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Patriarchat: „Der Sex verkommt zur Leistungsschau“

Paar im Bett, sie macht Verrenkungen

Für Paar-Therapeut Volker Schmidt leben wir in einer „Yang-Welt“: zielorientiert, schnell, leistungsbereit. Im zweiten Teil unseres Interviews erklärt der Sexberater, welche negativen Auswirkungen eben dieses Verständnis auf unsere Sexualität und unser erotisches Miteinander haben können. Denn vielen Frauen fehlt der Raum für Hingabe, Loslassen, Fühlen und Führen lassen.

Lieber Volker, wie ein Verständnis von „Yin“ und „Yang“ dazu führen kann, dass wir auf eine neue, liebevollere Weise mit uns selbst, miteinander und mit der Welt umzugehen lernen, erzählst Du im ersten Teil dieses Interviews. Jetzt wollen wir mehr über die Auswirkungen im Schlafzimmer wissen? Dominiert das Yang unsere Sexualität und Erotik?

In vielen Köpfen leider ja. Wir haben gelernt, die ganze Welt aus der Perspektive von „richtig oder falsch“ und „gewinnen oder verlieren“ heraus zu betrachten. Also betrachten wir auch unsere sexuellen Erfahrungen mit derselben Brille. Es geht darum, zu „performen“, „es zu bringen“, am allerliebsten „der oder die Beste“ zu sein. Übrigens nicht nur in einer, sondern gleich diversen Kategorien wie Aussehen, Körperbau, Leistungsfähigkeit, Gelenkigkeit, Durchhaltevermögen, Kreativität und eben Sexualität! Viele Menschen haben beim Sex ständig subtil den Gedanken im Hinterkopf, vom Anderen geprüft, vermessen und be- oder gar verurteilt zu werden. Der Sex verkommt dadurch zur Leistungsschau. Kein Wunder, dass vielen dabei auf Dauer die Lust verloren geht. Insbesondere Frauen übrigens.

Warum insbesondere Frauen?

Weil die meisten Frauen, meiner Kenntnis nach, in ihrer Sexualität eher Yin sind. Sie wollen nicht Ziele verfolgen, sich messen oder sagen, wo’s langgeht. Sondern verführt oder erobert werden, sich hingeben und mit weit offenen Sinnen das Leben in seiner ganzen Tiefe und Fülle aufsaugen und empfinden. Das sind die Kernqualitäten von Yin. Von diesen Dingen versteht Yang nicht viel. Nun leben die heutigen Frauen aber in einer Welt, die rein auf Yang-Qualitäten setzt. So sehr übrigens, dass selbst der Feminismus, der angetreten war, die Frauen unserer Welt zu befreien, diese dazu auffordert, ihr Leben straight, tough und zielorientiert zu leben, stets unabhängig zu bleiben und sich zu nehmen, wonach ihnen ist. 

Volker Schmidt

Paar-Therapeut

Was hast Du dagegen?

Im Grunde überhaupt nichts. All dies sind ganz wundervolle Eigenschaften, an Männern ebenso wie an Frauen. Sie haben unserer Welt nicht nur Leid, sondern sehr viel Gutes gebracht. Interessanterweise aber haben all diese Werte eine ganz subtile, in meinen Augen aber entscheidende Gemeinsamkeit.

Sie sind alle irgendwie eher Yang…?

Genau. Sie alle entsprechen dem Weltbild und Wertesystem des Yang-Denkens. Diese Art zu denken ist großartig, um ein Team zu führen, um technische oder wissenschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, ja sogar beim Einkaufen ist das Yang-Denken um Längen hilfreicher als das Yin. Was Yang jedoch beim besten Willen nicht kann, denn dazu ist es nicht ausgelegt, ist das Leben oder den Augenblick in seiner ganzen Tiefe spüren und genießen. Darin allerdings ist Yin total gut. 

Wenn das so ist, dann müssten Frauen den Sex viel mehr genießen als Männer, oder nicht? Für viele Frauen aber ist doch genau dies das Problem: Nach einem Tag im Job, ständig straight und tough, fällt es ihnen schwer, abends beim Sex den Kopf abzuschalten, sich fallenzulassen und hinzugeben.

Ich weiß um dieses Phänomen. Das ist aber kein Hinweis darauf, dass diese Frauen zu Hingabe und Genuss nicht in der Lage wären. Tatsächlich glaube ich, dass das Yin in ihnen (und uns allen) nichts lieber tut als das. Yin liebt es, sich der liebevollen Führung eines klaren und kraftvollen Yang sexuell blind und bedingungslos hinzugeben. Nun sind Yang und Yin als polare Kräfte in uns allen angelegt. In vielen Frauen ist das Yin viel stärker als das Yang. Dieses Yin aber hat in der Kultur, in der die allermeisten Frauen wie Männer erzogen wurden, sagen wir mal „nicht gerade einen Ehrenplatz“. Yin ist mitfühlend, also weichherzig. Yin ist impulsiv, also unkontrollierbar. Yin ist verspielt, also unproduktiv. Yin ist folgend, also beliebig benutzbar. Alles, was Yin ausmacht, ist in unserer Kultur direkt oder über Bande negativ konnotiert. Ist es da ein Wunder, dass Frauen ebenso wie Männer davon überzeugt sind, diese energetische Kraft in sich unterdrücken und verbergen zu müssen? Frauen wie Männer leiden gleichermaßen unter dieser kruden Sicht auf die Welt. Frauen indes leiden tendenziell mehr, denn die meisten Frauen sind halt viel mehr Yin als Yang. 

Wie können wir lernen, wieder zu genießen? Insbesondere, wenn wir den ganzen Tag über ziemlich im Yang unterwegs waren?

Zunächst einmal, indem wir erkennen, dass die Rollen, die wir auf der Arbeit, aber auch in unsere Familie und anderen sozialen Kreisen spielen, eben nur dies sind: Rollen, die wir spielen oder einnehmen. Je bewusster wir in diese Rollen, Funktionen oder Persönlichkeiten ein- und wieder aussteigen, desto leichter fällt es uns, zu erkennen, was wir selbst und andere Menschen über diese Rollen, Funktionen oder Persönlichkeiten hinaus noch alles sind. Wer wirklich in den Spiegel schaut, sieht dort halt eben nicht nur die clevere Karrierefrau, sondern häufig auch noch illustre andere Gestalten: eine Prinzessin, eine Piratin, ein zartes Mädchen mit glitzerndem Zauberstab oder auch ein wildes, niemals gezähmtes Tier. Wenn wir aufhören, uns mit unseren Masken zu identifizieren, beginnen wir zu entdecken, wie vielfältig und vielschichtig wir wirklich sind.

Da gehe ich voll mit. Gibt es noch mehr?

Wir sollten damit beginnen, wirklich ehrlich mit uns selbst zu sein. Es ist furchtbar, wie oft uns unsere verqueren Selbstkonzepte dabei in die Quere kommen, das Leben, die Liebe oder unsere sexuelle Lust wirklich zu genießen. Ich kenne persönlich eine Reihe von Frauen, ausnahmslos intelligent, willensstark und häufig beruflich sehr erfolgreich, die mir gegenüber offen zugaben, dass es sie auf eine animalische Weise erregt, wenn ihr Partner (m/w/d) sie fesselt, ihnen weh tut oder ihnen sagt, was sie zu tun hätten. Sie alle berichteten mir ebenfalls, dass es eine ganze Weile – und oft mehrere Beziehungen – gedauert hatte, bis sie sich diese Erregung auch eingestanden. Zu tief saß der Gedanke, dass derartige Gedanken im Kopf einer emanzipierten Frau nichts zu suchen hätten. Ebenso unterdrücken unzählige Männer wie Frauen ihre homoerotischen Gedanken, weil sie Angst haben, sie könnten dadurch schwul oder lesbisch werden. Dabei sind sie schlicht und einfach bi. Lösen wir uns vom Ballast unserer unreflektiert übernommenen Selbstkonzepte und spüren wir hin, was in uns wahr und wirklich ist. Keiner und keine von uns hat in der Hand, was ihn oder sie erregt. Wir haben nur in der Hand, was wir aus diesem Wissen machen.

