Heike Niemeier hatte eine erfolgreiche Eventagentur – und keinen Spaß mehr am Job. Mit Ü50 stellte sie ihr Leben auf den Kopf und schüttelte und rüttelte es kräftig durch. Herauskam eine neue Berufung: als Sexberaterin. Und viel mehr Spaß am Leben. Hier erzählt sie regelmäßig über ihre Herausforderungen und ihren Sex. (Den Text über ihren Karriere-Switch könnt ihr hier nachlesen, wie sie sich als Frau mit Ü50 neu erfand, erfahrt ihr in diesem Text.)

Vor Jahren, als ich noch Veranstaltungsmanagerin war, habe ich ein Event für eine große, nennen wir es Institution, durchgeführt. Unser Ansprechpartner hieß mit Vornamen Stefan.

Eines Tages rief er mich an und teilte mir mit, dass er die nächsten 72 Stunden nicht erreichbar sei. Ich war verblüfft, denn wir befanden uns in der sogenannten heißen Phase des Projektes. Neugierig, wie ich nun einmal bin, fragte ich nach und bekam zur Antwort, dass er drei oder vier Mal im Jahr weder Mitarbeiter, noch Gärtner, noch Vater, sondern ausschließlich Mann und nur für seine Frau da sei. Und in dieser Zeit sei er für niemanden erreichbar.

Ich war begeistert und erzählte die Geschichte sofort meiner Mitarbeiterin. Für uns war sofort klar: so einen Mann möchten wir auch. Im Übrigen war und ist dieser Stefan ein sehr attraktiver, kluger und humorvoller Mann. Das sei nur so am Rande bemerkt.
Ab jetzt stand fest, wir wollten auch so einen Stefan, und es wurde schnell unser Slogan, der bis heute besteht: „Suche Stefan fürs Leben!“ Stephan mit ph ginge übrigens auch.

Wo aber nun findet Frau diesen Stefan fürs Leben?

Bislang habe ich die Männer, mit denen ich in Beziehung stand, immer von Freundinnen und Freunden zugespielt bekommen. So nach dem Motto: Also Heike Du solltest mal den Paul, den Robert und und und kennenlernen.“ „ Ja gerne, gib´ ihm doch meine Handynummer!“ Dann riefen Paul, Robert und und und an und das Miteinander konnte beginnen. Mein Stefan war bislang noch nicht dabei.
Momentan scheinen meine Freunde zu diesem Thema auch niemanden im Repertoire zu haben-absolute Funkstille. Also dachte ich mir, dann muss ich selber mal ran.

Aber zunächst musste ich klären, was wollte ich denn überhaupt? „Keine Beziehung“, war mein erster Impuls, sondern eine verbindliche, langfristige Affäre mit durchaus verbaler Auseinandersetzung, Leidenschaft und Humor. Zu hoch gegriffen vermuten jetzt sicher einige von Euch. Aber im Alter sage ich immer, „nicht kleckern, sondern klotzen“. Wozu sollte ich mich auf etwas einlassen, das nur in gewissem Maße dem entspricht, was ich möchte.

Also ab ins Getümmel!

Wo also findet man Ü50 einen Mann, wenn man nicht stundenlang spätabends an einem Bartresen stehen möchte, auch kein kurzes Abenteuer auf einer Sexparty sucht und Online Dating Apps sich aufgrund von ewig nervenden Romance Scammern als nicht zielführend erwiesen haben? Was ein Romance Scammer ist, könnt ihr hier lesen.

Meine erste Aktivität führte mich zu den Anzeigen des altbewährten Stadtmagazins. Nach Durchsicht der Annoncen triggerte mich textlich aber wirklich nichts. Meine zweite Aktivität führte mich zu den Inseraten einer etablierten Wochenzeitschrift. Unter den Anzeigen tummeln sich seit längerem auch viele Affären Anfragen. Einige Texte fand ich gut und antwortete darauf. Die Verfasser waren alle über 50 Jahre alt und gebunden oder verheiratet.

