Sexuelle Unlust ist ein Tabuthema. Dabei ist Lustlosigkeit im Bett für viele Frauen kein unbekanntes Problem. Stress, Hormonschwankungen, Körperempfindungsstörungen und und und… können die Libido in den Keller drücken. Ein bewusster und transparenter Umgang mit den gar nicht so ungewöhnlichen Schwankungen ist ein erster Schritt zu mehr Akzeptanz und Verständnis der eigenen und gelebten Sexualität.

Das ist auch das Ziel der MiSelf-Studie, die von den Psychologinnen Julia Velten und Milena Meyers ins Leben gerufen wurde. Beide arbeiten am Lehrstuhl für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum und haben ihr verhaltens- und sexualtherapeutisches Wissen gebündelt, um dem Thema sexuelle Lustlosigkeit auf den Grund zu gehen.

Die beiden Psychologinnen Julia Velten und Milena Meyers (rechts).

Wie viele Frauen sind laut bereits bekannten Studien von dem Problem „sexuelle Unlust“ betroffen?

Wichtig zu wissen ist zunächst, dass im Bereich der sexuellen Probleme, im Speziellen bei der Lust auf Sex, sehr viele Frauen „betroffen“ sind. Das individuelle Verlangen ist von vornherein bei jeder Frau sehr unterschiedlich ausgeprägt. Diese Schwankungen und Unterschiede sind jedoch vollkommen normal.

Von einem sexuellen Problem oder gar einer sexuellen Funktionsstörung sprechen wir erst dann, wenn Frauen stark darunter leiden, wenig oder kein Verlangen zu haben. Insbesondere dann, wenn sie auch andere Phasen von sich kennen oder sich für sich selbst und ihre eigene Sexualität so leben zu können, wie sie möchten, etwas anderes wünschen würden. Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen unterscheiden dabei sexuelle Probleme und sexuelle Funktionsstörungen. Sexuelle Probleme sind Einschränkungen in der Sexualität, die oft auftreten, aber vorübergehend sind. Damit sind zum Beispiel Veränderungen in der Lust auf Sex gemeint.

Aus Studien wissen wir, dass eine große Zahl von Frauen über die Lebensspanne Probleme mit ihrer Sexualität erleben. Studien gehen dabei von Zahlen zwischen 30-67 % aus. Vermindertes sexuelles Verlangen ist dabei tatsächlich das häufigste Problem bei Frauen (20 % Jahresprävalenz). Eine tatsächliche Funktionsstörung, in dem Sinne, dass therapeutischer Behandlungsbedarf bestehen kann, erleben circa  6% der Frauen in ihrem Leben.

20-30 %!!!!! Wie kommt es zu diesen hohen Zahlen?

Diese hohen Prozentzahlen haben tatsächlich ganz verschieden Gründe. Lust auf Sex und sexuelles Verlangen schwanken einerseits über verschiedene Lebensphasen hinweg oft sehr stark. Andererseits ist die Sexualität oft der erste Lebensbereich, der unter Stress oder bei Veränderungen und großen Anstrengungen im Leben (Schwangerschaft, Jobwechsel, Prüfungsstress usw.) als Erstes leidet. Oft wird den eigenen sexuellen Bedürfnissen weniger Raum eingeräumt und die Achtsamkeit für Veränderungen in diesem Bereich fehlt. So fällt oft zunächst gar nicht auf, wenn weniger Lust auf sexuelle Aktivität besteht.

Hier, hier und hier findest du mehr Artikel zum Thema Lustlosigkeit.

Was gibt es bereits für Hilfsangebote für Betroffene? Und werden die genutzt?

Es gibt schon viele erprobte, sexualtherapeutische Angebote, die auf Konzepten und Ansätzen der kognitiven Verhaltenstherapie basieren. Wir wissen aber auch, dass achtsamkeitsbasierte Programme für Frauen mit sexuellen Problemen sehr hilfreich sein können. Mit Achtsamkeit ist dabei ein auf die Gegenwart ausgerichtetes, nicht wertendes Wahrnehmen eigener Gefühle, Gedanken und Körperempfindungen gemeint. Leider gibt es aber nur wenige (in jedem Fall nicht genug) gut ausgebildete Sexualtherapeut*innen.
Hinzu kommt, dass therapeutische Angebote für Paare in Deutschland nicht von den Krankenkassen übernommen werden und auch, dass es kaum bekannt ist, dass es therapeutische Angebote für sexuelle Probleme gibt. Hinzu kommt dann natürlich, dass es für viele Betroffene schwierig ist, Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen, weil Sexualität immer noch ein Tabuthema ist. Es wäre also gut, Frauen ein Angebot machen zu können, das leichter zugänglich und mit einer niedrigeren Hemmschwelle verbunden ist.

Ihr wollt nun mit eurer Miself-Studie herausfinden, ob Frauen Online-Programme besser helfen, da diese niedrigschwellig, anonym und ortsunabhängig zugänglich sind. Was für Probandinnen sucht ihr noch für die Studie? Wie kann man sich bei euch melden?

Für unsere Studie suchen wir Frauen jeden Alters, die seit einiger Zeit geringes sexuelles Verlangen bei sich feststellen und die darunter leiden. Dabei ist für uns egal, ob sich die Frauen in einer Partnerschaft befinden oder nicht. Auch die sexuelle Orientierung spielt überhaupt keine Rolle.

Trotzdem habt ihr bereits ein kostenloses Online-Hilfsprogramm entwickelt. Was bekommen Betroffene da geboten?