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Wie genau hilft dies Frauen dabei, sich abends beim Sex mit ihrem Mann wieder wirklich fallenzulassen?

Es hilft ihr möglicherweise, indem sie erkennt, dass Hingabe kein Fach ist, in dem sie geprüft wird, sondern eine Wahl, die sie selbstbewusst und selbstbestimmt für sich treffen kann, um dadurch Dinge zu erleben, von denen sie erfahren hat, dass sie ihr gut tun. Wir können Hingabe jedoch nicht bewusst erzeugen. Das ist so wie mit dem Einschlafen. Je stärker der Wille ist, einzuschlafen, desto länger bleiben wir wach. Wir können und nur erlauben, einzuschlafen oder uns in der Lust hinzugeben. Dieses „es darf sein und geschehen“ ist durch und durch Yin. Wenn Frauen dieses Yin in sich wirklich annehmen und lieben, dann wird es eine Freude sein, sich in den Strudel dieser Kraft hineinfallen zu lassen. Solange Frauen sich jedoch ausschließlich mit ihrer klaren, straighten und stets autonomen Yang-Seite identifizieren, wird das wahrscheinlich schwierig sein. Ganz so einfach, wie das hier klingt, ist dies allerdings höchstwahrscheinlich nicht, denn schließlich spielen in dieser Sache nicht nur Frauen und ihr Selbstverständnis eine Rolle, sondern auch Männer. Frauen sind ja schließlich nicht das einzige verkorkste Geschlecht in unserem Land (lacht).

Was meinst Du genau?

Ich meine Folgendes: Wir Männer, zumindest die Yang-Männer von uns, hatten den Vorteil, in einer Welt aufzuwachsen, deren Denken im Grunde dem unseren entspricht. Das machte es weitaus leichter, uns in dieser Welt zu orientieren und irgendwie „richtig“ zu fühlen. Allerdings wurde auch uns „Männlichkeit“ bzw. „Yang“ in einer Weise vorgelebt, die uns suggerierte, dass wir uns durchsetzen müssten, unsere Schwächen und Verletzlichkeiten zu verbergen hätten und uns ständig als der Größte, Beste und Schlauste aufzuspielen.

Stichwort „toxische Männlichkeit“?

In meinen Worten ausgedrückt: „toxisches Yang“. Und ja, diese Art von Yang ist toxisch, und zwar an Männern wie an Frauen gleichermaßen. Dies ist die eine, die medial sehr stark beachtete Form irregeleiteter Männlichkeit, die wir heute finden. Und ja, in der Tat, ich finde sie furchtbar, und ich weiß, ich bin bei Weitem nicht der einzige Mann, der es bei derartigen Verhaltensauffälligkeiten seiner Geschlechtsgenossen unwillkürlich mit heftiger Fremdscham zu tun bekommt. Weniger beachtet, aber ebenso vergiftet, ist allerdings eine zweite Form der Männlichkeit.

Und die wäre?

Ebenso wie unzählige Frauen gelernt haben, alles Yin als schwächlich und minderwertig abzuurteilen, haben viele der heute erwachsenen Männer irgendwann einmal verinnerlicht, dass all das, was in ihnen Yang ist, ursächlich verantwortlich ist für all das Leid der Welt. Sie trauen sich nicht, die Führung zu übernehmen, weil in ihrer Prägung Dominanz und Entschiedenheit immer auftraten in Form von Unterdrückung und emotionaler Kälte. Ihre Väter waren oft gebrochene Männer, die unbeholfen versuchten, ihre Selbstzweifel und ihr inneres Leid durch Härte und Starrsinn zu übertünchen. Solche Väter waren nicht nur ihren Töchtern ein Graus. Auch ihre Söhne schworen sich in großer Zahl: „Niemals werde ich so wie er!“ 

Aber das ist doch gut!

Einerseits ja. Ohne Zweifel. Andererseits aber lernten diese Männer, alles, was Yang in ihnen war, abzulehnen und zu unterdrücken. Diese Männer sind das Spiegelbild jener Frauen, die die Hingabe verlernten. Sie sind immer verständnisvoll, immer mitfühlend, immer zum Gespräch bereit. Soweit noch kein Problem. Gleichzeitig aber sind sie niemals dominant, machen niemals klare Ansagen und bieten ihren Frauen niemals entschlossen die Stirn. Weil sie bereits in der Kindheit an den Eltern lernten, dass männliche Autorität oder Dominanz in jeglicher Form schädlich und böse ist. Solche Männer sind zumeist ganz zauberhafte Väter und ihren Frauen Partner in vielerlei Hinsicht eine Hilfe. Sie strahlen nur leider keinerlei Yang aus. Das Yin in der Frau fragt in solchen Fällen ganz zu Recht: „Wem hier sollte ich mich denn hingeben?! Hier ist niemand, der meine Kraft halten kann!“.

Ein Dilemma! 

In der Tat. Sexuelle Spannung braucht die Polarität von Yang und Yin. Dabei ist es egal, wer im Raum gerade die eine und wer die andere Polarität repräsentiert. Haben wir dies verstanden, können wir beginnen, mit diesem Wissen und mit diesen Energien zu spielen. Dann nämlich können wir uns bewusst entscheiden, den einen oder den anderen Teil dieser Polarität einzunehmen. Wir können bewusst und entschieden führen. Oder bewusst und entschieden folgen. Wir können all unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, unsere*n Partner*in zu beschenken. Oder darauf, uns von ihm oder ihr beschenken zu lassen und mit Leib und Seele zu genießen. Diese Bewusstheit und Entschiedenheit öffnet ein Tor in unserer Sexualität, hinter dem nicht nur ein weiterer Raum liegt, sondern gleich ein ganzer Kontinent. Von da an wird unsere Sexualität fortschreitend weniger beeinflusst von jener Stimme in uns, die sagt: „So bin ich halt!“ und stattdessen immer mehr von jener, die frech schmunzelnd fragt: „Wie möchte ich heute gerne sein?“

Von dieser Art des spielerischen Umgangs sind viele Frauen wie Männer bis heute weit entfernt.

Genau darum sind wir beim Thema „sexuelle Befreiung“ auch noch lange nicht am Ziel angelangt. Mir scheint, wir haben noch einen weiten Weg vor uns, bis wir die Sexualität in unserem Leben wirklich als die erfüllende und nährende Urkraft erkennen und feiern, die sie ist – oder aber doch zumindest sein könnte.

So viel zum bedauernswerten Status Quo. Wie nun kommen wir da raus? 

Ich würde Paaren dazu einladen, in ihrem Umgang miteinander spielerisch Elemente des Führens und Folgens auszuprobieren. Und hinzuspüren, was sich dadurch verändert. Wenn Frauen darin gehemmt sind, sich nicht voll und ganz hinzugeben, dann liegt das höchstwahrscheinlich daran, dass sie bislang nicht die Erfahrung gemacht hat, sich seiner Führung auch bedenkenlos hingeben zu können. Möglicherweise also ist der Widerstand, den sie verspüren, ganz verständlich, ja sogar natürlich und gesund. Ich würde Paare dazu einladen, ganz bewusst mit der Polarität von Yin und Yang zu spielen. Um auf diese Weise möglicherweise einander – und auch sich selbst – auf neue Weise zu erfahren. 

