Veröffentlicht am

Polyamorie, Fuck it!

Schmusendes Paar

Phil lebte polyamor, hatte teilweise vier Sexbeziehungen parallel. Doch trotz Sex ohne Ende fühlte er sich leer und unglücklich. Bis er sich verliebte. In der monogamen Beziehung lernte er viel über sich selbst und verstand etwas Wichtiges für sich: Polyamorie ist für ihn eine Sucht, Monogamie seine Heilung und sein persönliches Wachstum.

Ich habe einige Jahre meines Lebens polyamor gelebt, hatte in der Hochphase vier feste Affären parallel, plus wechselnde One-or-more-Night-Stands. Ich nannte es „Freundschaft mit Sex” und alle Beteiligten wussten davon und waren okay damit, dass es für beide Seiten nicht exklusiv war. 

In dieser Zeit wurde ich beneidet von meinen Kumpels und lebte den Traum eines jeden Junggesellen. Aber so beneidet ich auch war, tief in mir drin fühlte es sich gar nicht gut an. Alles drehte sich um das Klarmachen der nächsten Frau – und je mehr ich hatte, desto mehr wollte ich. Es wurde das Einzige, was ich tat und der Rest des Lebens wurde zur Nebensache. Innerlich war ich leer und unglücklich, es war wie eine Sucht. 

Und nicht nur das: Im Nachhinein fühlt es sich so an, als hätte ich bei jeder Frau einen Teil von mir gelassen. Die Verbindung zu mir war nicht mehr existent, ich hielt Zeit mit mir alleine kaum aus. Mein polyamorer Lifestyle war zu einer Fluchtmöglichkeit vor mir selbst geworden. 

Liebe versus Materialismus

Während dieser Zeit suchte ich nach Partygirls, die aus sich heraus gingen und Stimmung machten. Genau eine solche Frau brachte mich dann Ende 2011 ungewollt zur Vernunft. Sie bekehrte den Player mit einem Augenaufschlag, denn ich verliebte mich auf den ersten Blick in sie und führte danach mit ihr eine dreijährige monogame Beziehung. Diese Frau zeigte mir den Weg zu mir selbst, auf dem ich nach einiger Zeit erkannte, dass meine Sex-Eskapaden eine Form von Materialismus waren.

In den nächsten zehn Jahren (also auch nachdem unsere Beziehung beendet war) beschäftigte ich mich mit Psychologie und dem Potenzial des Menschen und entdeckte, dass alles Energie ist, selbst der Mensch und dessen Körper. Ich lernte, das die stärkste aller Energien die Liebe ist. 

Doch es gibt in uns auch andere Energien, die miteinander kämpfen. Vor allem zwei Energien stehen für mich in Konkurrenz zueinander: die Liebe und das Haben wollen bzw. das Besitzstreben oder der Materialismus. Ich habe für mich begriffen, dass Zweiteres mich schwächt und zum Nachteil für meine Beziehung ist. 

Liebe ist sich immer genug

Liebe ist eine unendliche Energie, ein Zustand der Einheit und Freude, das weiß jeder Mensch, der schon verliebt war. Doch man kann dieses Gefühl nicht besitzen, man kann sich diesem Zustand nur immer wieder annähern. Die Liebe ist Schöpferkraft, wir schöpfen bei jeder Aktivität daraus und erschaffen damit unser ganz persönliches Leben. Dies gilt für die Familiengründung, aber noch viel mehr für jegliche Aktivität, bei der wir Lust oder Freude (auch ohne sexuelle Gedanken) empfinden. Sogar, was wir beruflich erschaffen, kann somit der Liebe, der Lust oder anders gesagt unserer sexuellen Energie entspringen.

Obwohl unmöglich, versucht der Mensch immer wieder, sich der stetigen Veränderung im Innen und im Außen zu entziehen. Er tut alles, um sein persönliches Umfeld zu kontrollieren und den Status quo zu erhalten. Dieses Streben nach Besitz und Kontrolle findet sich in der anerkannten Wirtschaftsform, dem Kapitalismus, wieder aber auch in jedem Menschen selbst. 

Polyamorie: Kapitalismus gilt auch im Bett

Mit meinem ausschweifendem Sexleben habe ich unbewusst versucht, die Liebe in Form des Aktes der Liebe dauerhaft festzuhalten. Es ging mir um den Besitz dieses Gefühls. Kein Wunder, dass ich, im wahrsten Sinne des Wortes, dabei immer leerer wurde, schließlich entleerte ich mich ja selbst täglich ein bisschen mehr. Die Polyamorie erschöpfte mich, anstelle aus der Liebe zu schöpfen. 

Mir wurde langsam klar, dass dieses Streben nach Besitz und Kontrolle das gesamte Leben in unserer westlichen Gesellschaft prägt. Leistung und Wettbewerb finden sich in Sport, Bildung, Forschung und ebenso im Schlafzimmer wieder. Selbst spirituelle Praktiken wie Meditieren, Yoga und Beten wurden von dieser Motivation unterwandert. Ich weiß heute, dass ich mich von der Liebe entferne, wenn es mir nur um das Anhäufen neuer, erotischer Spielgefährtinnen geht oder darum, leistungsfähiger als andere zu werden. Ich habe auch begriffen, dass wenn es mein Ziel ist, reicher zu sein, egal ob an Erkenntnis, Sex, Geld oder Macht, dass ich dann bereits dem kapitalistischen Streben erlegen bin. 

Warum nicht alles mit einer erleben?

Ich war am Boden zerstört, als mir klar wurde, wie tief dieser materialistische Einfluss in meinem (Liebes-)Leben ist. Ich musste mir eingestehen, dass ich mich verrannt hatte. Ich glaubte bei der Polyamorie, dass ich aus Liebe handelte und liebevoll war mit allen meinen oberflächlichen Beziehungen. Fakt war aber, dass ich tief im Materialismus steckte.

Es sollte im Leben immer wieder, um das Überwinden des Strebens nach Besitz und Kontrolle gehen, damit wir in einen (vorübergehenden) Zustand der unendlichen Liebe eintauchen können. Das ist jedoch nicht jedermanns Sache. Viele sagen: „Schwachsinn, ich will doch nur Sex und eine gute Zeit haben!”. Sie wollen mehr Würze ins Sexleben bringen oder sich sexuell austoben. Aber warum es nicht mit der eigene*n Partner*in entdecken? Was ich mit einer zweiten oder dritten Person erleben kann, könnte ich auch mit dem eigene*n Partner*in erleben, wenn ich mich darauf einlasse. Die Voraussetzung dafür ist aber das Überwinden des eigenen sexuellen Materialismus. 

Von der Polyamorie zur Liebe

Meine Erfahrung ist das beste Beispiel dafür: Der Drang nach einem neuen Körper, der Energie einer anderen Frau, war immer da. Doch durch meine Erfahrungen weiß ich heute: Es ist nicht gut und erfüllend für mich. Ich habe mich entschieden, meine Liebe ausschließlich mit meiner Partnerin zu teilen. Das ist in meinen Augen eine wirkliche Beziehung und nur dadurch verliert für mich die Leistung, der Materialismus und der Kontrollwahn an Bedeutung. 

Meine (neue) Partnerin ist perfekt für mich – und unseren gemeinsamen Tanz der Liebe. Ich habe begriffen, dass es meine (unsere) Aufgabe ist, diesen Tanz immer wieder interessant und abwechslungsreich zu gestalten und neue Schritte zu üben. Dazu haben wir uns unabhängig voneinander zum ewigen Lernen bekannt. 

Bewusstseinsarbeit ist unumgänglich

Um das sexuelle Lernen und Wachsen hinzubekommen, ist es nötig, dass sie und ich 1) unsere persönlichen Bedürfnisse erkennen, 2) sie kommunizieren und dann 3) die beiderseitige Offenheit besitzen, diese neuen Aspekte durch gemeinsames Üben in unseren gemeinsamen Tanz der Liebe einfließen zu lassen. Das braucht Einfühlungsvermögen, Geduld und den Willen zu lernen. Es braucht Frustrationstoleranz und Durchhaltevermögen.

Für mich liegt die Herausforderungen nicht in der Sexualität, sondern im Lieben, im Lernen und im sich gemeinsamen Entwickeln. Gerade weil in einer Beziehung zwei Menschen, die sich ewig in Veränderung befinden und vereinen, entsteht ein gemeinsames, lustvolles und abwechslungsreiches Leben. Aus diesem Grund sage ich: „Polyamorie – Fuck it! Ich entdecke lieber unser zweinsames, unendliches Potenzial”.

Weitere Lesetipps:

Phil beim Tantra: Tantra für Männer

Ich will Sex! Wie belebe ich mein Liebesleben

Der Sex verkommt zur Leistungsschau

Veröffentlicht am

Patriarchat: „Der Sex verkommt zur Leistungsschau“

Paar im Bett, sie macht Verrenkungen

Für Paar-Therapeut Volker Schmidt leben wir in einer „Yang-Welt“: zielorientiert, schnell, leistungsbereit. Im zweiten Teil unseres Interviews erklärt der Sexberater, welche negativen Auswirkungen eben dieses Verständnis auf unsere Sexualität und unser erotisches Miteinander haben können. Denn vielen Frauen fehlt der Raum für Hingabe, Loslassen, Fühlen und Führen lassen.

Lieber Volker, wie ein Verständnis von „Yin“ und „Yang“ dazu führen kann, dass wir auf eine neue, liebevollere Weise mit uns selbst, miteinander und mit der Welt umzugehen lernen, erzählst Du im ersten Teil dieses Interviews. Jetzt wollen wir mehr über die Auswirkungen im Schlafzimmer wissen? Dominiert das Yang unsere Sexualität und Erotik?

In vielen Köpfen leider ja. Wir haben gelernt, die ganze Welt aus der Perspektive von „richtig oder falsch“ und „gewinnen oder verlieren“ heraus zu betrachten. Also betrachten wir auch unsere sexuellen Erfahrungen mit derselben Brille. Es geht darum, zu „performen“, „es zu bringen“, am allerliebsten „der oder die Beste“ zu sein. Übrigens nicht nur in einer, sondern gleich diversen Kategorien wie Aussehen, Körperbau, Leistungsfähigkeit, Gelenkigkeit, Durchhaltevermögen, Kreativität und eben Sexualität! Viele Menschen haben beim Sex ständig subtil den Gedanken im Hinterkopf, vom Anderen geprüft, vermessen und be- oder gar verurteilt zu werden. Der Sex verkommt dadurch zur Leistungsschau. Kein Wunder, dass vielen dabei auf Dauer die Lust verloren geht. Insbesondere Frauen übrigens.

Warum insbesondere Frauen?

Weil die meisten Frauen, meiner Kenntnis nach, in ihrer Sexualität eher Yin sind. Sie wollen nicht Ziele verfolgen, sich messen oder sagen, wo’s langgeht. Sondern verführt oder erobert werden, sich hingeben und mit weit offenen Sinnen das Leben in seiner ganzen Tiefe und Fülle aufsaugen und empfinden. Das sind die Kernqualitäten von Yin. Von diesen Dingen versteht Yang nicht viel. Nun leben die heutigen Frauen aber in einer Welt, die rein auf Yang-Qualitäten setzt. So sehr übrigens, dass selbst der Feminismus, der angetreten war, die Frauen unserer Welt zu befreien, diese dazu auffordert, ihr Leben straight, tough und zielorientiert zu leben, stets unabhängig zu bleiben und sich zu nehmen, wonach ihnen ist. 

Volker Schmidt

Paar-Therapeut

Was hast Du dagegen?

Im Grunde überhaupt nichts. All dies sind ganz wundervolle Eigenschaften, an Männern ebenso wie an Frauen. Sie haben unserer Welt nicht nur Leid, sondern sehr viel Gutes gebracht. Interessanterweise aber haben all diese Werte eine ganz subtile, in meinen Augen aber entscheidende Gemeinsamkeit.

Sie sind alle irgendwie eher Yang…?

