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Sex-Toy: Ein Museum für Sex-Spielzeug

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Anna Genger verwandelt die historische Apotheke ihrer Mutter auf Hamburg St. Pauli in ein Sex-Toy-Museum. In der denkmalgeschützten Apotheke entstehen jetzt Räume für Sex-Spielzeug von 1900 bis jetzt.

Liebe Anna, wie bist Du auf die Idee gekommen ein Museum für Sex-Toys zu machen?

Ich bin in der Apotheke meiner Mutter auf St. Pauli aufgewachsen, daher sind mir das das Rotlichtmilieu und der Tourismus nicht fremd. Meine Mutter war als Apothekerin wiederum mit ganz anderen, teilweise auch dramatischen Problematiken befasst. Drogensucht, Krankheiten wie HIV, Gewalt waren an der Tagesordnung und psychisch und physisch versehrte Menschen waren ihr Klientel. Aber auch transsexuelle Menschen, für die es damals nicht einfach war eine Hormonbehandlung zu finanzieren. Als Künstlerin setze ich mich heute stark mit gesellschaftsrelevanten Themen auseinander. Mein Beruf erfordert es, aufmerksam zu sein und sich mit (Kultur-)Geschichte auseinanderzusetzen. Das hat auch dieser Ort von mir verlangt: Hier verbinden sich die Elemente, die L’apotheque ausmachen: Historisches Sexspielzeug, Gegenwartskunst und Events, die einen Diskurs zu Themen wie Körperlichkeit, Sexualität und Identifikation schaffen.

Foto: Sybill Schneider

Anna Genger (1978) ist eine Hamburger Künstlerin, die ihren MA am Royal College of Art gemacht hat und in Edinburgh, Paris, New York und Berlin gearbeitet hat. Genger ist u. a. in der Bank of America Collection und der Chemnitzer Kunstsammlung vertreten und seit November 2020 Geschäftsführerin und Gesellschafterin einer kuratierten, sich in der Gründung befindenden, Online Boutique für Erotik- und Lifestyle-Produkte.

Foto: Sybill Schneider

St. Pauli ist ein Sex-Eldorado. Sex wird hier jedoch oft sehr holzschnittartig gezeigt. Willst Du mit L’apotheque einen Kontrapunkt setzen?

Ich glaube, das Holzschnittartige findet vor allem in den Vorstellungen der Leute statt. Oberflächlich betrachtet verbinden wir klischeebesetzte Bilder mit der Reeperbahn und bedienen unsere eigene, verflachte Vorstellung von Sex, Prostitution und Spaß. Wenn wir einmal genau hinsehen, ist Sexualität ebenso wie das Leben auf St. Pauli jedoch alles andere als holzschnittartig. Kulturelle Vielfalt, nachbarschaftliches Miteinander und Toleranz, die man woanders nicht findet, gehören zu diesem Stadtteil. Da können sich andere, einfältigere Stadtteile eine Scheibe von abschneiden. Sicher ist, dass ich mit L’apotheque vielschichtig arbeiten möchte und einfache Denkmuster aufbrechen will.

Das älteste Sex-Toy stammt aus 1800

Das antike Mobiliar der Apotheke stammt aus 1799. Ein sehr würdevolles Ambiente für Sex-Toys. Verdient die Lust eine neue Inszenierung?

Wir zeigen dauerhaft die Sammlung von Nadine Beck, das älteste Gerät stammt aus dem Jahr 1800, ist demnach fast hundert Jahre jünger als die Apotheke. Die Geschichte der Sexualität wiederum ist sicher so alt wie die Menschheit selbst. Aber ihre Erzählformen haben sich im Lauf der Geschichte gewandelt. Das ist spannend und da liegt mein Interesse an der Inszenierung. Lust war und ist ein Teil davon. Wir werden über Lust, Sex und Geschlechterfragen sprechen und mit unserem Publikum gemeinsam erforschen, wie aufregend eine Inszenierung, die sich um Genderthemen dreht, sein kann und wieviel Erkenntnis es bringt, zu sehen, wie lange beispielsweise die Dokumentation von Sexspielzeugen in die Geschichte zurückreicht. 

Wie, wo und bei wem findet man eigentlich historisches Sex-Spielzeug?

