Für guten Sex muss man loslassen können, heißt es oft. Da kann ich nur lachen. Sobald ich anfange loszulassen, wird’s nur noch lauter in meinem Kopf. Seine Hände umfassen meine Hüfte, seine Küsse sind warm und weich. Ich will sie genießen. Sie schmecken so verheißungsvoll. Doch stattdessen bemerke ich die Staubschicht auf dem Bücherregal (Notiz im Kopf: Reinigungskraft Bescheid sagen), die Strumpfhose der Tochter, die geflickt werden muss, schiebt sich ins Blickfeld, genauso wie die Tagesdecke, die mal wieder in die Reinigung müsste.

All diese To Do’s schreien mich an: Du kannst nicht loslassen! Erledige mich erst noch! Jetzt!

„Schluss jetzt“, denke ich. Dann folgt mein Mantra: „Ich lasse jetzt los!“ Jetzt konzentriere ich mich darauf, nichts zu denken. Doch es ist wie mit einem rosa Elefanten. Je mehr ich nicht an alle die unerledigten Dinge denke will, desto mehr türmen sie sich in meinem Kopf auf. Die Wäsche! Der Geschirrspüler! Das Altpapier! Die Steuer! Und die Briefmarken, die noch gekauft werden wollen! Ich stöhne laut auf. Mein Mann versteht es falsch und zieht mir bereits das Shirt aus der Hose.

„Ich will doch auch“, denke ich gefrustet. „Das kann doch nicht so schwer sein!“ Ich atme nun tief in mein Becken. Ich habe mal gelesen, das soll für Entspannung sorgen. Dabei zähle ich im Kopf beim Einatmen bis acht und beim Ausatmen auch. Mein Mann zieht mich ins Schlafzimmer. „Er ist schon soweit“, denke ich. Ich bin es noch nicht. Meine Hände sind kalt, meine Füße auch. Mein Kopf produziert nur noch Panikhinweise: „Achtung! Achtung! Lustkurve fällt“. Loslassen, warum klappt es bei mir nicht mit dem sch… loslassen. Zu den To Do’s in meinem Kopf kommen nun Vorwürfe. Ich winde mich aus seiner Umarmung und fliehe ins Badezimmer.

Dort lehne ich mich an die Tür. Ich bin frustriert, müde und genervt von mir selbst. Er ist so sexy, süß und ich habe Lust, aber mein Kopf lässt sich überhaupt nicht ausschalten. Ich wünschte, es gebe einen Knopf oder zumindest eine Pause-Taste für die Birne. Ich wasche mir die Hände und denke nach. Was könnte helfen? Was könnte mir gute Laune machen? (Wie du wieder in deine Lust kommst, liest du hier, hier und hier.)

Kurz entschlossen gehe ich ins Wohnzimmer und drehe Musik an. Ich fange an zu tanzen. Erst vorsichtig und unsicher, dann aber mit immer mehr Freude lasse ich die Tanz-Sau raus. Die Arme schweben, die Hüfte kreist, ich fließe von einer Bewegung in die nächste. Im Augenwinkel bemerkte ich, dass er in der Tür steht. Seine Anwesenheit macht mich an. Ich bewege mich sinnlicher, genieße mein exklusives Publikum, fühle mich wild, frei, lasziv und frivol. Mein Mann grinst breit. Ich drehe mich zu ihm und grinse zurück. Ich habe Lust. Lust auf ihn. Ich ziehe ihn heran und nun endlich sind alle To Do’s vergessen.