Lange habe ich gebraucht, um die richtigen Worte zu finden, denn die Doku „Embrace“ hat mich nachhaltig berührt. Eingangs werden auf der Straße Frauen gefragt, was sie über ihren Körper denken. „Fett“, „eklig“, „abstoßend“ antworten die durchweg schönen Damen. Ich bin geschockt. Auch, dass laut einer Studie 90 Prozent der Frauen ihren Körper hassen, überrascht mich sehr. Zuerst denke ich noch: ich nicht. Doch dann laufen mir Tränen über die Wangen.

Ich mag meinen Bauch nicht

Seit der Schwangerschaft habe ich einen Bauch – und mag mich nicht dafür. Selbst nach vier Jahren, Yoga, Pilates und Bauchmuskeltraining ist er noch da. Fest und stramm zwar, aber dennoch so groß, dass ich immer wieder gefragt werde, wann das zweite Kind kommt. Seitdem überlegte, ob ich einen Cappuccino trinke (danach ist es schlimmer), beachte, was ich esse, wann ich esse und liege abends wach und lasse meinen (Essens)-Tag Revue passieren. Dann schimpfe ich mit mir oder lobe mich.

Ich glaube, die meisten von Euch wissen, was ich meine. Genauso ging es Taryn Brumfitt nach ihren drei Geburten auch. Kurz entschlossen trainierte die australische Fotografin – und nahm mit ihrem tipptopp Body dann sogar an einem Schönheitswettbewerb teil. Außen top, doch innen unglücklich. Der Preis war zu hoch gewesen, ihre Kinder, ihr Mann und sie selbst waren zu kurz gekommen. Also ließ sie los, lernte ihren Körper zu lieben und postete schließlich ihr berühmtes Vorher/Nachher-Bild.

Vorher/Nachher-Bild von Taryn Brumfitt (Copyright: Majestic)

Nora Tschirner gibt zu viel

Der Rest ist Geschichte. Das Bild ging viral und erreichte Millionen Menschen, doch während Taryn tagsüber in Talkshows saß, las sie nachts Tausende E-Mails und Kommentare von Frauen, die ihren Körper hassen. Sie gründete „Body Image Movement“ und startete ein Crowdfunding für den Dokumentarfilm „Embrace“ (der Trailer). Und hier kommt Nora Tschirner ins Spiel. „Ich habe bei Kickstarter ‚overperformed’“, sagte sie grinsend beim Interview in Berlin. Ihre gespendete Summe war so hoch, das Taryn erstaunt war. „Ich habe sie gegoogelt – und gesehen, was für ein Kaliber sie ist“, sagte Taryn. Kurzum: Nora wurde Co-Produzentin, Mitstreiterin und Freundin.

Model und Taryn Brumfitt (Copyright: Majestic)

Wir sind alle paralysiert

Was die Schauspielerin („Keinohrhase“, „SMS für Dich“) über ihren Körper denkt, hat sie der Berliner Morgenpost erzählt. Doch inzwischen ist es anders. Nora hat Frieden mit ihrem Körper gemacht. „Früher war ich stolz, wenn ich krank war und trotzdem arbeiten ging“, sagt sie. Heute bleibt sie Zuhause und kümmert sich um ihren Körper. „Wir sind alle paralysiert“, sagt Nora. „Wir denken, so viel über unseren Körper nach, dass wir zu nichts anderem kommen“, ergänzt Taryn. Die Gedanken der Frauen kreisen so sehr um Essen, Körper und Außenwahrnehmung, dass für wenig anderes noch Platz ist. „Wenn wir das zur Seite schieben, dann haben wir wieder die Kraft die Welt zu verändern“, sagt Taryn.

Der Dokumentarfilm „Embrace“ kann ein Richtungswechsel dafür sein, denn er zeigt Frauen, die Frieden mit ihrem Körper gemacht haben. Mir war bis zu dem Film nicht klar, wie viel die Medienwelt unsere Köpfe fickt…

…und wie viel weibliche Kraft in die Optimierung unserer Körper geht. Stellt Euch vor, wir würden diese Energie in unsere Familien, Freunde, Berufung und die Welt stecken?!?! „Ich sag es mal so: Die Frauen haben geschlafen, doch nun wachen sie auf“, sagt Taryn. Das zeigt, dass der Aufruf zum einmaligen Screening am 11. Mai in über 210 Kino in Deutschland und Österreich binnen weniger Stunden viral ging. Nora Tschirner hat die Ankündigung auf ihrem Account mit 90.000 Followern gepostet. Binnen weniger Tage gab es 10,5 Millionen Likes. „Das hat man nur, wenn man einen Nerv trifft“, erklärt sie.

Mein Körper ist ein Vehikel

Zum Schluss kam noch die Frage, wie die beiden eigentlich ihren Körper finden? Ich war erstaunt, dass erst einmal Schweigen herrschte. Ich konnte sehen, wie die beiden die Frage gar nicht verstanden, es gab in ihnen keinen Echo dazu. „Keine Ahnung“, sagte Nora. „Wenn ich jetzt in meinen Körper hineinhöre, dann braucht er Schlaf und hat zu viel Koffein“, sagte sie. Und Taryn: „Mein Körper ist nur ein Vehikel, das mir hilft, die Dinge zu machen, die ich will“. Wow, ich bin total beeindruckt! Stellt Euch vor, wir könnten das alle sagen – und unsere Kraft in wichtigere Dinge stecken.

Wer das ganze Interview mit Taryn und der Naturgewalt Nora Tschirner hören will: Meine liebe Kollegin Kira Siefert von Soulfood war bei dem Roundtable im Hotel Michelberger dabei und hat einen Podcast davon gemacht (…und bei ein paar Fragen könnt Ihr sogar mich hören 😉