Miteinander zu spielen klingt auf jeden Fall viel verlockender, als an seiner Beziehung oder Sexualität arbeiten zu müssen.

Viele Männer würden ihren Frauen ja gerne der Fels in der Brandung sein, derjenige, der ihnen Halt gibt und sie führt. Leider aber haben sie nie gelernt, wie das geht. Ihre Väter waren schließlich grauenvolle Vorbilder, und die meisten Frauen in ihrem Leben in dieser Hinsicht eher Gegner als Verbündete. Ganz zwangsläufig scheiterten sie mit ihren unbeholfenen Versuchen am Yin der Frauen. Das nämlich hält Ausschau nach echter und integrer Führungsstärke, einschließlich der damit verbundenen emotionalen Kompetenz – und reagiert von daher nachvollziehbarerweise eher patzig auf den Eindruck eines kleinen Jungen, der den großen Mann mimt. Vielleicht können sich die zwei ja gegenseitig dabei unterstützen, alte Rollenmuster oder Selbstkonzepte abzustreifen und herauszufinden, was ihnen wirklich Spaß macht und gut tut. 

Du meinst, im Sinne eines „fake it, till you make it“?

Ganz genau. Im Grunde haben wir ja auch kaum eine andere Option. Wie hilfreich könnte es sein, wenn wir unsere*n Liebespartner*in in unserer sexuellen Entwicklung als Spielgefährt*in, Sparringspartn*ir und Kompliz*in nutzen dürften? Wäre das nicht ein Geschenk?

Das wäre es! Ich danke dir, Volker, für dieses Gespräch!

Die Freude, liebe Tina, war ganz meinerseits!

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Lockdown-Sex: Vögeln statt hamstern? Teil 2

Küssendes Paar

Alle reden über Sex, doch die wenigsten Paare haben richtig guten Sex. Im Lockdown besteht nun die Chance, dass sich Paare wieder näherkommen und ihrer Sexualität neues Leben einhauchen. Liebescoach und Autor Volker Schmidt hat ein paar interessante Ideen dazu. Im zweiten Teil des Interviews geht es um einen konstruktiven Umgang mit Vorwürfen und Verletzungen.

Bitternis, Vorwürfe, Schweigen, emotionaler Rückzug… Gerade in der Quarantäne während der Corona-Krise zeigen sich alte Wunden oft wie im Brennglas. Wie wird aus grimmiger Anspannung wieder eine liebevolle sexuelle Entspannung?

Durch zwei Dinge: Erstens durch den Mut, uns einander ebenso wie auch uns selbst in allem, was in uns ist, zu offenbaren. Zweitens durch die innere Bereitschaft, auch ihn oder sie in all seinen oder ihren Empfindungen, Wünschen oder Sehnsüchten zu erfahren und anzunehmen. Jede Partnerschaft basiert auf Vertrauen. Um vertrauen zu können, müssen wir wissen, mit wem wir es eigentlich zu tun haben. Den besten Sex ebenso wie die besten Beziehungen haben diejenigen Menschen, die miteinander zu 100 % ehrlich sind.

Vollkommen ehrlich? Das könnte bei einigen wohl mächtig Sprengstoff beinhalten.

Ehrlich gesagt: Und wenn schon! Was genau würde denn durch diesen Sprengstoff schlimmstenfalls kaputtgehen? Doch wohl nur Beziehungen, in denen die sogenannten „Partner“ sich seit Jahren gegenseitig verletzen, ignorieren, anlügen oder manipulieren. Ich persönlich fände es ja nicht allzu schlimm, wenn wir von dieser Art von Beziehungen in Zukunft ein paar weniger hätten als heute.

Was macht man, wenn das Gespräch in die falsche Richtung läuft? Wenn es eine Ansammlung von Vorwürfen wird? 

Wenn wir bemerken, dass wir in einer Schlammschlacht stecken, dann haben wir die Wahl: Entweder wir können unsere Partnerin oder unseren Partner dafür beschimpfen, dass dem so ist, ihn oder sie anklagen und beschuldigen. Oder aber wir erkennen, dass wir beide gerade hinter unseren vordergründigen Attacken aufeinander zutiefst verletzt oder verunsichert sind. Wir könnten erkennen, dass es uns beiden gerade echt nicht gut geht, dass wir uns beide danach sehnen, uns liebevoll gesehen und angenommen zu fühlen. Der Ausstieg aus dem Täter-Opfer-Spiel wird möglich, wenn wir bereit sind, uns wirklich ineinander einzufühlen. Wenn wir erkennen, dass es in diesem Streit weder Schuld noch Täter gibt, sondern nur zwei Verletzte, halbblind vor Schmerz.

Du deutest es schon an. Diese Art von Einsicht ist manchmal nicht so leicht, wenn man selbst oder der*die andere seiner*ihrer Wut und Verletztheit kocht.

Jetzt kommt der Clou, aber der zieht halt nur, wenn wir uns selbst gegenüber zuvor ein klares Commitment gegeben haben (siehe erster Teil des Interviews): Selbst wenn der oder die andere es gerade nicht schafft, liebevoll und wohlwollend mit uns umzugehen, so hält uns nichts (außer falsch verstandener Stolz vielleicht) davon ab, uns dazu zu entscheiden, ihn oder sie dennoch liebevoll und wohlwollend zu behandeln. Und zwar ganz allein darum, weil wir es uns selbst geschworen haben, mit diesem Menschen, liebevoll und wohlwollend umzugehen, als Verbündete in gemeinsamer Sache.

Und wenn der andere nicht mitzieht, sondern im Vorwurfsmodus bleibt?

Es ist ziemlich schwer, einem Menschen gegenüber, von dem wir uns wirklich liebevoll gesehen und geachtet fühlen, länger als ein paar Minuten rasenden Zorn zu empfinden. Mitgefühl und Wohlwollen sind ebenso ansteckend wie Zorn oder Groll. Das unterschätzen wir oft. Das gilt allerdings nur, solange dieses Mitgefühl und Wohlwollen auch durch und durch echt sind. Gerade in emotional aufgewühlten Zuständen reagieren wir schließlich sehr fein auf kleinste Inkonsistenzen in Sprache und Mimik. Haben wir den Eindruck, unser Gegenüber ist nicht ganz echt und authentisch, reagieren wir in aller Regel recht direkt mit einer Verhärtung unserer Positionen. Gegen den Eindruck wahrhaftigen und entschlossenen Mitgefühls und Wohlwollens jedoch haben Zorn und Groll einen schweren Stand. Wir machen uns auch dies nur selten bewusst.

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Und zum Schluss: ein famous last word.

Ist vielleicht auch noch Platz für zwei? Ich fasse mich auch kurz!

Na dann los!

Mein erstes famous last word ist „Un-Verschämtheit“. Lassen wir uns folgende pragmatische Erkenntnis auf der Zunge zergehen: Was unseren Partner oder unsere Partnerin oder uns erregt, haben weder er oder sie noch wir selbst uns ausgesucht. Das bedeutet: Was uns erregt, dafür sind wir nicht verantwortlich. Keine*r von uns. Wofür wir allerdings verantwortlich sind, ist was wir aus diesem Wissen machen. Wir können uns selbst oder einander dafür anklagen oder belächeln. Diese Wahl steht uns selbstverständlich offen. Wir haben aber auch die Wahl, dieses Wissen über uns selbst und einander dafür zu nutzen, ebenso uns selbst wie auch einander immer wieder wunderschöne Gefühle zu bescheren. Mein Tipp lautet nur: Nutzt diese Wahl und nutzt sie weise.

