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Muss es eigentlich immer ein Orgasmus sein?

Viele Menschen richten ihren Blick sehr auf den Orgasmus und verpassen dabei oft das breite Spektrum von Sex. Sie warten ungeduldig auf den Höhepunkt, so sehr, dass sie die ganze Klaviatur von Streicheln bis Küssen nicht voll und ganz genießen können. Autorin Fehu fragt sich, ob nicht der Weg das eigentliche Ziel ist.

Kürzlich war ich auf einem Konzert. Im Saal herrschte eine Menge Vorfreude und Aufregung. Als die Band auf die Bühne kommt, klatschen alle und pfeifen. Die Vorfreude steigt, dann setzt der erste Song ein, das Publikum jubelt. Freudige Erregung schießt durch die Körper und steigt wie eine Flut mit jedem Song, nur um bei den ersten entspannten Klängen in ein wohliges und beseeltes Gefühl abzuebben. 

Doch noch ist es nicht vorbei: Die bekannten Hits der Band ertönen und bei allen schießt der Glückshormonpegel wieder nach oben und so geht es weiter, bis die Band zum Schluss ihren Mega-Hit spielt und alle voll durchdrehen. 

Blockieren wir uns selbst?

Während der ganzen Zeit habe ich gelacht, gekreischt, gefeiert, mitgesungen, getanzt und mich durch eine Vielzahl an menschlichen Gefühlen und Emotionen bewegt. Ich habe jeden Moment genossen – die lauten, aber auch die leisen, die wilden aber auch, die stillen. Warum erleben viele von uns Sex nicht genauso? Warum arbeiten viele beinahe verbissen auf den Orgasmus hin – und genießen die leisen Momente nicht? 

In meiner Arbeit und bei meinen Workshops werde ich immer mal wieder gefragt: „Wie kann ich den Orgasmus schneller erreichen?“ oder „Wie kann ich ihn überhaupt erreichen?“. 

Diese Fragen bringen es auf den Punkt: Viele Menschen richten ihren Blick so sehr auf den Orgasmus, dass sie das breite Spektrum von Sex verpassen. Sie warten ungeduldig auf den Mega-Hit am Ende des Konzerts, dass sie den ganzen Auftritt davor nicht genießen können. Womit natürlich total viel von dem, was erlebt und genossen werden kann, hinten überfällt. 

Ich weiß natürlich, dass der Mega-Hit, der Höhepunkt, für viele das Wichtigste ist, doch blockieren wir uns damit nicht von vornherein selbst?

Das ganze Erlebnis genießen 

Denn was wäre, wenn der Orgasmus nicht nur ein Punkt wäre, den es zu erreichen gilt und der als Barometer für guten, erfolgreichen, „richtigen” Sex gesehen wird? Was wäre, wenn wir das Wort Orgasmus neu belegen und alles, was wir während des Sexes erleben, als Höhepunkt sehen? Wie bei einem Konzert eben. Natürlich gibt es da Hits zum Mitgröhlen, aber auch Liebeslieder zum Mitschunkeln. Alle Stimmungen, Wendungen, Überraschungen, Be- und Entschleunigungen genießt und feiert man ab und genau das ist es, was uns in Ekstase bringt.

Genau darum geht es für mich: Keinem einzelnen Punkt oder einem Ende entgegenzueilen, sondern sich einer neuen Wahrnehmung zu öffnen. Das Bewusstsein darüber zu entwickeln, die ganze Fahrt zu genießen und als Höhepunkt zu feiern. Den Druck rauszunehmen, etwas erreichen und auf eine bestimmte Art und Weise funktionieren zu müssen. So können auch destruktive Gefühle verschwinden: Nicht gut genug sein, das „richtig” oder „falsch” machen, wenn wir das „Ziel“ gar nicht oder zu früh erreichen.

Den Fokus weg vom Orgasmus

Es kann um so viel mehr gehen, als nur das reine Kommen als orgiastisch wahrzunehmen. Das Wort orgiastisch leitet sich übrigens von dem Wort Orgie ab und kommt aus dem Griechischen. Etymologisch ist es seit dem 19. Jahrhundert belegt und bedeutet so viel wie: begeisternd, leidenschaftlich, ausgelassen, ohne Hemmungen, wild. 

Das Wort beschreibt also nicht nur den Zustand eines einzelnen Momentes, eines Höhepunktes, sondern vielmehr eines Zeitraums, der von Sekunden über Stunden oder sogar Tage dauern kann. Wenn wir unseren Fokus also weg vom Orgasmus hin zum orgiastischen Erleben wenden, bietet das den Raum für eine tiefere Fülle und unglaublich vielen, neuen Möglichkeiten. Und genau dazu sage ich: JA!

Entschleunigung is the key

Wie können wir also meiner Erfahrung nach orgiastischer leben? Vor allem: Die Dinge beim Sex erst einmal zu verlangsamen und tief ins Fühlen einzutauchen. Das Verlangsamen findet durch ein sich mehr Zeit nehmen statt und erlaubt, die Erfahrung dadurch noch mehr und ohne Druck auszukosten. 

So kann eine Forschungsreise mit sich selbst oder gemeinsam mit Partner*in entstehen. Was passiert und wie fühlt es sich an, wenn man Sex mit sich selbst oder anderen einfach mal in Slow-Motion und ohne Ziel – außer dem orgiastischen Genießen des Ganzen – erlebt? Was wenn man sich einfach mal das „Ziel” setzt keinen Orgasmus zu haben?

Um dann noch tiefer ins Fühlen zu gehen, lade ich Menschen gerne ein, sich mehr mit ihren Sinnen zu verbinden: schmecken, riechen, hören, sehen und fühlen. 

Raus aus dem Kopf, rein ins Fühlen

Eine gute Übung dafür ist, sich abwechselnd immer nur auf einen Sinn zu konzentrieren. Das kann auch außerhalb des Schlafzimmers gut geübt werden. Die Woche hat ja genug Tage, vielleicht widmet man den Montag einfach mal dem Riechen. Das kann dann so aussehen, dass die Aufmerksamkeit auf alle Gerüche, die einen umgeben, gelenkt werden. Oder einfach auch mal Sachen in die Hand nehmen und bewusst daran riechen – etwa das Telefon, die Haarbürste, die Flurwand, eine Kartoffel im Supermarkt oder einfach auch mal sich selbst – Hand, Arm, Knie, Zehen, Achseln und ja auch mal an der Vulva. 

Übungen mit den Sinnen holen einen direkt aus dem Kopf und rein ins Fühlen, was unseren orgiastischen Sex nur noch besser und erfüllter macht. „Die schönsten Orgasmen sind immer noch die, die wir geschenkt kriegen und nicht die, die wir erwarten”, sagt Göran Hielscher, Sexual Edutainment Coach & Speaker?

Und genau das finde ich auch! Denn wenn man das ganze Konzert genießt, ist der eine Mega-Hit am Ende gar nicht mehr so wichtig.