mehr miteinander

Oder ein anderes Beispiel: Ein Dreier ist gewünscht. Wie sieht der konkret aus: 2 Männer mit 1 Frau? Oder 2 Frauen und 1 Mann? Wer sucht den Dritten aus? Ist Penetrationssex erlaubt? Darf sie das Sperma des anderen Mannes schlucken? Sollen die zwei Frauen Spaß haben und er guckt zu usw.? Sowas muss vorab besprochen werden, sonst wird es ein Trauerspiel. 

Aber egal das allerwichtigste ist: Sprecht mehr miteinander. Und das bitte nicht nur in der Corona-Krise. 

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Wie gelingt „Sex worth wanting”, also Sex, von dem man nicht genug bekommen kann?

Heike Niemeier trifft Volker Schmidt. Kennengelernt haben sich die beiden beim „Barcamp Sex” in Leipzig. Danach hat Heike sein  Buch „Untervögelt – Macht zu wenig (guter!) Sex uns hässlich, krank und dumm?“ gelesen. Ein provokanter Titel – eine gute Frage? Im Interview unterhalten sich die Sexberaterin und der Sexperte über Klischees wie Heilige oder Hure und den angeblich so triebgesteuerten Mann, über Mangelgefühle beim Sex und wie man zu Sex worth wanting kommt. 

Volker, du lachst mich so fröhlich an. Was macht Dir so gute Laune?

Ich freue mich darüber, hier mit Dir zu sitzen und in einem Forum über unsere Sexualität zu sprechen, dessen Ressort den Namen „Happy Vagina“ trägt. Ich freue mich riesig darüber! Weil es mir zeigt, dass der kulturelle Wandel, den ich für so dringend und wichtig halte, längst im Gange ist.

Was meinst Du damit?

Naja, es ist noch gar nicht so lange her, und ich habe es erlebt, da war „Sex“ ein Thema, über das niemand ernsthaft sprach. Weder in der Öffentlichkeit, noch zwischen Freunden oder Freundinnen, noch nicht einmal zwischen Liebes- und Sexualpartner*innen wurde offen darüber gesprochen. Dass eine Vulva oder Vagina überhaupt glücklich oder unglücklich sein könnte, darüber hat sich damals niemand (fast niemand!) Gedanken gemacht. Und jetzt sitzen wir zwei hier bei „Happy Vagina“ und sprechen darüber, was es bräuchte, damit mehr Vulven und Vaginen sexuell wirklich satt und happy sind. Von den Penissen ganz zu schweigen. Ich finde das großartig!

Womit wir direkt beim Titel deines Buches wären. Also, was heißt „untervögelt“ für Dich Volker?

Ich persönlich finde ja den Titel meines Buches gar nicht so provokant formuliert. Zumal die wissenschaftliche nüchterne Antwort auf die Titel-Frage lautet: „Es sieht verdammt nochmal ganz danach aus!“. Leider haben sich allerdings in meinen Augen nur die wenigsten von uns über ihr Sexualleben jemals wirklich Gedanken gemacht.

Das Adjektiv “„untervögelt“ bezeichnet in meinen Augen einen Zustand subjektiven Mangelgefühls, verbunden mit dem Wunsch danach, diesen zu beheben. Von der Warte aus betrachtet ist das Wort nicht provokanter oder bissiger als Begriffe wie „hungrig“,  „durstig“ oder „müde“. Sie alle bringen zum Ausdruck, dass unserem System bedeutsame Ressourcen fehlen, die wir brauchen, um zu blühen, zu gedeihen und unser physisches wie psychisches Potenzial zur Entfaltung zu bringen.

Du meinst also, wir alle bräuchten einfach mehr Sex, und dann würde es uns besser gehen?

Nein! Da bin ich kleinkariert. Das, was uns in meinen Augen fehlt, ist nicht irgendwelcher Sex, sondern richtig guter Sex. Es geht um das, was die kanadische Sexualforscherin Peggy Kleinplatz so herrlich treffend in dem Begriff „sex worth wanting“ fasst. Den allerdings haben, so wie ich es derzeit sehe, nur die wenigsten bei uns im Lande jemals wirklich erleben dürfen. 

Was für ein vernichtendes Urteil über den Sex in unserem Land.

