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Sex-Toy: Ein Museum für Sex-Spielzeug

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Anna Genger verwandelt die historische Apotheke ihrer Mutter auf Hamburg St. Pauli in ein Sex-Toy-Museum. In der denkmalgeschützten Apotheke entstehen jetzt Räume für Sex-Spielzeug von 1900 bis jetzt.

Liebe Anna, wie bist Du auf die Idee gekommen ein Museum für Sex-Toys zu machen?

Ich bin in der Apotheke meiner Mutter auf St. Pauli aufgewachsen, daher sind mir das das Rotlichtmilieu und der Tourismus nicht fremd. Meine Mutter war als Apothekerin wiederum mit ganz anderen, teilweise auch dramatischen Problematiken befasst. Drogensucht, Krankheiten wie HIV, Gewalt waren an der Tagesordnung und psychisch und physisch versehrte Menschen waren ihr Klientel. Aber auch transsexuelle Menschen, für die es damals nicht einfach war eine Hormonbehandlung zu finanzieren. Als Künstlerin setze ich mich heute stark mit gesellschaftsrelevanten Themen auseinander. Mein Beruf erfordert es, aufmerksam zu sein und sich mit (Kultur-)Geschichte auseinanderzusetzen. Das hat auch dieser Ort von mir verlangt: Hier verbinden sich die Elemente, die L’apotheque ausmachen: Historisches Sexspielzeug, Gegenwartskunst und Events, die einen Diskurs zu Themen wie Körperlichkeit, Sexualität und Identifikation schaffen.

Foto: Sybill Schneider

Anna Genger (1978) ist eine Hamburger Künstlerin, die ihren MA am Royal College of Art gemacht hat und in Edinburgh, Paris, New York und Berlin gearbeitet hat. Genger ist u. a. in der Bank of America Collection und der Chemnitzer Kunstsammlung vertreten und seit November 2020 Geschäftsführerin und Gesellschafterin einer kuratierten, sich in der Gründung befindenden, Online Boutique für Erotik- und Lifestyle-Produkte.

Foto: Sybill Schneider

St. Pauli ist ein Sex-Eldorado. Sex wird hier jedoch oft sehr holzschnittartig gezeigt. Willst Du mit L’apotheque einen Kontrapunkt setzen?

Ich glaube, das Holzschnittartige findet vor allem in den Vorstellungen der Leute statt. Oberflächlich betrachtet verbinden wir klischeebesetzte Bilder mit der Reeperbahn und bedienen unsere eigene, verflachte Vorstellung von Sex, Prostitution und Spaß. Wenn wir einmal genau hinsehen, ist Sexualität ebenso wie das Leben auf St. Pauli jedoch alles andere als holzschnittartig. Kulturelle Vielfalt, nachbarschaftliches Miteinander und Toleranz, die man woanders nicht findet, gehören zu diesem Stadtteil. Da können sich andere, einfältigere Stadtteile eine Scheibe von abschneiden. Sicher ist, dass ich mit L’apotheque vielschichtig arbeiten möchte und einfache Denkmuster aufbrechen will.

Das älteste Sex-Toy stammt aus 1800

Das antike Mobiliar der Apotheke stammt aus 1799. Ein sehr würdevolles Ambiente für Sex-Toys. Verdient die Lust eine neue Inszenierung?

Wir zeigen dauerhaft die Sammlung von Nadine Beck, das älteste Gerät stammt aus dem Jahr 1800, ist demnach fast hundert Jahre jünger als die Apotheke. Die Geschichte der Sexualität wiederum ist sicher so alt wie die Menschheit selbst. Aber ihre Erzählformen haben sich im Lauf der Geschichte gewandelt. Das ist spannend und da liegt mein Interesse an der Inszenierung. Lust war und ist ein Teil davon. Wir werden über Lust, Sex und Geschlechterfragen sprechen und mit unserem Publikum gemeinsam erforschen, wie aufregend eine Inszenierung, die sich um Genderthemen dreht, sein kann und wieviel Erkenntnis es bringt, zu sehen, wie lange beispielsweise die Dokumentation von Sexspielzeugen in die Geschichte zurückreicht. 

