Wegen Menschen wie unserer Gastautor*in gendern wir mit „Sternchen“. Denn neben männlich und weiblich gibt es noch viel mehr Identitätsformen – für die steht das *. Unsere Gastautor*in Jo ist genderqueer. Sie fühlt sich als Mann UND Frau. Hier erzählt sie, wie sich das für sie anfühlt, was ihre Kinder dazu sagen und wie sie zu richtig gutem Sex gefunden hat.

Es ist nicht einfach eine Frau zu sein, die manchmal ein Mann ist, der ausschaut wie eine Frau und sich verhält wie … na ja, diese Wortkette könnte man endlos weiterführen. Ich bin Jo, nicht-binär, habe also mehr als eine Geschlechtsidentität, und bewege mich häufig dazwischen. Passe in keine Schublade und irritiere meine Mitmenschen mit meiner Widersprüchlichkeit.

Weil ich dazugehören wollte, musste ich einen Teil von mir, den männlichen, verbergen. Es hat mich einsam und melancholisch gemacht, so zu tun, als wäre ich jemand anders: eine ausgeglichene, mit sich zufriedene Frau. Um mich zu schützen hatte ich mir daher ein paar Rollen zugelegt, die ich anlegen konnte wie ein neues Kleid. Da war die souveräne, emphatische Beraterin im Job, die verständnisvolle warmherzige Freundin, die vernünftige Tochter, die flirtende, wortgewandte Partnerin und einige mehr. Nur gegenüber meinen Kindern war ich authentisch und zeigte mich so, wie ich bin. Die beiden (heute 15 und 21) gehen damit gelassen um. Sie merkten früh, dass ich anders ticke als andere Mütter und gerade mein Sohn (der Ältere) kommentiert mein Verhalten und findet es gut, dass seine Mutter nun so ist, wie sie ist.

Was ist genderqueer?

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Ich bin nicht-binär, das heißt, ich habe mehr als eine Geschlechtsidentität. Viele kennen inzwischen den Begriff Transgender. 

Doch das bin ich nicht, Transgender-Menschen haben nicht das Geschlecht, mit dem sie sich identifizieren (Frau in einem Männerkörper/Mann im Frauenkörper). Ich bin genderqueer, das ist ein Sammelbegriff für alle Menschen, die sowohl eine ausgeprägte männliche UND eine weibliche Identität haben. Wir unterscheiden uns von den meisten Menschen, die als cisnormativ bezeichnet werden, weil sie sich in ihrem dominierenden Geschlecht, indem sie geboren wurden, wohlfühlen (Frau im Frauenkörper/Mann im Männerkörper). 

Früher habe ich mich aufgrund der vielen Kommentare manchmal wie eine Außerirdische gefühlt: „Benimm dich mal wie eine Frau!“, „Sei nicht so dominant, das ist unweiblich!“, „Kannst du dir nicht mal etwas Hübsches anziehen!“, „Zeig doch mal deine Gefühle!“ Natürlich habe ich – und sicher auch manch ein anderer -, gedacht ich sei lesbisch. Dem ist aber nicht so. 

Frau und Mann zugleich

Wir, die Genderqueers oder nicht-binären Menschen, stehen irgendwo zwischen Cisnormativ und Transgender. Stellt euch eine Skala von 1-10 vor, bei der an der rechten Seite Frau und an der linken Seite Mann steht. Ich stehe ungefähr bei 6-7, tendiere also deutlich zur Frau, wobei der Mann aber auch noch klar durchkommt.

Mein männlicher Anteil, Jonas (ja, er hat einen Namen und ich benutze ihn mit einem Augenzwinkern), hatte jahrzehntelang das Nachsehen. Wenn ich hier zwei Namen benutze, mag das befremdlich klingen, meint aber folgendes: Ich fühle mich gerade eher männlich oder eher weiblich und muss das auch ausleben. Dies unterscheidet mich und andere nicht-binäre Menschen von Leuten mit eindeutiger Geschlechtsidentität. Auch wenn jeder die Aspekte weiblich/männlich in sich trägt, haben die meisten bezüglich ihrer Identität Klarheit: Entweder sie fühlen sich in ihrem Geschlecht wohl oder eben nicht (dann sind sie transgender). Nicht-binäre haben diese Klarheit nicht und fühlen sich in ihrer Identität beiden Geschlechtern zugehörig.

Zurück zu mir. Ich verfiel immer mehr in Traurigkeit und mein männlicher Anteil drängte mit Wucht nach draußen. Es kam zu einer schlimmen Phase in meinem Leben, die letztlich dazu führte, dass ich mich entschloss, zu dem zu stehen, was ich bin, sonst hätte ich nicht mehr weiter leben können und wollen. Das ist jetzt ziemlich genau ein Jahr her.