Und dein zweites famous last word?

Heißt „Lust“. Auch hier geht es darum, zu erkennen, dass wir eine Menge Wahlmöglichkeiten haben – und diese bewusst und in unserem Sinne zu nutzen. Für manche Menschen ist erotische Lust etwas, das sich quasi zufällig einstellt oder halt nicht. Sie haben jetzt gerade Lust. Oder halt nicht. Das ist halt so bei ihnen. Da können sie nichts dran drehen. Und ich will ihnen da auch nicht reinquatschen. Andererseits jedoch gibt es Menschen, die in ihrer Lust etwas sehen, das sie aktiv und bewusst hervorrufen, gestalten und formen können. Sie können ihre Lust und ihre sexuelle Erregung gezielt wecken, nähren und vermehren. Sie schenken ihr Liebe, Aufmerksamkeit und Zeit, sodass sie unter ihren Händen wie in ihrem Leben gedeiht und blüht. Die eigene Lust ebenso wie die ihrer Partnerin oder ihres Partners. Ich will nicht sagen, dass die zweite Gruppe von Liebenden alles besser macht als die Erste, aber sie hat mit großer Sicherheit mehr Spaß an ihrer Beziehung und ihrem Leben. Auch hier empfehle (und wünsche) ich uns allen daher eine kluge und bewusste Wahl.

Ich danke dir, Volker!

Es war mir eine Freude, Tina!

Was können wir sonst noch tun, wenn die Resignation von unserer partnerschaftlichen Sexualität Besitz ergriffen hat? Lies weiter! Dies und mehr erfährst Du im ersten Teil des Interviews…

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Wie gelingt „Sex worth wanting”, also Sex, von dem man nicht genug bekommen kann?

Heike Niemeier trifft Volker Schmidt. Kennengelernt haben sich die beiden beim „Barcamp Sex” in Leipzig. Danach hat Heike sein  Buch „Untervögelt – Macht zu wenig (guter!) Sex uns hässlich, krank und dumm?“ gelesen. Ein provokanter Titel – eine gute Frage? Im Interview unterhalten sich die Sexberaterin und der Sexperte über Klischees wie Heilige oder Hure und den angeblich so triebgesteuerten Mann, über Mangelgefühle beim Sex und wie man zu Sex worth wanting kommt. 

Volker, du lachst mich so fröhlich an. Was macht Dir so gute Laune?

Ich freue mich darüber, hier mit Dir zu sitzen und in einem Forum über unsere Sexualität zu sprechen, dessen Ressort den Namen „Happy Vagina“ trägt. Ich freue mich riesig darüber! Weil es mir zeigt, dass der kulturelle Wandel, den ich für so dringend und wichtig halte, längst im Gange ist.

Was meinst Du damit?

Naja, es ist noch gar nicht so lange her, und ich habe es erlebt, da war „Sex“ ein Thema, über das niemand ernsthaft sprach. Weder in der Öffentlichkeit, noch zwischen Freunden oder Freundinnen, noch nicht einmal zwischen Liebes- und Sexualpartner*innen wurde offen darüber gesprochen. Dass eine Vulva oder Vagina überhaupt glücklich oder unglücklich sein könnte, darüber hat sich damals niemand (fast niemand!) Gedanken gemacht. Und jetzt sitzen wir zwei hier bei „Happy Vagina“ und sprechen darüber, was es bräuchte, damit mehr Vulven und Vaginen sexuell wirklich satt und happy sind. Von den Penissen ganz zu schweigen. Ich finde das großartig!

Womit wir direkt beim Titel deines Buches wären. Also, was heißt „untervögelt“ für Dich Volker?

Ich persönlich finde ja den Titel meines Buches gar nicht so provokant formuliert. Zumal die wissenschaftliche nüchterne Antwort auf die Titel-Frage lautet: „Es sieht verdammt nochmal ganz danach aus!“. Leider haben sich allerdings in meinen Augen nur die wenigsten von uns über ihr Sexualleben jemals wirklich Gedanken gemacht.

Das Adjektiv “„untervögelt“ bezeichnet in meinen Augen einen Zustand subjektiven Mangelgefühls, verbunden mit dem Wunsch danach, diesen zu beheben. Von der Warte aus betrachtet ist das Wort nicht provokanter oder bissiger als Begriffe wie „hungrig“,  „durstig“ oder „müde“. Sie alle bringen zum Ausdruck, dass unserem System bedeutsame Ressourcen fehlen, die wir brauchen, um zu blühen, zu gedeihen und unser physisches wie psychisches Potenzial zur Entfaltung zu bringen.

Du meinst also, wir alle bräuchten einfach mehr Sex, und dann würde es uns besser gehen?

Nein! Da bin ich kleinkariert. Das, was uns in meinen Augen fehlt, ist nicht irgendwelcher Sex, sondern richtig guter Sex. Es geht um das, was die kanadische Sexualforscherin Peggy Kleinplatz so herrlich treffend in dem Begriff „sex worth wanting“ fasst. Den allerdings haben, so wie ich es derzeit sehe, nur die wenigsten bei uns im Lande jemals wirklich erleben dürfen. 

Was für ein vernichtendes Urteil über den Sex in unserem Land.

VS: Wir leben in einer Kultur, in der meiner Auffassung nach die meisten der heute erwachsenen Menschen ein schwer gespaltenes Verhältnis zu ihrer eigenen Sexualität mit sich herumtragen. Sie spüren, da ist etwas, das ihnen guttut, wonach sie sich sehnen. Doch sie haben gelernt, dass Wollust und sexuelles Begehren niedere Triebe sind, über die sie sich zu erheben hätten. Die männliche Sexualität wurde über Jahrzehnte als triebgesteuert und minderwertig betrachtet, die weibliche Sexualität als unschuldig, zart, heilig, kurz gesagt: verkümmert. 

Oder genau andersrum! Stichwort: „Heilige oder Hure“!

VS: Das sind polarisierende Spottworte, die bilderbuchhaft widerspiegeln, wie infantil und unreflektiert unser Umgang mit unserer Sexualität ist. Weder das Bild der Heiligen noch das der Hure ist ja wirklich attraktiv oder gar begehrenswert. Allerdings maskieren diese Begriffe zwei Kräfte, die nicht nur in jeder und jedem von uns vorhanden sind, sondern die darüber hinaus geradezu wundervoll unsere Sexualität bereichern. Schlimmer noch: Ich behaupte, wenn diese Kräfte fehlen oder unterdrückt werden, dann werden wir unsere Sexualität niemals wirklich als erfüllt und erfüllend erfahren. Ich nenne diese innerpsychischen Aspekte in uns „den Engel“ und „das Tier“.

Hm… Ich kann zwar nicht für alle Frauen sprechen, aber mir fällt es tatsächlich bedeutend leichter, mich mit „dem Engel in mir“ und mit „dem wilden Tier in mir“ zu identifizieren. 

