Mirjam Kronenberg ist Frau, Mutter, Sexberaterin und ehemalige Escort-Dame. Wie sie durch ihre Erfahrungen in der bezwalten Sexwelt zu sich selbst gefunden hat, erzählt sie in diesem Interview.

Mirjam, du forschst intensiv im Bereich Sexualität. Was hast Du alles schon gemacht?

Meine Laufbahn im Bereich Sexarbeit begann als Escort-Dame. Das bedeutet, dass ich Herren zum Essen, ins Theater und anschließend mit auf ihre Hotelzimmer begleitet habe.
Danach habe ich erotische Massage für mich entdeckt und für eine Weile in verschiedenen Salons gearbeitet. Es folgten Fortbildungen und ich ließ mich zur Domina und im Tantra ausbilden.

Wie kam es dazu, dass du diesen Weg eingeschlagen hast?

Ich war auf der Suche nach der Frau in mir. Es gab einen Punkt in meinem Leben, an dem ich entdeckt habe, dass ich energetisch sehr männlich unterwegs war. Immer viel Sport und immer viel auf Achse. Bis mein Körper irgendwann gestreikt hat und mich mit einem Bandscheibenvorfall lahm legte. Diese Zeit habe ich genutzt, mich und meinen Lebensstil zu hinterfragen.

Ich musste mir eingestehen, dass ich von Weiblichkeit nicht viel wusste.
So begann ich mit 39 Jahren intensiv zu forschen und für mich neue Wege zu finden, die mich sehr viel Mut gekostet haben.
Ich begann mit Poledance, Striptease-Kursen und Burlesque. Dort entdeckte ich zum ersten Mal das Gefühl in mir, dass ich mich trauen darf, mit meinem Körper, meiner Sinnlichkeit und meiner Weiblichkeit zu spielen.

Ich begann mich und meine fraulichen Attribute wie Augenklimpern, neckisch schauen, langsame Bewegungen auch im Alltag mal auszuprobieren. Auf einmal konnte ich die Langsamkeit und Achtsamkeit mit mir und meinem Körper schätzen und begriff, dass ich als Frau nicht alles allein schaffen muss. Ich darf auch um Hilfe bitten. Diese Erkenntnis war jedoch nur der Beginn meiner Reise.

Mir begegnete das Wort Escort immer öfter, und zwar ohne, dass ich es mit Inhalt füllen konnte. Dem ging ich nach, fragte mich durch, unterhielt mich mit einer ehemaligen Escort-Dame und fand schließlich zwei Agenturen, für die ich arbeiten wollte. Das war der Einstieg in die bezahlte Sexwelt und mein Antrieb die Fragen „Wer bin ich als Frau?“ und „Was bin ich wert?“
Und so fand ich mich in einem Milieu wieder, dem genau diese Fragen immanent sind und Frauen, die freiwillig diese Dienstleistung anbieten, immer noch tabuisiert.

Was hast du dabei gelernt über das Leben? Und über Dich?

Ich habe gelernt mich wieder zu spüren; Ich habe meine Grenzen kennenlernen und mein sexuelles Wissen erweitern dürfen; Ich habe meinen Körper nicht nur akzeptieren, sondern auch lieben gelernt; Ich habe so einiges an Schubladendenken ablegen können; Ich weiß heute sehr genau, was ich sowohl sexuell, als auch zwischenmenschlich möchte. Und vor allem habe ich kommunizieren gelernt.

Es gibt auf einmal Worte für meine Empfindungen und ich kann mich auch charmant abgrenzen oder Nein sagen. Früher habe ich verbal oft um mich geschlagen, da ich Angst hatte, dass der Gegenüber meine Grenze, die mir selbst noch nicht bewusst war, übertritt. Ich bin gnädiger im Umgang mit mir selber und Männern geworden. Männer sind auch nur Menschen; das ist ein schöner und friedvoller Gedanke in mir.

Wie haben Dich diese Erfahrungen weitergebracht?

Insbesondere hat mich diese Zeit gelehrt, auf meinen Instinkt zu hören. Ich kann mir selbst vertrauen, bin wesentlich selbstsicherer und bewusster geworden und habe mich endlich als Person gefunden. Meine Erfahrungen, mein Mut und auch die Erfahrung der gesellschaftlichen Ausgrenzung haben mich innerlich gestärkt und mir gleichzeitig die Angst vor wirklich intimen Begegnungen genommen.