Der Weg zu mir

Um einen Weg aus meiner tiefen Depression zu finden, habe ich mich auf die Suche nach Menschen gemacht, die ähnlich empfinden wie ich und dabei in ein Wespennest gestochen. Innerhalb kürzester Zeit hatte ich über OK-Cupid viele Kontakte zu anderen nicht-binären Menschen, eine nicht-binäre Gruppe in Berlin aufgetan und Gespräche mit Fachleuten geführt.

Dabei habe ich viele tolle Menschen kennengelernen, von denen manche heute zu meinen Freunden zählen – und die Parallelen zu meinem eigenen Leben haben. Verzweifelte Menschen, die sich einsam fühlen, denn sie gehören niemals vollständig dazu. Ein Teil von uns ist eben immer anders. Das Gefühl damit nicht alleine zu sein, ist unglaublich wichtig für mich gewesen. Natürlich bin ich aber auch auf Menschen gestoßen, die ihren Frieden mit ihrer nicht-eindeutigen Geschlechtsidentität gefunden haben, und die mit stolz erhobenen Haupt durchs Leben schreiten. Andere sind Genderfluide. Die wachen morgens auf und fühlen sich als Mann oder Frau. Dann kleiden und benehmen sie sich entsprechend und irgendwann nach ein paar Stunden oder Tagen wechselt das Geschlecht wieder.

Bei der Entdeckung meiner eigenen Geschlechtsidentität habe ich noch etwas festgestellt: Meine sexuelle Neigung ist von meiner Identität abhängig. Ein Mensch kann hetero, lesbisch, schwul, bi oder etwas anderes sein. Für mich gelten zwei Orientierungen: Ich bin als Frau bi und stehe auf Männer und Frauen, doch mein männlicher Anteil ist schwul und mag Männer. Die Verwirrung ist nun also komplett 😉

Mein Ausflug in die Gay-Szene

Ich dachte, wenn der Mann in mir nun nach Jahrzehnten des Schattendaseins zu seinem Recht kommt, würde es mir besser gehen. Ich habe mich auf Gay-Plattformen umgesehen. Dort habe ich jedoch nur für Verwirrung gesorgt und die bittere Erfahrung gemacht, dass viele schwule Männer Nichtbinären und Transmenschen gegenüber nicht besonders aufgeschlossen sind.

Heute kann ich damit sehr locker umgehen und bin auf meinem Weg der Selbstakzeptanz als nicht-binäre Frau viel weiter. Ich habe aber – wie die meisten von uns – noch Luft nach oben auf meinem Weg zum Glück. Wenn Jonas, mein Kerl erscheint, nimmt er seine Schwester Jo an die Hand und beide ziehen gemeinsam los – in Glitzer-BH und Boxerbriefs mit Packer (Einsteckpenis für Transmänner). Damit bin ich authentisch und verwirre niemanden mehr. Die Leute sind eher interessiert oder sogar angeturnt. Meist begleitet mich dabei einer meiner nicht-binären männlichen Freunde als Frau.

Sex zwischen Führen und Folgen

Nach einiger Suche habe ich Männer gefunden, die auch sexuell mit mir als Frau und Mann kompatibel sind. Meist bin ich eine dominante Frau, die auf dominante Männer steht. Das ist nicht ganz leicht, denn dominante Männer stehen eher auf devote Frauen und sehen es als Sport an Frauen wie mich zu bezwingen. Am liebsten mag ich daher Männer, die wie ich mit der sexuellen Dominanz switchen können und Spaß daran haben zwischen Führen und Folgen zu wechseln.

Jonas, mein Kerl, ist manchmal ein ziemlicher Macho (ich musste mir schon häufig Kommentare zu meinen Sprüchen anhören, die für Außenstehende ja von einer Frau kommen). Er steht auf Muskeln und fährt in Sekunden von 0 auf 100, wenn ein attraktiver Kerl mit muskulösem Hintern sein Interesse bekundet. Es ist sogar schon einmal vorgekommen, dass ich einen Mann an die Wand gedrängt habe, weil ich mich nicht beherrschen konnte. Natürlich waren wir vorher schon zugange und hatten tollen Sex, bei dem ich mich als Frau prima hingeben konnte. 

Falls du dich von dem Text angesprochen fühlst und noch Fragen hast, wir vermitteln gerne den Kontakt zu Jo. Außerdem gibt es in Berlin zwei Gruppe, an die du dich wenden kannst: Bei Triq (TransInterQueer) gibt es eine Gruppe namens „weder-noch“ und bei Lambda eine für junge Leute bis 27 namens „enby birds„.