Es gibt leidenschaftliche Sex-Toy-Sammler*innen, die sich aus einem privaten Interesse eine zeitlich naheliegende oder sogar eine wissenschaftlich basierte  Sammlung geschaffen haben . Viele unserer Sexspielzeuge hier waren medizinische Massagegeräte oder auch Maschinen, die einfach nur vibriert haben und zweckentfremdet wurden. Objekte wie diese findet man teilweise auch im Internet. Im musealen Kontext finden sich jedoch uralte Gegenstände, Darstellungen der Vulva oder Phalli aus Grabungen, die häufig aus religiösen Kontexten stammen. Es ist nachgewiesen, dass seit der Steinzeit Gegenstände als Sexspielzeuge gebraucht wurden. In der Menschheitsgeschichte gab es unterschiedliche Gesellschaftsformen und einen sich wandelnden Umgang an Offenheit mit Sex-Spielzeugen. Es bleibt sicher spannend, dies in Bezug auf unsere Gegenwart begleitend zu ergründen. 

Sex-Spielzeug: Es gibt Natur-Dildos

Welche Exponate haben Dich besonders beeindruckt?

Eine ehemalige japanische Kommilitonin hat mir das traditionelle Sexspielzeug Higo Zuiki oder auch Haso-Imo aus Japan geschickt. Es handelt sich um ein handgemachtes Konstrukt aus dem getrockneten Stengel (zuiki) der Wurzeln der Colocasia Esculenta Pflanze, die in der Higo Provinz in Südjapan wachsen.. Es wird vor der Benutzung, je nach Präferenz in kaltes oder heißes Wasser getränkt. Die durchschnittliche Größe beträgt 17,5 cm

Das einzigartige und außergewöhnliche an diesem Naturildo ist, dass die Pflanze Saponin enthält, das über die Reibung der Haut aufgenommen wird und eine hormonell stimulierende Wirkung bewirkt. 

Als Künstlerin beschäftigst Du Dich ebenfalls sehr mit Sexualität. Was fasziniert Dich an der Auseinandersetzung?

Meine Arbeiten sind einerseits ornamental, was für mich Bändigung symbolisiert. Meine Motive wähle ich bewusst aus dem grenzenlosen Fundus, basierend auf Pflanzen, Zellen, Lebewesen aus der Tiefsee, Wäldern, Mythen oder Fabeln. Andererseits arbeite ich nicht nur als Malerin, sondern auch skulptural. Ich entwerfe Kostüme, Hüllen, Bildobjekte, collagiert aus Stoffen, Stickereien und Papierschnitten eigener Zeichnungen und aus Magazinen. Ich zelebriere und inszeniere das geordnete Chaos bis zu seiner Auflösung, Rückeroberung oder seinem Scheitern. Meine Werke sind suchende Abbilder der Kräfte, die sich nicht zähmen lassen.Sexualität ist eine Spielfläche dieser Phänomene. Sexualität und das binäre Denken, das uns als Gesellschaft und unsere Körperlichkeit als zwei Wesen spaltet, und bis in den krankhaften Wahn treiben kann. 

Wut ist meine Begleiterin

Im ehemaligen Labor der Apotheke ist nun Dein Atelier. Was soll in den Räumen von L‘apotheque noch stattfinden?

Ich arbeite im ehemaligen Kontor und Nachtdienstzimmer der Apotheke. Das Labor und die ehemalige Küche werden zu einer großen eventtauglichen Küche zusammengefasst. Außerdem gibt es einen Spiegelsalon und einen kleinen geschlossenen Raum für die ÜBER 18 Sektion unserer Ausstellung.

In den Wohnräumen darüber pflegst Du Deine Mutter. Was hast Du von Deiner eigenwilligen Frau Mama gelernt?

Mein Mut und mein Wille sind größer als meine Angst. Ich weiß, was sich gehört. Wut ist eine Begleiterin, die mich antreibt. Ruhe ist Luxus. Versagen gibt es nicht. 

Sex ist nicht Arbeit

Du baust außerdem einen Sex-Onlineshop auf. Kannst Du schon mehr darüber sagen? 

Ich gründe gerade eine kuratierte Boutique für Erotik- und Lifestyle Produkte, die ihren Fokus auf die Bedürfnisse von Menschen über 30 richtet. Unser*e Konsument*in weiß, wo sie*er im Leben steht und was sie*er will. Die Tatsache, dass sich unser Sortiment auf Menschen mit körperlichen Einschränkungen ausweitet, hat mehr mit meinem absoluten Freiheitsbegriff zu tun, als den Wunsch einer explizit demonstrierten Inklusion. Es soll sich eine elegante Selbstverständlichkeit etablieren, die sich sensibel auf die vielfältigen Bedürfnisse unser Kunden konzentriert. 

Welche Einstellung dürfen die Deutschen gegenüber Sex ablegen? 

Sex ist nicht Arbeit, sondern eine Entdeckung bis ins hohe Alter, wenn man sich auf die Reise macht.

Wie kann man Dich bei beim Projekt L’apotheque unterstützen?

