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Tantramassage: „Einmal nicht zu müssen”

Tantramassage Entspannung

Aleksandra Veronika ist Tantra-Masseurin und Sexualcoach. Im Interview erzählt sie, warum gerade Frauen von der Tantramassage profitieren. Warum es so heilsam ist, die Yoni (so nennt sie die Vagina/Vulva) absichtslos berührt und warum auch Männer es genießen, mal nicht zu müssen.

Das ist der Auftakt ein Interviewreihe mit der Berliner Tantra-Masseurin Aleksandra Veronika. In Teil 1 spricht sie über die Vorteile einer Tantra-Massage, im zweiten Teil erklärt sie, was „De-Armouring“, also die Entpanzerung des Schoßraums ist und gibt praktische Tipps, damit Frauen in besseren Kontakt mit ihrer Yoni kommen können. In Teil 3 beschreibt sie die unterschiedlichen Orgasmusarten und schwärmt vom Dauerorgasmus.

Wie viel Ahnung hattest Du von Tantra, als Du beim Berliner Tantramassage-Institut „Kashima“ angefangen hast? 

Meine erste Assoziation war „Kamasutra“ (lacht). Aber schon bei den ersten Sessions habe ich gemerkt: Es geht um Respekt und um langsame schöne Berührungen. Es hat mich sehr fasziniert und ich habe sofort die Anziehung dieser Tätigkeit gespürt.

Was fasziniert Dich genau an der Tantramassage?

Wenn wir das Begrüßungsritual machen und uns in die Augen schauen, dann sehe ich so viel Unsicherheit und Verletzlichkeit. Meine Klientel in diese tiefe Hingabe, Intimität und Verletzlichkeit zu führen, das war und ist für mich eine große Ehre und ist für mich sehr berührend, dass sich die Menschen bei mir so öffnen.

Aleksandra Veronika

Aleksandra Veronika ist Energieheilerin und Coach für tantrische Sexualität. Sie arbeitet seit über zehn Jahren mit tantrischer sexueller Körperarbeit. Dabei lässt sie sich von folgenden Methoden inspirieren: Tantric full body orgasm und Tantric Body De-Armouring nach der „Awakening within“-Foundation, Beziehungsdynamnische Sexualtherapie und Sexological Bodyworker. Aleksandra Veronikas Webseite

Für viele Frauen ist die Vorstellung, an der Vulva oder sogar in der Vagina berührt zu werden, komisch. Wie gehst Du darauf ein?

Wenn eine Frau noch nicht viel gemacht hat, dann fangen wir ganz langsam an. Ich war 25 Jahre alt, als ich das erste Mal meine Vagina angeguckt habe. Ich hatte das nie vorher gemacht! Zu Beginn gibt es Übungen wie diese, mit denen man anfangen kann. Doch die meisten Frauen, die zu mir kommen, haben sich bereits entschieden und sind neugierig darauf, intim berührt zu werden. Wenn doch spontan Scham aufkommt, dann erzähle ich von meiner Absichtslosigkeit und manchmal halte ich auch nur die Yoni (ohne Bewegung). Auch das kann schon sehr intensive Gefühle hervorrufen.

Bei der Tantramassage: bis hierher und nicht weiter

Wer entscheidet, wie weit Du gehst?

Die Frau hat immer die Macht. Ich will nicht verantwortlich sein für die Erfahrung der Frau. Das klingt jetzt erst einmal krass, aber das lehre ich in meinen Sessions: Du bist verantwortlich für Deine Erfahrungen! Für viele Menschen ist das überraschend, aber das ist der Kern von „Empowerment“. Wenn eine Frau entscheidet, bis hierher und nicht weiter, dann hat sie viel gelernt. Dieses Wissen und diese Entschlussfähigkeit wird sie in ihrer Sexualität weiterbringen.

Warum fragst Du, ob Du mit dem Finger die Yoni berühren oder gar eindringen darfst?

Das mache ich immer. Denn mir ist damals selbst aufgefallen, dass mich nie jemand gefragt hat: Darf ich rein? In der Sexualität geht der Mann oft einfach rein, obwohl man noch nicht bereit ist. Dann denkt man, ob der Mann einen ablehnt, wenn man jetzt nicht einwilligt. Die Frau ist dann mit ihren Gedanken beim Mann und nicht bei sich, was sie gerade will und braucht. Diese Verantwortung für sich selber, müssen Frauen wieder lernen. Sex fängt bei sich selber an und wenn man bei sich ist, dann kann man guten Sex mit anderen haben.

