Heike Niemeier hatte eine erfolgreiche Eventagentur – und keinen Spaß mehr am Job. Mit Ü50 stellte sie ihr Leben auf den Kopf und schüttelte und rüttelte es kräftig durch. Herauskam eine neue Berufung: als Sexberaterin. Und viel mehr Spaß am Leben. Hier erzählt sie regelmäßig über ihre Herausforderungen und ihren Sex. (Mehr Texte von Heike hier)

Ich bin robust groß geworden. Auf dem Dorf. Mit langen wehenden Haaren, den Dackel immer kurz an der Leine. Ich war und bin eine Mischung aus Cowgirl, Schöngeist und Rebell. Diese Mischung sagte mir, dass ich das Dorf verlassen werde.

Vom Dorf in die große, weite Karrierewelt

Ich blieb noch einige Zeit im Dorf, besuchte das Gymnasium, es folgte die obligatorische Ausbildung, das Studium in Osnabrück und Berlin. Mit einem Magister Artium in der Tasche ging ich in die internationale Kunstwelt. Sydney, Seoul, die Welt lag mir zu Füßen. Der Anruf eines Freundes beförderte mich jedoch in eine Eventagentur. Danach ging es zur EXPO 2000, dieser folgte Arbeitslosigkeit. Denn mit Anfang 40 sei ich zu alt für Eventmanagement, sagte man(n) mir. Also mutig rein, in die Selbständigkeit, mit einer eigenen Veranstaltungsagentur.

Es ging schnell bergauf. Mehr und mehr wurde ich mit Veranstaltungen politischen Inhaltes beauftragt. Mit Herzblut und der Vision,  mit meiner Arbeit die Welt ein bisschen besser machen zu können, baute ich eine florierende Agentur auf. Tolle Veranstaltungen mit meinem Team, mit tollen Themen und Persönlichkeiten wie Kofi Annan und Bill Clinton, im In- und Ausland, sogar mit Lehrauftrag und der Lizenz zum Ausbilden und viel Geld in der Tasche.

Und doch: Etwas stimmte nicht.

Veranstaltungsmanagement war nicht nur Glamour und Spaß, sondern präzise Arbeit und konsequente, kontinuierliche Konzentration und Kommunikation. Ich lernte viele Facetten kennen, von VIP Veranstaltungen bis hin zum Tag der offenen Tür mit 200.000 Besuchern. Ich erfuhr die Arroganz und Missachtung meiner Arbeit und die meines Teams, genauso wie Standing Ovations mit „Heike that was a brilliant job“. Die Tage wurden länger und  die Freizeit immer begrenzter. Langsam aber sicher schlich sich immer mehr Erschöpfung, Lustlosigkeit und Demotivation ein. Tief in mir spürte ich schon, dass ich hier nicht mehr „richtig“ war. Meine Vision war mir abhandengekommen.

Aber wohin sollte ich?

Der Crash kam eines Morgens. Alle vorangegangenen Warnzeichen hatte ich schön missachtet und beiseite geschoben. Unachtsamkeit, ein falscher Schritt, aus der S-Bahn kommend, der tiefe Fall. Ich wollte aufstehen, doch ein Schmerz durchzuckte meinen ganzen Körper. In der Notaufnahme wurde ein Wadenbeinbruch diagnostiziert. Klar, es hätte noch schlimmer kommen können, doch das genügte: Eine Woche Gips zum Abschwellen des Beines, eine Woche Krankenhaus mit Operation,  sechs Wochen mit Krücken und dann wieder laufen lernen.

Ich verlor wortwörtlich jeglichen Halt, den Boden unter den Füssen. Das war’s! Das ist mein Ende, dachte ich. Wie soll ich die Projekte durchführen, in 10 Tagen für einen Auftrag in die Mongolei fliegen? Meine Gedanken überschlugen sich. Verzweiflung machte sich breit. Mit voller Wucht wurde ich aus meinem Hamsterrad geschleudert. Mit Gipsbein auf dem Bett liegend kamen viele Tränen und die Fragen, die sich jeder mit Gipsbein stellt: Wie schlafe ich? Wie wasche ich mich? Wie versorge ich meinen Haushalt? Und dann die Thrombosespritzen setzen – so einen blauen Bauch hatte ich noch nie zuvor.
Aber da waren meine Freunde, die sich wunderbar um mich kümmerten. Und auf einmal lernte ich die mir verordnete Entschleunigung zu schätzen. Den ganzen Tag Fernsehserien schauen, Bücher lesen, Chips essen und viel nachdenken.