Esbereitet uns schon große Freude, wenn ihr L’apotheque auf Instagram folgt. Praktischer geht bei unseren Online Seminaren zu und  irgendwann wieder Besuchen selbst. Direkte Spenden sind sicherlich auch jederzeit willkommen und interessierte Interviews, wie dieses, verschaffen l’apotheque und mir eine Stimme, die hoffentlich möglichst laut durch das Dickicht der Desillusion dringt. 

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Diese Rituale helfen dir, deine Grenzen beim Sex zu wahren

Wie geht man damit um, wenn Grenzen beim Sex überschritten werden? Gute Frage! Hier zwei nützliche Tipps für Dich.

Vorneweg: Bei „Grenzüberschreitung“ ist weder Missbrauch noch Vergewaltigung gemeint, sondern die alltäglichen Grenzüberschreitungen, die beim Sex passieren können: zu früh, zu viel, zu schnell, zu hart. Kennst Du das? Man hat Sex, bevor man richtig feucht ist oder die Stöße sind so hart, dass es am Venushügel schmerzt? Kleine Verletzungen eben, die passieren, wenn der andere so richtig in Fahrt kommt und dabei ein bisschen die Achtsamkeit vergisst. „Nicht so schlimm“, denken viele Frauen. Doch diese kleinen Verletzungen können dazu führen, dass sich der Kopf einschaltet, man sich womöglich sogar verspannt und den Sex nicht mehr so richtig genießen kann.

Also was tun? Was sagen? Wenn ja, es wie sagen? Schließlich will Frau ja nicht als „Spaßbremse“ gelten. Wie kann man also seine Bedürfnisse anmelden, ohne den Sex zu bremsen, ohne den Partner ständig herumzudirigieren („Weiter rechts“, „Nein, so nicht“) und damit die Stimmung zu killen? Daher verrate ich jetzt zwei sinnvolle Tools, die beim Liebesakt helfen können.

Die Ampel: Rot – Orange – Grün

Ich empfehle gerne die Ampel-Regelung aus dem BDSM (Wikipedia erklärt „BDSM“ so: „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“). Gerade bei den „Fifty Shades of Grey“-Spielen kommen die Partner in Bereiche, wo Grenzen noch nicht klar sind und beim Sexspiel gemeinsam erkundet werden. Da hilft die Ampel: Grün steht für „Gefällt mir, mach weiter!“. Mit Orange sagst du, wenn du dir nicht sicher bist. Also: „Mach zwar weiter, aber nicht mehr/härter/schneller“. Das hilft Luft zu holen, reinzufühlen und zu erspüren, was mit dir gerade passiert und ob du die Erfahrung magst. Rot heißt natürlich „Stopp! Sofort aufhören!“.

Diese Ampel kann natürlich auch beim normalen Sex angewendet werden. So kannst du deinem Partner ganz einfach zu verstehen geben, wenn du mehr möchtest (grün), eine Pause brauchst (orange) oder wenn du etwas nicht magst (rot). Du musst nicht in den Kopf wechseln, viel reden, argumentieren oder dich erklären, wodurch ihr garantiert aus dem Spaß rauskommt. Sondern du fühlst, was es jetzt für dich braucht und sagst dann einfach: grün, orange oder rot.

So kannst du übrigens auch easy Neues ausprobieren. Während du gefesselt bist, dich in einer neuen Stellung ausprobierst oder ein Spielzeug zur Anwendung kommt, braucht es nicht viele Worte, um sich zu verständigen, sondern du kannst ganz im Kopf-aus-Modus bleiben und die Ampel anwenden. Dein Partner weiß dann genau, was du brauchst und ihr könnt weiter gemeinsam Spaß haben.

Wie sage ich ihm das mit der Ampel?

Oh mein Gott, wie soll ich das meinem Kerl erklären?, denkst du jetzt vielleicht. Glaub mir, ich weiß genau, wie du dich fühlst. Veränderungen im Bett zu besprechen, ist wirklich nicht so einfach. Tatsache ist aber, dass die kleinen Grenzüberschreitungen dazu führen, dass Frauen beim Sex oft nicht den Spaß haben, den sie haben könnten. Und etwas, was keinen großen Spaß macht, braucht man nicht! Willst du also ein besseres Sexleben, fängt es damit an, dass du Spaß hast, wahnsinnige Orgasmen und innige Gefühle erlebst, auf dass dein Körper den ganzen Happy-Hormon-Cocktail ausschüttet. Der ist dann wie Zucker für deine Seele – und du willst mehr und mehr und mehr davon. Erklär also schonend deinem Kerl: Better Sex = More Sex! Ich verspreche dir: Er wird begeistert die Ampel umsetzen.

Das Tantra-Ritual: Darf ich?