VS: Wir leben in einer Kultur, in der meiner Auffassung nach die meisten der heute erwachsenen Menschen ein schwer gespaltenes Verhältnis zu ihrer eigenen Sexualität mit sich herumtragen. Sie spüren, da ist etwas, das ihnen guttut, wonach sie sich sehnen. Doch sie haben gelernt, dass Wollust und sexuelles Begehren niedere Triebe sind, über die sie sich zu erheben hätten. Die männliche Sexualität wurde über Jahrzehnte als triebgesteuert und minderwertig betrachtet, die weibliche Sexualität als unschuldig, zart, heilig, kurz gesagt: verkümmert. 

Oder genau andersrum! Stichwort: „Heilige oder Hure“!

VS: Das sind polarisierende Spottworte, die bilderbuchhaft widerspiegeln, wie infantil und unreflektiert unser Umgang mit unserer Sexualität ist. Weder das Bild der Heiligen noch das der Hure ist ja wirklich attraktiv oder gar begehrenswert. Allerdings maskieren diese Begriffe zwei Kräfte, die nicht nur in jeder und jedem von uns vorhanden sind, sondern die darüber hinaus geradezu wundervoll unsere Sexualität bereichern. Schlimmer noch: Ich behaupte, wenn diese Kräfte fehlen oder unterdrückt werden, dann werden wir unsere Sexualität niemals wirklich als erfüllt und erfüllend erfahren. Ich nenne diese innerpsychischen Aspekte in uns „den Engel“ und „das Tier“.

Hm… Ich kann zwar nicht für alle Frauen sprechen, aber mir fällt es tatsächlich bedeutend leichter, mich mit „dem Engel in mir“ und mit „dem wilden Tier in mir“ zu identifizieren. 

Das gilt ja nicht nur für euch Frauen, sondern für die allermeisten: Niemand hat uns beigebracht, unsere eigene Sexualität zu ehren, sie zu feiern und ihr in unserem Leben substanziell Raum zu geben. Niemand hat uns beigebracht, welche Freude und Fülle entstehen können, wenn sich zwei Menschen in diesem Feld offen, frei und hingebungsvoll zu begegnen wissen. Im Gegenteil! Wir haben gelernt, unser Innerstes, unsere Gedanken, Gefühle und Impulse, voreinander zu verbergen, uns über unsere wahren Gefühle und Absichten zu täuschen, um in der Lage zu sein, einander zu manipulieren und kontrollieren. Das aber verhindert nicht nur zwingend, uns jemals in der Liebe auf Augenhöhe zu begegnen, sondern es hält uns auch davon ab, jemals zu erfahren, wie beglückend, nährend und erfüllend unsere Sexualität sein könnte.

Ich stimme Dir zu, dass wir wenig Selbstbewusstsein im Kontext Sexualität mit auf den Weg bekommen haben und uns auch heute noch in „alten“ Rollenbildern verzetteln. Wie aber schaffen wir es, dass Jungen und Mädchen, Männer und Frauen, einen neugierigen und selbstbestimmten Umgang mit ihrer Sexualität leben können? Nach wie vor wird heutzutage ein weiblicher Umgang mit Lust negativ rezensiert und nicht positiv in der Gesellschaft betrachtet. 

Das gilt für beide Geschlechter! Vergessen wir nicht, wie leichtfertig wir nicht nur sexuell selbstbewusste Frauen als „Schlampen“ abfertigen, sondern auch ebensolche Männer als „schwanzgesteuert“. Vergib mir, wenn ich mich wiederhole, aber dies ist mir wichtig. Ich glaube, wir werden wirkliche sexuelle Erfüllung erst dann erleben, wenn alle Menschen aller Geschlechter sich in ihrer Sexualität frei, gewollt und verehrt fühlen!

Einverstanden. Uneingeschränkt. Wie aber nun schaffen wir in unserer Kultur den Raum und die Bedingungen dafür, dass beide oder alle Geschlechter sich selbstbestimmt in ihrer Sexualität erkunden und erfahren können? Wo können wir ansetzen?

Woanders als bei uns selbst und genau da, wo wir sind? Und zwar jeder und jede einzelne von uns. Ich glaube, diese sexuelle Revolution findet weniger auf der Straße oder in den Medien statt als morgens im heimischen Badezimmer beim Blick in den Spiegel. Der erste Schritt hin zu wirklicher sexueller Erfüllung besteht darin, uns selbst wirklich anzuschauen und anzunehmen mit allem, was wir sind. Damit meine ich: mit all unseren Prägungen und Sehnsüchten, unserer Unbeholfenheit, unserer irrationalen Scham und unseren offenen (vielleicht sogar nie gestellten) Fragen. Eine meiner Grundregeln lautet: „Was da ist, ist da. (Und hört auch nicht auf damit, da zu sein, wenn wir es doof finden!)“. Was auch immer wir tun, wir bringen all das mit ein, was wir sind und was wir über uns selbst glauben. Wir vergessen leicht, wie tief die Prägungen und Erfahrungen in uns sitzen. Wer glaubt, all dies ablegen zu müssen, bevor sexuelle Erfüllung möglich ist, wird diesen Zustand höchstwahrscheinlich niemals erfahren. Vielen von uns erscheint es als absurd oder irgendwie unzulässig, einen Weg einzuschlagen, dessen Ziel nichts anderes ist als unser eigenes Glück. Ich sage jetzt nicht nur: „Es ist zulässig“, sondern darüber hinaus noch: „Es ist gesund.“.

