Mirjam Kronenberg ist Frau, Mutter, Sexberaterin und ehemalige Escort-Dame. Über ihre Erfahrungen in der bezahlten Sexwelt hat sie bereits hier berichtet. Im Interview erzählt sie von ihrem „Secret Room“ auf Facebook, wo sich Frauen über ihre Sexualität und ihre sexuellen Wünsche austauschen können.

Was ist der Secret Room?

Der Secret Room ist eine geheime Gruppe auf Facebook. Dieser können Frauen ab 40 Jahren beitreten, um sich über ihre „geheimen“ Wünsche oder erotische Erlebnisse in einem kleinen, geschützten Rahmen auszutauschen.
Der Secret Room öffnet ungeahnte Möglichkeiten für jede Frau, die auf der Suche nach sich selbst und der Liebe ist. Ich biete einmal in der Woche einen Austausch online über Zoom an, sodass aktuelle Anliegen oder Erlebnisse direkt Raum und Gehör bekommen.

Warum brauchen Frauen einen geschützten Raum, um sich über ihre Fantasien auszutauschen?

Weil es auch mir persönlich leichter fällt, mich in einem wohlwollenden Umfeld zu öffnen. Der Raum sowie der Rahmen sind klar definiert und bilden somit wertschätzend die Vorgabe, die es Frauen ermöglicht, sich offen und intim auszutauschen. Diese Option wünsche ich mir für jede Frau, denn dadurch wird jede Frau durch die anderen Frauen inspiriert. So ist gemeinsames Wachstum möglich und das ist für mich das Großartige daran.

Warum glaubst du, fällt es Frauen dieser Generation so schwer, ihre Wünsche – auch vor sich selbst – zu formulieren?

Wir haben oft jahrelang kein Feedback bekommen, welches uns an unsere tiefe Weiblichkeit erinnern würde. Oft war Sexualität ein Tabuthema oder extrem schambehaftet. Und wenn etwas nicht existiert, dann fällt es mir schwer auch Wünsche zu äußern, da es ja nicht existent ist.
Ich denke, oft hat die Erlaubnis und die Ermutigung gefehlt, uns als Frau GANZ zu erforschen.
Kinder werden zu vielem ermutigt und begeistert, doch die eigene Intimität im positivem Sinne gehört immer noch nicht dazu.

Was passiert mit den Frauen, wenn sie in einer geschlossenen Gruppe über Sex reden?

Sie erfahren ein wertfreies Miteinander und eine schier endlose Quelle an Inspiration. Eine Teilnehmerin hat mir geschrieben, dass sie dank des Secret Room nun ihre Weiblichkeit wieder entdeckt hat. Sie hatte mit Sex schon abgeschlossen. Nun hat sie ein Yoni-Ei, hört Femtasy-Hörspiele, lernt ihren Körper neu kennen, lieben und spüren. Sie erlebt wieder Lust und Leidenschaft. 

Warum ist diese Entwicklung ohne Hilfe so schwer für Frauen?

Wie oben bereits erwähnt, wurden wir zu selten oder nie dazu angeregt unsere Lust zu erforschen. Lust oder Spaß mit mir selbst zu haben, gab es zumindest in meiner Erziehung nicht à la carte.
Wir stecken da selbst oft in den Kinderschuhen und uns fehlt die Orientierung und das Wissen, dass wir durch und durch sexuelle Wesen sind mit der Gleichberechtigung „glücklich“ zu sein.

Bei welchen Themen brauchen die meisten Frauen Hilfe?

Ein Grundthema, wenn es denn eins geben soll, ist die Selbstannahme. Frauen brauchen einen Raum, wo sie keine Sorge davor haben müssen, als dumme Frau oder Schlampe bewertet zu werden. Jede hat irgendwo lang gehegte und gepflegte Selbstzweifel. Doch kann die Frau darüber reden, dann ist viel Entwicklung möglich. Eine Frau schrieb mir: „Ich habe so viel über mich und Sexualität gelernt. Ich habe Swinger Clubs kennengelernt, war auf einer Fetisch Party und im Escort, ich habe meine Weiblichkeit neu entdeckt. Mein Urvertrauen gestärkt und stehe nun ganz anders in meiner Weiblichkeit“.