Genau. Sie alle entsprechen dem Weltbild und Wertesystem des Yang-Denkens. Diese Art zu denken ist großartig, um ein Team zu führen, um technische oder wissenschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, ja sogar beim Einkaufen ist das Yang-Denken um Längen hilfreicher als das Yin. Was Yang jedoch beim besten Willen nicht kann, denn dazu ist es nicht ausgelegt, ist das Leben oder den Augenblick in seiner ganzen Tiefe spüren und genießen. Darin allerdings ist Yin total gut. 

Wenn das so ist, dann müssten Frauen den Sex viel mehr genießen als Männer, oder nicht? Für viele Frauen aber ist doch genau dies das Problem: Nach einem Tag im Job, ständig straight und tough, fällt es ihnen schwer, abends beim Sex den Kopf abzuschalten, sich fallenzulassen und hinzugeben.

Ich weiß um dieses Phänomen. Das ist aber kein Hinweis darauf, dass diese Frauen zu Hingabe und Genuss nicht in der Lage wären. Tatsächlich glaube ich, dass das Yin in ihnen (und uns allen) nichts lieber tut als das. Yin liebt es, sich der liebevollen Führung eines klaren und kraftvollen Yang sexuell blind und bedingungslos hinzugeben. Nun sind Yang und Yin als polare Kräfte in uns allen angelegt. In vielen Frauen ist das Yin viel stärker als das Yang. Dieses Yin aber hat in der Kultur, in der die allermeisten Frauen wie Männer erzogen wurden, sagen wir mal „nicht gerade einen Ehrenplatz“. Yin ist mitfühlend, also weichherzig. Yin ist impulsiv, also unkontrollierbar. Yin ist verspielt, also unproduktiv. Yin ist folgend, also beliebig benutzbar. Alles, was Yin ausmacht, ist in unserer Kultur direkt oder über Bande negativ konnotiert. Ist es da ein Wunder, dass Frauen ebenso wie Männer davon überzeugt sind, diese energetische Kraft in sich unterdrücken und verbergen zu müssen? Frauen wie Männer leiden gleichermaßen unter dieser kruden Sicht auf die Welt. Frauen indes leiden tendenziell mehr, denn die meisten Frauen sind halt viel mehr Yin als Yang. 

Wie können wir lernen, wieder zu genießen? Insbesondere, wenn wir den ganzen Tag über ziemlich im Yang unterwegs waren?

Zunächst einmal, indem wir erkennen, dass die Rollen, die wir auf der Arbeit, aber auch in unsere Familie und anderen sozialen Kreisen spielen, eben nur dies sind: Rollen, die wir spielen oder einnehmen. Je bewusster wir in diese Rollen, Funktionen oder Persönlichkeiten ein- und wieder aussteigen, desto leichter fällt es uns, zu erkennen, was wir selbst und andere Menschen über diese Rollen, Funktionen oder Persönlichkeiten hinaus noch alles sind. Wer wirklich in den Spiegel schaut, sieht dort halt eben nicht nur die clevere Karrierefrau, sondern häufig auch noch illustre andere Gestalten: eine Prinzessin, eine Piratin, ein zartes Mädchen mit glitzerndem Zauberstab oder auch ein wildes, niemals gezähmtes Tier. Wenn wir aufhören, uns mit unseren Masken zu identifizieren, beginnen wir zu entdecken, wie vielfältig und vielschichtig wir wirklich sind.

Da gehe ich voll mit. Gibt es noch mehr?

Wir sollten damit beginnen, wirklich ehrlich mit uns selbst zu sein. Es ist furchtbar, wie oft uns unsere verqueren Selbstkonzepte dabei in die Quere kommen, das Leben, die Liebe oder unsere sexuelle Lust wirklich zu genießen. Ich kenne persönlich eine Reihe von Frauen, ausnahmslos intelligent, willensstark und häufig beruflich sehr erfolgreich, die mir gegenüber offen zugaben, dass es sie auf eine animalische Weise erregt, wenn ihr Partner (m/w/d) sie fesselt, ihnen weh tut oder ihnen sagt, was sie zu tun hätten. Sie alle berichteten mir ebenfalls, dass es eine ganze Weile – und oft mehrere Beziehungen – gedauert hatte, bis sie sich diese Erregung auch eingestanden. Zu tief saß der Gedanke, dass derartige Gedanken im Kopf einer emanzipierten Frau nichts zu suchen hätten. Ebenso unterdrücken unzählige Männer wie Frauen ihre homoerotischen Gedanken, weil sie Angst haben, sie könnten dadurch schwul oder lesbisch werden. Dabei sind sie schlicht und einfach bi. Lösen wir uns vom Ballast unserer unreflektiert übernommenen Selbstkonzepte und spüren wir hin, was in uns wahr und wirklich ist. Keiner und keine von uns hat in der Hand, was ihn oder sie erregt. Wir haben nur in der Hand, was wir aus diesem Wissen machen.

Buchcover / PR

Wie genau hilft dies Frauen dabei, sich abends beim Sex mit ihrem Mann wieder wirklich fallenzulassen?

Es hilft ihr möglicherweise, indem sie erkennt, dass Hingabe kein Fach ist, in dem sie geprüft wird, sondern eine Wahl, die sie selbstbewusst und selbstbestimmt für sich treffen kann, um dadurch Dinge zu erleben, von denen sie erfahren hat, dass sie ihr gut tun. Wir können Hingabe jedoch nicht bewusst erzeugen. Das ist so wie mit dem Einschlafen. Je stärker der Wille ist, einzuschlafen, desto länger bleiben wir wach. Wir können und nur erlauben, einzuschlafen oder uns in der Lust hinzugeben. Dieses „es darf sein und geschehen“ ist durch und durch Yin. Wenn Frauen dieses Yin in sich wirklich annehmen und lieben, dann wird es eine Freude sein, sich in den Strudel dieser Kraft hineinfallen zu lassen. Solange Frauen sich jedoch ausschließlich mit ihrer klaren, straighten und stets autonomen Yang-Seite identifizieren, wird das wahrscheinlich schwierig sein. Ganz so einfach, wie das hier klingt, ist dies allerdings höchstwahrscheinlich nicht, denn schließlich spielen in dieser Sache nicht nur Frauen und ihr Selbstverständnis eine Rolle, sondern auch Männer. Frauen sind ja schließlich nicht das einzige verkorkste Geschlecht in unserem Land (lacht).

Was meinst Du genau?

Ich meine Folgendes: Wir Männer, zumindest die Yang-Männer von uns, hatten den Vorteil, in einer Welt aufzuwachsen, deren Denken im Grunde dem unseren entspricht. Das machte es weitaus leichter, uns in dieser Welt zu orientieren und irgendwie „richtig“ zu fühlen. Allerdings wurde auch uns „Männlichkeit“ bzw. „Yang“ in einer Weise vorgelebt, die uns suggerierte, dass wir uns durchsetzen müssten, unsere Schwächen und Verletzlichkeiten zu verbergen hätten und uns ständig als der Größte, Beste und Schlauste aufzuspielen.

Stichwort „toxische Männlichkeit“?

In meinen Worten ausgedrückt: „toxisches Yang“. Und ja, diese Art von Yang ist toxisch, und zwar an Männern wie an Frauen gleichermaßen. Dies ist die eine, die medial sehr stark beachtete Form irregeleiteter Männlichkeit, die wir heute finden. Und ja, in der Tat, ich finde sie furchtbar, und ich weiß, ich bin bei Weitem nicht der einzige Mann, der es bei derartigen Verhaltensauffälligkeiten seiner Geschlechtsgenossen unwillkürlich mit heftiger Fremdscham zu tun bekommt. Weniger beachtet, aber ebenso vergiftet, ist allerdings eine zweite Form der Männlichkeit.

Und die wäre?

Ebenso wie unzählige Frauen gelernt haben, alles Yin als schwächlich und minderwertig abzuurteilen, haben viele der heute erwachsenen Männer irgendwann einmal verinnerlicht, dass all das, was in ihnen Yang ist, ursächlich verantwortlich ist für all das Leid der Welt. Sie trauen sich nicht, die Führung zu übernehmen, weil in ihrer Prägung Dominanz und Entschiedenheit immer auftraten in Form von Unterdrückung und emotionaler Kälte. Ihre Väter waren oft gebrochene Männer, die unbeholfen versuchten, ihre Selbstzweifel und ihr inneres Leid durch Härte und Starrsinn zu übertünchen. Solche Väter waren nicht nur ihren Töchtern ein Graus. Auch ihre Söhne schworen sich in großer Zahl: „Niemals werde ich so wie er!“ 

Aber das ist doch gut!

Einerseits ja. Ohne Zweifel. Andererseits aber lernten diese Männer, alles, was Yang in ihnen war, abzulehnen und zu unterdrücken. Diese Männer sind das Spiegelbild jener Frauen, die die Hingabe verlernten. Sie sind immer verständnisvoll, immer mitfühlend, immer zum Gespräch bereit. Soweit noch kein Problem. Gleichzeitig aber sind sie niemals dominant, machen niemals klare Ansagen und bieten ihren Frauen niemals entschlossen die Stirn. Weil sie bereits in der Kindheit an den Eltern lernten, dass männliche Autorität oder Dominanz in jeglicher Form schädlich und böse ist. Solche Männer sind zumeist ganz zauberhafte Väter und ihren Frauen Partner in vielerlei Hinsicht eine Hilfe. Sie strahlen nur leider keinerlei Yang aus. Das Yin in der Frau fragt in solchen Fällen ganz zu Recht: „Wem hier sollte ich mich denn hingeben?! Hier ist niemand, der meine Kraft halten kann!“.

Ein Dilemma! 

In der Tat. Sexuelle Spannung braucht die Polarität von Yang und Yin. Dabei ist es egal, wer im Raum gerade die eine und wer die andere Polarität repräsentiert. Haben wir dies verstanden, können wir beginnen, mit diesem Wissen und mit diesen Energien zu spielen. Dann nämlich können wir uns bewusst entscheiden, den einen oder den anderen Teil dieser Polarität einzunehmen. Wir können bewusst und entschieden führen. Oder bewusst und entschieden folgen. Wir können all unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, unsere*n Partner*in zu beschenken. Oder darauf, uns von ihm oder ihr beschenken zu lassen und mit Leib und Seele zu genießen. Diese Bewusstheit und Entschiedenheit öffnet ein Tor in unserer Sexualität, hinter dem nicht nur ein weiterer Raum liegt, sondern gleich ein ganzer Kontinent. Von da an wird unsere Sexualität fortschreitend weniger beeinflusst von jener Stimme in uns, die sagt: „So bin ich halt!“ und stattdessen immer mehr von jener, die frech schmunzelnd fragt: „Wie möchte ich heute gerne sein?“

Von dieser Art des spielerischen Umgangs sind viele Frauen wie Männer bis heute weit entfernt.

Genau darum sind wir beim Thema „sexuelle Befreiung“ auch noch lange nicht am Ziel angelangt. Mir scheint, wir haben noch einen weiten Weg vor uns, bis wir die Sexualität in unserem Leben wirklich als die erfüllende und nährende Urkraft erkennen und feiern, die sie ist – oder aber doch zumindest sein könnte.

So viel zum bedauernswerten Status Quo. Wie nun kommen wir da raus? 

Ich würde Paaren dazu einladen, in ihrem Umgang miteinander spielerisch Elemente des Führens und Folgens auszuprobieren. Und hinzuspüren, was sich dadurch verändert. Wenn Frauen darin gehemmt sind, sich nicht voll und ganz hinzugeben, dann liegt das höchstwahrscheinlich daran, dass sie bislang nicht die Erfahrung gemacht hat, sich seiner Führung auch bedenkenlos hingeben zu können. Möglicherweise also ist der Widerstand, den sie verspüren, ganz verständlich, ja sogar natürlich und gesund. Ich würde Paare dazu einladen, ganz bewusst mit der Polarität von Yin und Yang zu spielen. Um auf diese Weise möglicherweise einander – und auch sich selbst – auf neue Weise zu erfahren. 

Miteinander zu spielen klingt auf jeden Fall viel verlockender, als an seiner Beziehung oder Sexualität arbeiten zu müssen.

