Seile finde ich faszinierend. Nicht an Schiffsmasten und auch nicht als Handykette, sondern auf nackter Haut. Seit ich einen Fotoband über Shibari (so heißt Bondage in Japan) gesehen habe, gehen mir diese Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Wie sich das wohl anfühlt, gefesselt zu sein? Begrenzt? Oder vielleicht sogar frei im Reichtum der eigenen Gefühle?

Im Moment erlebe ich Sex vor allem als Fülle. Als Fülle an Möglichkeiten, Stellungen, Fetischen und Rollen. Wer es sich erlaubt, kann (zumindest in Berlin) sehr viel Sexualität erleben. Zu zweit, zu dritt, in einer Beziehung oder polyamourös. Kuschelnd, raufend oder peitschend. Alles ist möglich, alles erlaubt.

Shibari erscheint mir da wie das Gegenteil. Auf den ersten Blick ist die Bewegung eingeschränkt und man scheint dem Partner*in ausgeliefert zu sein. Doch andererseits ist der innere Raum weit offen und das Gegenüber tut, wonach man sich sehnt. (Mehr zu Bondage für Anfänger*innen hier)

Als wir den Kurs „Rope Bondage“ von Sonja Reifenhäuser und Wera buchen, bin ich noch voller Euphorie, beim Eintreffen in den Räumlichkeiten dann jedoch nur noch nervös. Doch die beiden machen es mir leicht. Sonja leitet zuerst einige Übungen an, damit wir vom Kopf in den Körper kommen. Mit fremden Menschen schaue ich mir tief in die Augen – minutenlang. Dann sollen wir fragen, ob wir tun dürfen, was wir wollen? Und auf das Okay des anderen warten. Ich will sie in den Arm nehmen, doch es kommt kein Okay. Also nehme ich die Arme wieder runter und wir blicken uns weiter an. „Spürt die Grenzen“, erklärt Sonja. „Eure und die des anderen“. Wir sollen lernen „Nein“ zu sagen, damit wir später „Ja“ sagen können, zu dem, was uns gefällt.

Die Stimmung ist nun locker – und ich auch. Dann werden die Seile herumgereicht. Baumwolle oder Hanf? Baumwolle ist kuschelig weich, Hanf hart und rau. Ich entscheide mich für das Erstere. Ein Basisknoten wird probiert und geübt. Gar nicht so einfach und so mancher knirscht frustriert mit den Zähnen.

Und dann geht es los. Ich werde umschlungen und mit dem Seil eng und fest gezurrt. Ein Gefühl von Sicherheit und Loslassen baut sich auf. Beim Lösen der Knoten soll das Seil sanft über meine Haut gleiten, bis es wieder ganz bei meinem Partner ist. Das klappt noch nicht so gut, aber schon gut genug. Wir grinsen und spielen uns durch den Saal. Ich gehe weg, werde herangezogen, rolle mich auf dem Boden, werden zum Paket verschnürt. Gerade als der Kick im Kopf losgeht, löst sich der Knoten. Wir können uns vor Lachen kaum halten.

Nach einer Weile bin ich super glücklich, aber auch müde gespielt. Ich kuschel mich erschöpft an meinen Partner. Da reicht Wera Schokoriegel herum. „Beim Bondage schüttet ihr sehr viel Hormone aus“, erklärt sie. „Ihr seid dann richtig high.“ Doch Achtung: auf das High folge oft ein Low. Da helfe nur in den Arm nehmen, streicheln, festhalten – und viel Schokolade. Was für ein Finish! Beherzt greife ich zu.