Das klingt mir jetzt doch ein bisschen arg einfach …

Im Grunde ist es doch genauso einfach. Ich fasse es mal ganz Yang-typisch linkshirnig in fünf Schritte: 

Schritt 1: Wir beginnen damit, uns selbst (endlich!) anzunehmen und zu lieben, mit allem, was wir sind. 

Schritt 2: Wir erkennen an, dass dies unser einziges Leben ist und niemand außer uns darüber entscheiden kann, wie wir dieses (eine!) Leben nutzen. 

Schritt 3: Wir beginnen zu ahnen oder gar zu begreifen, dass das, was uns über Sex beigebracht wurde, und das, was wir bislang erfahren haben, potenziell wenig bis gar nichts damit zu tun hat, was uns in Sachen Sex zu erleben, zu erfahren und zu fühlen möglich ist. 

Schritt 4: Wir entscheiden uns dazu, dem Feature „erfüllte und erfüllende Sexualität“ einen substanziellen Platz auf der Prioritätenliste unseres (einen!) Lebens zu geben. 

Schritt 5: Wir lassen den Entscheidungen konsequente Taten folgen. In meinen Augen ist „sex worth wanting“ keine Frage von Körpermaßen oder akrobatischem Talent, sondern von Bewusstheit, Selbstverantwortung und Konsequenz. 

Das ist aber nicht so einfach wie es sich anhört.

(Lacht) Das war jetzt zu linkshirnig, oder?!

(Lacht) Ein bisschen …

Wie siehst Du das als Sexberaterin – und als Frau?

Ich bin, was deine 5 Schritte anbelangt, bei Dir. Aber wie lange habe ich gebraucht, um allein Schritt 1 zu gehen? Ich bin sicher noch nicht am Ende angekommen und ich halte mich für eine durchaus reflektierte und kluge Frau. Trotzdem hadere ich manchmal immer noch mit meinen Äußerlichkeiten und stehe dann meinem eigenen Loslassen, Fallenlassen und meiner Freude im Weg. Es ist ein lebenslanger Lern- und Bewusstwerdungsprozess, der auch sehr abhängig ist davon, welchen Menschen ich begegne und mit wem ich welche Art von Erfahrungen mache. 

Ich benenne ja nicht ohne Grund „ein gesundes Körperbewusstsein“ und „ein gesundes Selbstbewusstsein“ als Basiszutaten für das, was ich „richtig guten Sex“ nenne. Ich weiß: Das ist ebenso wahr wie leicht daher gesagt. Schließlich sind doch die meisten von uns in einer Kultur geprägt und sozialisiert worden, die sie vermittelte, sie selbst seien in irgendeiner Weise minderwertig und ihre Gefühle und Bedürfnisse wären daher bedeutungslos. Sind derart toxische Gedanken erst einmal Teil des eigenen Selbstkonzepts, dann drängt es sich ja geradezu auf, unser Umfeld beständig zu täuschen und zu manipulieren. Wir haben Angst davor, uns einander wirklich authentisch zu offenbaren. Das würde schließlich bedeuten, dass die anderen Menschen sehen würden, wie unvollkommen und vor allem, wie verletzlich wir sind. Je wichtiger uns dabei ein anderer Mensch wird, desto größer wird unsere Angst, von ihm/ihr verletzt oder verlassen zu werden. So kommt es, dass viele von uns umso mehr lügen, täuschen und verschweigen, je bedeutender uns ein Mensch ist. Ist das nicht zynisch?

Ich weiß, Du übst schwere Kritik am Umgang unserer Kultur mit unserer Sexualität.