Entschleunigung und der point of no return

Entschleunigung! Zurück im Büro den Umsatz runtergefahren, nur noch für ausgewählte Kunden gearbeitet, mehr Lebensqualität geschaffen. Jetzt sollte es wieder klappen. Aber nein! Das Hamsterrad ließ nicht lange auf sich warten. Erschöpfung, Belastung und Lustlosigkeit machten sich schnell wieder breit, sehr breit. Alles wie vorher, doch jetzt wurde es mir auf einmal bewusst: Wo  war mein Leben? Wo war ich? Wollte ich mich weiterhin absurden Budgetverhandlungen aussetzen, herablassende Kunden einfach hinnehmen oder als everybodies Darling lächeln? Dienstleistungsorientiert lächeln, nicht vom Herzen? Ohne Vision weiter arbeiten? Was nutzte all das Geld, wenn die Zufriedenheit und die Leichtigkeit auf der Strecke bleiben? Selbst all die positiven Erfahrungen und schönen Begegnungen, die ich im Lauf der vergangenen Jahre gemacht hatte, konnten dies nicht mehr aufwiegen.

So kam dieser Sonntagmorgen, an dem meine Entscheidung ganz klar war, an dem nichts anderes mehr ging, als auf mich selbst zu hören. Endlich mit 58 Jahren:  Point of no return. „Ich beende jetzt alle unterschriebenen Verträge und dann mache ich Schluss mit dem Veranstaltungs-management.“

In diesen letzten sechs Monaten meiner Agenturzeit fragte ich mich fast täglich: Und was jetzt? Wo war das Cowgirl? Ich hatte doch nicht nur einen Unwillen, sondern auch einen Willen. Ich wollte wieder Spiel und Regeln bestimmen. Mein Leben, ich bin das Cowgirl! Neben der Angst, nicht das zu finden, was mir wieder Lust und Laune in mein (Arbeits-) Leben bringen könnte, beschäftigten mich natürlich auch ganz reale existentielle Ängste. Also habe ich mich mutig nächtelang in das worst case-Szenario gebeamt und mir vorgestellt, wie es sich anfühlt, Hartz IV zu beziehen und in einem WG-Zimmer zu wohnen. Und soll ich Ihnen was sagen? Es fühlte sich gar nicht schlecht an. Dies beruhigte mich ungemein. Die letzten sechs Monate waren zu Ende. Projekt Veranstaltungsagentur beendet. Viele Menschen haben mich damals für verrückt erklärt, meine gut gehende Agentur aufzugeben, ohne finanzielles Polster und das in meinem Alter. Doch meine Entscheidung war unumstößlich.

Sexberaterin – ich?

Kurze Verschnaufpause. Einen Monat mal nichts tun. Und auf einmal kam das Leben zurück zu mir, das Lachen, im Café zu sitzen, mit Menschen zu plaudern, mich wieder zu spüren. In dieser Zeit fiel eine große Schwere  von mir. Aber immer noch ohne die Gewissheit, wohin ich gehen sollte. Also suchte ich mir Rat und machte ein Coaching. Ein ganzer Tag mit zwei Coaches und dem Resultat „Frau Niemeier, Sie sind die ideale Besetzung für eine Sexberatung.“ Das ist doch ein Scherz, dachte ich und lachte. Auf meine Bemerkung, dass ich dazu viel zu viel Scham in mir hätte, entgegnete einer der Coaches „Wenn Sie diese Scham überwinden und Sexberatung machen, wäre das ein riesiger Entwicklungsschritt für Sie.“ Mit diesem Satz bin ich nach Hause gefahren. Nach einer Woche war meine Entscheidung gefallen: Ich werde Sexberaterin.

