Ich liege im Bett und spüre meine Vagina. Ich genieße das Gefühl, doch das war nicht immer so. Es gab eine Zeit, wo ich mir von ganzem Herzen einen Penis gewünscht habe.

Als Kind wollte ich ein Bub sein. Das Wilde, Freie und Kurz angebundene passte gut zu mir. Mädchen verstand ich nicht. Das Spielen mit Puppen, das Haareflechten und das viele reden, war nicht meines. Ich wollte ein Bub sein. Die Mumu störte meine Selbstwahrnehmung damals nicht. Eine Jeans mit Grasflecken, ein blaues Shirt und kurze Haare reichten völlig aus, um beim Fußballspielen, auf Bäume klettern und Wasserbomben werfen dazuzugehören. Ich war bei jedem Spaß dabei, doch das änderte sich schlagartig mit der Pubertät.

Die Vulva war ein Fremdkörper

Mein Körper veränderte sich – und ich kam nicht klar. Plötzlich behandelten mich meine Jungs-Freunde anders. Ihre Blicke blieben auf meinen Brüsten kleben, sie verhielten sich mir gegenüber hölzern und machten nur noch komische Witze. Ich hingegen war immer noch die gleiche, wollte toben, klettern und wilde Sachen machen. Doch mein Körper bekam Haare im Intimbereich, Brüste und Hüften. Für sie war ich nun kein Junge mehr – und wurde ausgeschlossen.

Zu den Mädchen gehörte ich auch nicht. „Jungs“-Themen interessierten mich (noch) nicht, Lippenstift und Klamotten auch nicht. Ich begann mein Geschlecht zu hassen – auch mein Physisches. Die Vulva war jetzt ein Fremdkörper zwischen meinen Beinen. Ich steckte ein mal den Finger rein, fand sie zu fleischig. Meine Vagina ekelte mich an.

Da hätte ein Penis sein müssen

Als Erwachsene liege ich nun da und weine. Ich hatte diese Zerrissenheit völlig vergessen, oder soll ich besser sagen: verdrängt? Ich erinnerte mich an die einsamen Jahre in meinem Zimmer, als ich weder zu den einen noch zu den anderen gehörte und mich völlig in mich zurückzog. Später habe mich als Jugendliche dann doch mit meinem Schicksal abgefunden. Lippenstift, Röcke und Jungs traten in mein Leben. Ich habe geknutscht, gefummelt und Sex gehabt. Ich wurde zur Frau, doch wirklich angekommen, bin ich in meinem Geschlecht nie, wird mir nun klar.

Ich hatte zwar Sex, auch viel Sex, doch mit den Orgasmen und mir hat es nie so richtig geklappt. Und wurde ich intim angefasst, spürte ich nur eines: nichts. Jahrzehntelang habe ich mich gefragt, ob was mit mir nicht stimmt. Nun fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Ich schaue an mir runter und denke: Da hätte ein Penis sein müssen.

Trauma als Chance

Transgender? Fluid? Viele Begriffe gibt es heute, doch keiner passt zu mir. Ich kann spüren, dass ich in meinem Innersten immer noch der Tomboy geblieben bin! Ich wollte damals einfach ein Kind bleiben. Meine Welt und meine Beziehungen sollten so bleiben, wie ich sie kannte. Das kleine Jungsmädchen, das einen Schwanz haben wollte, damit alles so bleibt, wie sie es kennt. Die Pubertät empfand ich wie die Vertreibung aus dem Paradies, meine Sexualisierung überforderte mich.

Dank der Begegnung mit meinem Mann wurde es besser. In meinen 30ern erlebte ich endlich Orgasmen und mit dem Vibrator sammelte ich erste Erfahrungen beim Solo-Sex. Ich kam an im Frausein, doch dann wurde ich Mutter. Und das Muttersein haute mich wieder voll aus der Spur. Das Kaiserschnitt-Trauma, die Erwartungen von der Gesellschaft, ich schlingerte und taumelte nur noch durch mein (Sex)-Leben, das fast zum völligen Stillstand kam. Ich wollte keinen Sex mehr!

„Das war gut für uns“, raunt mir die Göttin in meiner Gebärmutter zu. Ich verstehe, was sie mir damit sagen will. Ich war gezwungen mich mit meiner Zervix, meiner Vagina, meiner Vulva und meiner Weiblichkeit auseinandersetzen. Musste Kontakt zu meinem Schoss finden, um wieder Kontakt zu mir selbst zu finden. Ich fing an meine Vulva zu spüren, zu hören und anzunehmen. Ich öffnete mich für ihre Mystik, ihrer Macht und Sinnlichkeit. Ich lernte sie kennen und lieben und langsam reifte ich nach zur Frau. Mir kommen die Tränen. Ich lasse den kleinen Tomboy los, den Wunsch nach einem Penis, den Ekel vor meiner Vulva und mache endlich Frieden mit meiner Weiblichkeit.