VS: Ja, verdammt! Dir als Frau wurde beigebracht, dass weibliche Attraktivität vor allem eine Frage der Optik ist: Wer nicht die richtigen Körpermaße hat oder die richtigen Rundungen an den richtigen Stellen, ist, so das Mantra, als Frau halt eine mangelhafte Partie. Mir als Mann wurden andere Märchen erzählt, interessanterweise aber mit dem gleichen Ergebnis. Was Körbchengröße oder BMI für euch Frauen, das waren und sind für uns Männer bis heute die wirtschaftliche und soziale Stellung sowie der Stand des eigenen Kontos. Wer hier nicht die richtigen Karten auszuspielen in der Lage ist, ist als Mann ein jämmerliches Modell. 

Wo liegt Deiner Meinung nach der Ausweg? Wie erschafft man eine positive und bejahende Sexualkultur? 

VS: Naja … Vielleicht, so denke ich manchmal, liegt der Ausweg genau da, wo wir bislang nur das Problem sehen. Da wir Menschen soziale Wesen sind, lernen wir die meisten Dinge in unserem Leben durch Vorbild und Nachahmung. Was wäre, frage ich mich, wenn wir den Menschen in unserem Land neue Vorbilder anbieten würden? Vorbilder, die uns verdeutlichen, wie viel Freiheit und Lebensfreude entstehen können, wenn wir uns einander wirklich wahrhaftig und authentisch zeigen. Vorbilder, die uns Mut machen, uns mit unserer Wahrheit, unseren Gefühlen und Wünschen zuzumuten. Vorbilder, die uns einladen dazu, aus dem Spiel der Täuschung und Manipulation auszusteigen und stattdessen selbst zu definieren, nach welchen Regeln wir das Spiel dieses einen Lebens, das uns geschenkt wurde, spielen wollen. 

Wen meinst Du damit? Uns Beraterinnen, Therapeutinnen und Coaches?

Ich meine damit uns alle. Jede und jeden von uns. Wir selbst können unseren Liebespartner*innen und sexuellen Freund*innen ein Beispiel dafür geben, was es heißt, uns selbst und unsere/n Liebste/n dazu einzuladen, mit allem da zu sein, was ist. Mit allen Gefühlen, allen Gedanken, allen irrationalen Mustern, aber auch mit allen Wünschen, Sehnsüchten oder Ideen. Wenn du mich nach dem einen Hebel fragst, der den Prozess unserer sexuellen Befreiung in Gang setzt, dann ist es der Hebel einer entschlossenen Entscheidung.

Einer Entscheidung wozu genau?

Einer Entscheidung dazu, uns selbst und unsere sexuelle Erfüllung exakt und auf den Punkt genauso wichtig zu nehmen wie die unseres Liebesgefährten oder unserer Liebesgefährtin. Es mag nicht unsere Aufgabe sein, ihm oder ihr alle Wünsche oder Sehnsüchte zu erfüllen, aber er oder sie hat doch das ebenso bedingungslose Geburtsrecht darauf, in selbstbestimmter sexueller Fülle zu leben wie wir selbst. Darüber hinaus ist wissenschaftlich belegt, dass wir Menschen gegenüber, deren Gegenwart wir als … ich sage mal: „unserer sexuellen Erfüllung zuträglich“ erfahren, weitaus wohlwollender gegenüber gestimmt sind als solchen, die wir als Hindernisse auf dem Weg dahin empfinden.

Eine Entscheidung dazu, immer wieder „wirklich guten Sex“ miteinander zu haben?

Eine Entscheidung dazu, das Thema „sexuelle Fülle“ im eigenen Leben wichtig zu nehmen. Für uns selbst mit uns allein, Stichwort „Masturbation“, und natürlich umso mehr, wenn vorhanden, als Thema mit unseren Liebes- und/oder Sexualpartner*innen.

Das hat uns nun wirklich niemand beigebracht …

Naja, ist halt so. Genau darum ist es halt nun an uns, es unseren Freund*innen und Geliebt*innen, und als Eltern auch, es unseren Kindern beizubringen …

Sorry, wenn ich kurz unterbreche, aber die Schulen sollten hier auch mit in die Verantwortung genommen werden. Dieses Zusammenspiel von Eltern und Schulen könnte (Betonung liegt auf könnte) eine Sexualität, die den eigenen Wünschen und Vorlieben entspricht wirklich fördern. 

 Ja, wie schön wäre es, wenn Kinder in der Schule bereits lernten, mit ihrer Sexualität selbstbewusst und natürlich umzugehen und offen miteinander darüber zu kommunizieren. Ich sehe das genauso wie du!

Prima, aber nun Volker hätte ich von Dir gerne noch ein knackiges Statement zum Schluss!

