Was für ein Geburtstagsgeschenk. Ein Tantra Massage Kurs über zwei Stunden. Mein Mann versteht es mich zu überraschen. Und um ehrlich zu sein auch mich zu überfordern. Zum einen klingt eine Intimmassage verlockend. Ich finde es reizvoll mal einen Profi zu erleben. Nicht jemand, der Befriedigung quasi DIY-mäßig erlernt hat, sondern einen Profi, einen „Sexual Body Worker“, der Sexualität studiert hat. Mit Diplom. Andererseits ist es mir als Frau fremd für meine Befriedigung zu bezahlen, schließlich stehen bei uns Besuche im Bordell, bei einer Prostituierten oder das „Happy Finish“ bei einer Thai-Massage nicht gerade auf der Tagesordnung.

Monatelang liegt der Gutschein also auf meinem Schreibtisch, bis ich genug Mut gesammelt habe und bei Kashima anrufe. „Du solltest mehr Zeit buchen“, rät mir der Mann sofort. Zwei Stunden erscheinen ihm zu wenig. Ich hatte das Tantra Massage Institut in Westberlin ausgewählt, weil es die edelste Webseite hat. Ich wollte keinen Räucherstäbchen, Buddha Figuren und Klangschalenmusik haben, während mir jemand die Klitoris massiert. „Frauen brauchen länger um locker zu werden“, erklärte er mir weiter. Er empfiehlt mir drei Stunden. Ich buche schließlich 2,5 Stunden. Für 220 Euro! Da überlegt man sich jede halbe Stunde.

Die Masseurin zieht sich aus

Ich klingle und eine wunderschöne Frau in einem schwarzen Negligé öffnet mir. Sie führt mich den Flur einer imposanten Albauwohnung mit Stuck und Flügeltüren entlang, ein dicker Teppich schluckt meine Schritte. Ich muss an ein Edel-Puff denken, denn vor jeder Türen stehen Pantoffel. Dahinter herrscht Stille. Was da wohl gerade passiert? In einem Salon mit Kamin nimmt sie mir mit langsamen Bewegungen meinen Mantel ab und reicht mir Pantoffel. So anmutig wie eine Geisha, denke ich.

Anschließend findet in unserem Zimmer neben einer Kingsize-Matratze das Vorgespräch statt. Warum ich hier bin? Was ich mir erwarte? Ob ich auch intim berührt werden möchte? Aleksandra Veronika (ein dreiteiliges Interview mit ihr lest ihr hier) erklärt mir, dass ich nur so weit gehen soll, wie es sich für mich gut anfühlt. „Gehe verantwortungsvoll mit dir um“, sagt sie. Nach dem Ausziehen und Duschen, stehe ich nur mit einem Tuch bekleidet zitternd auf der Matraze. Will ich das wirklich, frage ich mich. Zu meinem Erstaunen zieht sich die Masseurin ebenfalls aus. Was folgt ist eine mal behutsame, mal kraftvolle Massage. Sie streicht meine Beine und Arme aus, streichelt meinen Bauch, die Innenschenkel und knetet meine Ohrmuscheln. Da drin bin ich tatsächlich noch nie berührt worden, denke ich. Alles ist sehr sinnlich, sanft und enspannend. Mal haucht sie mir über die Haut, mal spüre ich ihre Brustwarze auf meinem Oberarm und meine Hand liegt unentwegt auf ihrem weichen Oberschenkel.

Die Vagina muss zum ersten Mal nicht kommen

„Atme nun in deinen Bauch und stöhne beim Ausatmen“, sagt sie. „Das verbindet dich mit deinem inneren Körper“. Brav befolge ich die Anweisung und muss fast lachen. Stöhnen ohne Erregung fühlt sich komisch an. Was die im Nachbarzimmer wohl denken? Plötzlich streicht sie sanft über meine Kaiserschnittnarbe – ich breche in Tränen aus. Spüre das Skalpell und die Schmerzen wieder. Ich weine lange und mir wird der Raum dafür gelassen. Nachdem ich mich gesammelt habe, soll ich wieder stöhnen, denn nun ist meine Yoni, wie sie die Vagina nennt, dran.

Ganz vorsichtig streicht sie über die Schamlippen. Sie liebkost sie mit genauso viel Hingabe wie vorhin meine Ohren oder meinen Arm. Die Vagina fühlt sich zum ersten Mal in meinem Leben wie ein ganz normaler Körperteil an. Kein Wunsch steckt dahinter, dass ich jetzt erregt werden, feucht werden oder kommen soll. Das nimmt den Druck und entspannt mich noch mehr. Ich komme. Das Universum öffnet sich. Licht umspült mich. Ich stehe zwischen den Sternen, schaue in die Unendlichkeit und staune. Meine Zeit ist um. „Ich hätte doch drei Stunden nehmen sollen“, keuche ich grinsend.

Es gibt noch mehr als Sex

Sie setzt sich zu mir, nimmt sich Zeit für ein Nachgespräch. „Der Gebärmutterhals ist das Kraftzentrum der Frau“, erklärt sie. Der Kaiserschnitt geht da genau drüber und hat mich von meiner Lebensenergie abgetrennt. Sie erklärt auch, dass die Gebärmutter ein Muskel ist und daher (im Gegensatz zum Schwellkörper Penis) Traumata speichern kann. „Daher ist sie oft traumatisiert und die Frauen empfinden nicht viel“. Denn eigentlich braucht es gar nicht viel Reibung für einen Orgasmus, sondern eher Entspannung.

Was ich von der Tantra Massage mitnehme

Ich habe tatsächlich mehr Energie und auch meine Lust ist wieder da. Aber vor allem bin ich noch Tage später völlig geflasht. Nicht von dem Orgasmus, sondern von dem Gefühl danach. Dem Licht, den Sternen, dem Gefühl der Ewigkeit. Ich habe Sex nur als klitzekleinen Teil einer viel größeren Kraft erfahren. Als ob die Yoni nicht nur Orgasmen schenkt, sondern das Tor zum Universum, zu Gott wäre. Klingt schrecklich abgedroschen, aber es hat mich neugierig auf mehr gemacht.