Wie, wo und bei wem findet man eigentlich historisches Sex-Spielzeug?

Es gibt leidenschaftliche Sex-Toy-Sammler*innen, die sich aus einem privaten Interesse eine zeitlich naheliegende oder sogar eine wissenschaftlich basierte  Sammlung geschaffen haben . Viele unserer Sexspielzeuge hier waren medizinische Massagegeräte oder auch Maschinen, die einfach nur vibriert haben und zweckentfremdet wurden. Objekte wie diese findet man teilweise auch im Internet. Im musealen Kontext finden sich jedoch uralte Gegenstände, Darstellungen der Vulva oder Phalli aus Grabungen, die häufig aus religiösen Kontexten stammen. Es ist nachgewiesen, dass seit der Steinzeit Gegenstände als Sexspielzeuge gebraucht wurden. In der Menschheitsgeschichte gab es unterschiedliche Gesellschaftsformen und einen sich wandelnden Umgang an Offenheit mit Sex-Spielzeugen. Es bleibt sicher spannend, dies in Bezug auf unsere Gegenwart begleitend zu ergründen. 

Sex-Spielzeug: Es gibt Natur-Dildos

Welche Exponate haben Dich besonders beeindruckt?

Eine ehemalige japanische Kommilitonin hat mir das traditionelle Sexspielzeug Higo Zuiki oder auch Haso-Imo aus Japan geschickt. Es handelt sich um ein handgemachtes Konstrukt aus dem getrockneten Stengel (zuiki) der Wurzeln der Colocasia Esculenta Pflanze, die in der Higo Provinz in Südjapan wachsen.. Es wird vor der Benutzung, je nach Präferenz in kaltes oder heißes Wasser getränkt. Die durchschnittliche Größe beträgt 17,5 cm

Das einzigartige und außergewöhnliche an diesem Naturildo ist, dass die Pflanze Saponin enthält, das über die Reibung der Haut aufgenommen wird und eine hormonell stimulierende Wirkung bewirkt. 

Als Künstlerin beschäftigst Du Dich ebenfalls sehr mit Sexualität. Was fasziniert Dich an der Auseinandersetzung?

Meine Arbeiten sind einerseits ornamental, was für mich Bändigung symbolisiert. Meine Motive wähle ich bewusst aus dem grenzenlosen Fundus, basierend auf Pflanzen, Zellen, Lebewesen aus der Tiefsee, Wäldern, Mythen oder Fabeln. Andererseits arbeite ich nicht nur als Malerin, sondern auch skulptural. Ich entwerfe Kostüme, Hüllen, Bildobjekte, collagiert aus Stoffen, Stickereien und Papierschnitten eigener Zeichnungen und aus Magazinen. Ich zelebriere und inszeniere das geordnete Chaos bis zu seiner Auflösung, Rückeroberung oder seinem Scheitern. Meine Werke sind suchende Abbilder der Kräfte, die sich nicht zähmen lassen.Sexualität ist eine Spielfläche dieser Phänomene. Sexualität und das binäre Denken, das uns als Gesellschaft und unsere Körperlichkeit als zwei Wesen spaltet, und bis in den krankhaften Wahn treiben kann. 

Wut ist meine Begleiterin

Im ehemaligen Labor der Apotheke ist nun Dein Atelier. Was soll in den Räumen von L‘apotheque noch stattfinden?

Ich arbeite im ehemaligen Kontor und Nachtdienstzimmer der Apotheke. Das Labor und die ehemalige Küche werden zu einer großen eventtauglichen Küche zusammengefasst. Außerdem gibt es einen Spiegelsalon und einen kleinen geschlossenen Raum für die ÜBER 18 Sektion unserer Ausstellung.

In den Wohnräumen darüber pflegst Du Deine Mutter. Was hast Du von Deiner eigenwilligen Frau Mama gelernt?

Mein Mut und mein Wille sind größer als meine Angst. Ich weiß, was sich gehört. Wut ist eine Begleiterin, die mich antreibt. Ruhe ist Luxus. Versagen gibt es nicht. 