Das zweite Ritual stammt aus dem Tantra. Hier fragt der/die Partner*in immer: „Darf ich?“, bevor der Penis oder der Finger die Vulva berührt oder in die Vagina eindringt. Am Anfang kann das für den/die Partner*in sehr befremdlich sein, sich eine Erlaubnis holen zu müssen. Doch das Ritual hat zwei Vorteile. Zum einen ist dieser kurze Augenblick super wichtig. Schließlich kannst du dich nochmal fragen, ob du wirklich bereit bist? Sei ehrlich zu dir: Bist du erregt genug oder brauchst du noch eine extra Runde? Bist du feucht genug, ist deine Pussy also voll durchblutet und du kurz davor deine Rakete zu zünden? Beziehungsweise hast du wirklich Lust auf Penetration, diesen Kerl, jetzt?

Außerdem hilft dir diese kleine Frage, dich selbst zu ermächtigen: „Ja, ich will“. Sex passiert dann nicht einfach, sondern du bist die Königin, die ihrem Geliebten erlaubt, weiterzugehen. Du bestimmst über deinen Körper! Aber auch darüber, wann euer Spiel das Next Level erreichen darf! Du bist Gespielin, aber auch Königin. Fühlt sich gut an, oder?

Einige Frauen gehen sogar so weit, ihrem Liebhaber zu erlauben ihre Brüste anzufassen, sie zu küssen oder oder oder. Der Fantasie (und Selbstermächtigung) sind da keine Grenzen gesetzt 🙂

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Wenn Erwachsene rumtoben – ist Raufen das neue Kuscheln?

Veranstaltungen mit viel Körperkontakt boomen in Deutschland und finden in fast jeder größeren Stadt statt. Neben Swingerpartys sind seit einigen Jahren Kuschelpartys auf dem Vormarsch, doch der neueste Trend im Zwischenmenschlichen heißt: Raufen. Unsere Autor*in Jo hat eine Rauf-Party im Berliner „Insomnia” besucht und für uns herausgefunden, was eigentlich so sexy daran, sich mit anderen Erwachsenen zu raufen und zu balgen?

Als ich noch ein Kind war, gehörte Raufen nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Das lag an meinem tyrannischen Bruder, der mich fast täglich verkloppt hat, um zu zeigen wer der Stärkere von uns beiden ist und in der Geschwisterhierarchie das Sagen hat. Ich musste also lernen, mich zu verteidigen und einige kleine Tricks wie kneifen, beißen, an den Haare ziehen oder kitzeln anwenden, um halbwegs meine Ruhe zu haben.

Später habe ich mit meinen eigenen Kindern liebevoll und aus Spaß rumgebalgt. Das war manchmal ziemlich akrobatisch und hat führte einmal zu einer üblen Nasenbeinprellung, als mein damals sechsjähriger Sohn, den ich auf meinen Füßen balancierte, auf meinem Gesicht landete.

Regelmäßige Rauf-Events in Berlin

In Berlin sind der Playfightclub, die PlayFightClique und der Sensual Fightclub die wichtigsten Adressen. Playfighten ist vergnügliches Kämpfen, Kräftemessen, Herumtollen und Spielen. Ich würde es aber eher als Körperarbeit denn als Kampfsport bezeichnen. Es zieht Singles und Paare an. Singles nutzen die Gelegenheit des intensiven Körperkontakts ohne den Druck, den sexuell angelegte Begegnungen meistens mit sich bringen. Paaren dient das Raufen als neue körperliche Erfahrung auf der Beziehungsebene oder um unbeschwert und einvernehmlich Körperkontakt mit anderen austauschen zu können.

Wie läuft eine Raufparty ab?

Den „Sensual Fightclub“ habe ich jetzt bereits zweimal besucht und schon beim ersten Mal festgestellt: Raufen löst bei mir niedere Instinkte aus. Das hat mich überrascht und ein wenig erschrocken. Aber es hat mich auch richtig energetisiert!

Der „Sensual Fightclub” wird von bis zu fünfzig raufwilligen Erwachsenen jeglichen Alters und Geschlechts und jeder körperlichen Statur und Fitness besucht. Da er als externe Veranstaltung alle 6-8 Wochen im Insomnia und nicht in einem Dojo stattfindet, ist die Raumatmosphäre wie in einem Club. Der Boden ist mit dünnen Matten ausgelegt, es gibt keine Absperrung und der Raum ist gut belüftet, also auch kein alter Sporthallen-Mief, nach Käsefüßen und Staub. Es gibt drei Spielbereiche, in denen aus Sicherheitsgründen jeweils nur ein Paar oder eine Gruppe raufen darf. Bereits im Laufe des ersten Abends habe ich mir einen Ruf als echte Raufboldin „erkämpft“. Sollte diese wilde und andere Menschen herumwirbelnde Furie tatsächlich ich sein? 