Wie nun sahen die Ergebnisse aus? Einige Anzeigenverfasser antworteten nicht einmal, ich war wohl nicht ihr Typ, einige waren nicht mein Typ, einige wollten sofort ein Foto und mit einigen habe ich mich getroffen. Hier gab es dann auch unterschiedliche Gruppierungen. Die einen mit Fetisch, den ich nicht teilen mochte. Die anderen, die erst einmal 30 Minuten über ihre Ehefrau lästerten. Liebe Männer, ein gut gemeinter Tipp: Das tut man nicht! Keine Affäre will das hören. Dann trennt euch, behaltet es für euch oder erzählt es eurem Therapeuten. Alles nicht so ganz einfach.

Und dann gab es ihn. Ich nenne ihn mal Mads (weil ich total auf Mads Mikkelsen stehe). Mads antwortete auf meine Mail mit einem tollen Humor, sodass ich schon lachend vor meinem Computer saß und dachte: „Yep, da geht was.“ Die nun folgende geschriebene Konversation war einfach großartig. Da kam alles zusammen, was ich gerne mag: Intelligenz,
Empathie, Humor, Eloquenz, Schlagfertigkeit, Weltoffenheit. Wow. Wo sollte das hinführen? Ich beruhigte mich damit, dass er bestimmt in keiner Weise gut aussehen würde. Weit gefehlt. Nachdem wir uns nach kurzer Zeit zum Telefonieren verabredet hatten, kam auch das Foto, das mich ganz und gar nicht abschreckte. Auch das Telefonieren war eine große Freude, tolle Stimme, das erotische Herantasten sowie die sexuellen Trigger ergänzten sich komplett.

Dann stand das erste Treffen vor der Tür: Pure Aufregung und die Frage im Kopf: „Wird er mir in der Realität genauso gut gefallen wie virtuell?“ Wir standen uns gegenüber, nahmen uns in die Arme. Die Antwort war gegeben: „Ja.“ Und Küssen konnte er, seufz, und das kann er natürlich immer noch. Schnell durchwühlten wir das Hotelbett, wie es sich für eine ordentliche Affäre gehört. Doch dann hielten wir inne und fingen an zu reden, schmiedeten Ideen, wohin wir gemeinsam fahren könnten, erzählten uns dies und das.

Ich erinnere mich genau an diesen Moment, den realitätsbringenden Moment. Wir saßen ineinander verschlungen wie im Film „Der letzte Tango in Paris“ (für die jüngeren Leser*innen, die diesen Klassiker nicht kennen, durchaus sehenswert!) und plötzlich schaltete ich auf Blockade, denn er war ein Mann zum Verlieben. Aber was hatte ich zu verlieren? Bis auf späteren Liebeskummer, was nicht ausgeschlossen war, deutete alles auf etwas Wunderbares hin – zunächst zumindest.

Und dann kam dieser realitätsbringende Moment bei ihm. Ich war wohl auch eine Frau zum Verlieben, dabei ist doch er verheiratet. Rückzug auf allen Fronten. Ich lag also plötzlich allein im Hotelbett. Das hatte ich mir ehrlich gesagt ein wenig anders vorgestellt. Mittlerweile gibt es
ein erneutes Annähern. Was nun kommen wird, ist noch offen. Ein Treffen steht im Raum, ich frage mich, ob es stattfinden wird und was dann passieren könnte.

„Was mir aber ganz wichtig ist, ist die folgende Botschaft:
Liebe Frauen, es gibt sie noch in dieser Welt, die Stefans fürs Leben.“

Ob wir sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort treffen, sei dahingestellt. Ob diese Männer dann mutig genug sind, um das zu leben, was sie fühlen, kann ich nicht beantworten. Ich wünsche es ihnen, denn life is too short. Und wir sind niemals zu alt für einen Neustart!
Also bleibt mutig und schaut mit offenen Augen in die Welt. Achtet darauf, wer da alles auf euch zukommt und greift das Leben mit beiden Händen. Mir ist mittlerweile ein sehr attraktiver Liebhaber über den Weg gelaufen.

I Enjoy! Bis Stefan kommt.