Sex ist nicht Arbeit

Du baust außerdem einen Sex-Onlineshop auf. Kannst Du schon mehr darüber sagen? 

Ich gründe gerade eine kuratierte Boutique für Erotik- und Lifestyle Produkte, die ihren Fokus auf die Bedürfnisse von Menschen über 30 richtet. Unser*e Konsument*in weiß, wo sie*er im Leben steht und was sie*er will. Die Tatsache, dass sich unser Sortiment auf Menschen mit körperlichen Einschränkungen ausweitet, hat mehr mit meinem absoluten Freiheitsbegriff zu tun, als den Wunsch einer explizit demonstrierten Inklusion. Es soll sich eine elegante Selbstverständlichkeit etablieren, die sich sensibel auf die vielfältigen Bedürfnisse unser Kunden konzentriert. 

Welche Einstellung dürfen die Deutschen gegenüber Sex ablegen? 

Sex ist nicht Arbeit, sondern eine Entdeckung bis ins hohe Alter, wenn man sich auf die Reise macht.

Wie kann man Dich bei beim Projekt L’apotheque unterstützen?

Esbereitet uns schon große Freude, wenn ihr L’apotheque auf Instagram folgt. Praktischer geht bei unseren Online Seminaren zu und  irgendwann wieder Besuchen selbst. Direkte Spenden sind sicherlich auch jederzeit willkommen und interessierte Interviews, wie dieses, verschaffen l’apotheque und mir eine Stimme, die hoffentlich möglichst laut durch das Dickicht der Desillusion dringt. 

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Die Sache mit der Analmassage

Analmassage ist immer noch ein großes Tabuthema. Viele Frauen denken „igitt“ oder „aua“ beim Gedanken anal verwöhnt zu werden. Diesmal berichtet Heike Niemeier aus ihrer Praxis als Sexberaterin. Es geht weniger um den richtigen Umgang mit einer Analmassage, sondern: Wie kann eine Frau ihrer Skepsis und ihren Vorurteile begegnen und sie eventuell sogar abbauen.

„Schlechte und übergriffige Erfahrungen erzeugen bei mir Abwehr. Wenn es um ‚anal‘ in meinem Sexleben geht, bin ich immer auf Abwehr.“ So begann ein Gespräch mit einer Klientin.

Beim Gespräch mit ihren Freundinnen sagten die: „Das ist so intensiv“ oder „Da sind so viele Nerven, super erregend“. Aber es gab auch die andere Seite, die sagte: „Das tut weh“, „Das ist aber ekelig“ oder „Da schäme ich mich aber“.

Ich habe dieses Thema recht häufig in meiner Praxis zu Gast. Und fast immer ist es ein unerwünschter Gast, der mit vielen Vorurteilen und Klischees behaftet ist. Die gängigsten sind die, dass Analsex schmerzhaft ist und mit Kot in Zusammenhang gebracht wird. Analsex richtig praktiziert muss weder schmerzhaft noch in einer Welle des Kots enden. Das bedeutet in Kürze ausgedrückt: beiderseitiges Einverständnis, genügend Zeit und keine Hektik, viel Gleitgel, Kondome und ein Safeword, wenn die Grenze erreicht ist, über die niemand der Beteiligten gehen möchte.

Wie nähert man sich dem Thema?

Doch in diesem Artikel geht es mir nicht darum, Analverkehr zu erklären, sondern in erster Linie darum, dass etwas Negatives durchaus in etwas Positives verwandelt werden kann.

Eines Tages kam bei meiner Klientin der Wunsch auf, nicht mehr zusammenzucken zu müssen, wenn ein Mann ihren Po berührte. Selbst sanftes Berühren im Sinne von streicheln und massieren erzeugte schon ein Wegzucken ihrerseits. Zu der Zeit nämlich gab es einen Mann an ihrer Seite, der ihren Po schön fand und auch gerne verwöhnen wollte (verwöhnen im Sinne von berühren, streicheln und massieren). Da er dies kommunizierte und nicht einfach über sie hinweg ging, fühlte sie einen Freiraum zu agieren. Sie hatte das Vertrauen, sich mit ihm in diese Richtung wagen zu können.

