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Nicolas Wefer

BDSM-Dating: ein Tinder für Fans von unkonventionellem Sex

BDSM ist mit zahlreichen Klischees belegt: Schmerz, Gewalt, Perversion sind nur einige davon. Fans von Bondage, Spanking und Submission haben es auch oftmals nicht leicht Partner.innen kennenzulernen. Es fehlt ein Dating für BDSM-Fans. Bis jetzt! Unsere Autorin Heike Niemeier hat mit der Gründerin Marina Rößer, Gründerin der BDSM-Dating-Plattform Deviance, über Vorurteile, Schmerz, Lust und Do‘s & Dont‘s gesprochen.

Liebe Marina, aus meiner „Nicht BDSM“ Perspektive gibt es immer noch diese festgefahrenen BDSM Klischees: Die sind alle beziehungsunfähig, die haben alle einen seelischen Knacks, die sind alle pervers. Wieso ist das heutzutage immer noch so? 

Puh, das sind gleich mehrere Klischees, die du ansprichst. Ich versuche es mal aufzuschlüsseln.

Nicht alles, was unter BDSM fällt, ist Gewalt und Schmerz. Dabei handelt es sich nur um einen Teilaspekt, es gibt aber auch den Bondage-Bereich, der von Achtsamkeit geprägt ist, den Bereich von Dominanz und Unterwerfung, in dem das Machtgefälle – vor allem auf der psychischen Ebene – etabliert wird oder Spiele, die von Fürsorge geprägt sind. Außerdem basiert jede gesunde BDSM-Beziehung auf Absprachen, Kommunikation, Vertrauen und Hingabe. Angesichts der von außen wahrgenommener Härte ist das aber für viele nicht vorstellbar.

Die Abkürzung BDSM kommt von den Anfangsbuchstaben der englischen Bezeichnungen „Bondage“ and „Disziplin“, „Dominance“ and „Submission“, „Sadism“ and „Masochism“.

Definition von BDSM, gefunden bei Deviance

Was das Thema Beziehungsunfähigkeit angeht, so ist dieses Klischee vermutlich auf zwei Faktoren zurückzuführen:

Erstens dem klassischen Verständnis von Beziehung, dass die Mehrheit der Gesellschaft hat. Da sind zwei Menschen, die sich zusammengetan haben, um für immer zusammen zu bleiben, sich sexuell einander treu zu sein und völlig gleichberechtigt zu sein. Im BDSM-Bereich gibt es aber Beziehungskonstellationen, die von dieser Idealvorstellung abweichen. Für viele sind diese alternativen Beziehungsformen und auch die Entscheidung dafür jedoch nicht nachvollziehbar, also müssen die Menschen, die solch andersartige Beziehungen führen, beziehungsunfähig sein. 

BDSM-Dating: Fans sind einsam

Das bedeutet nicht, dass alle BDSM-Praktizierenden alternative Beziehungsmodelle pflegen, Letztere erhalten nur mehr Aufmerksamkeit. So wie alles, was eher ungewöhnlich ist. 

Der zweite Grund ist genau der, warum es uns gibt: Denn tatsächlich sind viele BDSM-Anhänger.innen einsam. Das liegt aber nicht daran, dass sie beziehungsunfähig sind, sondern daran, dass es schwer ist, eine passende Partnerperson zu finden. Für viele ist es ein wichtiges Kriterium, dass eine mögliche Partnerperson ebenfalls BDSM-Neigungen hat. Damit bleiben schon einmal weniger Menschen übrig, mit denen es passen könnte. Dann kommt hinzu, dass es schwierig ist, geeignet Kandidat.innen überhaupt zu identifizieren. Erstens sieht es man den Menschen ja nicht an der Nasenspitze an, ob sie auf BDSM stehen, zweitens bekennt sich kaum jemand dazu öffentlich. Und selbst wenn man dann jemanden trifft, muss es ja auch noch menschlich und von den Kinks her zueinander passen. Da wirds ganz schön dünn.