(Überlegt) Unsere Sexualität ist eine Urkraft in jeder und jedem von uns. Wir alle spüren sie auf die eine oder andere Weise. Sie ist existenziell verbunden mit unserem Selbstbild und unserem Selbstwertempfinden. Es ist an der Zeit, dass wir dieser Bedeutung Rechnung tragen und uns bewusst mit uns selbst und unserer Sexualität auseinandersetzen. Dass wir uns erlauben, echte sexuelle Fülle für machbar und für möglich zu halten. Und dass wir uns entscheiden dafür, dieser sexuellen Fülle substanziell Platz und Priorität in unserem Leben zu geben. Wie heißt es in dem schönen Sprichwort: „Glückliche Mösen, glückliches Land!“

(Lacht) Das ist kein Sprichwort!

(Lacht) Aber vielleicht könnte es eines werde!

Vielen Dank Volker für das Interview. Ich kann jetzt nur noch einmal das Buch empfehlen: Es ist ernst, es ist lustig, es ist wissenschaftlich, es ist unterhaltsam. Also bitte lesen!

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Anna lebt ihr sexuelles Erwachen im Swinger Club aus

Unsere Autorin Heike liebt die Deutsche Bahn, weil sie im Speisewagen stets  inspirierende Gespräche führt. Diesmal erzählte ihr Anna von der Leere vor der Scheidung, vom Finden der eigenen sexuellen Lust, der großen Liebe und den gemeinsamen Abenteuern im Swinger Club.

Anna ist 50 Jahre alt, das zweite Mal verheiratet und hat zwei große Kinder. Nun könnte ich denken, noch so ein Klischee: Hausfrau, Kinder sind aus dem Haus und jetzt gibt es sexuelle Abwechslung in Form des Swinger Clubs. Weit gefehlt. Hier ihre Geschichte.

Im Prinzip hat Anna ganz brav mit all den romantischen Vorstellungen angefangen, darüber, wie Beziehungen zu sein haben, inklusive des Wartens, weil der Typ schon wieder mal nicht anruft.Diesen Klassiker – nicht zu vergessen das nachschauen, ob das Telefon überhaupt noch funktioniert – -kennen sicher viele, mich eingeschlossen.

Ehe: Stabilität statt leidenschaftlichem Sex

Sie lernte ihren ersten Mann kennen, der ihr Verlässlichkeit und Sicherheit gab. Der Sex war ok. Sie ist dann auch schnell das erste Mal schwanger geworden, bald darauf das zweite Mal. Aber in der Körperlichkeit waren sie weit voneinander entfernt. Es fühlte sich an, wie bei zwei sehr guten Freunden. Scheinbar fehlte die Leidenschaft. Aber wie stellte sich Anna damals Leidenschaft vor?

Ihr Bild von Leidenschaft war geprägt von Hollywood-Romanzen und dem romantischen Liebesbegriff des „Happy ever after“, der bis heute noch bei so vielen Menschen im Kopf herumspukt. Ihr war klar, dass die Hollywood’sche Leidenschaft nur ein Märchen auf der Leinwand ist. Aber aufgrund mangelnder Erfahrung konnte sie nichts an deren Stelle setzen und lebte die Beziehung, die ihr das nächst Wichtigste gab: Stabilität.

Der Klassiker: Die Affäre

Natürlich träumte sie von leidenschaftlichem Sex, bei dem die Kontrolle wegfällt. Aber was genau das sein sollte, das wusste sie nicht. Während sie also in dieser Ehe lebte, wusste sie tief in sich, dass etwas fehlte. Doch sie verdrängte es, blieb in der ehelichen Gemeinschaft, weil er ein guter Familienvater war, und weil ihr Familie und Kinder zu diesem Zeitpunkt sehr wichtig waren. Eine Frühgeburt beschäftigte sie, viele Umzüge über den Kontinent, sodass sie gar nicht in die Situation kam, in sich hineinzuhorchen, was da noch möglich wäre. Dazu kam ein großer Freundinnenkreis, sodass sie emotional gesehen zusätzlich an anderer Stelle gefüttert wurde. Die emotionale Unterversorgung in der Partnerschaft wurde andernorts aufgefangen.

Der nächste Schritt, fast schon ein Klassiker: Ihr Mann hatte eine Affäre, verliebt sich in eine jüngere Frau, die Scheidung folgte.

Ihre Neugierde übernahm die sexuelle Führung

Hier kam der Moment, in dem sie sich selbst im Spiegel betrachtet hat. Zuerst war sie erzürnt, dass er das gemeinsame Lebenskonzept über Bord geworfen hatte. Aber wirklich traurig darüber, diesen Mann nicht mehr an ihrer Seite und in ihrem Bett zu haben, war sie nicht. Sie hatte übrigens zwischendurch keine Affären. 