Wie kann sie die Abwehrhaltung aufheben?

Ich empfahl ihr einen Analmassage-Workshop. Hier könnte sie in einem geschützten Raum erste positive Erfahrungen machen. Nachdem sie einen Workshop gefunden und gebucht hatte, war ich natürlich gespannt, welche Erfahrungen sie dort machen würde.

Später erzählte sie mir: Sie ist mit Herzklopfen, schweißgebadet und sehr aufgeregt zur vereinbarten Zeit hingegangen. Sie wurde sehr freundlich empfangen und teilte all ihre Ängste sofort mit. Das hatten wir gemeinsam bearbeitet und besprochen. Ihre Ängste wurden sehr ernst genommen und sie empfand nach kurzer Zeit Vertrauen. Sie blieb also und verabschiedete sich nicht sofort wieder.

Locker werden

Insgesamt waren acht Personen anwesend. Sie durfte sich eine Partnerin aussuchen. Gesagt, getan und erleichternderweise gefiel auch sie der erwählten Partnerin. Das Programm begann mit Tanzen zum Lockerwerden. Hier stellte sie sich die Frage: Ist dieser Workshop wirklich meiner? Danach stand in den Po atmen auf dem Plan. Sie war immer noch unsicher, ob es der richtige Workshop für sie sei. Doch sie blieb und dann ging es weiter. Schritt für Schritt wurden die Teilnehmer*innen in die Kunst der Analmassage eingeführt (Bitte in diesem Kontext nicht missverstehen 😉

  • mit warmen Tüchern den Po verwöhnen
  • erste Berührungen mit den Händen ausführen und Kontakt aufnehmen
  • erste Massage der Pobacken
  • schwarze Latexhandschuhe anziehen (die fand sie übrigens sehr sexy)
  • den Po mit Gleitgel einreiben und massieren
  • sich der Rosette nähern und massieren
  • und letztlich wird dann der Finger langsam von der Partnerin eingeatmet (bislang hatte meine Klientin in ihrer Abwehrhaltung immer gedacht, dass der Finger einfach in den Po gesteckt wird)

Ein kleiner Tipp: Niemals vom Po in die Vagina fassen. Das kann sehr schmerzhafte und unschöne Infektionen auslösen.

Eine kleine Leseempfehlung: „Make Love” von Anne-Marlene Henning und Tina Bremer-Olszewski

Ihr Mut wird belohnt

Alles geschah ganz langsam, entspannt und immer im beiderseitigen Austausch mit der Workshop-Partnerin. Zu jeder Zeit war es möglich, nein zu sagen und nicht weiter zu gehen. Der Kurs war zu Ende und nachdem sie noch einen Wein getrunken hatte, ging sie nach Hause und fand sich sehr mutig. Dem kann ich nur zustimmen.

Später hat sie mir berichtet, dass ihre Analmassage beim Partner großen Anklang fand und seine Erregung für sie ebenfalls sehr erregend war. Und sie hatte sogar den Mut sich auch von ihm anal verwöhnen zu lassen. Die ersten Berührungen und Massagen gefielen ihr. Sie konnte ihren Po als erogene Zone nun nicht nur wahrnehmen, sondern auch akzeptieren. Und sogar die Vorstellung von Analverkehr rückte in ihre Vorstellung. Wow, was für ein Schritt.

Ich freue mich sehr darüber und wünsche beiden weiterhin viel Spaß. Und ich finde es wunderbar, dass dieser Mann ihr den Raum und die Zeit dazu gegeben hat und auch weiterhin geben wird. Denn wichtig ist auch hier, wie immer, miteinander zu reden. Wünsche und Träume an das Sexuelle offen aussprechen zu dürfen, aber eben auch Verständnis zu zeigen, wenn es dann trotz eines mutigen Ausprobierens nicht den Vorlieben des anderen entspricht.