Marina Rößer

Marina Rößer,

Mit-Gründerin von Deviance

Kommen wir zum seelischen Knacks: Gewalt, Schmerzen, Demütigung, Unterordnung lassen sich für die meisten Menschen nicht mit Lust und Vergnügen vereinbaren. Ergo müssen Menschen, die auf so etwas stehen, einen Knacks haben. Dazu kommt ein gewisses Bild, das durch die Medien transportiert wird und Klischees reproduziert. Sei es, weil die Abkürzung SM in Zusammenhang mit echten Kriminalfällen auftaucht oder der Millionär, der sein Kindheitstrauma nicht verarbeitet hat und daher Frauen schlägt wie in „Fifty Shades of Grey“. 

Einvernehmlicher, gesunder Sex, der jedoch auch Schmerz und Machtspiele beinhaltet, scheint einfach auf Unverständnis zu treffen. Die gute Nachricht: Weder in älteren noch in aktuellen Studien wurde Evidenz gefunden, die unterstützen würden, dass psychische Störungen unter Personen, welche Interesse an BDSM zeigen, öfter vorkommen als in der Gesamtpopulation.

Missverständnisse zu BDSM

Wird hier womöglich Schmerz mit Intensität und Gefühlen verwechselt?

Nein, das denke ich nicht. Es geht ja umso viel mehr als nur um Schmerz. Da ist die Fantasie, das Spiel, die Hingabe an die andere Person. Der Schmerz ist innerhalb dessen eher als eine Art Instrument zu sehen. 

Betrachtet man das Ganze aus neurobiologischer Sicht, wirkt das Ganze sogar sehr nüchtern: 

Schmerz und sexuelle Erregung sind rudimentär betrachtet beides Reaktionen unseres Gehirns auf körperliche Stimulation. Bei manchen Menschen scheinen diese Empfindungen jedoch sehr nah beieinander zu liegen, sodass sie Freude an ersterem empfinden. Einige Experimente deuten sogar darauf hin, dass bei manchen Menschen das Schmerzsignal sogar direkt mit der Ausschüttung von Glückshormonen verknüpft sein könnte. 

Das Empfinden von Schmerz kann also zu einem wahren Hormoncocktail führen. Sowohl die Ausschüttung als auch der Abfall danach können heftige emotionale Reaktionen auslösen. Positive wie negative. Alle BDSM-Praktizierenden, die ich kenne, sind sich jedoch dessen mehr als bewusst. Und gerade weil sie den Unterschied zwischen Realität und BDSM-Realität kennen, können sie Letztere umso mehr genießen.

Und auf der anderen Seite ist BDSM gerade so unglaublich en vogue? Wie ist das zu erklären? Ist das eine Modeerscheinung oder echte Passion?

Das scheint möglicherweise so, da das Thema in den Medien der Popkultur und der Presse mehr Sichtbarkeit bekommen hat in den letzten Jahren und sich dadurch die Leute trauen, mehr und offener darüber zu sprechen. Wir hatten „Fifty Shades of Grey“, Unternehmen wie Amorelie, die es normalisieren Sextoys zu nutzen, wir haben die hedonistische Berliner Szene, man sieht Popstars in kinky Outfits. Besonders Frauen haben heutzutage mehr sexpositive Vorbilder, die sie ermutigen, zu ihren Wünschen zu stehen.

Auf der anderen Seite wird in den heimischen Schlafzimmern so viel gemacht, was unter BDSM verortet werden könnte, ohne dass die Menschen es wissen oder wussten.

Marina Rößer

Oft redete man aber nicht drüber, aus Angst als pervers zu gelten. Durch die zunehmende Präsenz von BDSM in den Medien trauen sich aber auch diese Menschen endlich, offener damit umzugehen und vor allem: Sie erhalten einen Namen für das, was sie tun.

Do’s und Dont’s beim BDSM

Was sollte eine Einsteigerin unbedingt beachten? Do‘s and Dont‘s

Erstens: informiert euch. Im BDSM gibt es so viel zu beachten und vor allem so viel Unbekanntes. Um sich darüber klar zu werden, was man sich wirklich wünscht und was nicht, muss man erst einmal wissen, was es alles gibt, wie diese Dinge heißen und was alles schief gehen kann.

Zum Glück gibt es Google & Co., aber auch die BDSM-Szene selber ist hier ein guter Anlaufpunkt und offline wie online sehr hilfsbereit. 