Bin ich wirklich eine Raufbold*in?

Mit der Absicht, über das Raufen zu berichten, habe ich mich bald darauf ein zweites Mal aufgemacht, um dieses Mal mehr mit anderen Besuchern ins Gespräch zu kommen und mit einem berichterstattenden Blick teilzunehmen. Natürlich war ich auch neugierig, ob sich meine Instinkte beim zweiten Treffen genauso zeigen würden oder ob ich in einer anderen Stimmung ein anderes Raufverhalten an den Tag legen würde.

Ich bin also mit einem gedanklichen Fragezeichen zum zweiten Mal zum „Sensual Fightclub” gegangen und habe mich zusammen mit etwa 40 weiteren Raufwilligen im Basement des Clubs wiedergefunden. Trainer Stephan hat uns ein paar Regeln ans Herz gelegt: achtsamer Umgang, nicht treten, hauen, beißen, kratzen oder die Gelenke überdrehen… Also sich und andere nicht absichtlich verletzen. 

Erst aufwärmen, dann ab in den Ring

Es ging los mit ein paar Aufwärmübungen und Gruppenspielen, bei denen es mehr um Körperkontakt, Zusammenspiel und Harmonie geht. Dann war es soweit: Die drei Mattenbereiche wurden eröffnet. Nur ein Kampf pro Matte. Gekämpft wird solange, bis einer abklopft, man sich anderweitig verständigt aufzuhören oder eine Pause einlegen will.

Ich rechnete mir angesichts der großen Gruppe schlechte Chancen aus, mich einigermaßen auszupowern. Daher ich ergriff die erstbeste Gelegenheit, schnappte mir eine Freundin und wir legten los. Einmal taktieren, ansetzen und zack saß ich über ihr und hielt ihre Arme hinter den Kopf. Sie hüpfte unter mir wild herum und versuchte mich abzuschütteln. Vergeblich. Mein wöchentliches Krafttraining zahlt sich aus.

Die Kampfstile sind bemerkenswert unterschiedlich. Katzenhaftes umeinander herum tänzeln, krasses und bestimmt schmerzhaftes Ringen zweier muskelbepackter Männer, Freundschaftsduelle und erotischer Fastbeischlaf. Und lass es Dir gesagt sein: Das Zuschauen ist auch sehr spannend! Doch noch mehrfach bekam ich Gelegenheit zum Raufen. Zweimal heftiger, wobei das eine Mal mit einem stämmigen Mann unangenehm wurde. Der war nämlich kein bisschen achtsam und wir brachen den Kampf wegen „falscher Energien“ (seine Worte) vorzeitig ab.

Blind fühlt man mehr!

Zweimal habe ich sogar mit verbundenen Augen gekämpft. Das hat sich toll angefühlt. Viel vorsichtiger und harmonischer als sehend. Viel ertasten, langsam den anderen wahrnehmen und eine gemeinsame Körpersprache finden. Für mich war es etwas zwischen kuscheln und Tango tanzen (hier spricht die neu entdeckte Leidenschaft für Tango Argentino aus mir). Blindkämpfen unterliegt zudem einer gruppendynamischen Verantwortung. Die Zuschauer müssen ebenfalls aktiv sein, indem sie aufpassen, dass die Kämpfenden die gepolsterte Arena nicht verlassen oder sich an Wänden verletzen. Ich habe mich aufgehoben und sicher gefühlt. Eines der Paare hat sich nach einem Blindkampf für den Rest des Abends zum Kuscheln zurückgezogen.

Einmal habe ich mit meiner Freundin gegen einen Mann gekämpft. Das habe ich im Verlauf des Abends mehrfach beobachtet: Zwei oder mehrere Frauen kämpfen gegen einen Mann. Den Kerlen scheint das besonders zu gefallen.

Körperarbeit, Emotionen und was ist eigentlich mit Sex?

Über mich habe ich einiges gelernt: Körperarbeit setzt Emotionen frei, gute und schlechte. Ich konnte lachen, Spaß haben, Aggressionen dosiert freilassen oder erotische Schwingungen austauschen. Nach dem Raufen ging es mir an beiden Abenden gut. Ich war entspannt und ausgepowert. Ich hatte zwar einige Blessuren, aber das mag an meiner eitlen Weigerung gelegen haben Knieschoner zu benutzen und natürlich an meiner offensiven Art zu kämpfen.