Viele Männer würden ihren Frauen ja gerne der Fels in der Brandung sein, derjenige, der ihnen Halt gibt und sie führt. Leider aber haben sie nie gelernt, wie das geht. Ihre Väter waren schließlich grauenvolle Vorbilder, und die meisten Frauen in ihrem Leben in dieser Hinsicht eher Gegner als Verbündete. Ganz zwangsläufig scheiterten sie mit ihren unbeholfenen Versuchen am Yin der Frauen. Das nämlich hält Ausschau nach echter und integrer Führungsstärke, einschließlich der damit verbundenen emotionalen Kompetenz – und reagiert von daher nachvollziehbarerweise eher patzig auf den Eindruck eines kleinen Jungen, der den großen Mann mimt. Vielleicht können sich die zwei ja gegenseitig dabei unterstützen, alte Rollenmuster oder Selbstkonzepte abzustreifen und herauszufinden, was ihnen wirklich Spaß macht und gut tut. 

Du meinst, im Sinne eines „fake it, till you make it“?

Ganz genau. Im Grunde haben wir ja auch kaum eine andere Option. Wie hilfreich könnte es sein, wenn wir unsere*n Liebespartner*in in unserer sexuellen Entwicklung als Spielgefährt*in, Sparringspartn*ir und Kompliz*in nutzen dürften? Wäre das nicht ein Geschenk?

Das wäre es! Ich danke dir, Volker, für dieses Gespräch!

Die Freude, liebe Tina, war ganz meinerseits!

Veröffentlicht am

Ich will Sex! Wie belebe ich unser Liebesleben?

#Stayhome und #Lockdown während der Corona-Krise haben viele Paare dazu gezwungen, mehr Zeit miteinander zu verbringen. 24/7 zusammen war eine Herausforderung, aber auch eine Chance für die Liebe. Sexberaterin Heike Niemeier bekommt nun vermehrt Anrufe von Paaren, die ihr Sexleben wiederbeleben wollen. 

Ich glaube, es gibt nach Corona mehr Sex und mehr Scheidungen. Viele Paare sind jetzt aus ihrem alten Leben rauskatapultiert. Es ist wie im Urlaub: Man hat ganz viel Zeit für einander, doch statt Nähe und Freude kommt Frust auf. Die gemeinsamen Routinen sind aufgehoben, Nähe und Distanz außer Kraft gesetzt. Man sieht sich nicht nur morgens und abends, sondern 24/7. 

Es braucht ganz viel Mut und Muße diese Corona-Zeit als Paar gut und lebendig zu meistern. Es ist aber auch eine Riesenchance, denn man kann sich nicht ausweichen. Liebschaften außerhalb gehen nicht, alle Ablenkung fällt weg. Nur noch du und ich. Wenn man lange keinen (guten) Sex hatte, ist das eine einmalige Chance. Jetzt gilt es den Mut aufbringen und zu sagen: Ich hätte gerne mal wieder Sex mit Dir. 

Schwung ins Bett bringen

Wenn das zu Streit, Missbilligung und Augenrollen führt, dann liegt etwas im Argen. Im Moment melden sich deswegen vermehrt Menschen in meiner Praxis, die meine Unterstützung suchen, um wieder Schwung ins Bett zu bringen. 

Zuerst gilt es für mich als Sexberaterin zu klären: Kennen die beiden ihren Körper und wissen sie, wie man sich Lust verschaffen kann? Dann ist schon viel gewonnen, denn man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele Menschen weder sich noch ihre Lust kennen. Als Nächstes ist es wichtig Wünsche zu äußern, auch auf die Gefahr hin, dass der oder die andere erstmal überrascht ist. Wenn man es verbal nicht schafft, dann rate ich: „Schreibt euch Briefe!“. Oder legt ein gemeinsames Liebesbuch in der Wohnung aus, wo jede*r ehrlich und offen reinschreibt, was man besprechen möchte oder was man sich wünscht. Ohne dass das Geschriebene bewertet und abgewertet, sondern es als Anstoß für ein Gespräch genommen wird.

Regeln für ein Zwiegespräch

Zuhören ist aus meiner Erfahrung das Wichtigste. Die Regeln für so ein Zwiegespräch sind einfach: 1) Keine*r fällt dem oder der anderen ins Wort. 2) Jede*r hat die gleiche Redezeit. 3) Alle Handys auf Flugmodus. 4) Nicht beleidigend oder belächeln werden, sondern das Gehörte einfach mal zur Kenntnis nehmen. Wichtig ist, dass sich der Redende gehört und gesehen fühlt. Und 5) bitte keine Du-Botschaften senden, die dann dazu führen, dass sich der oder die andere rechtfertigen muss. 

Im Gespräch dann sagen, was einen verletzt hat oder was man sich wünscht. Man muss dann sehr achtsam mit sich und der anderen Person sein. Nicht vorpreschen, sondern lieber innehalten. Dem Gegenüber wirklich zuhören. Ich persönlich vereinbare immer, wenn ich presche, dann soll man mir die „rote Karte“ zeigen. Das ist mein Signal, dann halte ich erstmal inne. Solche Signale muss man vorab in Ruhe besprechen. Da können wir viel aus SM-Beziehungen lernen, denn dort werden Verhaltensregeln genau und im Voraus definiert. 

Verhandeln Sie!

Wenn beim Gespräch herauskommt,. der Mann wünscht sich mehr Sex, kann man erstmal über die Form reden. Reicht auch eine Berührung, ein Streicheln? Oder reicht es schon, wenn sie ihm beim Onanieren zuschaut und er das geil findet. Es gibt so viele Facetten, die man leben kann, bevor die Penetration stattfindet. Ich erkläre meinen Klient*innen auch immer wieder: Für mich fängt Sexualität schon beim Erzählen von Wünschen und Fantasien an. Auch Zuwendungen, also einfach mal nur zu geben und den anderen in den Schlaf zu streicheln, zähle ich schon in die Sexualität. 

Es gibt so viele Möglichkeiten sich wieder näherzukommen. Man kann beschließen, jede Woche darf eine*r einen Wunsch äußern, dann kann man nachfühlen, ob man sich das Gewünschte vorstellen kann. Die Woche darauf ist der oder die andere dann dran. 

Schluss mit Orgasmuswahn

Oder man liest sich bei einem Glas Rotwein tolle Bücher vor. „Vogelweide“ von Uwe Timm, James Baldwins „Giovannis Zimmer“ oder „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ (Liebesbriefe berühmter Frauen und Männern herausgegeben von Petra Müller und Rainer Wieland). Große Literatur bringt uns in das miteinander Sprechen, aber bitte nicht „Fifty Shades of Grey“. 

Vergessen sie einfach mal für ein paar Tage Orgasmuswahn und Penetrationswahn. Einfach mal befummeln, lecken, knutschen und dann ganz satt nebeneinander liegen. Nur stoppen, um Sekt und Sandwiche zu genießen. Und dann geht’s wieder weiter. Sex soll nichts haben von: Jetzt müssen wir fertig werden! Probieren sie auch ruhig mal Sex-Toys, weil die so dolle brummen – und es einen total abturnt (oder auch nicht). Vielleicht bringt es sie auch zum miteinander Lachen, denn Humor ist auch beim Sex großartig.

Spielregeln klar besprechen

Bei speziellen Wünschen im Zwiegespräch gilt: Aussprechen, verhandeln, zuhören. Erst später geht man ins Gefühl. Er will in den Swingerclub? Zuhören! Und erst später in sich reinfühlen: Wie fühle ich mich dabei? Was sind meine Ängste? Oder was kommt da noch hoch in mir? Dann aussprechen und verhandeln.

Im nächsten Schritt ist es wichtig, die Spielregeln klar zurren: Will er im Swingerclub mit anderen Frauen Sex haben? Darf sie dann mit anderen Männern Sex haben? Darf sie die Frauen für ihn und er die Männer für sie aussuchen? Oder geht man nur hin, um sich Appetit für Zuhause zu holen?

Reden Sie mehr miteinander

Oder ein anderes Beispiel: Ein Dreier ist gewünscht. Wie sieht der konkret aus: 2 Männer mit 1 Frau? Oder 2 Frauen und 1 Mann? Wer sucht den Dritten aus? Ist Penetrationssex erlaubt? Darf sie das Sperma des anderen Mannes schlucken? Sollen die zwei Frauen Spaß haben und er guckt zu usw.? Sowas muss vorab besprochen werden, sonst wird es ein Trauerspiel. 

Aber egal das allerwichtigste ist: Sprecht mehr miteinander. Und das bitte nicht nur in der Corona-Krise. 

Veröffentlicht am

Patriarchat: Wir leben nicht in einer Männerwelt, sondern in einer vom Yang beherrschten Zeit

Mann vor Tafel, mit gezeichneten Muskeln

„It’s a Man’s Man’s World…?“ Paar-Therapeut Volker Schmidt widerspricht: „Was diese Welt dringend braucht, sind nicht mehr Frauen in Führungspositionen, sondern mehr Yin.“ Was genau er damit meint, erzählt er uns im Interview.

Lieber Volker, trotz aller Erfolge der feministischen Bewegungen in den vergangenen Jahrzehnten liegt bis heute der Löwenanteil des weltweiten Vermögens, ebenso wie die allermeisten Schalthebel in Politik und Wirtschaft, fest in männlicher Hand. Die Mehrheit aller weitreichenden und folgenschweren Entscheidungen wird von Männern gefällt. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Diese Welt wird von Männern dominiert. It’s a Man’s World. Wie siehst Du das?

Ich stimme dir vollkommen zu: In dieser Welt gibt es – ebenso wie bei uns im Land – noch eine Menge zu tun, wenn es darum geht, Frauen und Männer rechtlich, wirtschaftlich und sozial gleichzustellen. Es gibt also noch viel für die Rechte, die Anerkennung und die Mitgestaltungsmöglichkeiten von Frauen zu tun. Dennoch greift der Gedanke der „Männerwelt“ in meinen Augen zu kurz. 

Was meinst Du?

Die meisten Männer, mit denen ich mich in den vergangenen Jahren unterhalten habe, machten auf mich interessanterweise so gar nicht den Eindruck, sich selbst für besondere Gewinnertypen zu halten. Wir richten allzu leicht unseren Finger auf „die da oben“. Was wir übersehen, ist, dass auch „die da ganz unten“ mit überwiegender Mehrheit Männer sind. Nicht nur auf den Chefsesseln sind die Männer in der Überzahl, sondern auch in den Gefängniszellen, in den Suchtkliniken und unter den Brücken. Mehr Männer als Frauen sterben, ohne jemals im Leben die erotische Liebe erfahren zu haben. Dreimal so viele Männer wie Frauen sterben in Deutschland durch die eigene Hand. Das klingt mir nicht danach, als wären Mann sein in unserer Welt per se so etwas wie ein Hauptgewinn.

Was sagt Dir das?

Ich behaupte, dass der Ansatz mehr Frauen mit Führungsposten zu betrauen, so sehr ich ihn auch vertrete, unserer Welt nicht den grundlegenden Wandel bringt, den sie ganz offensichtlich dringend braucht. Die Gründe für den aktuell desolaten Zustand unseres Planeten liegen darin, dass hinter den allermeisten Entscheidungen ein ganz bestimmtes Denken steht – eines, das statt auf Kooperation und das Entwickeln von Synergien lieber auf Konkurrenz und Eroberung setzt, statt auf gute Problemlösungen auf schnelle Problemlösungen und statt auf das Gemeinwohl auf die Ikonisierung einzelner Gewinner.

Volker Schmidt

Paar-Therapeut

Viele Frauen würden nun sagen: „Typisch männlich!“

Ich weiß! (lacht) Genau an dieser Stelle liegt der große Denk- oder Interpretationsfehler. Die gerade genannten Eigenschaften könnten wir mit etwas gutem Willen auch positiver beschreiben als Klarheit, Zielfokussierung, Lösungsorientierung oder Abenteuergeist. Eingesetzt zum Guten in der Welt sind dies wunderbare Fähigkeiten. Stehen hinter ihnen allerdings selbstsüchtige Motive, bringen dieselben Fähigkeiten Leid und Zerstörung über die Welt. Und diese Fähigkeiten sind halt überhaupt nicht „typisch Mann“. Sie sind „typisch Yang“. Und das Gegenteil davon ist eben nicht „typisch Frau“, sondern „typisch Yin“.