Das geht eigentlich schon in den nächsten Punkt über, nämlich, dass man nichts überstürzen sollte. Da es eben so viel gibt, von dem man nicht einmal weiß, dass es das gibt, sollte man sich langsam und Stück für Stück herantasten. Gerade Menschen, die später in ihrem Leben ihre Vorliebe zu BDSM entdecken, haben oft das Gefühl, keine Zeit verlieren zu dürfen und gehen unvorsichtig an die Sache heran. Sei es in Bezug auf Praktiken oder in Bezug auf Personen. Dabei macht BDSM umso mehr Spaß, je sicherer man ist und sich fühlt. 

Und der letzte und wahrscheinlich wichtigste Punkt: Hört auf euer Bauchgefühl. Wenn sich etwas oder jemand nicht richtig anfühlt, Finger weg.

Bessere Kommunikation bei BDSM-Fans

Meine Begegnungen mit Menschen aus dem BDSM Bereich haben mir immer wieder zwei Dinge bestätigt: Die Menschen haben eine sehr klare Kommunikation und in ihren Beziehungen spielen Gefühle eine große Rolle. Kannst du das unterstreichen?

Auf jeden Fall. Wobei hier unter Gefühlen nicht immer Liebesgefühle verstanden werden dürfen. Für BDSM-Praktizierende stehen das Vertrauen und die Hingabe an eine andere Person an oberster Stelle. Das kann aus Liebe sein oder sich zu Liebe entwickeln, muss es aber nicht.  

Was die Kommunikation angeht, so kann ich auch das nur unterstreichen. Gerade am Anfang kann es viel Überwindung kosten, komplett ehrlich und in expliziten Worten über sexuelle Bedürfnisse und Wünsche zu sprechen, doch nur dann kann die gemeinsame Erfahrung auch zu etwas Wundervollem werden. Das gilt aber auch für die Kommunikation von Grenzen. Gleichzeitig spielt Wertschätzung eine sehr große Rolle.

Ich selber habe dadurch sogar gelernt, in jedem Bereich meines Lebens besser und klarer zu kommunizieren, was ich möchte, nicht möchte, brauche oder erwarte. 

Wie war denn dein Einstieg in die Szene. Hat BDSM-Dating bei Dir geklappt?

Ziemlich unspektakulär. Nach einer Trennung Anfang 2018 spürte ich einfach, dass ich den Fantasien in meinem Kopf endlich nachgehen und diesen Bereich entdecken muss. Ein paar Wochen lang googelte ich alles Mögliche, was ich zu dem Thema finden konnte und stieß dann auf JungeSMünchen, eine Organisation in München, die auch Angebote für Einsteiger.innen haben.

Gleichzeitig versuchte ich über die üblichen Plattformen jemanden kennenzulernen, mit dem ich die Dinge, die in meinem Kopf vorgehen, auch ausleben konnte. Das gestaltete sich aber als äußerst schwierig und als ich dann zum ersten Mal eines der Treffen von JungeSMünchen besuchte, merkte ich in Gesprächen, dass es sehr vielen so geht. Auf einem weiteren Treffen ein paar Monate später, machte ich dann mal den Witz, dass ich eines Tages ein Tinder für BDSM bauen würde, denn es würde ja so gut zu meinem digitalen beruflichen Hintergrund passen. 

Natürlich habe ich in der Zwischenzeit auch meine Erfahrungen gemacht und na ja… Weder BDSM noch der Witz haben mich losgelassen und ein paar Monate später machte ich dann ernst. Rückblickend bin ich, was meine eigenen Erfahrungen angeht, eher unvorsichtig an die ganze Sache rangegangen. Das ist mit ein Grund, warum wir so viel Content machen. Nämlich um Neulinge vor gewissen Fehlern zu bewahren.

Marina Rößer ist Initiatorin und Gründerin von Deviance, der ersten Kennenlern-Plattform für BDSM- und Fetisch-Anhänger.innen, die gemeinsam mit der Szene entwickelt wurde. Mithilfe von Szene-Anhänger.innen entwickelte und testete die 33-Jährige mit Start-Up-Erfahrung Konzept und Prototyp in München. Ihren Co-Founder Tolga Gigel lernte sie auf einer Online-Plattform für Gründer.innen kennen. 

Ursprünglich sollte Deviance als App released werden und wurde in diesem Format bereits von rund 4000 Mitgliedern getestet. Aufgrund der restriktiven Richtlinien der App Stores denkt das Team derzeit jedoch über einen Strategiewechsel nach und wird die Plattform voraussichtlich im Sommer 2021 relaunchen.

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