Wie ist das mit Dir? Wie ziehst Du Grenzen? Auch vor unerwünschter Intimität seitens der Klient*innen?

Anfangs ist es tatsächlich passiert und ich wurde von Männern gefragt, ob sie mich bei einer Session anfassen dürfen. Das war eine wunderbare Möglichkeit zu üben, wie ich Grenzen setze. Ich sage dann klar, dass ich etwas anderes anbiete und wenn man diesen Rahmen nicht versteht, muss man woanders hingehen. Nicht nur der/die Kund*in kann in der Session nein sagen, auch ich kann das. Ich kann auch sagen: „Dich will ich nicht massieren, Du bist noch nicht so weit“. Und ich sage das nicht leise und zögerlich, sondern laut und deutlich. Nachdem ich das gelernt hatte, kamen kaum noch Fragen. Man spürt inzwischen, dass das nicht geht. Aber es gibt da auch viele Vorurteile.

Männer sind froh, die Verantwortung abzugeben

Was meinst Du damit?

Viele Männer wollen mich gar nicht berühren. Viele sind froh, die Verantwortung übergeben zu können und mal nichts machen zu müssen, denn viele Männer fühlen sich verantwortlich für den weiblichen Orgasmus. Männer kommen und sagen, dass sie in zwanzig Ehejahren nie von ihrer Frau gestreichelt wurden, die wollen Berührungen und sich fallen lassen. Bei mir lernen sie aber auch, total geil zu sein und trotzdem präsent zu bleiben. Die wahnsinnige Kraft zu spüren und doch geerdet zu bleiben.

Wie sehr ist bei der Tantramassage absichtsloses Berühren ein Thema?

Das ist der Hauptfokus der Frauen, die zu mir kommen. Viele Frauen sind noch nie absichtslos berührt worden. Da wird die Yoni berührt, damit sie feucht wird, damit sie geil wird, damit es zum Sex kommt. Ich berühre die Yoni jedoch genauso wie ich den Oberarm oder die Kniekehle berühre – völlig absichtslos. Als ganz normales Körperteil, das erst einmal nichts muss. Viele Frauen bewegt das zutiefst, manche weinen sogar, weil sie noch nie so berührt wurden. Viele Männer übrigens auch.

Männer empfinden es genauso?

Frauen gehen auch sofort auf den Penis. Der muss funktionieren, muss eine Erektion haben, soll schnell kommen oder langsam. Männer genießen das genauso, einmal nicht zu müssen.

Ich fixe und repariere nichts bei der intimen Massage

Was geht bei einer Tantramassage-Session gar nicht?

Manche kommen, legen sich hin und sagen: Mach mal! Die sind jedoch am falschen Ort, denn ich „tue“ nichts, sondern ich unterstütze meine Klienten bei ihrer Erfahrung. Ich fixe oder repariere auch nichts, ich kann aber Unterstützung beim eigenen Reparieren und Fixen geben.

Man kann sich nicht ausklinken, genießen – und einschlafen?

Beim Coaching muss man immer tief atmen, stöhnen, darf nicht mit den Gedanken abdriften und einschlafen. Denn wenn ich alleine für die schöne Erfahrung sorge, dann muss die/der Klient*in doch immer wieder kommen, um sich diese schöne Erfahrung bei mir abzuholen? Meine Arbeit ist aber, dass die Menschen nach ein paar Sessions nicht mehr zu mir kommen müssen, weil sie selbst gelernt haben, wie es geht. Das ist Empowerment, das ist es, was ich den Menschen schenken möchte.

Was denkst Du über die Begriffe „Sexarbeiterin“, „bedienen müssen“ und „bezahlt werden“?

Ich verstehe das nicht. Für mich passiert in den Sessions etwas ganz anderes, als sich die meisten vorstellen. Kunden sehen etwa Farben oder Muster, wenn sie höhere Bewusstseinsebenen erlangen. Wir bezahlen für so viel, doch ich frage mich: Was gibt Dir das? Und wie bringt Dich das weiter? Ich möchte lieber für tolle sexuelle Erfahrungen zahlen, statt saufen zu gehen. Ich verstehe nicht, wieso das gesellschaftlich akzeptiert wird, doch so eine wundervolle Erfahrung wird so schambesetzt?

Mehr Interviews mit Aleksandra Veronika:

Teil 2: Tantra und De-Armouring

Teil 3: Unterschiedliche Orgasmusarten