Und auf einmal fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Mein ganzes Leben lang schon hatte ich Interesse am Thema Sexualität. Studienfreundinnen meinten, dass ich schon damals jeden und jede zu Lust und Liebe beraten und fortwährend alle zur Verfügung stehenden Bücher und Zeitschriften zu diesem Thema verschlungen hätte. Eine Klarheit und Entspanntheit breitete sich in mir aus, die unvorstellbar war.

Auf der anderen Seite waren da aber auch all diese Ängste. Was mache ich, wenn es nicht läuft? Reicht meine Ausbildung aus? Bin ich wirklich die Richtige dafür? Die Zweifel habe ich schnell ausgeräumt. Ein Start Up läuft nicht sofort. Also habe ich mir einen kleinen Nebenjob (der auch noch Freude macht) gesucht, der mir meinen Lebensunterhalt sichert und mir genügend Zeit lässt die Sexberatung aufzubauen. Ja, ich bin die Richtige dafür. Durch meine Kommunikationsfähigkeit, flankiert von meiner Intuition, verfüge ich über eine breite intellektuelle und emotionale Wahrnehmung. Meine ausgeprägte Sensibilität und mein schnelles Denken lässt mich Zusammenhänge erkennen und analysieren. All diese Anlagen inklusive meiner Aus- und Weiterbildungen (Mediatorin, Auditorin und Sexualberaterin) sind eine solide Grundlage für meine beratende Tätigkeit.

Nun hieß es nur noch umsetzen. Website erstellt, Visitenkarten gedruckt, in die Öffentlichkeit gehen. Und hier schließt sich der Kreis, mein Kreis. Ich bin bei meinem Thema angekommen und arbeite wieder mit Herzblut und mit freundlichen, respektvollen Menschen. Und wer das nicht ist, fliegt vom Sattel – Cowgirl-Style.

Für mehr Leichtigkeit in der Sexualität

Sex ist in unseren Medien und in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Aber auch nur da. Gefühlt scheinen immer mehr Menschen immer weniger guten, erfüllenden Sex zu haben. Belastende oder erschöpfende Prozesse spiegeln sich oft als erstes in der eigenen Sexualität wider. Unzählige Dating-Apps, Cyber-Liebe und virtuelle Sexspielzeuge sind Segen und Fluch unserer heutigen Gesellschaft. Dabei klaffen digitale und reale Welt weit auseinander. Die Folgen wirken sich auf alle Lebensbereiche aus – Irritation, Sprachlosigkeit, Verängstigung, Leistungsdruck und vieles mehr. 

Diese Belastungen zu erkennen und zu lösen und wieder Leichtigkeit zu erfahren, das ist das Ziel meiner Beratung. Zurück zu mehr Leichtigkeit und Freude am Leben, an Sex, an Liebe und Zärtlichkeit gepaart mit dem Mut zur Kommunikation und des Miteinander auf Augenhöhe. Doch dieses Mal soll es nicht ein neues Projekt für mich sein, sondern eine Lebensaufgabe. Anderen Menschen zu helfen. Mit meinem Angebot „Sexuelle Mediation“, begleite ich Menschen durch einen Prozess, an dessen Ende  mehr Zufriedenheit steht. Und das Wunderbare daran ist, das die Lösung dazu schon in jedem Klienten vorhanden ist.

Ich habe mich oft gefragt, warum ich es nicht schon Jahre früher gemacht habe. Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Aber was ich weiß ist, dass es mir heute besser geht. Auch ohne schrecklich viel Geld und Glamour bin ich sehr zufrieden und genieße die Glücksmomente. Vielleicht hängt es auch mit den Wechseljahren zusammen. Mich haben sie mutiger, experimentierfreudiger, angstfreier und klarer gemacht.  

Wann immer Sie wollen, seien  Sie Cowgirl/ Cowboy!

Heike Niemeier arbeitet als Sexberaterin in Berlin Kreuzberg. Den Kontakt zu ihr findet ihr hier.