Einige Klientinnen habe große Unsicherheiten. Woher kommt das?

Die Frage ist doch: Woher soll denn die Sicherheit kommen?
Wie soll ich mich mit einem Thema sicher und vertraut sein, wenn es bis dato kein Thema war?
Oft stellen wir uns ab Ende 30 die Frage: „Was will ich denn eigentlich im Leben?“ oder „Wer bin ich wirklich?“
Wir trauen uns, uns selbst jetzt diese Fragen zu stellen, da wir an unserem inneren Selbst einfach nicht vorbeikommen. Ich sehe es als Riesenchance mir meine Unsicherheit genauer anzuschauen und mich zu trauen, Fragen zu stellen.

Wieso müssen Frauen so viel Scham ablegen? 

Jahrzehntelange Unterdrückung schwingt noch immer in unserem Energiefeld mit. Es braucht noch viel mehr Frauen, die sich trauen, sexuell befriedigt und genährt zu sein und dies auch zu zeigen. Eben damit ein Gegenpol zur Scham entstehen kann. Somit werden nachfolgenden Generationen Wahlmöglichkeiten geboten und Vorbilder entstehen.

Das Motto im Secret Room lautet: „Alles darf – nichts muss!“
Ich wünsche jeder Frau die Erfahrung, sich satt und sinnlich genährt zu fühlen.

Was passiert, wenn diese Frauen ihre Weiblichkeit entdecken? Steckt in Wahrheit in jeder Frau eine Wild Woman?

Nein. Nicht nur. In jeder Frau stecken unendlich viele Anteile, untere vielen auch eine Wild Woman.
Ich liebe Vielfalt. Daher versuche ich möglichst viele Facetten und Inspirationen mitzugeben, um jede Frau zu ermutigen, Neues auszuprobieren und zu erkunden. Nur, wenn ich viel probiere, kann ich mich später sicherer entscheiden, da ich um die eigenen Grenzen und Vorlieben weiß. Das ist ein sehr geiles Gefühl.

Was erstaunt dich am meisten bei deinen Klientinnen?

Die Offenheit erstaunt mich immer wieder neu. Die Online-Treffen fühlen sich wie ein Treffen mit Freundinnen an, die sich schon ewig lange kennen und keine Geheimnisse voreinander haben. Frauen berichten anfangs, dass sie als über 50-Jährige peinlich berührt sind, dass sie noch sexuelle Wünsche habe; dass sich beim Sex aber alles irgendwie schmutzig und falsch anfühlt. Am Ende heißt es dann: Ich warte nicht, sondern gucke, was ich möchte, nehme es mir und genieße ohne Reue.

Kannst du konkreten Tipps geben, wie man seine Weiblichkeit entdecken kann?

Ich finde es wichtig, dass jede Frau beginnt Worte für ihre eigene Vulva, Vagina und ihre Empfindungen zu finden. Denn oft sind es die fehlenden Worte, die uns sprachlos fühlen lasse.
Ich kann außerdem nur jeder Frau ans Herz legen, sich zu erlauben neugierig auf sich selbst zu werden. Beginne dich für dich selbst zu interessieren und suche einen Weg dich mit deiner Sexualität auszusöhnen und neu anzufreunden. Wissen ist Macht. Wissen macht dich sicher. Du weißt um deine Wünsche und Vorlieben Bescheid, ebenso wie um deine Grenzen.

Woher kann eine Frau selbst diesen Mut nehmen? 

Indem sie sich an Situationen in ihrem Leben erinnert, in denen sie sich mutig gefühlt hat und mutig gehandelt.
Was ist mutiger: Unzufrieden weiterzuleben oder kleine Schritte in Richtung Veränderung zu wagen? Was verliert Frau, wenn sie dort bleibt, wo sie jetzt ist?

Mut kommt von „Machen“ und „Tun“!

Wenn ihr Kontakt mir Mirjam aufnehmen möchtet, bitte hier entlang zu ihrer Website.