Das gilt ja nicht nur für euch Frauen, sondern für die allermeisten: Niemand hat uns beigebracht, unsere eigene Sexualität zu ehren, sie zu feiern und ihr in unserem Leben substanziell Raum zu geben. Niemand hat uns beigebracht, welche Freude und Fülle entstehen können, wenn sich zwei Menschen in diesem Feld offen, frei und hingebungsvoll zu begegnen wissen. Im Gegenteil! Wir haben gelernt, unser Innerstes, unsere Gedanken, Gefühle und Impulse, voreinander zu verbergen, uns über unsere wahren Gefühle und Absichten zu täuschen, um in der Lage zu sein, einander zu manipulieren und kontrollieren. Das aber verhindert nicht nur zwingend, uns jemals in der Liebe auf Augenhöhe zu begegnen, sondern es hält uns auch davon ab, jemals zu erfahren, wie beglückend, nährend und erfüllend unsere Sexualität sein könnte.

Ich stimme Dir zu, dass wir wenig Selbstbewusstsein im Kontext Sexualität mit auf den Weg bekommen haben und uns auch heute noch in „alten“ Rollenbildern verzetteln. Wie aber schaffen wir es, dass Jungen und Mädchen, Männer und Frauen, einen neugierigen und selbstbestimmten Umgang mit ihrer Sexualität leben können? Nach wie vor wird heutzutage ein weiblicher Umgang mit Lust negativ rezensiert und nicht positiv in der Gesellschaft betrachtet. 

Das gilt für beide Geschlechter! Vergessen wir nicht, wie leichtfertig wir nicht nur sexuell selbstbewusste Frauen als „Schlampen“ abfertigen, sondern auch ebensolche Männer als „schwanzgesteuert“. Vergib mir, wenn ich mich wiederhole, aber dies ist mir wichtig. Ich glaube, wir werden wirkliche sexuelle Erfüllung erst dann erleben, wenn alle Menschen aller Geschlechter sich in ihrer Sexualität frei, gewollt und verehrt fühlen!

Einverstanden. Uneingeschränkt. Wie aber nun schaffen wir in unserer Kultur den Raum und die Bedingungen dafür, dass beide oder alle Geschlechter sich selbstbestimmt in ihrer Sexualität erkunden und erfahren können? Wo können wir ansetzen?

Woanders als bei uns selbst und genau da, wo wir sind? Und zwar jeder und jede einzelne von uns. Ich glaube, diese sexuelle Revolution findet weniger auf der Straße oder in den Medien statt als morgens im heimischen Badezimmer beim Blick in den Spiegel. Der erste Schritt hin zu wirklicher sexueller Erfüllung besteht darin, uns selbst wirklich anzuschauen und anzunehmen mit allem, was wir sind. Damit meine ich: mit all unseren Prägungen und Sehnsüchten, unserer Unbeholfenheit, unserer irrationalen Scham und unseren offenen (vielleicht sogar nie gestellten) Fragen. Eine meiner Grundregeln lautet: „Was da ist, ist da. (Und hört auch nicht auf damit, da zu sein, wenn wir es doof finden!)“. Was auch immer wir tun, wir bringen all das mit ein, was wir sind und was wir über uns selbst glauben. Wir vergessen leicht, wie tief die Prägungen und Erfahrungen in uns sitzen. Wer glaubt, all dies ablegen zu müssen, bevor sexuelle Erfüllung möglich ist, wird diesen Zustand höchstwahrscheinlich niemals erfahren. Vielen von uns erscheint es als absurd oder irgendwie unzulässig, einen Weg einzuschlagen, dessen Ziel nichts anderes ist als unser eigenes Glück. Ich sage jetzt nicht nur: „Es ist zulässig“, sondern darüber hinaus noch: „Es ist gesund.“.

Das klingt mir jetzt doch ein bisschen arg einfach …

Im Grunde ist es doch genauso einfach. Ich fasse es mal ganz Yang-typisch linkshirnig in fünf Schritte: 

Schritt 1: Wir beginnen damit, uns selbst (endlich!) anzunehmen und zu lieben, mit allem, was wir sind. 

Schritt 2: Wir erkennen an, dass dies unser einziges Leben ist und niemand außer uns darüber entscheiden kann, wie wir dieses (eine!) Leben nutzen. 

Schritt 3: Wir beginnen zu ahnen oder gar zu begreifen, dass das, was uns über Sex beigebracht wurde, und das, was wir bislang erfahren haben, potenziell wenig bis gar nichts damit zu tun hat, was uns in Sachen Sex zu erleben, zu erfahren und zu fühlen möglich ist. 

Schritt 4: Wir entscheiden uns dazu, dem Feature „erfüllte und erfüllende Sexualität“ einen substanziellen Platz auf der Prioritätenliste unseres (einen!) Lebens zu geben. 

Schritt 5: Wir lassen den Entscheidungen konsequente Taten folgen. In meinen Augen ist „sex worth wanting“ keine Frage von Körpermaßen oder akrobatischem Talent, sondern von Bewusstheit, Selbstverantwortung und Konsequenz. 

Das ist aber nicht so einfach wie es sich anhört.

(Lacht) Das war jetzt zu linkshirnig, oder?!

(Lacht) Ein bisschen …

Wie siehst Du das als Sexberaterin – und als Frau?

Ich bin, was deine 5 Schritte anbelangt, bei Dir. Aber wie lange habe ich gebraucht, um allein Schritt 1 zu gehen? Ich bin sicher noch nicht am Ende angekommen und ich halte mich für eine durchaus reflektierte und kluge Frau. Trotzdem hadere ich manchmal immer noch mit meinen Äußerlichkeiten und stehe dann meinem eigenen Loslassen, Fallenlassen und meiner Freude im Weg. Es ist ein lebenslanger Lern- und Bewusstwerdungsprozess, der auch sehr abhängig ist davon, welchen Menschen ich begegne und mit wem ich welche Art von Erfahrungen mache. 

Ich benenne ja nicht ohne Grund „ein gesundes Körperbewusstsein“ und „ein gesundes Selbstbewusstsein“ als Basiszutaten für das, was ich „richtig guten Sex“ nenne. Ich weiß: Das ist ebenso wahr wie leicht daher gesagt. Schließlich sind doch die meisten von uns in einer Kultur geprägt und sozialisiert worden, die sie vermittelte, sie selbst seien in irgendeiner Weise minderwertig und ihre Gefühle und Bedürfnisse wären daher bedeutungslos. Sind derart toxische Gedanken erst einmal Teil des eigenen Selbstkonzepts, dann drängt es sich ja geradezu auf, unser Umfeld beständig zu täuschen und zu manipulieren. Wir haben Angst davor, uns einander wirklich authentisch zu offenbaren. Das würde schließlich bedeuten, dass die anderen Menschen sehen würden, wie unvollkommen und vor allem, wie verletzlich wir sind. Je wichtiger uns dabei ein anderer Mensch wird, desto größer wird unsere Angst, von ihm/ihr verletzt oder verlassen zu werden. So kommt es, dass viele von uns umso mehr lügen, täuschen und verschweigen, je bedeutender uns ein Mensch ist. Ist das nicht zynisch?

Ich weiß, Du übst schwere Kritik am Umgang unserer Kultur mit unserer Sexualität.

VS: Ja, verdammt! Dir als Frau wurde beigebracht, dass weibliche Attraktivität vor allem eine Frage der Optik ist: Wer nicht die richtigen Körpermaße hat oder die richtigen Rundungen an den richtigen Stellen, ist, so das Mantra, als Frau halt eine mangelhafte Partie. Mir als Mann wurden andere Märchen erzählt, interessanterweise aber mit dem gleichen Ergebnis. Was Körbchengröße oder BMI für euch Frauen, das waren und sind für uns Männer bis heute die wirtschaftliche und soziale Stellung sowie der Stand des eigenen Kontos. Wer hier nicht die richtigen Karten auszuspielen in der Lage ist, ist als Mann ein jämmerliches Modell. 