Doch nun übernahm die Neugierde die Führung. Es folgten Dating-Plattformen, eine Affäre mit ihrem Friseur (sind die nicht alle schwul???) und eine Fernbeziehung mit einem verheirateten Mann.Sie kam aus sich heraus, entwickelte ihre Selbstliebe, ging nach Berlin und probierte weitere Dating-Plattformen aus. Sie suchte dort keinen Vater für ihre Kinder, sondern Männer für sich, um ihre Lust zu erkennen, auszuprobieren und zu leben. Dabei hat sie sich nie als eine Frau empfunden, die alleine bleiben wird. Das Gefühl, wieder einen Partner zu haben, hat sie immer begleitet.

Der neue Mann: Er dirigiert den Raum – sie genießt

Und dann kommt über eine Dating Plattform dieser Mann, mit dem sie nun seit zwei Jahren verheiratet ist und der sie in den Swinger Club und auch weiter und tiefer in ihre eigene Leidenschaft gebracht hat. Was ist passiert?

Er entführt sie an einen FKK-See mit einem Bereich, in dem offen und frei miteinander umgegangen werden kann. Es folgt der erste, öffentliche Sex. Dann eine Massage von ihm, die sich auf einmal von einer zweihändigen zu einer sechshändigen Massage ausweitet. Er hatte vorher ein Paar zum mitmassieren „akquiriert“. Er dirigiert den Raum, zieht sich zurück, überlässt dem Paar das Revier, schaut zu, kommt zurück zu ihr. Die Spannung und das Vertrauen zwischen den beiden ist geschaffen.

Sein Wunsch: Gemeinsam in den Swinger Club

Anna beschreibt ihn als einen sehr körperlichen Mann und als guten Regisseur solcher Szenarien. Da gibt es keine Unsicherheiten bei ihm, und das macht mit ihr, dass sie sich darauf einlassen kann. Sie hatte sofort großes Vertrauen zu ihm. Sie war sicher, dass er nichts mit ihr machen würde, was schlimm sei, oder was sie nicht wollte. Und dass er auch sofort innehält, wenn sie gegen etwas ist. Der Konsens war also von Anfang an unmittelbar gegeben.

Er hat dann sehr bald den Wunsch geäußert, mit ihr in einen Swinger Club zu gehen. Das fand schon ein paar Tage später statt.

Die Klischees über Sex-Clubs

Jetzt kommen erst einmal alle meine Klischees zu Tage: Adiletten (allerdings im letzten Jahr äußerst en vogue), Essen à la Geschnetzeltes, Paare, die sich über ihren Alltag unterhalten und dies besser zu Hause tun könnten, und zu guter Letzt Paare auf der Spielwiese, denen ich nicht zuschauen möchte. Und dies nicht, weil sie nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen, sondern weil ich bei ihnen keine Lust, kein Miteinander sehen würde. Und dann noch die Komplikation, Männer abwehren zu müssen, auf die ich keine Lust habe. 

Anna bestätigt mir, dass es all diese Klischees gibt. 

Also zurück zur Ausgangsfrage: Was ist der Reiz, das Interessante, das Spannende am Swinger Club, das bei mir noch nicht angekommen ist?

Die Regeln beim öffentlichen Sex

Vorab möchte ich wissen, welche Regeln sie vor dem ersten Besuch definiert haben. Safer Sex, sie schauen, ob es passt, sie geht nicht gern in Whirlpools. Alles funktioniert bei ihnen über den Augenkontakt. Wenn sie etwas nicht will, dann ist sofort Schluss, dann holt er sie aus der Situation heraus und es ist klar, dass sie gehen. Sie sind mittlerweile so gut eingespielt, dass es meist funktioniert und sie sich in einer gemeinsamen Schwingung befinden. Mich interessiert, ob diese Übereinkunft von Anfang an zwischen ihnen da war? Anna bestätigt mir das, wobei anfänglich auch noch das eine oder andere Wort ins Ohr geflüstert wurde.

Was ist der Reiz am Swingen?

Für Anna ist der Swinger Club die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit Sex zu haben und trotzdem bei/mit ihrem Mann zu sein. Die Besuche im Swinger Club finden phasenweise, je nach Lust und Laune statt. Oft denken sie, es sei spießig. Aber manchmal entsteht da diesen Zauber, der mit ihnen beiden zu tun hat.

