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„Beim Sex einen Orgasmus zu haben, ist ein weibliches Grundrecht“

Laut einer Studie erleben 65 Prozent der Frauen beim Geschlechtsverkehr keinen Orgasmus. Gabriela Mann von „Mein Liebesleben“ ist Sex-Coach und hat es sich zur Aufgabe gemacht, das zu ändern. Hier erzählt sie von Scham, Schuld und Taubheit im Schoß – und wie sie das hinter sich gelassen hat.

Warum ist weibliche Sexualität voller Scham und Schuld?

In den letzten Jahrtausenden hatte die weibliche Sexualität quasi keine Autonomie. Ein Mädchen, aber auch eine Frau, konnte nicht selber über ihre Lust entscheiden, sonst wurde sie geächtet, bestraft oder sogar getötet. So hat sich die sexuelle Lust mit Scham und Schuldgefühlen gekoppelt. Darum unterdrücken viele Frauen ihre große sexuelle Kraft und das Erleben dieser zarten, guten, wilden Gefühle. Darüber hinaus wird sehr abwertend über die weiblichen Sexualorgane gesprochen, aber auch wie unser Brüste, Bauch, Po auszusehen haben. Das weibliche innere Selbstverständnis ist dadurch abtrainiert worden.

Gabriela Mann von „Mein Liebesleben“ by Oliver Betke

Wie wirkt sich das Deiner Erfahrung nach auf das Sexleben von Frauen aus?

Viele Frauen haben gar kein Gespür und Gefühl dafür, was sie eigentlich für Lustempfinden, Lustpotenzial und vor allem Kraftpotenzial im Beckenbereich haben. Da viele schon als Mädchen angefangen haben, diesen Bereich zu meiden, kennen sie ihren Intimbereich nicht genug und wissen gar nicht, was sich richtig gut und befriedigend für sie anfühlt. Demzufolge kennen sie auch ihre Grenzen nicht. Infolgedessen lassen sie in Liebesleben Dinge mit sich machen, die sich für sie gar nicht gut anfühlen und vor allem nicht orgastisch befriedigend sind. Sie tun es zum Teil dem Partner zuliebe und wissen nicht, dass sie sich dadurch jedes Mal leicht re-traumatisieren. Das führt letzten Endes dazu, dass die Vagina Jahre später komplett zumacht, gefühllos und gefühlstaub wird. Und dann haben diese Frauen verständlicherweise überhaupt kein genussvolles Sexleben mehr.

Sexuelle Gefühle entwickeln lernen

Warst Du auch davon betroffen?

Oh ja! Ich habe zwar kein traumatisches, sexuelles Erlebnis erleben müssen in meinem Leben und dennoch war ich total blockiert. Einfach durch die gesellschaftliche und auch religiöse Erziehung, dem emotionalen Wegsperren der weiblichen Lust. Als ich aufgewachsen bin, wurde ich für alles geschult: Violine, Flöte, Fremdsprachen, Abitur, Sport, Selbstverteidigung. Aber nicht ein einziges Mal hat mich eine Frau liebevoll an die Hand genommen und mir erklärt, wie ich als Frau sexuelle Gefühle in meinem Körper wahrnehmen darf und wie ich darauf achten kann. Es ging immer nur darum, als Mädchen kein „leichtes Mädchen“ zu sein, aber dennoch möglichst äußerlich attraktiv. Reinspüren in meinen Beckenboden, also in meine sexuelle Gefühlswelt, und mit einem Lächeln eine Regung darin wahrnehmen können und diese dann fließen lassen und ausdrücken dürfen, so eine Kommunikation gab es nie. Auch nicht in der Bravo. 

Was können betroffene Frau dagegen tun?

Sie können anfangen ihren Vaginalbereich und ihr Becken zu sensibilisieren. Dazu gehört, Verkrampfungen, die oft chronisch vorhanden sind, zu lockern. Nur so können sie wieder an die darunterliegenden weichen, sanften Gefühle kommen, die ihnen dann orgasmische Momente schenken. Dazu gehört, zu entdecken, was sich individuell am besten anfühlt und wie sie neue Autobahnen zum Orgasmus bauen können, anstatt kleine Trampelpfade zu haben, die nicht verlässlich für sie funktionieren. Natürlich müssen sie sich dann auch die psychischen Aspekte anschauen und in ihrem Stammhirn wieder ein Gefühl von Sicherheit, Loslassen und Autonomie in Verbindung mit Sexualität etablieren.  

Viele Frauen haben Orgasmus Probleme

Wie hilfst Du im Coaching diesen Frauen, in Ihre Kraft zu kommen?