Wo liegt Deiner Meinung nach der Ausweg? Wie erschafft man eine positive und bejahende Sexualkultur? 

VS: Naja … Vielleicht, so denke ich manchmal, liegt der Ausweg genau da, wo wir bislang nur das Problem sehen. Da wir Menschen soziale Wesen sind, lernen wir die meisten Dinge in unserem Leben durch Vorbild und Nachahmung. Was wäre, frage ich mich, wenn wir den Menschen in unserem Land neue Vorbilder anbieten würden? Vorbilder, die uns verdeutlichen, wie viel Freiheit und Lebensfreude entstehen können, wenn wir uns einander wirklich wahrhaftig und authentisch zeigen. Vorbilder, die uns Mut machen, uns mit unserer Wahrheit, unseren Gefühlen und Wünschen zuzumuten. Vorbilder, die uns einladen dazu, aus dem Spiel der Täuschung und Manipulation auszusteigen und stattdessen selbst zu definieren, nach welchen Regeln wir das Spiel dieses einen Lebens, das uns geschenkt wurde, spielen wollen. 

Wen meinst Du damit? Uns Beraterinnen, Therapeutinnen und Coaches?

Ich meine damit uns alle. Jede und jeden von uns. Wir selbst können unseren Liebespartner*innen und sexuellen Freund*innen ein Beispiel dafür geben, was es heißt, uns selbst und unsere/n Liebste/n dazu einzuladen, mit allem da zu sein, was ist. Mit allen Gefühlen, allen Gedanken, allen irrationalen Mustern, aber auch mit allen Wünschen, Sehnsüchten oder Ideen. Wenn du mich nach dem einen Hebel fragst, der den Prozess unserer sexuellen Befreiung in Gang setzt, dann ist es der Hebel einer entschlossenen Entscheidung.

Einer Entscheidung wozu genau?

Einer Entscheidung dazu, uns selbst und unsere sexuelle Erfüllung exakt und auf den Punkt genauso wichtig zu nehmen wie die unseres Liebesgefährten oder unserer Liebesgefährtin. Es mag nicht unsere Aufgabe sein, ihm oder ihr alle Wünsche oder Sehnsüchte zu erfüllen, aber er oder sie hat doch das ebenso bedingungslose Geburtsrecht darauf, in selbstbestimmter sexueller Fülle zu leben wie wir selbst. Darüber hinaus ist wissenschaftlich belegt, dass wir Menschen gegenüber, deren Gegenwart wir als … ich sage mal: „unserer sexuellen Erfüllung zuträglich“ erfahren, weitaus wohlwollender gegenüber gestimmt sind als solchen, die wir als Hindernisse auf dem Weg dahin empfinden.

Eine Entscheidung dazu, immer wieder „wirklich guten Sex“ miteinander zu haben?

Eine Entscheidung dazu, das Thema „sexuelle Fülle“ im eigenen Leben wichtig zu nehmen. Für uns selbst mit uns allein, Stichwort „Masturbation“, und natürlich umso mehr, wenn vorhanden, als Thema mit unseren Liebes- und/oder Sexualpartner*innen.

Das hat uns nun wirklich niemand beigebracht …

Naja, ist halt so. Genau darum ist es halt nun an uns, es unseren Freund*innen und Geliebt*innen, und als Eltern auch, es unseren Kindern beizubringen …

Sorry, wenn ich kurz unterbreche, aber die Schulen sollten hier auch mit in die Verantwortung genommen werden. Dieses Zusammenspiel von Eltern und Schulen könnte (Betonung liegt auf könnte) eine Sexualität, die den eigenen Wünschen und Vorlieben entspricht wirklich fördern. 

 Ja, wie schön wäre es, wenn Kinder in der Schule bereits lernten, mit ihrer Sexualität selbstbewusst und natürlich umzugehen und offen miteinander darüber zu kommunizieren. Ich sehe das genauso wie du!

Prima, aber nun Volker hätte ich von Dir gerne noch ein knackiges Statement zum Schluss!

(Überlegt) Unsere Sexualität ist eine Urkraft in jeder und jedem von uns. Wir alle spüren sie auf die eine oder andere Weise. Sie ist existenziell verbunden mit unserem Selbstbild und unserem Selbstwertempfinden. Es ist an der Zeit, dass wir dieser Bedeutung Rechnung tragen und uns bewusst mit uns selbst und unserer Sexualität auseinandersetzen. Dass wir uns erlauben, echte sexuelle Fülle für machbar und für möglich zu halten. Und dass wir uns entscheiden dafür, dieser sexuellen Fülle substanziell Platz und Priorität in unserem Leben zu geben. Wie heißt es in dem schönen Sprichwort: „Glückliche Mösen, glückliches Land!“

(Lacht) Das ist kein Sprichwort!

(Lacht) Aber vielleicht könnte es eines werde!

Vielen Dank Volker für das Interview. Ich kann jetzt nur noch einmal das Buch empfehlen: Es ist ernst, es ist lustig, es ist wissenschaftlich, es ist unterhaltsam. Also bitte lesen!

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Anna lebt ihr sexuelles Erwachen im Swinger Club aus

Unsere Autorin Heike liebt die Deutsche Bahn, weil sie im Speisewagen stets  inspirierende Gespräche führt. Diesmal erzählte ihr Anna von der Leere vor der Scheidung, vom Finden der eigenen sexuellen Lust, der großen Liebe und den gemeinsamen Abenteuern im Swinger Club.

Anna ist 50 Jahre alt, das zweite Mal verheiratet und hat zwei große Kinder. Nun könnte ich denken, noch so ein Klischee: Hausfrau, Kinder sind aus dem Haus und jetzt gibt es sexuelle Abwechslung in Form des Swinger Clubs. Weit gefehlt. Hier ihre Geschichte.

Im Prinzip hat Anna ganz brav mit all den romantischen Vorstellungen angefangen, darüber, wie Beziehungen zu sein haben, inklusive des Wartens, weil der Typ schon wieder mal nicht anruft.Diesen Klassiker – nicht zu vergessen das nachschauen, ob das Telefon überhaupt noch funktioniert – -kennen sicher viele, mich eingeschlossen.

Ehe: Stabilität statt leidenschaftlichem Sex

Sie lernte ihren ersten Mann kennen, der ihr Verlässlichkeit und Sicherheit gab. Der Sex war ok. Sie ist dann auch schnell das erste Mal schwanger geworden, bald darauf das zweite Mal. Aber in der Körperlichkeit waren sie weit voneinander entfernt. Es fühlte sich an, wie bei zwei sehr guten Freunden. Scheinbar fehlte die Leidenschaft. Aber wie stellte sich Anna damals Leidenschaft vor?

Ihr Bild von Leidenschaft war geprägt von Hollywood-Romanzen und dem romantischen Liebesbegriff des „Happy ever after“, der bis heute noch bei so vielen Menschen im Kopf herumspukt. Ihr war klar, dass die Hollywood’sche Leidenschaft nur ein Märchen auf der Leinwand ist. Aber aufgrund mangelnder Erfahrung konnte sie nichts an deren Stelle setzen und lebte die Beziehung, die ihr das nächst Wichtigste gab: Stabilität.