Du verwendest hier zwei Begriffe aus dem Daoismus.

Das Bild von Yin und Yang ist leicht verständlich und daher ja auch weit verbreitet. Übrigens finden wir historische Darstellungen dieses Symbols nicht nur in Asien, sondern auch bei den alten Römern, den Etruskern und den Kelten. Ursprünglich war das sogenannte „Taijitu” eine schlichte Gegenüberstellung von polaren Qualitäten. Das I-Ging beschreibt die Polaritäten Yang und Yin als stark und schwach, gebend und empfangend, aktiv und passiv.

Aber eben auch als männlich und weiblich.

Ja, das stimmt. Leider ist der Denkfehler von „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ vielerorts bis heute gehalten. Ich behaupte auch gar nicht, dass diese Assoziation dumm oder unplausibel wäre. Sie ist nur halt in meinen Augen nicht ganz bis zu Ende gedacht. In der Tat dringt ja der männliche Körper in der sexuellen Vereinigung in den weiblichen ein und gibt seinen Samen in sie. Die Vagina der Frau empfängt den Penis des Mannes und sein Sperma. Außerdem weiß ich aus inzwischen jahrelanger Erfahrung als Sexcoach und Paartherapeut, dass ziemlich viele Frauen (unabhängig von Alter oder Bildungsstand) es beim Sex durchaus zu lieben wissen, sich ihrem Mann bedingungslos hinzugeben und auszuliefern, von ihm genommen, ausgefüllt und schließlich mit seinem Samen beschenkt zu werden. Gerade vor meinem Hintergrund sehe ich also, dass die Zuordnung von „Yang“ zu „Mann“ und „Yin“ zu „Frau“ schon ziemlich plausibel ist. Dennoch halte ich sie für schwer toxisch.

„Toxisch“ ist ein großes Wort. Was genau meinst Du an dieser Stelle damit?

Ich meine, dass wir einen großen Fehler begehen, wenn wir die reine Beobachtung einer (durchaus bedeutenden und bemerkenswerten) statistischen Häufung zum Anlass nehmen, daraus eine allgemeingültige Regel abzuleiten. Mehr noch: eine Norm!

Eine Norm wofür?

Eine Norm dafür, was es bedeutet oder wie man zu sein hat, um „ein richtiger Mann“ zu sein oder „eine richtige Frau“. Yang steht für stark, gebend und aktiv, aber auch für rational, zielorientiert, entschlossen, fokussiert, dominant, problemlösend, leistungsbewusst und geradlinig. Wenn ein Mann in unserer Kultur diese Eigenschaften zum Ausdruck bringt, dann ist er auch „ein echter Mann“. Was aber, wenn man als Frau am liebsten geradlinig und zielorientiert denkt und dafür bekannt ist, die eigenen Projekte entschlossen anzupacken und zum Ziel zu bringen? Was für eine Frau ist man dann?

Buchcover / PR

Ich weiß, worauf Du hinaus willst. Dann denken manche, man wäre „irgendwie halt so keine ganz richtige Frau“.

Ganz genau! Werfen wir nun einen Blick auf das Yin: Yin steht für weich, empfangend und passiv, aber auch für emotional, mitfühlend, anpassungsfähig, ganzheitlich, folgend, impulsiv, gemeinschaftsorientiert und hingebungsvoll. Wer als Frau diese Qualitäten verkörpert, der wird von manch anderen zwar möglicherweise abschätzig belächelt. Niemand aber würde in Frage stellen, dass eine Frau mit diesen Eigenschaften definitiv und ohne Zweifel ziemlich „typisch Frau“ ist. Was aber, wenn ein Mann sich am liebsten zart, empfindsam und mitfühlend zeigt und in der Lust viel lieber folgt als führt? 

Dann würde man sagen: „Das sind halt kein richtiger Mann“. 

Und ganz genau darum halte ich die Zuordnung von „typisch Mann“ und „typisch Frau“ für massiv toxisch. Das Yin, also jene Qualität, die viele von uns bislang noch mit „typisch weiblich“ gleichsetzen, übrigens hat in unserer Kultur derzeit insgesamt einen ziemlich schweren Stand. 

Wer will schon schwach und passiv sein?

Niemand! Genau! Das ist das große Mantra unserer Kultur: Immer groß und stark, immer zielorientiert und leistungsbewusst, immer den Stier bei den Hörnern packen und gen Himmel schleudern – höher, schneller, weiter! Das ist es, was wir in unserer Kultur gut finden. Und tatsächlich finden wir diese innere Ausrichtung tendenziell (aber eben nur dies: tendenziell!) eher bei Männern als bei Frauen. Das Mitfühlende aber, das Sinnliche, das Ganz-Und-Gar-Im-Augenblick-Aufgehende, das Bedingungslos-Annehmende, das Widersprüchliche, Intuitive und Impulsive, die Kräfte des Yin also, betrachten viele von uns als unterentwickelt und minderwertig. Genau dies aber, so sage ich, sind Kräfte, die uns im Umgang mit den derzeitigen Problemen unseres Lebens und der Welt dringend fehlen. Darum sage ich: Wir brauchen nicht mehr Frauen an den Staats- und Unternehmensspitzen. Oder besser: nicht nur! Was wir an den Schaltstellen der Macht vor allem brauchen, ist mehr Mitgefühl und Zärtlichkeit im Umgang mit den Menschen sowie ein Verständnis von Wechselwirkungen und Synergien. Kernkompetenzen des Yin, mit denen Yang allein sich leider, wie wir allerorten unübersehbar feststellen, eher schwer tut.

Du sagst also, nicht die Männer sind das Problem, sondern ihre Art zu denken?

Unser aller Art zu denken! Wir alle wurden doch kulturell darauf geprägt, jene Persönlichkeitsmerkmale, die wir mit den Qualitäten des Yang verbinden, höher zu bewerten als diejenigen des Yin. Das gilt für Männer wie für Frauen gleichermaßen. Das Yang-Denken selbst ist dabei im Grunde gar kein Problem. Yang ist darauf ausgerichtet, die Welt zu verstehen, zu kontrollieren und nach eigenem Willen zu formen. Yang ist eine wunderbare Kraft, ohne die wir unzählige Entdeckungen und Erfindungen niemals gemacht hätten. Das Problem ist daher keinesfalls das Yang-Denken an sich, sondern unsere quasi-zwanghafte Fixierung darauf und die daraus über kurz oder lang zwangsläufig entstehende Angst vor allem Nichtlinearen, Unkontrollierbaren und Verwobenen, all jenem also, was Yin ausmacht und ist. 

Wer als Frau klar und straight auftritt, ist dann einfach eine Yang-Frau…

Oder noch geschmeidiger: Eine Frau, die hier und jetzt gerade ihre Yang-Kraft zeigt. Wer versteht, dass Yin und Yang psychologische Grundmuster unseres Umgangs mit der Welt darstellen und eben nicht typisch sind für das eine oder andere Geschlecht, kann viel freier und ungezwungener zwischen diesen Haltungen oder Herangehensweisen wechseln als diejenige, die sich fragt: „Ob es wohl ok ist, wenn ich das als Frau so mache?!?“.

Im Job tough und straight, im Schlafzimmer fügsam und hingebungsvoll?

Gerne! Oder eben halt auch umgekehrt. Je nachdem, was am ehesten dazu geeignet ist, aus der Situation, in der wir uns befinden, wirklich das für alle Seiten Beste zu machen. In den meisten Fällen brauchen wir dazu – im Schlafzimmer ebenso wie im Büro – eine Mischung aus Yang und Yin. Also eben nicht Entschlossenheit oder Annahme, sondern sowohl als auch. Nicht logisch oder empathisch, sondern sowohl als auch. Nicht geben oder empfangen, sondern sowohl als auch.

Wenn es doch immer beides braucht, wie Du sagst, warum dann überhaupt die Unterscheidung?

Weil wir alle, wie ich glaube, in der Wahl unserer eigenen Herangehensweisen an unser Leben mit all seinen Herausforderungen eine gewisse Tendenz darin haben, ob wir diesen auf Yang-Art oder Yin-Art begegnen. „Ein ganzer Mann“ oder „eine ganze Frau“ zu sein bedeutet aber schließlich nicht, dass wir nur den halben Werkzeugkoffer nutzen, den wir in dieses Leben mitbekommen haben, sondern den ganzen. Und zwar bestenfalls virtuos. Dadurch, dass wir das Yin und das Yang in uns kennenlernen, mit ihnen Freundschaft schließen und damit beginnen, sie beide wirklich zu ehren, werden diese Kräfte zu unseren Verbündeten. Wir reagieren dann nicht mehr gewohnheitsmäßig auf die eine oder andere Art, sondern sind imstande, bewusst zu wählen, was die Situation, in der wir uns befinden, wirklich von uns braucht. Ein bewussterer Umgang mit Yin und Yang führt zu einer anderen Politik, zu anderem Konsum und zu einem grundlegend anderen Umgang mit Spannungen oder Konflikten. Nicht zuletzt hat Verständnis dieser Kräfte massive, und zwar positive, Auswirkungen auf unsere Sexualität.

Einen schöneren Cliffhanger könnte ich mir kaum ausdenken. Wie das Wissen um Yin und Yang unser Sexleben bereichern kann, vertiefen wir im zweiten Teil dieses Interviews. Deine „famous last words“ an dieser Stelle und für heute?

Für alle Geschlechter dieselben: Mehr Yin wagen! Und einfach mal schauen, was passiert!

Den zweiten Teil des Gespräches mit Volker Schmidt über Frauen und Männer, Yin und Yang, lest ihr hier ab nächster Woche.

Veröffentlicht am

Lockdown-Sex: Vögeln statt hamstern? Teil 2

Küssendes Paar

Alle reden über Sex, doch die wenigsten Paare haben richtig guten Sex. Im Lockdown besteht nun die Chance, dass sich Paare wieder näherkommen und ihrer Sexualität neues Leben einhauchen. Liebescoach und Autor Volker Schmidt hat ein paar interessante Ideen dazu. Im zweiten Teil des Interviews geht es um einen konstruktiven Umgang mit Vorwürfen und Verletzungen.

Bitternis, Vorwürfe, Schweigen, emotionaler Rückzug… Gerade in der Quarantäne während der Corona-Krise zeigen sich alte Wunden oft wie im Brennglas. Wie wird aus grimmiger Anspannung wieder eine liebevolle sexuelle Entspannung?

Durch zwei Dinge: Erstens durch den Mut, uns einander ebenso wie auch uns selbst in allem, was in uns ist, zu offenbaren. Zweitens durch die innere Bereitschaft, auch ihn oder sie in all seinen oder ihren Empfindungen, Wünschen oder Sehnsüchten zu erfahren und anzunehmen. Jede Partnerschaft basiert auf Vertrauen. Um vertrauen zu können, müssen wir wissen, mit wem wir es eigentlich zu tun haben. Den besten Sex ebenso wie die besten Beziehungen haben diejenigen Menschen, die miteinander zu 100 % ehrlich sind.

Vollkommen ehrlich? Das könnte bei einigen wohl mächtig Sprengstoff beinhalten.

Ehrlich gesagt: Und wenn schon! Was genau würde denn durch diesen Sprengstoff schlimmstenfalls kaputtgehen? Doch wohl nur Beziehungen, in denen die sogenannten „Partner“ sich seit Jahren gegenseitig verletzen, ignorieren, anlügen oder manipulieren. Ich persönlich fände es ja nicht allzu schlimm, wenn wir von dieser Art von Beziehungen in Zukunft ein paar weniger hätten als heute.

Was macht man, wenn das Gespräch in die falsche Richtung läuft? Wenn es eine Ansammlung von Vorwürfen wird? 