Wir haben zwei Varianten des Programms entwickelt, die wir ein wenig miteinander vergleichen wollen, um festzustellen, welcher Ansatz für welche Frauen hilfreich ist.
Einerseits gibt es das COPE-Programm, bei dem es darum geht, negativen Gedanken in Bezug auf Sexualität auf die Spur zu kommen und sie zu hinterfragen. Andererseits bieten wir mit dem MIND-Programm einen achtsamkeitsbasierten Ansatz, bei dem es darum geht, dass die Teilnehmerinnen in Achtsamkeitsübungen ihren eigenen Körper und dessen Empfindungen neu erfahren.
Die Teilnehmerinnen erhalten dann – und das ist das Gemeinsame an beiden Programmarmen –  in einem achtwöchigen Programm die Möglichkeit selbständig insgesamt 8 Lektionen online zu bearbeiten.
In den Lektionen werden einerseits Informationen zu Sexualität und sexuellen Problemen gegeben und es gibt viele Möglichkeiten sich mit der eigenen Entwicklung auseinanderzusetzen.

Ein weiterer wichtiger Baustein des Programms sind Sensualitätsübungen, mit denen es darum geht allein oder mit einem Partner der eigenen Körper und die eigenen sexuellen Wünsche und Vorlieben genauer erkundet werden können. Die Teilnehmerinnen sind dabei nicht allein, sondern werden von einer persönlichen eCoachin durch das Programm begleitet, die auch nach jeder Lektion eine Rückmeldung gibt und über eine Nachrichtenfunktion kontaktiert werden kann.

Wie kann ein neuer Fokus auf den eigenen Körper, Frauen helfen, in ihre Lust zu kommen?

Die Fähigkeit, den eigenen Körper und körperliche Empfindungen nicht wertend wahrzunehmen, kann sehr dabei helfen, eigene Bedürfnisse besser kennenzulernen und für körperliche Empfindungen und Veränderungen sensibler zu werden. Der Fokus auf das Hier und Jetzt kann während sexueller Begegnungen oder Erlebnissen dabei helfen, auf die eigenen Bedürfnisse besser zu achten und sich nicht durch Gedanken oder Sorgen ablenken zu lassen. So ist es besser möglich ganz in der Situation und bei sich zu sein und sich weniger Gedanken um Anderes zu machen.

Hier und hier findest du mehr Artikel über Hilfsangebote.

Beschreibe mal einige Übungen genauer…

Die Übungen sind Schritt für Schritt aufeinander aufgebaut. Eine der Übungen ganz zu Beginn legt den Fokus auf die Erkundung des eigenen Körpers. Dabei geht es darum, die Vulva mit den eigenen Händen zu erkunden. Allerdings geht es zunächst überhaupt nicht um die Herstellung von Erregung. Im Anschluss gibt es dann weitere Übungen, bei denen mit der eigenen Erregung experimentiert wird, z.B. indem die Teilnehmerinnen verschiedene Formen der Stimulation ausprobieren. Dabei ist jedoch wichtig zu wissen, dass jede Frau auf ihr eigenes Tempo achtet und schaut, wie sich die Übungen für sie entwickeln.

Sind diese sensitiven Übungen immer schön anzufühlen oder steigt da nicht auch Wut, Scham, Ekel auf?

Natürlich sind die Übungen erst einmal ungewohnt, sodass Scham und Angst zu Beginn eine Rolle spielen können. Jede Teilnehmerin darf und soll dabei aber auf sich selbst achten und eine Übung nur dann machen, wenn sie sich wirklich bereit fühlt. Andererseits ermutigen wir auch dazu, Dinge auszuprobieren und Neues zu wagen. Starke Emotionen sind für uns vor allem ein Zeichen das Tempo zu verlangsamen und für sich selbst zu schauen, welche Bewertungen und Befürchtungen vielleicht gerade eine Rolle spielen könnten. Dabei werden die Teilnehmerinnen auch von ihrer eCoachin unterstützt.

Wie helfen diese negativen Gefühle bei der Heilung?

Emotionen sind mit Bewertungen verbunden, die ja erst dazu führen, dass bestimmte Gefühle entstehen. Wir interessieren uns mit den Teilnehmerinnen für die Befürchtungen und Gedanken, die eine Rolle spielen und versuchen ein Angebot zu einem anderen Umgang damit zu machen. Also kann man sagen, dass die Auseinandersetzung mit unangenehmen Gefühlen und mit den Gedanken und Bewertungen, die diese Gefühle entstehen lassen, hilfreich ist. Wenn man eigene Befürchtungen und gedankliche Muster hinterfragt, ist man auch bereit Neues auszuprobieren.

Wie gut ist sexuelle Unlust heilbar?

Bisherige Therapieangebote im einzeltherapeutischen Rahmen zeigen sehr gute Behandlungserfolge. Es lohnt sich auf jeden Fall, sich mit der eigenen Lust auseinanderzusetzen, wenn man sich eine Veränderung wünscht.

Was wünscht ihr euch von eurer Studie?

Gerade die weibliche Sexualität und Lust sind lange vernachlässigt worden. Wir würden gerne mit unserer Studie dazu beitragen, dass sich die Behandlungsangebote für Frauen, die oft unglaublich stark unter ihrem verminderten sexuellen Verlangen leiden, verbessern. Für uns ist dabei wichtig, dass wir Frauen ein gut erprobtes Angebot machen können, dessen Wirksamkeit gesichert ist. Das möchten wir mit der Studie gerne erreichen. Langfristig würden wir uns wünschen, dass wir so dazu beitragen, dass betroffene Frauen unkompliziert und schnell Hilfe finden und so frühzeitig die Möglichkeit haben, sich mit ihrem Problem auseinanderzusetzen.

Vielen Dank für das Interview, Milena!