Und dann bleibt am Ende noch die Frage nach dem Sex: Beim „Sensual Fightclub” fliegen bei einigen die erotischen Funken. Ich denke, es kommt auf die Intention an, mit der Frau oder Mann zum Raufen kommt. Wenn ich aus meinen Raufbegegnungen eine erotische Erfahrung machen möchte, finde ich zukünftig bestimmt eine Gelegenheit. Manche Paare entdecken eine neue Form von Körperlichkeit und ich kann mir gut vorstellen, dass der Sex dadurch eine Bereicherung erfährt, vielleicht eine neue Spielart. 

Meine Sexualität hat sich durch das Raufen nicht grundsätzlich verändert. Es gab aber danach schon Momente, in denen Raufen beim Sex mit eingeflossen ist und das war spannend, hängt aber sehr von der Bereitschaft der Partner*in ab, sich darauf einzulassen.

Mein Fazit: Ich werde bestimmt keine leidenschaftliche Playfighterin, die keine Raufgelegenheit auslässt, aber ab und zu, werde ich mich bestimmt mal blicken lassen.

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Mein erstes Mal: Rope Bondage

Gefesselter Frauenoberkörper

Seile finde ich faszinierend. Nicht an Schiffsmasten und auch nicht als Handykette, sondern auf nackter Haut. Deshalb buche ich einen „Conscious Bondage“-Kurs. Wie sich das wohl anfühlt, gefesselt zu sein? Begrenzt? Oder vielleicht eher frei im Reichtum der eigenen Gefühle? 

Im Moment erlebe ich Sex vor allem als Fülle. Als Fülle an Möglichkeiten, Stellungen, Fetischen und Rollen. Wer es sich erlaubt, kann (zumindest in Berlin) sehr viel Sexualität erleben. Zu zweit, zu dritt, in einer Beziehung oder polyamourös. Kuschelnd, raufend oder peitschend. Alles ist möglich, alles erlaubt.

Conscious Bondage

Shibari erscheint mir da wie das Gegenteil. Auf den ersten Blick ist die Bewegung eingeschränkt und man scheint dem Partner*in ausgeliefert zu sein. Doch andererseits ist der innere Raum weit offen und das Gegenüber tut, wonach man sich sehnt. Als wir den Kurs „Conscious Ropecoaching“ von Sonja (https://www.sonjareifenhaeuser.com) und Wera (www.sawashibari.com) buchen, bin ich noch voller Euphorie, beim Eintreffen in den Räumlichkeiten dann jedoch nur noch nervös. 

Doch die beiden machen es mir leicht. Sonja leitet zuerst einige Übungen an, damit wir vom Kopf in den Körper kommen. Mit fremden Menschen schaue ich mir tief in die Augen – minutenlang. Dann sollen wir fragen, ob wir tun dürfen, was wir wollen? Und auf das Okay des anderen warten. Ich will meinen Freund in den Arm nehmen, doch es kommt kein Okay. Also nehme ich die Arme wieder runter und wir blicken uns weiter an. „Spürt die Grenzen“, erklärt Sonja. „Eure und die des anderen“. Wir sollen lernen „Nein“ zu sagen, damit wir später „Ja“ sagen können, zu dem, was uns gefällt. 

Jute oder Hanf?

Die Stimmung ist nun locker – und ich auch. Dann werden die Seile herumgereicht. Jute oder Hanf? Hanf ist kuschelig weich, Jute hart und rau. Ich entscheide mich für das Erstere. Ein Basisknoten wird probiert und geübt. Gar nicht so einfach und so mancher knirscht frustriert mit den Zähnen. 

Und dann geht es los. Ich werde umschlungen und mit dem Seil eng und fest gezurrt. Ein Gefühl von Sicherheit und Loslassen baut sich auf. Beim Lösen der Knoten soll das Seil sanft über meine Haut gleiten, bis es wieder ganz bei meinem Partner ist. Das klappt noch nicht so gut, aber schon gut genug. Wir grinsen und spielen uns durch den Saal. Ich gehe weg, werde herangezogen, rolle mich auf dem Boden, werden zum Paket verschnürt. Gerade als der Kick im Kopf losgeht, löst sich der Knoten. Wir können uns vor Lachen kaum halten. 

Nach dem High kommt das Low

Nach einer Weile bin ich super glücklich, aber auch müde gespielt. Ich kuschel mich erschöpft an meinen Partner. Da reicht Sawa Süßes herum. „Beim Bondage schüttet ihr sehr viel Hormone aus“, erklärt sie. „Ihr seid dann richtig high.“ Doch Achtung auf das High folge oft ein Low. Da helfe nur in den Arm nehmen, streicheln, festhalten – und viel Schokolade. Was für ein Finish! Beherzt greife ich zu.