Wenn wir bemerken, dass wir in einer Schlammschlacht stecken, dann haben wir die Wahl: Entweder wir können unsere Partnerin oder unseren Partner dafür beschimpfen, dass dem so ist, ihn oder sie anklagen und beschuldigen. Oder aber wir erkennen, dass wir beide gerade hinter unseren vordergründigen Attacken aufeinander zutiefst verletzt oder verunsichert sind. Wir könnten erkennen, dass es uns beiden gerade echt nicht gut geht, dass wir uns beide danach sehnen, uns liebevoll gesehen und angenommen zu fühlen. Der Ausstieg aus dem Täter-Opfer-Spiel wird möglich, wenn wir bereit sind, uns wirklich ineinander einzufühlen. Wenn wir erkennen, dass es in diesem Streit weder Schuld noch Täter gibt, sondern nur zwei Verletzte, halbblind vor Schmerz.

Du deutest es schon an. Diese Art von Einsicht ist manchmal nicht so leicht, wenn man selbst oder der*die andere seiner*ihrer Wut und Verletztheit kocht.

Jetzt kommt der Clou, aber der zieht halt nur, wenn wir uns selbst gegenüber zuvor ein klares Commitment gegeben haben (siehe erster Teil des Interviews): Selbst wenn der oder die andere es gerade nicht schafft, liebevoll und wohlwollend mit uns umzugehen, so hält uns nichts (außer falsch verstandener Stolz vielleicht) davon ab, uns dazu zu entscheiden, ihn oder sie dennoch liebevoll und wohlwollend zu behandeln. Und zwar ganz allein darum, weil wir es uns selbst geschworen haben, mit diesem Menschen, liebevoll und wohlwollend umzugehen, als Verbündete in gemeinsamer Sache.

Und wenn der andere nicht mitzieht, sondern im Vorwurfsmodus bleibt?

Es ist ziemlich schwer, einem Menschen gegenüber, von dem wir uns wirklich liebevoll gesehen und geachtet fühlen, länger als ein paar Minuten rasenden Zorn zu empfinden. Mitgefühl und Wohlwollen sind ebenso ansteckend wie Zorn oder Groll. Das unterschätzen wir oft. Das gilt allerdings nur, solange dieses Mitgefühl und Wohlwollen auch durch und durch echt sind. Gerade in emotional aufgewühlten Zuständen reagieren wir schließlich sehr fein auf kleinste Inkonsistenzen in Sprache und Mimik. Haben wir den Eindruck, unser Gegenüber ist nicht ganz echt und authentisch, reagieren wir in aller Regel recht direkt mit einer Verhärtung unserer Positionen. Gegen den Eindruck wahrhaftigen und entschlossenen Mitgefühls und Wohlwollens jedoch haben Zorn und Groll einen schweren Stand. Wir machen uns auch dies nur selten bewusst.

Buchcover / PR

Und zum Schluss: ein famous last word.

Ist vielleicht auch noch Platz für zwei? Ich fasse mich auch kurz!

Na dann los!

Mein erstes famous last word ist „Un-Verschämtheit“. Lassen wir uns folgende pragmatische Erkenntnis auf der Zunge zergehen: Was unseren Partner oder unsere Partnerin oder uns erregt, haben weder er oder sie noch wir selbst uns ausgesucht. Das bedeutet: Was uns erregt, dafür sind wir nicht verantwortlich. Keine*r von uns. Wofür wir allerdings verantwortlich sind, ist was wir aus diesem Wissen machen. Wir können uns selbst oder einander dafür anklagen oder belächeln. Diese Wahl steht uns selbstverständlich offen. Wir haben aber auch die Wahl, dieses Wissen über uns selbst und einander dafür zu nutzen, ebenso uns selbst wie auch einander immer wieder wunderschöne Gefühle zu bescheren. Mein Tipp lautet nur: Nutzt diese Wahl und nutzt sie weise.

Und dein zweites famous last word?

Heißt „Lust“. Auch hier geht es darum, zu erkennen, dass wir eine Menge Wahlmöglichkeiten haben – und diese bewusst und in unserem Sinne zu nutzen. Für manche Menschen ist erotische Lust etwas, das sich quasi zufällig einstellt oder halt nicht. Sie haben jetzt gerade Lust. Oder halt nicht. Das ist halt so bei ihnen. Da können sie nichts dran drehen. Und ich will ihnen da auch nicht reinquatschen. Andererseits jedoch gibt es Menschen, die in ihrer Lust etwas sehen, das sie aktiv und bewusst hervorrufen, gestalten und formen können. Sie können ihre Lust und ihre sexuelle Erregung gezielt wecken, nähren und vermehren. Sie schenken ihr Liebe, Aufmerksamkeit und Zeit, sodass sie unter ihren Händen wie in ihrem Leben gedeiht und blüht. Die eigene Lust ebenso wie die ihrer Partnerin oder ihres Partners. Ich will nicht sagen, dass die zweite Gruppe von Liebenden alles besser macht als die Erste, aber sie hat mit großer Sicherheit mehr Spaß an ihrer Beziehung und ihrem Leben. Auch hier empfehle (und wünsche) ich uns allen daher eine kluge und bewusste Wahl.

Ich danke dir, Volker!

Es war mir eine Freude, Tina!

Was können wir sonst noch tun, wenn die Resignation von unserer partnerschaftlichen Sexualität Besitz ergriffen hat? Lies weiter! Dies und mehr erfährst Du im ersten Teil des Interviews…

Veröffentlicht am

Wie gelingt „Sex worth wanting”, also Sex, von dem man nicht genug bekommen kann?

Heike Niemeier trifft Volker Schmidt. Kennengelernt haben sich die beiden beim „Barcamp Sex” in Leipzig. Danach hat Heike sein  Buch „Untervögelt – Macht zu wenig (guter!) Sex uns hässlich, krank und dumm?“ gelesen. Ein provokanter Titel – eine gute Frage? Im Interview unterhalten sich die Sexberaterin und der Sexperte über Klischees wie Heilige oder Hure und den angeblich so triebgesteuerten Mann, über Mangelgefühle beim Sex und wie man zu Sex worth wanting kommt. 

Volker, du lachst mich so fröhlich an. Was macht Dir so gute Laune?

Ich freue mich darüber, hier mit Dir zu sitzen und in einem Forum über unsere Sexualität zu sprechen, dessen Ressort den Namen „Happy Vagina“ trägt. Ich freue mich riesig darüber! Weil es mir zeigt, dass der kulturelle Wandel, den ich für so dringend und wichtig halte, längst im Gange ist.

Was meinst Du damit?

Naja, es ist noch gar nicht so lange her, und ich habe es erlebt, da war „Sex“ ein Thema, über das niemand ernsthaft sprach. Weder in der Öffentlichkeit, noch zwischen Freunden oder Freundinnen, noch nicht einmal zwischen Liebes- und Sexualpartner*innen wurde offen darüber gesprochen. Dass eine Vulva oder Vagina überhaupt glücklich oder unglücklich sein könnte, darüber hat sich damals niemand (fast niemand!) Gedanken gemacht. Und jetzt sitzen wir zwei hier bei „Happy Vagina“ und sprechen darüber, was es bräuchte, damit mehr Vulven und Vaginen sexuell wirklich satt und happy sind. Von den Penissen ganz zu schweigen. Ich finde das großartig!

Womit wir direkt beim Titel deines Buches wären. Also, was heißt „untervögelt“ für Dich Volker?

Ich persönlich finde ja den Titel meines Buches gar nicht so provokant formuliert. Zumal die wissenschaftliche nüchterne Antwort auf die Titel-Frage lautet: „Es sieht verdammt nochmal ganz danach aus!“. Leider haben sich allerdings in meinen Augen nur die wenigsten von uns über ihr Sexualleben jemals wirklich Gedanken gemacht.

Das Adjektiv “„untervögelt“ bezeichnet in meinen Augen einen Zustand subjektiven Mangelgefühls, verbunden mit dem Wunsch danach, diesen zu beheben. Von der Warte aus betrachtet ist das Wort nicht provokanter oder bissiger als Begriffe wie „hungrig“,  „durstig“ oder „müde“. Sie alle bringen zum Ausdruck, dass unserem System bedeutsame Ressourcen fehlen, die wir brauchen, um zu blühen, zu gedeihen und unser physisches wie psychisches Potenzial zur Entfaltung zu bringen.

Du meinst also, wir alle bräuchten einfach mehr Sex, und dann würde es uns besser gehen?

Nein! Da bin ich kleinkariert. Das, was uns in meinen Augen fehlt, ist nicht irgendwelcher Sex, sondern richtig guter Sex. Es geht um das, was die kanadische Sexualforscherin Peggy Kleinplatz so herrlich treffend in dem Begriff „sex worth wanting“ fasst. Den allerdings haben, so wie ich es derzeit sehe, nur die wenigsten bei uns im Lande jemals wirklich erleben dürfen. 

Was für ein vernichtendes Urteil über den Sex in unserem Land.

VS: Wir leben in einer Kultur, in der meiner Auffassung nach die meisten der heute erwachsenen Menschen ein schwer gespaltenes Verhältnis zu ihrer eigenen Sexualität mit sich herumtragen. Sie spüren, da ist etwas, das ihnen guttut, wonach sie sich sehnen. Doch sie haben gelernt, dass Wollust und sexuelles Begehren niedere Triebe sind, über die sie sich zu erheben hätten. Die männliche Sexualität wurde über Jahrzehnte als triebgesteuert und minderwertig betrachtet, die weibliche Sexualität als unschuldig, zart, heilig, kurz gesagt: verkümmert. 

Oder genau andersrum! Stichwort: „Heilige oder Hure“!

VS: Das sind polarisierende Spottworte, die bilderbuchhaft widerspiegeln, wie infantil und unreflektiert unser Umgang mit unserer Sexualität ist. Weder das Bild der Heiligen noch das der Hure ist ja wirklich attraktiv oder gar begehrenswert. Allerdings maskieren diese Begriffe zwei Kräfte, die nicht nur in jeder und jedem von uns vorhanden sind, sondern die darüber hinaus geradezu wundervoll unsere Sexualität bereichern. Schlimmer noch: Ich behaupte, wenn diese Kräfte fehlen oder unterdrückt werden, dann werden wir unsere Sexualität niemals wirklich als erfüllt und erfüllend erfahren. Ich nenne diese innerpsychischen Aspekte in uns „den Engel“ und „das Tier“.

Hm… Ich kann zwar nicht für alle Frauen sprechen, aber mir fällt es tatsächlich bedeutend leichter, mich mit „dem Engel in mir“ und mit „dem wilden Tier in mir“ zu identifizieren. 

Das gilt ja nicht nur für euch Frauen, sondern für die allermeisten: Niemand hat uns beigebracht, unsere eigene Sexualität zu ehren, sie zu feiern und ihr in unserem Leben substanziell Raum zu geben. Niemand hat uns beigebracht, welche Freude und Fülle entstehen können, wenn sich zwei Menschen in diesem Feld offen, frei und hingebungsvoll zu begegnen wissen. Im Gegenteil! Wir haben gelernt, unser Innerstes, unsere Gedanken, Gefühle und Impulse, voreinander zu verbergen, uns über unsere wahren Gefühle und Absichten zu täuschen, um in der Lage zu sein, einander zu manipulieren und kontrollieren. Das aber verhindert nicht nur zwingend, uns jemals in der Liebe auf Augenhöhe zu begegnen, sondern es hält uns auch davon ab, jemals zu erfahren, wie beglückend, nährend und erfüllend unsere Sexualität sein könnte.

Ich stimme Dir zu, dass wir wenig Selbstbewusstsein im Kontext Sexualität mit auf den Weg bekommen haben und uns auch heute noch in „alten“ Rollenbildern verzetteln. Wie aber schaffen wir es, dass Jungen und Mädchen, Männer und Frauen, einen neugierigen und selbstbestimmten Umgang mit ihrer Sexualität leben können? Nach wie vor wird heutzutage ein weiblicher Umgang mit Lust negativ rezensiert und nicht positiv in der Gesellschaft betrachtet. 