Wie gehst Du mit Scham um?

Scham war jahrelang meine beste Freundin. Sobald mich jemand angeschaut hat oder direkt nach meiner Meinung gefragt hat, bin ich rot angelaufen und wäre am liebsten ganz schnell weit weg gewesen.
Die Scham verschwand als ich mich diesem „beschämenden“ Beruf widmete. Extrem hilfreich für mich war der Umstand, dass ich eine andere Identität annehmen durfte. Es gibt einen Schlüsselsatz, den mein ehemaliger Chef bei meinem Einstellungsgespräch vorbrachte:
„Vergiss nicht, wir verkaufen hier nur Illusion!“

In dem Moment fing die Mauer um mein Herz herum an zu bröckeln. Viele denken wahrscheinlich, dass du dich enorm abgrenzen und schützen musst in diesem Job. Ja. Später. Aber anders. Für mich war das ein Türöffner zu mir selbst. Ich habe es als Chance gesehen mich neu zu erfinden. Denn wenn ich dort eine andere sein darf, dann darf ich ja alles ausprobieren. Es war für mich wie ein Reset-Knopf.

Etliche Ausprobiervarianten später, als ich mir meiner Grenzen und Wünsche sicher war, da konnte ich mich dann auf gute Art und Weise abgrenzen, um mein neues Ich zu bewahren. Das Absurde daran: Die Illusion ist meine Realität geworden und ich begann immer mehr, die Realität draußen infrage zu stellen. Daher ist es mir ein so enormes Anliegen Frauen Mut zu machen, sich selbst neu zu entdecken.

Welche Grenzen gibt es für Dich, als Frau, als Mutter…?

Ja es gab und gibt Grenzen. Alte und neue. Ich war ab 39 und dann für 2 Jahre aktive Sexarbeiterin. Mein Escort-Dasein habe ich nach einem halben Jahr aufgegeben, weil ich Mutter bin und meine Stadt dann doch nicht die Anonymität hergibt, die es für mich dazu gebraucht hätte. Zudem kann ich auch zeitlich nicht so flexibel und schnell auf eine mögliche Buchung reagieren. Der erotische Massagesalon war für mich hingegen ideal. Da gab es feste Zeiten und ich war „weg von der Straße.“
Es kamen auch dort ab und an mal Lehrer aus der Schule meines Kindes, doch wir hatten ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem.

Ich war zu Beginn meiner eigenwilligen Forschungsreise sehr offen und euphorisch. Das haben viele nicht verstanden und sich von mir abgewendet. Mittlerweile bin ich mir sehr bewusst darüber wie polarisierend und immer noch verunsichernd das Thema Sexualität auf meine Mitmenschen wirkt und bin etwas vorsichtiger geworden. Ein Ruf als Ex-Hure würde meinen Kindern immens schaden.

Du arbeitest mittlerweile als Sexberaterin, was gibst Du den Frauen weiter?

Ich bezeichne mich eher als Erotik-Coach, da mein Fokus auf der Begleitung einer Frau bei ihren ersten Schritten Richtung Eigenliebe und Selbstannahme liegen. (Mehr zum Thema Sexberaterin findet ihr hier.) Ich gebe ihnen den Raum sich selbst erst einmal so anzunehmen wie sie gerade empfinden. Danach öffnet sich eine Tür nach der nächsten und nicht selten werden verschollen geglaubte Fantasien und Wünsche wieder wach.

Mein Credo:

Dein Körper. Deine Regeln. Deine Lust. Alles kann – nichts muss.

Du betreibst den Secret Room auf Facebook, was passiert da?

Der Secret Room ist eine geheime Gruppe auf Facebook, die sich wie eine sehr vertraute Freundinnen-Runde anfühlt. Dort können Frauen ab 40 Mitglied werden, um sich über ihre „geheimen“ Wünsche oder erotische Erlebnisse in einem kleinen geschützten Rahmen auszutauschen. Ich biete einmal ein der Woche Abends einen online Austausch Raum über Zoom an, so dass aktuelle Anliegen oder Erlebnsise direkt Raum und Gehör bekommen.

Was passiert mit den Frauen, wenn sie in einer geschlossenen Gruppe über Sex reden? Was erstaunt Dich dabei am meisten?