Es ist nicht das: „Ich muss jetzt mit jemandem vögeln!“, sondern es geht darum, eine gewisse Energie zu spüren. Und das ist für sie im Swinger Club erlebbar. Sie mögen es, zu nichts verpflichtet zu sein. Sie können gucken, ob es passt, können gehen, wenn es nicht passt, müssen sich nicht erklären, sind allerhöchstens sich selbst gegenüber verpflichtet. Der Swinger Club eröffnet die Möglichkeit der Unverbindlichkeit im positiven Sinne. 

Der „Kater“ danach

Und wie sieht es mit der Eifersucht aus? Im Swinger Club existiert gar keine Eifersucht. Anna mag nur nicht alleine gelassen werden. Aber das weiß er. Es ist uneingeschränkt klar, sie ist seine Nummer 1 und er ist ihre Nummer 1. Das zeigt und sagt er ihr ganz deutlich und das gibt ihr ganz viel Sicherheit. Dieser öffentliche Raum, der Swinger Club, geht auch nur mit ihm.

Dort bietet sich ihr eine Möglichkeit, auszuprobieren, wie weit sie die Kontrolle abgeben und ihre Leidenschaft leben kann. Denn genau diese definierte Öffentlichkeit turnt sie an, aber nur im Beisein ihres Mannes. 

Nach dem Besuch eines Swinger Clubs folgt häufig so etwas wie ein „Kater“, der energetische Abfall. Dann heißt es, zur Ruhe kommen und einige Zeit auf Rückzug zu schalten. Darum besuchen sie den Swinger Club auch nicht jede Woche. Das wäre für Anna und ihren Mann energetisch nicht haltbar. Es ist wie mit all den schönen Dingen im Leben. Bekommt man sie jeden Tag, nutzen sie sich ab. Sie verlieren ihren Zauber, ihren Reiz, und es wird immer schwerer, das intensive Gefühl zu steigern und zu halten. Darum ist es gut, zwischendurch den Alltag zu leben, mit Kuschelsocken und Tiefkühlpizza auf dem Sofa.

Gibt es Eifersucht beim Gruppensex?

Ich komme noch einmal auf das Thema Eifersucht und wie es Anna geht, wenn ihr Mann mit einer anderen Frau Sex hat. Sie sagt etwas sehr Schönes:

„Wichtig ist es, in der Beziehung wahrzunehmen, wann der Partner glücklich ist, auch dann, wenn man nichts damit zu tun hat. Es klappt manchmal – und manchmal nicht.“

Das nenne ich die große Kunst der Partnerschaft. Danke Anna, für dieses wunderbare, offene Gespräch.

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Die Sache mit der Analmassage

Analmassage ist immer noch ein großes Tabuthema. Viele Frauen denken „igitt“ oder „aua“ beim Gedanken anal verwöhnt zu werden. Diesmal berichtet Heike Niemeier aus ihrer Praxis als Sexberaterin. Es geht weniger um den richtigen Umgang mit einer Analmassage, sondern: Wie kann eine Frau ihrer Skepsis und ihren Vorurteile begegnen und sie eventuell sogar abbauen.

„Schlechte und übergriffige Erfahrungen erzeugen bei mir Abwehr. Wenn es um ‚anal‘ in meinem Sexleben geht, bin ich immer auf Abwehr.“ So begann ein Gespräch mit einer Klientin.

Beim Gespräch mit ihren Freundinnen sagten die: „Das ist so intensiv“ oder „Da sind so viele Nerven, super erregend“. Aber es gab auch die andere Seite, die sagte: „Das tut weh“, „Das ist aber ekelig“ oder „Da schäme ich mich aber“.

Ich habe dieses Thema recht häufig in meiner Praxis zu Gast. Und fast immer ist es ein unerwünschter Gast, der mit vielen Vorurteilen und Klischees behaftet ist. Die gängigsten sind die, dass Analsex schmerzhaft ist und mit Kot in Zusammenhang gebracht wird. Analsex richtig praktiziert muss weder schmerzhaft noch in einer Welle des Kots enden. Das bedeutet in Kürze ausgedrückt: beiderseitiges Einverständnis, genügend Zeit und keine Hektik, viel Gleitgel, Kondome und ein Safeword, wenn die Grenze erreicht ist, über die niemand der Beteiligten gehen möchte.

Wie nähert man sich dem Thema?

Doch in diesem Artikel geht es mir nicht darum, Analverkehr zu erklären, sondern in erster Linie darum, dass etwas Negatives durchaus in etwas Positives verwandelt werden kann.