Das gilt für beide Geschlechter! Vergessen wir nicht, wie leichtfertig wir nicht nur sexuell selbstbewusste Frauen als „Schlampen“ abfertigen, sondern auch ebensolche Männer als „schwanzgesteuert“. Vergib mir, wenn ich mich wiederhole, aber dies ist mir wichtig. Ich glaube, wir werden wirkliche sexuelle Erfüllung erst dann erleben, wenn alle Menschen aller Geschlechter sich in ihrer Sexualität frei, gewollt und verehrt fühlen!

Einverstanden. Uneingeschränkt. Wie aber nun schaffen wir in unserer Kultur den Raum und die Bedingungen dafür, dass beide oder alle Geschlechter sich selbstbestimmt in ihrer Sexualität erkunden und erfahren können? Wo können wir ansetzen?

Woanders als bei uns selbst und genau da, wo wir sind? Und zwar jeder und jede einzelne von uns. Ich glaube, diese sexuelle Revolution findet weniger auf der Straße oder in den Medien statt als morgens im heimischen Badezimmer beim Blick in den Spiegel. Der erste Schritt hin zu wirklicher sexueller Erfüllung besteht darin, uns selbst wirklich anzuschauen und anzunehmen mit allem, was wir sind. Damit meine ich: mit all unseren Prägungen und Sehnsüchten, unserer Unbeholfenheit, unserer irrationalen Scham und unseren offenen (vielleicht sogar nie gestellten) Fragen. Eine meiner Grundregeln lautet: „Was da ist, ist da. (Und hört auch nicht auf damit, da zu sein, wenn wir es doof finden!)“. Was auch immer wir tun, wir bringen all das mit ein, was wir sind und was wir über uns selbst glauben. Wir vergessen leicht, wie tief die Prägungen und Erfahrungen in uns sitzen. Wer glaubt, all dies ablegen zu müssen, bevor sexuelle Erfüllung möglich ist, wird diesen Zustand höchstwahrscheinlich niemals erfahren. Vielen von uns erscheint es als absurd oder irgendwie unzulässig, einen Weg einzuschlagen, dessen Ziel nichts anderes ist als unser eigenes Glück. Ich sage jetzt nicht nur: „Es ist zulässig“, sondern darüber hinaus noch: „Es ist gesund.“.

Das klingt mir jetzt doch ein bisschen arg einfach …

Im Grunde ist es doch genauso einfach. Ich fasse es mal ganz Yang-typisch linkshirnig in fünf Schritte: 

Schritt 1: Wir beginnen damit, uns selbst (endlich!) anzunehmen und zu lieben, mit allem, was wir sind. 

Schritt 2: Wir erkennen an, dass dies unser einziges Leben ist und niemand außer uns darüber entscheiden kann, wie wir dieses (eine!) Leben nutzen. 

Schritt 3: Wir beginnen zu ahnen oder gar zu begreifen, dass das, was uns über Sex beigebracht wurde, und das, was wir bislang erfahren haben, potenziell wenig bis gar nichts damit zu tun hat, was uns in Sachen Sex zu erleben, zu erfahren und zu fühlen möglich ist. 

Schritt 4: Wir entscheiden uns dazu, dem Feature „erfüllte und erfüllende Sexualität“ einen substanziellen Platz auf der Prioritätenliste unseres (einen!) Lebens zu geben. 

Schritt 5: Wir lassen den Entscheidungen konsequente Taten folgen. In meinen Augen ist „sex worth wanting“ keine Frage von Körpermaßen oder akrobatischem Talent, sondern von Bewusstheit, Selbstverantwortung und Konsequenz. 

Das ist aber nicht so einfach wie es sich anhört.

(Lacht) Das war jetzt zu linkshirnig, oder?!

(Lacht) Ein bisschen …

Wie siehst Du das als Sexberaterin – und als Frau?

Ich bin, was deine 5 Schritte anbelangt, bei Dir. Aber wie lange habe ich gebraucht, um allein Schritt 1 zu gehen? Ich bin sicher noch nicht am Ende angekommen und ich halte mich für eine durchaus reflektierte und kluge Frau. Trotzdem hadere ich manchmal immer noch mit meinen Äußerlichkeiten und stehe dann meinem eigenen Loslassen, Fallenlassen und meiner Freude im Weg. Es ist ein lebenslanger Lern- und Bewusstwerdungsprozess, der auch sehr abhängig ist davon, welchen Menschen ich begegne und mit wem ich welche Art von Erfahrungen mache. 

Ich benenne ja nicht ohne Grund „ein gesundes Körperbewusstsein“ und „ein gesundes Selbstbewusstsein“ als Basiszutaten für das, was ich „richtig guten Sex“ nenne. Ich weiß: Das ist ebenso wahr wie leicht daher gesagt. Schließlich sind doch die meisten von uns in einer Kultur geprägt und sozialisiert worden, die sie vermittelte, sie selbst seien in irgendeiner Weise minderwertig und ihre Gefühle und Bedürfnisse wären daher bedeutungslos. Sind derart toxische Gedanken erst einmal Teil des eigenen Selbstkonzepts, dann drängt es sich ja geradezu auf, unser Umfeld beständig zu täuschen und zu manipulieren. Wir haben Angst davor, uns einander wirklich authentisch zu offenbaren. Das würde schließlich bedeuten, dass die anderen Menschen sehen würden, wie unvollkommen und vor allem, wie verletzlich wir sind. Je wichtiger uns dabei ein anderer Mensch wird, desto größer wird unsere Angst, von ihm/ihr verletzt oder verlassen zu werden. So kommt es, dass viele von uns umso mehr lügen, täuschen und verschweigen, je bedeutender uns ein Mensch ist. Ist das nicht zynisch?

Ich weiß, Du übst schwere Kritik am Umgang unserer Kultur mit unserer Sexualität.

VS: Ja, verdammt! Dir als Frau wurde beigebracht, dass weibliche Attraktivität vor allem eine Frage der Optik ist: Wer nicht die richtigen Körpermaße hat oder die richtigen Rundungen an den richtigen Stellen, ist, so das Mantra, als Frau halt eine mangelhafte Partie. Mir als Mann wurden andere Märchen erzählt, interessanterweise aber mit dem gleichen Ergebnis. Was Körbchengröße oder BMI für euch Frauen, das waren und sind für uns Männer bis heute die wirtschaftliche und soziale Stellung sowie der Stand des eigenen Kontos. Wer hier nicht die richtigen Karten auszuspielen in der Lage ist, ist als Mann ein jämmerliches Modell. 

Wo liegt Deiner Meinung nach der Ausweg? Wie erschafft man eine positive und bejahende Sexualkultur? 

VS: Naja … Vielleicht, so denke ich manchmal, liegt der Ausweg genau da, wo wir bislang nur das Problem sehen. Da wir Menschen soziale Wesen sind, lernen wir die meisten Dinge in unserem Leben durch Vorbild und Nachahmung. Was wäre, frage ich mich, wenn wir den Menschen in unserem Land neue Vorbilder anbieten würden? Vorbilder, die uns verdeutlichen, wie viel Freiheit und Lebensfreude entstehen können, wenn wir uns einander wirklich wahrhaftig und authentisch zeigen. Vorbilder, die uns Mut machen, uns mit unserer Wahrheit, unseren Gefühlen und Wünschen zuzumuten. Vorbilder, die uns einladen dazu, aus dem Spiel der Täuschung und Manipulation auszusteigen und stattdessen selbst zu definieren, nach welchen Regeln wir das Spiel dieses einen Lebens, das uns geschenkt wurde, spielen wollen. 

Wen meinst Du damit? Uns Beraterinnen, Therapeutinnen und Coaches?

Ich meine damit uns alle. Jede und jeden von uns. Wir selbst können unseren Liebespartner*innen und sexuellen Freund*innen ein Beispiel dafür geben, was es heißt, uns selbst und unsere/n Liebste/n dazu einzuladen, mit allem da zu sein, was ist. Mit allen Gefühlen, allen Gedanken, allen irrationalen Mustern, aber auch mit allen Wünschen, Sehnsüchten oder Ideen. Wenn du mich nach dem einen Hebel fragst, der den Prozess unserer sexuellen Befreiung in Gang setzt, dann ist es der Hebel einer entschlossenen Entscheidung.

Einer Entscheidung wozu genau?

Einer Entscheidung dazu, uns selbst und unsere sexuelle Erfüllung exakt und auf den Punkt genauso wichtig zu nehmen wie die unseres Liebesgefährten oder unserer Liebesgefährtin. Es mag nicht unsere Aufgabe sein, ihm oder ihr alle Wünsche oder Sehnsüchte zu erfüllen, aber er oder sie hat doch das ebenso bedingungslose Geburtsrecht darauf, in selbstbestimmter sexueller Fülle zu leben wie wir selbst. Darüber hinaus ist wissenschaftlich belegt, dass wir Menschen gegenüber, deren Gegenwart wir als … ich sage mal: „unserer sexuellen Erfüllung zuträglich“ erfahren, weitaus wohlwollender gegenüber gestimmt sind als solchen, die wir als Hindernisse auf dem Weg dahin empfinden.

Eine Entscheidung dazu, immer wieder „wirklich guten Sex“ miteinander zu haben?

Eine Entscheidung dazu, das Thema „sexuelle Fülle“ im eigenen Leben wichtig zu nehmen. Für uns selbst mit uns allein, Stichwort „Masturbation“, und natürlich umso mehr, wenn vorhanden, als Thema mit unseren Liebes- und/oder Sexualpartner*innen.

Das hat uns nun wirklich niemand beigebracht …

Naja, ist halt so. Genau darum ist es halt nun an uns, es unseren Freund*innen und Geliebt*innen, und als Eltern auch, es unseren Kindern beizubringen …

Sorry, wenn ich kurz unterbreche, aber die Schulen sollten hier auch mit in die Verantwortung genommen werden. Dieses Zusammenspiel von Eltern und Schulen könnte (Betonung liegt auf könnte) eine Sexualität, die den eigenen Wünschen und Vorlieben entspricht wirklich fördern. 

 Ja, wie schön wäre es, wenn Kinder in der Schule bereits lernten, mit ihrer Sexualität selbstbewusst und natürlich umzugehen und offen miteinander darüber zu kommunizieren. Ich sehe das genauso wie du!

Prima, aber nun Volker hätte ich von Dir gerne noch ein knackiges Statement zum Schluss!

(Überlegt) Unsere Sexualität ist eine Urkraft in jeder und jedem von uns. Wir alle spüren sie auf die eine oder andere Weise. Sie ist existenziell verbunden mit unserem Selbstbild und unserem Selbstwertempfinden. Es ist an der Zeit, dass wir dieser Bedeutung Rechnung tragen und uns bewusst mit uns selbst und unserer Sexualität auseinandersetzen. Dass wir uns erlauben, echte sexuelle Fülle für machbar und für möglich zu halten. Und dass wir uns entscheiden dafür, dieser sexuellen Fülle substanziell Platz und Priorität in unserem Leben zu geben. Wie heißt es in dem schönen Sprichwort: „Glückliche Mösen, glückliches Land!“

(Lacht) Das ist kein Sprichwort!

(Lacht) Aber vielleicht könnte es eines werde!

Vielen Dank Volker für das Interview. Ich kann jetzt nur noch einmal das Buch empfehlen: Es ist ernst, es ist lustig, es ist wissenschaftlich, es ist unterhaltsam. Also bitte lesen!

Veröffentlicht am

Anna lebt ihr sexuelles Erwachen im Swinger Club aus

Unsere Autorin Heike liebt die Deutsche Bahn, weil sie im Speisewagen stets  inspirierende Gespräche führt. Diesmal erzählte ihr Anna von der Leere vor der Scheidung, vom Finden der eigenen sexuellen Lust, der großen Liebe und den gemeinsamen Abenteuern im Swinger Club.

Anna ist 50 Jahre alt, das zweite Mal verheiratet und hat zwei große Kinder. Nun könnte ich denken, noch so ein Klischee: Hausfrau, Kinder sind aus dem Haus und jetzt gibt es sexuelle Abwechslung in Form des Swinger Clubs. Weit gefehlt. Hier ihre Geschichte.