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Bondage für Anfängerinnen: Von Safe Word bis Seilstärke

Frau, die unter der Bluse Bondage-Fesselungen trägt

Viele Frauen haben Lust im Bett etwas Neues auszuprobieren. Gerne wie bei „Fifty Shade of Gray“ etwas aus dem BDSM-Bereich. Fesseln geht doch schnell und einfach? Doch bevor nun ein Seil im Baumarkt gekauft wird, haben wir Bondage-Experte Matthias T.J. Grimme zum Interview gebeten. 

Was tun, wenn der eine Partner Bondage ausprobieren will, doch der andere nicht?

Naja, das ist ein altes Problem, welches nicht nur für Bondage signifikant ist. Das fängt ja bei manchen schon bei Oral- oder Analsex an. Oder mit der Art, wie man angefasst werden möchte (ganz weich und zärtlich oder doch bestimmend und fest). Bondage ist ja ganz offiziell Teil der Verhandlungssexualitäten. Wenn die Beziehung offen ist, kann man sich ein*e Fesselpartner*in außerhalb suchen. Oder heimlich in ein SM-Studio gehen. Denn wenn jemand nicht will, kann man nichts machen, denn ohne Einverständnis geht’s nicht. Ich würde auf jeden Fall mal genauer gucken, was der Grund ist. Ist es ein Informationsdefizit, Angst wegen schlechter Erfahrungen oder etwas, was mit dem eigenen Rollenselbstverständnis nicht übereinkommt? Ich würde anbieten, ganz vorsichtig anzufangen. Vielleicht erstmal einfach nur die Hände festhalten oder ein Baumwolltuch um die Handgelenke schlingen, ohne einen Knoten zu machen. Also versuchen Kompromisse zu entwickeln.

Bondage-Spezialist Matthias T.J. Grimme

Bondage-Spezialist Matthias T.J. Grimme

Man hat sich geeinigt und will nun loslegen. Einfach starten oder zuerst einen Kurs besuchen?

Auf einer ganz vorsichtigen Ebene kann man natürlich einfach rumprobieren. Aber über kurz oder lang wird man feststellen, dass manches nicht so klappt, wie man es wollte. Dann sind natürlich Bücher und DVDs ein guter weiterer Schritt, aber am besten sind natürlich Workshops. Da kann es natürlich schwer sein, jemanden zu finden, dessen Angebote zu einem passen. Der eine lernt lieber in einer offenen, spielerischen Atmosphäre (wie sie meine Workshops bieten), die andere braucht ganz klare Regeln. 

Was klappt Deiner Erfahrung nach anfangs nicht so gut?

Meist fesseln die Leute die Hände zu fest und den Körper zu locker. Das heißt, die Hände zicken rum und am Körper rutscht die Fesselung. Gerade Neulinge können nicht abschätzen, was ein Problem ist und was normal (Seil drückt), daher herrscht eine große Unsicherheit. Da hilft nur regelmäßiges Nachfragen, ob alles in Ordnung ist. Damit wird dann auch keine Sicherheit vorgetäuscht, die noch nicht da sein kann.

Was geht gar nicht?

Auf Störungsmeldungen des gefesselten Partner nicht oder nicht adäquat – sprich sofort – reagieren. Den gefesselten Partner alleine lassen.

Das Bondage-Handbuch von Matthias T.J. Grimme
Das Bondage-Handbuch von Matthias T.J. Grimme

Was empfiehlst Du Deinen Newbies?

Vor dem Fesseln gemeinsam überlegen, wozu die Fesselung dienen soll: Bondage für Sex, für ein schickes Foto, als strenge Bewegungslosigkeit oder eher als tantrisches Erlebnis.

Grundsätzlich gilt, es ist immer besser sich erst zu informieren – etwa auf meiner Webseite – und dann losfesseln, damit die Session auch klappt.

Klare Absprachen treffen, wann die Fesselung beendet werden muss.

Sicherheits-Schneidewerkzeug wie EMT-Schere (stumpfe Spitze) bereit legen.

Übungs-Session und erotisches Fesselspiel nicht mischen. Entweder oder!

Wo bekommt man die Seile her – wohl kaum aus dem Baumarkt?

Zuerst sollte man sich entscheiden, welche Naturfaser am besten zu den gemeinsamen Wünschen passt. Baumwolle 8 Millimeter hohl geflochten für besonders gemütliche und kuschelige Fesselungen (und ist ohne Vorbereitung fesselfertig). Hanf und Jute gedreht in 6 Millimeter für alles, worauf man Lust hat, bis hin zu Hängefesselungen (aber die bitte erst nach Workshop-Teilnahme).