Eines Tages kam bei meiner Klientin der Wunsch auf, nicht mehr zusammenzucken zu müssen, wenn ein Mann ihren Po berührte. Selbst sanftes Berühren im Sinne von streicheln und massieren erzeugte schon ein Wegzucken ihrerseits. Zu der Zeit nämlich gab es einen Mann an ihrer Seite, der ihren Po schön fand und auch gerne verwöhnen wollte (verwöhnen im Sinne von berühren, streicheln und massieren). Da er dies kommunizierte und nicht einfach über sie hinweg ging, fühlte sie einen Freiraum zu agieren. Sie hatte das Vertrauen, sich mit ihm in diese Richtung wagen zu können.

Wie kann sie die Abwehrhaltung aufheben?

Ich empfahl ihr einen Analmassage-Workshop. Hier könnte sie in einem geschützten Raum erste positive Erfahrungen machen. Nachdem sie einen Workshop gefunden und gebucht hatte, war ich natürlich gespannt, welche Erfahrungen sie dort machen würde.

Später erzählte sie mir: Sie ist mit Herzklopfen, schweißgebadet und sehr aufgeregt zur vereinbarten Zeit hingegangen. Sie wurde sehr freundlich empfangen und teilte all ihre Ängste sofort mit. Das hatten wir gemeinsam bearbeitet und besprochen. Ihre Ängste wurden sehr ernst genommen und sie empfand nach kurzer Zeit Vertrauen. Sie blieb also und verabschiedete sich nicht sofort wieder.

Locker werden

Insgesamt waren acht Personen anwesend. Sie durfte sich eine Partnerin aussuchen. Gesagt, getan und erleichternderweise gefiel auch sie der erwählten Partnerin. Das Programm begann mit Tanzen zum Lockerwerden. Hier stellte sie sich die Frage: Ist dieser Workshop wirklich meiner? Danach stand in den Po atmen auf dem Plan. Sie war immer noch unsicher, ob es der richtige Workshop für sie sei. Doch sie blieb und dann ging es weiter. Schritt für Schritt wurden die Teilnehmer*innen in die Kunst der Analmassage eingeführt (Bitte in diesem Kontext nicht missverstehen 😉

  • mit warmen Tüchern den Po verwöhnen
  • erste Berührungen mit den Händen ausführen und Kontakt aufnehmen
  • erste Massage der Pobacken
  • schwarze Latexhandschuhe anziehen (die fand sie übrigens sehr sexy)
  • den Po mit Gleitgel einreiben und massieren
  • sich der Rosette nähern und massieren
  • und letztlich wird dann der Finger langsam von der Partnerin eingeatmet (bislang hatte meine Klientin in ihrer Abwehrhaltung immer gedacht, dass der Finger einfach in den Po gesteckt wird)

Ein kleiner Tipp: Niemals vom Po in die Vagina fassen. Das kann sehr schmerzhafte und unschöne Infektionen auslösen.

Eine kleine Leseempfehlung: „Make Love” von Anne-Marlene Henning und Tina Bremer-Olszewski

Ihr Mut wird belohnt

Alles geschah ganz langsam, entspannt und immer im beiderseitigen Austausch mit der Workshop-Partnerin. Zu jeder Zeit war es möglich, nein zu sagen und nicht weiter zu gehen. Der Kurs war zu Ende und nachdem sie noch einen Wein getrunken hatte, ging sie nach Hause und fand sich sehr mutig. Dem kann ich nur zustimmen.

Später hat sie mir berichtet, dass ihre Analmassage beim Partner großen Anklang fand und seine Erregung für sie ebenfalls sehr erregend war. Und sie hatte sogar den Mut sich auch von ihm anal verwöhnen zu lassen. Die ersten Berührungen und Massagen gefielen ihr. Sie konnte ihren Po als erogene Zone nun nicht nur wahrnehmen, sondern auch akzeptieren. Und sogar die Vorstellung von Analverkehr rückte in ihre Vorstellung. Wow, was für ein Schritt.

Ich freue mich sehr darüber und wünsche beiden weiterhin viel Spaß. Und ich finde es wunderbar, dass dieser Mann ihr den Raum und die Zeit dazu gegeben hat und auch weiterhin geben wird. Denn wichtig ist auch hier, wie immer, miteinander zu reden. Wünsche und Träume an das Sexuelle offen aussprechen zu dürfen, aber eben auch Verständnis zu zeigen, wenn es dann trotz eines mutigen Ausprobierens nicht den Vorlieben des anderen entspricht.