Im Prinzip hat Anna ganz brav mit all den romantischen Vorstellungen angefangen, darüber, wie Beziehungen zu sein haben, inklusive des Wartens, weil der Typ schon wieder mal nicht anruft.Diesen Klassiker – nicht zu vergessen das nachschauen, ob das Telefon überhaupt noch funktioniert – -kennen sicher viele, mich eingeschlossen.

Ehe: Stabilität statt leidenschaftlichem Sex

Sie lernte ihren ersten Mann kennen, der ihr Verlässlichkeit und Sicherheit gab. Der Sex war ok. Sie ist dann auch schnell das erste Mal schwanger geworden, bald darauf das zweite Mal. Aber in der Körperlichkeit waren sie weit voneinander entfernt. Es fühlte sich an, wie bei zwei sehr guten Freunden. Scheinbar fehlte die Leidenschaft. Aber wie stellte sich Anna damals Leidenschaft vor?

Ihr Bild von Leidenschaft war geprägt von Hollywood-Romanzen und dem romantischen Liebesbegriff des „Happy ever after“, der bis heute noch bei so vielen Menschen im Kopf herumspukt. Ihr war klar, dass die Hollywood’sche Leidenschaft nur ein Märchen auf der Leinwand ist. Aber aufgrund mangelnder Erfahrung konnte sie nichts an deren Stelle setzen und lebte die Beziehung, die ihr das nächst Wichtigste gab: Stabilität.

Der Klassiker: Die Affäre

Natürlich träumte sie von leidenschaftlichem Sex, bei dem die Kontrolle wegfällt. Aber was genau das sein sollte, das wusste sie nicht. Während sie also in dieser Ehe lebte, wusste sie tief in sich, dass etwas fehlte. Doch sie verdrängte es, blieb in der ehelichen Gemeinschaft, weil er ein guter Familienvater war, und weil ihr Familie und Kinder zu diesem Zeitpunkt sehr wichtig waren. Eine Frühgeburt beschäftigte sie, viele Umzüge über den Kontinent, sodass sie gar nicht in die Situation kam, in sich hineinzuhorchen, was da noch möglich wäre. Dazu kam ein großer Freundinnenkreis, sodass sie emotional gesehen zusätzlich an anderer Stelle gefüttert wurde. Die emotionale Unterversorgung in der Partnerschaft wurde andernorts aufgefangen.

Der nächste Schritt, fast schon ein Klassiker: Ihr Mann hatte eine Affäre, verliebt sich in eine jüngere Frau, die Scheidung folgte.

Ihre Neugierde übernahm die sexuelle Führung

Hier kam der Moment, in dem sie sich selbst im Spiegel betrachtet hat. Zuerst war sie erzürnt, dass er das gemeinsame Lebenskonzept über Bord geworfen hatte. Aber wirklich traurig darüber, diesen Mann nicht mehr an ihrer Seite und in ihrem Bett zu haben, war sie nicht. Sie hatte übrigens zwischendurch keine Affären. 

Doch nun übernahm die Neugierde die Führung. Es folgten Dating-Plattformen, eine Affäre mit ihrem Friseur (sind die nicht alle schwul???) und eine Fernbeziehung mit einem verheirateten Mann.Sie kam aus sich heraus, entwickelte ihre Selbstliebe, ging nach Berlin und probierte weitere Dating-Plattformen aus. Sie suchte dort keinen Vater für ihre Kinder, sondern Männer für sich, um ihre Lust zu erkennen, auszuprobieren und zu leben. Dabei hat sie sich nie als eine Frau empfunden, die alleine bleiben wird. Das Gefühl, wieder einen Partner zu haben, hat sie immer begleitet.

Der neue Mann: Er dirigiert den Raum – sie genießt

Und dann kommt über eine Dating Plattform dieser Mann, mit dem sie nun seit zwei Jahren verheiratet ist und der sie in den Swinger Club und auch weiter und tiefer in ihre eigene Leidenschaft gebracht hat. Was ist passiert?

Er entführt sie an einen FKK-See mit einem Bereich, in dem offen und frei miteinander umgegangen werden kann. Es folgt der erste, öffentliche Sex. Dann eine Massage von ihm, die sich auf einmal von einer zweihändigen zu einer sechshändigen Massage ausweitet. Er hatte vorher ein Paar zum mitmassieren „akquiriert“. Er dirigiert den Raum, zieht sich zurück, überlässt dem Paar das Revier, schaut zu, kommt zurück zu ihr. Die Spannung und das Vertrauen zwischen den beiden ist geschaffen.

Sein Wunsch: Gemeinsam in den Swinger Club

Anna beschreibt ihn als einen sehr körperlichen Mann und als guten Regisseur solcher Szenarien. Da gibt es keine Unsicherheiten bei ihm, und das macht mit ihr, dass sie sich darauf einlassen kann. Sie hatte sofort großes Vertrauen zu ihm. Sie war sicher, dass er nichts mit ihr machen würde, was schlimm sei, oder was sie nicht wollte. Und dass er auch sofort innehält, wenn sie gegen etwas ist. Der Konsens war also von Anfang an unmittelbar gegeben.

Er hat dann sehr bald den Wunsch geäußert, mit ihr in einen Swinger Club zu gehen. Das fand schon ein paar Tage später statt.

Die Klischees über Sex-Clubs

Jetzt kommen erst einmal alle meine Klischees zu Tage: Adiletten (allerdings im letzten Jahr äußerst en vogue), Essen à la Geschnetzeltes, Paare, die sich über ihren Alltag unterhalten und dies besser zu Hause tun könnten, und zu guter Letzt Paare auf der Spielwiese, denen ich nicht zuschauen möchte. Und dies nicht, weil sie nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen, sondern weil ich bei ihnen keine Lust, kein Miteinander sehen würde. Und dann noch die Komplikation, Männer abwehren zu müssen, auf die ich keine Lust habe. 

Anna bestätigt mir, dass es all diese Klischees gibt. 

Also zurück zur Ausgangsfrage: Was ist der Reiz, das Interessante, das Spannende am Swinger Club, das bei mir noch nicht angekommen ist?

Die Regeln beim öffentlichen Sex

Vorab möchte ich wissen, welche Regeln sie vor dem ersten Besuch definiert haben. Safer Sex, sie schauen, ob es passt, sie geht nicht gern in Whirlpools. Alles funktioniert bei ihnen über den Augenkontakt. Wenn sie etwas nicht will, dann ist sofort Schluss, dann holt er sie aus der Situation heraus und es ist klar, dass sie gehen. Sie sind mittlerweile so gut eingespielt, dass es meist funktioniert und sie sich in einer gemeinsamen Schwingung befinden. Mich interessiert, ob diese Übereinkunft von Anfang an zwischen ihnen da war? Anna bestätigt mir das, wobei anfänglich auch noch das eine oder andere Wort ins Ohr geflüstert wurde.

Was ist der Reiz am Swingen?

Für Anna ist der Swinger Club die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit Sex zu haben und trotzdem bei/mit ihrem Mann zu sein. Die Besuche im Swinger Club finden phasenweise, je nach Lust und Laune statt. Oft denken sie, es sei spießig. Aber manchmal entsteht da diesen Zauber, der mit ihnen beiden zu tun hat.

Es ist nicht das: „Ich muss jetzt mit jemandem vögeln!“, sondern es geht darum, eine gewisse Energie zu spüren. Und das ist für sie im Swinger Club erlebbar. Sie mögen es, zu nichts verpflichtet zu sein. Sie können gucken, ob es passt, können gehen, wenn es nicht passt, müssen sich nicht erklären, sind allerhöchstens sich selbst gegenüber verpflichtet. Der Swinger Club eröffnet die Möglichkeit der Unverbindlichkeit im positiven Sinne. 

Der „Kater“ danach

Und wie sieht es mit der Eifersucht aus? Im Swinger Club existiert gar keine Eifersucht. Anna mag nur nicht alleine gelassen werden. Aber das weiß er. Es ist uneingeschränkt klar, sie ist seine Nummer 1 und er ist ihre Nummer 1. Das zeigt und sagt er ihr ganz deutlich und das gibt ihr ganz viel Sicherheit. Dieser öffentliche Raum, der Swinger Club, geht auch nur mit ihm.

Dort bietet sich ihr eine Möglichkeit, auszuprobieren, wie weit sie die Kontrolle abgeben und ihre Leidenschaft leben kann. Denn genau diese definierte Öffentlichkeit turnt sie an, aber nur im Beisein ihres Mannes. 

Nach dem Besuch eines Swinger Clubs folgt häufig so etwas wie ein „Kater“, der energetische Abfall. Dann heißt es, zur Ruhe kommen und einige Zeit auf Rückzug zu schalten. Darum besuchen sie den Swinger Club auch nicht jede Woche. Das wäre für Anna und ihren Mann energetisch nicht haltbar. Es ist wie mit all den schönen Dingen im Leben. Bekommt man sie jeden Tag, nutzen sie sich ab. Sie verlieren ihren Zauber, ihren Reiz, und es wird immer schwerer, das intensive Gefühl zu steigern und zu halten. Darum ist es gut, zwischendurch den Alltag zu leben, mit Kuschelsocken und Tiefkühlpizza auf dem Sofa.

Gibt es Eifersucht beim Gruppensex?

Ich komme noch einmal auf das Thema Eifersucht und wie es Anna geht, wenn ihr Mann mit einer anderen Frau Sex hat. Sie sagt etwas sehr Schönes:

„Wichtig ist es, in der Beziehung wahrzunehmen, wann der Partner glücklich ist, auch dann, wenn man nichts damit zu tun hat. Es klappt manchmal – und manchmal nicht.“

Das nenne ich die große Kunst der Partnerschaft. Danke Anna, für dieses wunderbare, offene Gespräch.

Veröffentlicht am

Lockdown-Sex: Vögeln statt hamstern? Teil 1

Paar, das Spaß im Bett hat

Alle reden über Sex, doch die wenigsten Paare haben richtig guten Sex. Im Lockdown besteht nun die Chance, dass sich Paare wieder näherkommen und ihrer Sexualität neues Leben einhauchen. Liebescoach und Autor Volker Schmidt hat ein paar interessante Ideen dazu. Im ersten Teil des Interviews geht es um die Einstellung und den Mut, sich zu zeigen.

Lieber Volker, man könnte böse meinen: Alle reden über Sex, doch die wenigsten haben ihn. Was ist für Dich eigentlich „guter Sex“?

(lacht) An dieser Frage sind schon viele gescheitert…

In Deinem Buch widmest du ihr fast 50 Seiten. Jetzt mal raus mit der Sprache!

Im Grunde handelt „untervögelt“ von nichts anderem als davon, wie wir es schaffen können, einen natürlichen und unverkrampften Zugang zu unserer Sexualität zu finden. Das Empfinden sexueller Fülle hat derart immense – und zwar immens positive – Auswirkungen auf unser körperliches wie psychisches Immunsystem, auf unsere Einstellung uns selbst und dem Leben gegenüber, sogar auf unsere Attraktivität, Intelligenz und unsere sozialen Kompetenzen, dass wir alle sehr gut daran täten, diesem Thema einen hohen Platz auf der Prioritätenliste des eigenen Lebens einzuräumen. 

Auf dieser Prioritätenliste nehmen oft andere Dinge Raum ein. Arbeit, Kinder, gemeinsame Freizeitaktivitäten, die Renovierung der Wohnung. Tatsächlich hat bei vielen Paaren der Sex keinen eigenen Platz.

Mich wundert das nicht. Die wenigsten von uns haben bislang je erfahren, wie viel Tiefe, wie viel Glückseligkeit und Verbundenheit, wie viel Freude und Erfülltheit für uns durch liebevolle und bewusste sexuelle Begegnung erfahrbar werden kann. Viele Paare unseres Landes haben im Grunde das, was ich „Reisschleimsexbeziehungen“ nenne.

Bitte was?!?