Viele Frauen sind schon so erleichtert, wenn sie hören, dass sie nicht die Einzigen sind, die darunter leidet, beim Geschlechtsverkehr nicht zum Orgasmus zu kommen. Zu erleben, dass leider 65 Prozent* der Frauen aktuell noch mit dieser Problematik kämpfen, ist schon sehr traurig. Ich schaue mir als Erstes an, was die Frau im Moment noch davon abhält, beim Geschlechtsverkehr zum Orgasmus zu kommen. Meistens geht es darum, die eigene Empfindungswelt und die eigene Kraft im Becken und im Vaginalbereich kennenzulernen. Wenn meine Klientinnen erst einmal anfangen, dem Raum zu geben, verändert sich schon sehr viel. Sie haben dieses Organ einfach nicht bewusst aktiviert, so wie sie ja quasi beim Klavierspielen oder Basteln aktiv die Finger trainieren. Sobald sie wieder ein Gespür für die Vagina haben, ist es erfahrungsgemäß für sie auch viel einfacher, zum Orgasmus zu kommen.

Was hilft Frauen Deiner Erfahrung nach, sich besser spüren kann?

Eine Blockade ist, dass betroffene Frauen sich nicht trauen, tief zu atmen und Geräusche beim Sex zu machen. Damit verhindern sie, dass sich die Lust im ganzen Nervensystem ausbreiten kann und zu einer orgastischen Welle werden kann. Sie können schon einfach damit anfangen, dass sie sich mal eine Woche lang vornehmen, jeden Abend fünf Minuten lang in die Vagina reinzuatmen. So entsteht ein erstes Bewusstsein für den Schoß und dadurch werden die Nervenbahnen vom Gehirn zur Vagina stärker. Das führt mit der Zeit dazu, dass die Orgasmusfähigkeit wächst, weil aus einem Trampelpfad eine Autobahn im Nervensystem wird. 

Selbstliebe gehört zum weiblichen Orgasmus

Wie wichtig ist dabei das Thema Selbstliebe? 

Ohne Selbstliebe geht nichts im Leben. Das ist eine Grundvoraussetzung für ein glückliches Leben. Doch der erste Schritt für ein befriedigendes Liebesleben ist es, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Ein falscher Glaubenssatz ist, dass der andere dafür verantwortlich ist, dass man sexuell befriedigt wird. Tatsächlich ist einer der häufigsten Aha-Momente meiner Klientinnen, wenn sie erleben: „Meine sexuelle Lust ist gar nicht abhängig vom Partner, sondern der Zugang dazu steckt komplett in mir!“.

Ist ein Geheimnis, sich mehr zu erlauben?

Ja, auf jeden Fall. Viele Frauen müssen sich erst mal erlauben, sich überhaupt mit der Vagina auseinanderzusetzen. Sie müssen sich erlauben, dass es ihr Grundrecht ist, beim Sex zum Orgasmus zu kommen. Sie müssen sich erlauben ihrem Partner zu sagen, dass sie den Sex mit ihm, als nicht befriedigend empfinden und dass sich etwas ändern muss. Sie müssen sich erlauben, dass ihre Sexualität genauso wichtig ist wie die Befriedigung des Gegenübers. Sie müssen sich erlauben, wütend zu sein, kraftvoll zu sein und sexy zu sein. 

Kein Orgasmus – Frauen denken sie sind schuld

Welche hindernden Glaubenssätze begegnen Dir bei Deiner Arbeit?

Viele Frauen denken, es liegt nur an ihnen und mit ihr stimmt was nicht. Das ist so traurig, weil viele Frauen jahrelang oder jahrzehntelang oder manchmal sogar ein Leben lang ein unbefriedigendes Liebesleben haben. 

Bei den Männern begegnet mir häufig noch der Glaubenssatz, dass es peinlich ist, wenn man an seiner Sexualität arbeitet. Ich habe viele Klientinnen, die ihre sexuelle Lust endlich entdecken und sie mit dem Partner teilen möchten. Doch leider sind dann viele Männer nicht bereit, über sich hinauszuwachsen. Dabei wäre es total der Gewinn für die Partnerschaft, wenn beide sich neu entdecken. Ein Mann kann schließlich auch multiple Orgasmen erleben.

Wie hast Du es geschafft eine lustvolle Frau mit jeder Menge Orgasmen zu werden?

Mein Learning war: Vagina anschalten, dann schaltet sich der Kopf automatisch ab! Genau das habe ich mit vielen Übungen praktiziert, die ich jetzt an meine Klientinnen weitergebe. Es gilt, so viel Lust in der Vagina zu entwickeln, dass der Kopf einfach loslässt, weil das Gehirn von der Vagina mehr Impulse bekommt und lieber auf die hört, als auf die kritische Stimme im Kopf.

* Es wurde 2017 eine US-Studie veröffentlicht, die an rund 52.500 Erwachsenen durchgeführt worden war, um herauszufinden, wie sich sexuelle Orientierung auf den Orgasmus auswirkt. Die Studie, die im Fachblatt „Archives of Sexual Behavior“ veröffentlich wurde, stellt fest, dass 86 Prozent der homosexuellen Frauen, 66 Prozent der bisexuellen, aber nur 65% der heterosexuellen Frauen beim Sex einen Orgasmus haben. Bei den Männern waren es hingegen 95 Prozent der heterosexuellen, 89 Prozent der homosexuellen sowie 88 Prozent der bisexuellen Männer, die nach eigenen Angaben normalerweise beim Sex einen Orgasmus haben. 

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