Gute SM-Shops bieten bearbeitetes Seil zum Fesseln an. Oft im Set: 7 oder 8 Seile zu jeweils acht Meter. In manchen Shops kann man auch Meterware kaufen (bei Baumwolle üblich). Hanf und Jute als Rohseil muss erst noch bearbeitet werden, dazu gibt’s Tipps sowohl auf meiner Seite als auch sonst im Netz.

Manche Seilshops (Segelbedarf – Baumärkte nur ausnahmsweise) bieten Hanfseil an. Achtung, nicht verwechseln mit Poly-Hanf, das ist Kunstfaser und sieht nur so aus, wie Hanf. 

Bitte beachten: Seil ist Verbrauchsware! Das heißt, es kann mit der Zeit kaputt gehen bzw. Fehler bekommen, die das Fesseln unsicher machen. Bei Einrissen im Seil sollte man das Seil austauschen.

Wie klärt man Grenzen? Was sind Safe Words und wie funktioniert die Ampel?

Jede*r hat seine Tabus, also Sachen, die nicht passieren dürfen. Außerdem haben wir alle Sachen, die eventuell gehen, bei denen wir aber nicht sicher sind. Und dann gibt’s natürlich Vorlieben. Manches ändert sich im Laufe der Zeit.

Auf ein Safewort muss man sich vorher einigen, denn damit muss man eine Session abbrechen können, wenn es zu viel wird. Ein Aktiver muss IMMER reagieren, wenn das Safewort benutzt wird. Also sofortiges Abfesseln und Beendigung der Situation.

Der Ampelcode differenziert: Grün heißt, alles ist gut, weitermachen. Gelb bedeutet, Achtung, langsamer machen, nicht so fest am Seil ziehen. Rot bedeutet Stopp, Situation beenden.

Was muss die/der Gefesselte bedenken – auch emotional?

Zuerst mal, muss man für sich schauen, ob die Person, von der man sich fesseln lassen will, auch vertrauenswürdig ist. Vielleicht sollte man vorher checken, was andere so erzählen.

Ansonsten kann Gefesseltwerden einen sehr tief berühren und damit auch eine Lawine von Gefühlen auslösen. Oder einen einfach nur geil machen. Oder beängstigen. Und man sollte sich bewusst sein, dass man auch gefesselt immer noch selbst für sich und sein Wohlbefinden verantwortlich ist.

Was muss der/die Fesselnde bedenken – auch emotional?

Wenn ich jemanden fessle, muss ich klare Absprachen haben. Darf ich außer dem Fesseln, den anderen auch sexuell berühren oder eher nicht. Gleichzeitig übernehme ich ein Stück weit Verantwortung für meinen Partner. Bondage soll sich ja gut anfühlen und da muss ich immer im Kontakt mit meinem Gegenüber bleiben, statt nur auf die Seiltechnik zu achten.

Das Bondage-Handbuch Spezial von Matthias T.J. Grimme
Das Bondage-Handbuch Spezial von Matthias T.J. Grimme

Was passiert emotional/sexuell im besten Fall?

Im besten Falle fühlt sich der Gefesselte sicher und geborgen in den Seilen. Manche macht es auch geil, sowohl die Passiven als auch die Aktiven können Lust bekommen auf direkte genitale Stimulation. Und hinterher hat man, wenn alles toll gelaufen ist, Lust auf mehr.

Und was im schlimmsten Fall – und was tut man dann?

Im schlimmsten Fall kann es zu einem emotionalen Absturz kommen. Dann sollte man, statt Schuldzuschreibungen zu machen, liebe schauen, wie man das beim nächsten Mal vermeiden kann, indem man anders fesselt oder achtsamer an die Session herangeht.

Ein anderer – meist als deutlich weniger schlimm erlebter – Fall ist, wenn irgendwas körperlich schiefgelaufen ist. Bei Hautabschürfungen Wunde versorgen. 

Bitte beachten: Bei Taubheit von Gliedmaßen, die länger als ein paar Stunden dauert, bitte den Arzt aufsuchen und ehrlich erzählen, wie es passiert ist.

Gehören Bondage und Achtsamkeit zusammen?

Gute Bondage ist für mich ein Teil von SM (oder BDSM), die nur funktioniert, wenn man sich selbst und dem Partner achtsam gegenüber ist. Auch wenn es vielleicht rauh, derbe und wild gelaufen ist, sollte man immer genau hinspüren. Und schauen, dass auch im Verlaufe der Session, die Einvernehmlichkeit erhalten bleibt.

Infokasten

Matthias T. J. Grimme aka Drachenmann, Autor des SM-Handbuches, des Bondage-Handbuches und des Japan Bondage Handbuches, Mitherausgeber des SM-Magazins Schlagzeilen. Mehr Infos und seiner Webseite Bondage Project  www.bondageproject.com und Schlagzeilen. www.schlagzeilen.com