Reisschleimsexbeziehungen. Stell dir einfach vor, das Einzige, was dein Mann kochen könnte, wäre Reisschleim. Nach ein paar Jahren kennst du alle Varianten von Reisschleim. Du kennst süßen Reisschleim und würzigen Reisschleim, kennst Reisschleim in hellgrau und dunkelbeige … Wie begeistert würdest du nun wohl reagieren, wenn dein Mann, sich stolz vor dir aufbaut und sagt: „Heute, Schatz, koche ich!“

Wohl eher … wenig begeistert …

Genau das ist meiner traurigen Auffassung nach zurzeit die bittere Realität in vielen deutschen Schlafzimmern. Sein wir doch ehrlich mit uns selbst! Die meisten von uns haben bislang niemals wirklich erfahren, was an sexueller Glückseligkeit überhaupt möglich ist. Manchen erscheint gar die Wortkombi „sexuelle Glückseligkeit“ ein bisschen hoch gegriffen. Meines Erachtens ein sicheres Zeichen für einen bisher vermutlich eher dürftigen Erfahrungsschatz.

Was können wir tun, um im Schlafzimmern von der Reisschleimmonotonie zum 5-Gänge-Menü zu kommen?

Innehalten.

Innehalten?

Ganz genau. Innehalten. Es gilt nämlich ein paar ziemlich grundlegende Entscheidungen zu treffen. Das Interessante ist hierbei: In diesen grundlegenden Entscheidungen geht es überhaupt nicht um Dinge, die wir tun können. Es geht nicht um unsere Handlungen, sondern um unsere Grundhaltung dahinter. Nicht das, was wir tun, macht den Unterschied, sondern die innere Haltung, mit der wir tun, was wir tun.

Hast du ein konkretes Beispiel für das, was du meinst?

(lacht) Dutzende! Aber vielleicht kann ich das, was ich meine, in einem kleinen Gedankenspiel verdeutlichen: Stell dir vor, dein Mann widmet sich mit Händen, Mund und Hingabe deiner Lust. Er küsst, leckt und streichelt dich ausgiebig, bis du kommst. 

Dieser Beispiel-Mann gefällt vielen Frauen wohl besser als der Reisschleim-Mann!

Okay! Jetzt stell dir vor, du hättest in dieser Situation die Wahl, mit welcher Haltung er sich deiner Befriedigung widmet. Im ersten Fall tut er es, damit du endlich Ruhe gibst und er in Ruhe einschlafen kann. Im zweiten Fall tut er es aus eigener Freude an deiner Lust. Er genießt es mit Leib und Seele, dir eine Lustwelle nach der anderen zu bescheren, bis dir die Muttersprache verloren geht und du dich in reiner Hingabe auflöst. 

Nochmal: In beiden Fällen tut dein Mann exakt dasselbe, lediglich seine Haltung dahinter ist eine andere. Die spannende Frage ist jetzt: Würde dieser Unterschied einen Unterschied machen oder nicht?

Buchcover / PR

Was für eine Frage! Selbstverständlich!

Das ist es, was ich meine. Nicht das, was wir miteinander tun, entscheidet über die Qualität unserer sexuellen Erfahrungen, sondern die innere Haltung, in der wir uns selbst und einander in der Lust begegnen, offenbaren und erforschen. 

Das ist übrigens so ein weiterer Punkt, an dem wir uns selbst nur allzu gerne furchtbar unnötig im Wege herumstehen: Wir glauben, wir wüssten Bescheid, wie die Sache mit dem Sex so läuft. Wir halten uns für Expert*innen oder gar Naturtalente. Darum kommen wir gar nicht auf die Idee, dass wir bislang möglicherweise nur an der Oberfläche gekratzt haben könnten…

Wie kommen wir tiefer als das?

Es könnte an der Zeit für ein paar grundlegende Entscheidungen sein. Eine davon könnte vielleicht lauten: „Will ich mich oder will ich mich nicht in meinem Leben immer wieder auf sexueller Ebene zutiefst satt und genährt fühlen?“ Sollte die Antwort darauf ein „Ja“ sein, dann ist es an der Zeit für die nächste knackige Frage. Und zwar: „Bin ich gewillt oder bin ich nicht gewillt, die volle Verantwortung dafür zu übernehmen, dass diese sexuelle Fülle und Genährtheit in meinem Leben einen substanziellen Platz bekommen – vielleicht sogar einen Ehrenplatz? Ja oder nein?!“

Du meinst, guter Sex ist nicht nur eine Frage der Haltung, sondern auch der Entschiedenheit?

Im Sinne eines konsequenten „Ja“ zu uns selbst, zu unserem einzigen Leben und, wenn vorhanden, nicht zuletzt einem konsequenten „Ja“ zu unseren Liebespartnerinnen oder -partnern.

Aber das ist doch nicht alles …!

Natürlich nicht. Nichtsdestotrotz ist diese Entschiedenheit zum eigenen Glück in meinen Augen das Fundament, auf dem das Empfinden sexueller Fülle sicher fußt. Erfüllender und erfüllter Sex aber ist nicht nur eine Frage der Haltung mir selbst gegenüber, sondern gleichgewichtig eine Frage der Haltung gegenüber meinem, meiner oder aber auch meinen Liebsten. Hier stolpern wir aber wieder über einen furchtbar klebrigen Fallstrick. Die meisten sogenannten „Liebespartnerschaften“ sind in meinen Augen genau dies gerade nicht: Partnerschaften! Da wird gelogen und verheimlicht, getrickst und manipuliert, dass sich die Balken biegen. „Partnerschaft“ aber heißt ja: „sich gemeinsam an einem höheren Ziel oder Wert ausrichten“. Wie soll das möglich sein, wenn wir einander zugleich beständig manipulieren oder täuschen? Oder besser: Das geht natürlich schon, wenn man es so haben will, das sieht man ja oft, aber das geht dann halt auf Dauer meistens nicht besonders gut. 

Ein wichtiges Thema ist also Vertrauen, Ehrlichkeit und der Mut, sich zu zeigen?

Vertrauen ist in meinen Augen existenziell, und zwar sowohl für unsere Liebesbeziehungen (oder gar -partnerschaften!) an sich, insbesondere aber auch für die Tiefe unserer sexuellen Erfahrungen, die wir miteinander machen. Und damit meine ich ausdrücklich sowohl das Vertrauen in die anderen Menschen als auch unser eigenes Vertrauen in uns selbst, in unseren Körper und immer wieder in unsere Fähigkeiten, mit emotional angespannten Situationen liebevoll und wohlwollend umzugehen. So absurd dies auch klingt: Ich glaube, die Basis unzähliger sogenannter Liebesbeziehungen ist derzeit nicht Kooperation, sondern eine subtile oder auch ganz offensichtliche Konkurrenz zueinander. Im Schatten einer solchen Haltung kann die Sexualität zwangsläufig nur ein verkümmertes Dasein führen.

Und? Wenn dem so wäre? Wie kämen wir da wieder raus?

Das ist ein Fall für KMG!

Oh, toll! Eine Abkürzung … Löst du das auch auf?

Es gibt eine Grundhaltung, zu welcher ich die Menschen zu verführen suche: Ich nenne sie: „KMG“. Die Abkürzung steht für: „Kooperative zur Mehrung des gegenseitigen und gemeinsamen Glücks“. 

Das klingt super schön: „Mehrung des gegenseitigen und gemeinsamen Glücks“!

Im Grunde versteckt sich dahinter ein ganz schlichter Pragmatismus. Ich sage es mal so: Wenn ihr zwei Hübschen schon eine emotionale und/oder sexuelle Beziehung miteinander führt, warum macht ihr dann nicht auch das wirklich Bestmögliche daraus? Ihr könntet euch als Partner*innen in gemeinsamer Sache verstehen. Warum solltet ihr eure erotischen Begegnungen nicht dazu nutzen, wirklich das Maximum an Freude, Wonne und Lust aus euch selbst und auseinander herauszukitzeln?! 

Gerade wenn es über das Schlafzimmer hinaus auch noch andere Dinge gibt, die uns verbinden wie gemeinsame Kinder, gemeinsame Freunde oder gemeinsame Hobbies, wäre es da nicht ein ganz besonderer Boost, wenn wir nicht nur Partner im Leben wären, sondern auch Komplizen in der Lust?

Du redest von wirklich sehr grundlegenden Dingen. 

Ich sage, es hilft nichts, in der Kür punkten zu wollen, solange wir die Basics nicht beherrschen. Wer keine Übung darin hat, liebevoll und wohlwollend über die eigenen und anderen Empfindungen, Wünsche oder Ideen zu sprechen, wird es schwer haben, das Thema „sexuelle Wünsche oder Sehnsüchte“ in die eigene Beziehung einzubringen. Beziehungen, in denen es keine Kultur des partnerschaftlichen Umgangs mit unerwarteten Herausforderungen gibt, nehmen in dem emotionalen Minenfeld, das die Sexualität für viele von uns bei Lichte betrachtet leider ist, erheblichen Schaden. Über kurz oder lang übernimmt die Resignation die Regie. Ihr das Steuer abzunehmen, ist oft der erste Schritt. Das aber ist leichter gesagt als getan. Hat die Resignation eine Beziehung befallen, gelingt dieser Kraftakt nur zu zweit.

Was können wir tun, wenn die Resignation von unserer partnerschaftlichen Sexualität Besitz ergriffen hat? Lies weiter! Dies und mehr erfährst Du im zweiten Teil des Interviews …

Veröffentlicht am

Meditieren für mehr Lust

Bondage, Dreier, Dauerorgasmen – viele Frauen empfinden einen enormen Leistungsdruck im Bett. Doch es geht auch anders: Achtsamkeit war für mich der Schlüssel zu besserem Sex.

Frauen lesen vielerorts über multiple Orgasmen, polyamouröses lieben oder BDSM, über Swingerclubs, Kuschelpartys oder über Pornos gucken mit dem Liebsten. Doch einige Frauen empfinden dann Leistungsdruck, mithalten zu müssen! Auch ich manchmal. Dabei hat doch jede Frau ihre ganz eigene Sexualität und es lohnt sich Expertin für sich selbst zu werden. Doch wie wird man seine persönliche Sexpertin? 

Meditieren für besseren Sex!

Seit ich meditiere, hat sich mein Sexleben nochmal verändert. Ich persönlich meditiere jeden Abend eine halbe Stunde. Kind ins Bett gebracht, gemütlich machen auf dem Sofa, Kopfhörer drauf und dann lausche ich einer geführten Meditation, die ich bei einem Workshop aufnehmen durfte. Für Anfänger*innen, Einsteiger*innen und Neugierige gibt es zahlreiche kostenlose Apps.

Meditieren ist erwiesenermaßen gut für Geist und Körper. Die tiefe Atmung durchblutet nicht nur Herz und Lunge, sondern auch die Vagina. Juhuuu. Und sorgt obendrein für ein Ende vom Kopfkarussell und vom To-Listen-Bullshit-Bingo. Und wenn’s oben endlich still wird, dann kann unten das Feuerwerk zünden: Kopf aus, Pussy an!

Lustvolle Zweisamkeit

Achtsamkeit macht also nicht nur Lust, sie verbessert auch die Zweisamkeit. Ganz bei sich, spürt man langsam immer besser, was es beim Sex braucht. Welche Berührung? Welche Stellung? Welches Tempo? Welcher innere Anteil sich zeigen will, ob die Wild Woman gelebt werden möchte oder die Verletzlichkeit? Man ist nicht mehr im Kopf, sondern im Körper. Man denkt nicht mehr, was es braucht, man fühlt es!

Ich kann nur raten: Lebe dein sexuelles Wesen aus, teste Fantasien, lies Blogs und probiere crazy Stellungen aus – und hol dir dabei Zerrungen und Lachanfälle. Gehe dabei ruhig aus deiner Komfortzone raus, doch tue das alles stets mit der besten Sexpertin an deiner Seite: dir selbst.

Den Sex, den du willst

Denn durch die Meditation entsteht mit der Zeit eine innige Verbindung mit sich selbst. Diese Verbindung ermöglicht ein immer tieferes Wissen und Erfühlen, was es beim Sex braucht (oder eben nicht) und das bringt Freude und Erfüllung ins wilde Treiben. Und dann hat man genau den Sex, den man möchte… Und davon möchte man dann garantiert immer mehr haben.