Im Sommer habe ich endlich Zeit für die Kuschelparty im Insomnia gefunden. Ehrlich gesagt, war ich bisher schlicht zu feige gewesen. Was, wenn ich alle dort doof und hässlich finde? Mich einer begrapscht? Ich mittendrin doch nicht mehr will? Was mache ich dann?

Im Insomnia ist alles easy

Der erste Stock im Insomnia ist hell und freundlich. Ich bin erleichtert: keine dunkle Höhle, wo es nach muffigem Sex riecht. Alle Teilnehmer*innen tummeln sich an der Bar – und sind genauso schüchtern wie ich. Selbst die Herren halten sich an ihrem Bierglas fest und starren gerade aus. Auch ich vermeide Blickkontakt und will erst mal im Raum ankommen – und meinen Puls runterfahren. Das Publikum ist bunt gemischt. Überraschend viele Frauen und Pärchen. Einige scheinen Profis zu sein, tragen Negligé mit Strapsen und Latex-Höschen, andere sind herrlich entspannt mit Mickey-Mouse-Pyjama, Leggings und Cargo-Pants gekommen.

Erste Aufgabe: Locker werden

Zwei Glas Prosecco machen mich schon ein bisschen locker, für den Rest sorgt die Veranstalterin. Als Erstes erklärt sie die Kuschelregeln: Kuscheln, Streicheln, Anfassen ist okay, Küssen, Fummeln, Intimzonen sind tabu. Ihr Kollege macht mit uns Yoga-Herzöffner und Atemübungen. Die Ersten kichern bereits und auch ich entspanne mich. Dann heißt es Augen zu und durch. Tatsächlich sollen wir die Augen schließen, uns drehen und dabei mit den Fingern berühren, wer oder was uns begegnet. Ich spüre Gesichter, Hälse und Arme, taste, fühle, halte und streichle. Es fühlt sich leicht, zauberhaft und unheimlich schön an. Schließlich sollen wir – immer noch mit geschlossenen Augen – den Menschen vor uns umarmen. Die bisherigen Übungen haben mich so entspannt und auch so mutig gemacht, dass ich die Arme um einen Mann schlinge. Die Umarmung mit dem Unbekannten ist warm und innig. Es fühlt sich erstaunlich gut an. Ich vergrabe mich in seinen Armen, lege den Kopf an seine Schulter – und könnte heulen vor Glück. Das sich das mit einem Fremden so intim anfühlen könnte, erschreckt mich und ich löse mich von ihm. Die Veranstalterin wird mir später erzählen, dass schon Frauen gegangen sind, weil sie „zwar kein Problem mit einem Gangbang haben, ihnen das aber zu intim war“.

Gruppenkuscheln leicht gemacht

Schließlich legen wir uns alle auf eine riesige Lederliegewiese in der Mitte des Raumes und schmiegen uns aneinander. Mit geschlossenen Augen streichle ich um mich herum, gleichzeitig habe ich 4-6 Hände auf meinem Körper, die mich liebkosen. Die Hände streicheln meine Wange, fahren mir übers Haar, halten tröstend meinen Kopf oder gleiten über meinen Körper. Das ist irre: irre persönlich, irre intim, irre schön. Niemand berührt meine Brüste oder meinen Po. (Und der eine Grapscher, von dem ich später höre, wird von der Veranstalterin, die streng über dem Geschehen wacht, ermahnt.) Manche streicheln richtig toll, andere eher grob, doch geschickt kuscheln ich mich von dem Grobian weg, hinein in die Arme eines neuen Mannes, der sich toll anfühlt. Minutenlang liege ich in den Armen des Unbekannten und spüre so viel Geborgenheiten, dass ich schnurren könnte. Plötzlich nimmt jemand anderer meine Hand und unsere Finger liebkosen sich. Das fühlt sich fast schon wie Betrug an, herrlich verrucht. Ein Kuschel-Dreier quasi.

Foto: Insomnia

Kuschelparty mit Benefits

Nach etwa einer Stunde gibt es eine Pause. Bei Prosecco an der Bar tauscht man sich mit seinen neuen Bekannten aus oder flirtet. Danach startet der Teil mit den Benefits, denn natürlich ist das Insomnia ein Swinger Club und Sex wird hier großgeschrieben. Die Dame mit dem Mickey-Mouse-Pyjama ist verschwunden, doch die meisten sind geblieben, denn nun ist neben kuscheln, auch knutschen, fummeln und Sex erlaubt. Die Dame mit dem Negligé und Strapsen verschwindet sofort mit einem Mann nach oben in den Ficken-Bereich. Ich nehme meinen Mut zusammen und quatsche den Mann, in dessen Armen ich mich so geborgen gefühlt habe, an. Ich habe mir vorgenommen heute Abend, auf mein Bauchgefühl zu hören und das sagt: Ja, zu Mister Geborgenheit.

Wir knutschen und fummeln und es fühlt sich großartig an. Meine Seele und mein Körper sind vom Kuscheln ganz weich gespült und ich glühe vor Lust und Sinnlichkeit. Wir kichern, albern rum und es wird richtig heiß. Zeit nach oben in den Ficken-Bereich zu gehen. Doch dort erwartet mich eine kalte Dusche.

Ficken mit Zuschauern? Nein, danke!

Lauter Männer mit Ständer stehen am Geländer und warten auf Gespiel*innen. Ich werde sofort taxiert – und das ist mir sehr unangenehm. Ich bin keine Swingerin, will mir mein*e Spielgefährt*innen selbst aussuchen, anstelle mich meiner Haut erwehren zu müssen. Ich drehe auch dem Absatz um und suche mir mit Mr. Geborgenheit eine ruhige Ecke. Wir finden ein stilles Plätze (neben dem Gynäkologenstuhl) und knutschen weiter – die Lust auf Sex ist mir vergangen. Zum Abschied nehmen wir uns in den Arm und halten uns lange fest. Nummer tauschen wir nicht aus – ich will schließlich keinen neuen Lover und auch keinen Facebook-Friend, sondern wollte die Leichtigkeit des Augenblicks genießen.

Mein Fazit

Die Veranstalterin achtet auf eine ausgewogene Mischung zwischen Männer und Frauen, was der Kuschelparty sehr gut tut. Außerdem sorgt sie für einen „Safe Space“ und mahnt Grapscher rigoros ab. Gut finde ich auch, dass reine Kuschler in der Pause gehen können und wer mehr will, einfach bleibt. Einziger Kritikpunkt ist die Sex-Area. Nicht jede*r ist ein Swinger und will zum Lustobjekt gemacht werden. Ein „Anfängerbereich“ ohne Zugucker wäre wünschenswert.

Die Kuschelparty findet am 1. Mittwoch im Monat statt. Die nächste ist am 4. Oktober. Bis 20 Uhr müssen alle Gäste erscheinen, dann geht’s los. Frauen zahlen zehn Euro, Paare 39 Euro, Herren 49 Euro. Die Teilnehmerzahl für Single-Männer ist auf 15 limitiert. Bewerbung mit Foto und Text ist erwünscht.