Der Klassiker: Die Affäre

Natürlich träumte sie von leidenschaftlichem Sex, bei dem die Kontrolle wegfällt. Aber was genau das sein sollte, das wusste sie nicht. Während sie also in dieser Ehe lebte, wusste sie tief in sich, dass etwas fehlte. Doch sie verdrängte es, blieb in der ehelichen Gemeinschaft, weil er ein guter Familienvater war, und weil ihr Familie und Kinder zu diesem Zeitpunkt sehr wichtig waren. Eine Frühgeburt beschäftigte sie, viele Umzüge über den Kontinent, sodass sie gar nicht in die Situation kam, in sich hineinzuhorchen, was da noch möglich wäre. Dazu kam ein großer Freundinnenkreis, sodass sie emotional gesehen zusätzlich an anderer Stelle gefüttert wurde. Die emotionale Unterversorgung in der Partnerschaft wurde andernorts aufgefangen.

Der nächste Schritt, fast schon ein Klassiker: Ihr Mann hatte eine Affäre, verliebt sich in eine jüngere Frau, die Scheidung folgte.

Ihre Neugierde übernahm die sexuelle Führung

Hier kam der Moment, in dem sie sich selbst im Spiegel betrachtet hat. Zuerst war sie erzürnt, dass er das gemeinsame Lebenskonzept über Bord geworfen hatte. Aber wirklich traurig darüber, diesen Mann nicht mehr an ihrer Seite und in ihrem Bett zu haben, war sie nicht. Sie hatte übrigens zwischendurch keine Affären. 

Doch nun übernahm die Neugierde die Führung. Es folgten Dating-Plattformen, eine Affäre mit ihrem Friseur (sind die nicht alle schwul???) und eine Fernbeziehung mit einem verheirateten Mann.Sie kam aus sich heraus, entwickelte ihre Selbstliebe, ging nach Berlin und probierte weitere Dating-Plattformen aus. Sie suchte dort keinen Vater für ihre Kinder, sondern Männer für sich, um ihre Lust zu erkennen, auszuprobieren und zu leben. Dabei hat sie sich nie als eine Frau empfunden, die alleine bleiben wird. Das Gefühl, wieder einen Partner zu haben, hat sie immer begleitet.

Der neue Mann: Er dirigiert den Raum – sie genießt

Und dann kommt über eine Dating Plattform dieser Mann, mit dem sie nun seit zwei Jahren verheiratet ist und der sie in den Swinger Club und auch weiter und tiefer in ihre eigene Leidenschaft gebracht hat. Was ist passiert?

Er entführt sie an einen FKK-See mit einem Bereich, in dem offen und frei miteinander umgegangen werden kann. Es folgt der erste, öffentliche Sex. Dann eine Massage von ihm, die sich auf einmal von einer zweihändigen zu einer sechshändigen Massage ausweitet. Er hatte vorher ein Paar zum mitmassieren „akquiriert“. Er dirigiert den Raum, zieht sich zurück, überlässt dem Paar das Revier, schaut zu, kommt zurück zu ihr. Die Spannung und das Vertrauen zwischen den beiden ist geschaffen.

Sein Wunsch: Gemeinsam in den Swinger Club

Anna beschreibt ihn als einen sehr körperlichen Mann und als guten Regisseur solcher Szenarien. Da gibt es keine Unsicherheiten bei ihm, und das macht mit ihr, dass sie sich darauf einlassen kann. Sie hatte sofort großes Vertrauen zu ihm. Sie war sicher, dass er nichts mit ihr machen würde, was schlimm sei, oder was sie nicht wollte. Und dass er auch sofort innehält, wenn sie gegen etwas ist. Der Konsens war also von Anfang an unmittelbar gegeben.

Er hat dann sehr bald den Wunsch geäußert, mit ihr in einen Swinger Club zu gehen. Das fand schon ein paar Tage später statt.

Die Klischees über Sex-Clubs

Jetzt kommen erst einmal alle meine Klischees zu Tage: Adiletten (allerdings im letzten Jahr äußerst en vogue), Essen à la Geschnetzeltes, Paare, die sich über ihren Alltag unterhalten und dies besser zu Hause tun könnten, und zu guter Letzt Paare auf der Spielwiese, denen ich nicht zuschauen möchte. Und dies nicht, weil sie nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen, sondern weil ich bei ihnen keine Lust, kein Miteinander sehen würde. Und dann noch die Komplikation, Männer abwehren zu müssen, auf die ich keine Lust habe. 

Anna bestätigt mir, dass es all diese Klischees gibt. 

Also zurück zur Ausgangsfrage: Was ist der Reiz, das Interessante, das Spannende am Swinger Club, das bei mir noch nicht angekommen ist?

Die Regeln beim öffentlichen Sex

Vorab möchte ich wissen, welche Regeln sie vor dem ersten Besuch definiert haben. Safer Sex, sie schauen, ob es passt, sie geht nicht gern in Whirlpools. Alles funktioniert bei ihnen über den Augenkontakt. Wenn sie etwas nicht will, dann ist sofort Schluss, dann holt er sie aus der Situation heraus und es ist klar, dass sie gehen. Sie sind mittlerweile so gut eingespielt, dass es meist funktioniert und sie sich in einer gemeinsamen Schwingung befinden. Mich interessiert, ob diese Übereinkunft von Anfang an zwischen ihnen da war? Anna bestätigt mir das, wobei anfänglich auch noch das eine oder andere Wort ins Ohr geflüstert wurde.

Was ist der Reiz am Swingen?

Für Anna ist der Swinger Club die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit Sex zu haben und trotzdem bei/mit ihrem Mann zu sein. Die Besuche im Swinger Club finden phasenweise, je nach Lust und Laune statt. Oft denken sie, es sei spießig. Aber manchmal entsteht da diesen Zauber, der mit ihnen beiden zu tun hat.

Es ist nicht das: „Ich muss jetzt mit jemandem vögeln!“, sondern es geht darum, eine gewisse Energie zu spüren. Und das ist für sie im Swinger Club erlebbar. Sie mögen es, zu nichts verpflichtet zu sein. Sie können gucken, ob es passt, können gehen, wenn es nicht passt, müssen sich nicht erklären, sind allerhöchstens sich selbst gegenüber verpflichtet. Der Swinger Club eröffnet die Möglichkeit der Unverbindlichkeit im positiven Sinne. 

Der „Kater“ danach

Und wie sieht es mit der Eifersucht aus? Im Swinger Club existiert gar keine Eifersucht. Anna mag nur nicht alleine gelassen werden. Aber das weiß er. Es ist uneingeschränkt klar, sie ist seine Nummer 1 und er ist ihre Nummer 1. Das zeigt und sagt er ihr ganz deutlich und das gibt ihr ganz viel Sicherheit. Dieser öffentliche Raum, der Swinger Club, geht auch nur mit ihm.

Dort bietet sich ihr eine Möglichkeit, auszuprobieren, wie weit sie die Kontrolle abgeben und ihre Leidenschaft leben kann. Denn genau diese definierte Öffentlichkeit turnt sie an, aber nur im Beisein ihres Mannes. 

Nach dem Besuch eines Swinger Clubs folgt häufig so etwas wie ein „Kater“, der energetische Abfall. Dann heißt es, zur Ruhe kommen und einige Zeit auf Rückzug zu schalten. Darum besuchen sie den Swinger Club auch nicht jede Woche. Das wäre für Anna und ihren Mann energetisch nicht haltbar. Es ist wie mit all den schönen Dingen im Leben. Bekommt man sie jeden Tag, nutzen sie sich ab. Sie verlieren ihren Zauber, ihren Reiz, und es wird immer schwerer, das intensive Gefühl zu steigern und zu halten. Darum ist es gut, zwischendurch den Alltag zu leben, mit Kuschelsocken und Tiefkühlpizza auf dem Sofa.