Sie erfahren ein wertfreies Miteinander und eine schier endlose Quelle an Inspiration. Jede Frau ist Inspiration für die Anderen und das führt zu einem neuen Selbstvertrauen und Selbstverständnis bei jeder Einzelnen.

Die Offenheit erstaunt mich immer wieder auf Neue. Es fühlt sich bei jedem Online Treffen an, wie in einer Feundinnenrunde, die sich schon ewig lange kennen und keine Geheimnisse voreinander haben. Und wie nährend intime Gespräche sein können, wenn alles sein darf und nichts muss.

Bei welchen Themen brauchen die meisten Frauen Hilfe? Wie hilfst Du konkret?

Es gibt gar nicht das eine Thema. Meist hilft schon , dass der Raum da ist, dass ihnen zugehört wird und sie keine Sorge davor haben müssen, als dumme Frau oder Schlampe bewertet zu werden.

Ein Grundthema, wenn es denn eins geben soll ist: Die Selbstannahme. Jede hat irgendwo lang gehegte und gepflegte Selbstzweifel. Doch allein schon diese an- und aussprechen zu dürfen ist wie eine Befreiung.

Wie lange dauert es, bis die Frauen vom Scham in die Entwicklung kommen?

Sobald sie sich getraut haben etwas intimes zu fragen oder zu erzählen beginnt schon die nächste Option auf eine andere Sichtweise. Eine neue Tür kommt in Sicht oder öffnet sich.

Was hilft ihnen am meisten?

Gesehen und gehört zu werden. Ansprechpartnerinne zu haben für alle möglichen Fragen

Kannst Du noch weitere konkreten Tipps geben?

Ich kann nur jeder Frau ans Herz legen sich zu erlauben neugierig auf sich selbst zu werden. Beginne dich für dich selbst zu interessieren und sich einen Weg zu suchen sich mit ihrer Sexualität auszusöhnen und neu anzufreunden. Wissen ist Macht. Wissen macht dich sicher. Du weißt um deine Wünsche und Vorlieben Bescheid, ebenso wie über deine Grenzen. Und wichtig finde ich auch noch, dass jede beginnt Worte für ihre Vulva und Vagina zu finden und für ihre Empfindungen. Denn oft sind es die fehlenden Worte, die uns sprachlos fühlen lasse.

Worüber freust Du Dich persönlich am meisten? Bringt Dich der Secret Room auch weiter?

Ich freue mich darüber, dass es den Raum gibt und er mit Leben gefüllt wird. Das schenkt mir unglaubliche Freude und erwärmt mein Herz. Und ich bin so glücklich über jede weitere Frau, die sich dem anschließen möchte und sich traut wieder einen  neuen Schritt nur für sich selbst zu gehen. Der Secret Room soll ein Austausch Raum werden, der mit jedem weiteren Mitglied an Inspiration und Vielfältigkeit wachsen darf.

Hier ein paar Feedbacks von Frauen, die Mitglied im Secret Room sind:

„Du hast mir meine Weiblichkeit wieder zugänglich und schmackhaft gemacht. Ich lerne meine Körper zu lieben und spüren, ich lebe, ich berühre mich wieder mit so einer Lust und Leidenschaft UND ich will MEHR ja MEHR. Die wundervollen Frauen, die ich durch dich und deinen Secret Room kennenlernen durften sind mir so Balsam, so eine Unterstützung, so wundervolle Wegbegleiterinnen das ist einfach GROSSARTIG. Es ist so schön, dass es dich und diese Möglichkeit gibt. Danke schön.“

„Da ich am Anfang des Secret Rooms im November gerade am Ende einer 22jährigen monogamen Ehe stand, war so vieles für mich neu. Was ist normal? Was gibt es noch? Wie ist das bei anderen… Was will ich… So viele Erkenntnisse über mich, so viele Räume, so viel zu entdecken und zu heilen. Dass ich 4 Monate später so fest auf meinen Beinen stehe liegt zum großen Teil an der Weise wie Mirjam den Secret Room hält. Frei nach dem Motte „alles darf, nichts muss“ und „Deine Vagina, Deine Regeln“. Der Secret Room ist mir Inneres Kind, Freundin, Geliebte, Mutter, Hexe und Hure zugleich. Er ist mir aber auch eine geheiligte weibliche Stätte. Die Intimität und das gleichzeitig wirklich ICH sein und bleiben zu können ist unbeschreiblich. Ich wüsche jeder Frau diesen Raum!“