Gibt es Eifersucht beim Gruppensex?

Ich komme noch einmal auf das Thema Eifersucht und wie es Anna geht, wenn ihr Mann mit einer anderen Frau Sex hat. Sie sagt etwas sehr Schönes:

„Wichtig ist es, in der Beziehung wahrzunehmen, wann der Partner glücklich ist, auch dann, wenn man nichts damit zu tun hat. Es klappt manchmal – und manchmal nicht.“

Das nenne ich die große Kunst der Partnerschaft. Danke Anna, für dieses wunderbare, offene Gespräch.

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Lockdown-Sex: Vögeln statt hamstern? Teil 1

Paar, das Spaß im Bett hat

Alle reden über Sex, doch die wenigsten Paare haben richtig guten Sex. Im Lockdown besteht nun die Chance, dass sich Paare wieder näherkommen und ihrer Sexualität neues Leben einhauchen. Liebescoach und Autor Volker Schmidt hat ein paar interessante Ideen dazu. Im ersten Teil des Interviews geht es um die Einstellung und den Mut, sich zu zeigen.

Lieber Volker, man könnte böse meinen: Alle reden über Sex, doch die wenigsten haben ihn. Was ist für Dich eigentlich „guter Sex“?

(lacht) An dieser Frage sind schon viele gescheitert…

In Deinem Buch widmest du ihr fast 50 Seiten. Jetzt mal raus mit der Sprache!

Im Grunde handelt „untervögelt“ von nichts anderem als davon, wie wir es schaffen können, einen natürlichen und unverkrampften Zugang zu unserer Sexualität zu finden. Das Empfinden sexueller Fülle hat derart immense – und zwar immens positive – Auswirkungen auf unser körperliches wie psychisches Immunsystem, auf unsere Einstellung uns selbst und dem Leben gegenüber, sogar auf unsere Attraktivität, Intelligenz und unsere sozialen Kompetenzen, dass wir alle sehr gut daran täten, diesem Thema einen hohen Platz auf der Prioritätenliste des eigenen Lebens einzuräumen. 

Auf dieser Prioritätenliste nehmen oft andere Dinge Raum ein. Arbeit, Kinder, gemeinsame Freizeitaktivitäten, die Renovierung der Wohnung. Tatsächlich hat bei vielen Paaren der Sex keinen eigenen Platz.

Mich wundert das nicht. Die wenigsten von uns haben bislang je erfahren, wie viel Tiefe, wie viel Glückseligkeit und Verbundenheit, wie viel Freude und Erfülltheit für uns durch liebevolle und bewusste sexuelle Begegnung erfahrbar werden kann. Viele Paare unseres Landes haben im Grunde das, was ich „Reisschleimsexbeziehungen“ nenne.

Bitte was?!?

Reisschleimsexbeziehungen. Stell dir einfach vor, das Einzige, was dein Mann kochen könnte, wäre Reisschleim. Nach ein paar Jahren kennst du alle Varianten von Reisschleim. Du kennst süßen Reisschleim und würzigen Reisschleim, kennst Reisschleim in hellgrau und dunkelbeige … Wie begeistert würdest du nun wohl reagieren, wenn dein Mann, sich stolz vor dir aufbaut und sagt: „Heute, Schatz, koche ich!“

Wohl eher … wenig begeistert …

Genau das ist meiner traurigen Auffassung nach zurzeit die bittere Realität in vielen deutschen Schlafzimmern. Sein wir doch ehrlich mit uns selbst! Die meisten von uns haben bislang niemals wirklich erfahren, was an sexueller Glückseligkeit überhaupt möglich ist. Manchen erscheint gar die Wortkombi „sexuelle Glückseligkeit“ ein bisschen hoch gegriffen. Meines Erachtens ein sicheres Zeichen für einen bisher vermutlich eher dürftigen Erfahrungsschatz.

Was können wir tun, um im Schlafzimmern von der Reisschleimmonotonie zum 5-Gänge-Menü zu kommen?

Innehalten.

Innehalten?

Ganz genau. Innehalten. Es gilt nämlich ein paar ziemlich grundlegende Entscheidungen zu treffen. Das Interessante ist hierbei: In diesen grundlegenden Entscheidungen geht es überhaupt nicht um Dinge, die wir tun können. Es geht nicht um unsere Handlungen, sondern um unsere Grundhaltung dahinter. Nicht das, was wir tun, macht den Unterschied, sondern die innere Haltung, mit der wir tun, was wir tun.

Hast du ein konkretes Beispiel für das, was du meinst?

(lacht) Dutzende! Aber vielleicht kann ich das, was ich meine, in einem kleinen Gedankenspiel verdeutlichen: Stell dir vor, dein Mann widmet sich mit Händen, Mund und Hingabe deiner Lust. Er küsst, leckt und streichelt dich ausgiebig, bis du kommst. 

Dieser Beispiel-Mann gefällt vielen Frauen wohl besser als der Reisschleim-Mann!

Okay! Jetzt stell dir vor, du hättest in dieser Situation die Wahl, mit welcher Haltung er sich deiner Befriedigung widmet. Im ersten Fall tut er es, damit du endlich Ruhe gibst und er in Ruhe einschlafen kann. Im zweiten Fall tut er es aus eigener Freude an deiner Lust. Er genießt es mit Leib und Seele, dir eine Lustwelle nach der anderen zu bescheren, bis dir die Muttersprache verloren geht und du dich in reiner Hingabe auflöst. 

Nochmal: In beiden Fällen tut dein Mann exakt dasselbe, lediglich seine Haltung dahinter ist eine andere. Die spannende Frage ist jetzt: Würde dieser Unterschied einen Unterschied machen oder nicht?

Buchcover / PR

Was für eine Frage! Selbstverständlich!

Das ist es, was ich meine. Nicht das, was wir miteinander tun, entscheidet über die Qualität unserer sexuellen Erfahrungen, sondern die innere Haltung, in der wir uns selbst und einander in der Lust begegnen, offenbaren und erforschen. 

Das ist übrigens so ein weiterer Punkt, an dem wir uns selbst nur allzu gerne furchtbar unnötig im Wege herumstehen: Wir glauben, wir wüssten Bescheid, wie die Sache mit dem Sex so läuft. Wir halten uns für Expert*innen oder gar Naturtalente. Darum kommen wir gar nicht auf die Idee, dass wir bislang möglicherweise nur an der Oberfläche gekratzt haben könnten…

Wie kommen wir tiefer als das?

Es könnte an der Zeit für ein paar grundlegende Entscheidungen sein. Eine davon könnte vielleicht lauten: „Will ich mich oder will ich mich nicht in meinem Leben immer wieder auf sexueller Ebene zutiefst satt und genährt fühlen?“ Sollte die Antwort darauf ein „Ja“ sein, dann ist es an der Zeit für die nächste knackige Frage. Und zwar: „Bin ich gewillt oder bin ich nicht gewillt, die volle Verantwortung dafür zu übernehmen, dass diese sexuelle Fülle und Genährtheit in meinem Leben einen substanziellen Platz bekommen – vielleicht sogar einen Ehrenplatz? Ja oder nein?!“

Du meinst, guter Sex ist nicht nur eine Frage der Haltung, sondern auch der Entschiedenheit?

Im Sinne eines konsequenten „Ja“ zu uns selbst, zu unserem einzigen Leben und, wenn vorhanden, nicht zuletzt einem konsequenten „Ja“ zu unseren Liebespartnerinnen oder -partnern.

Aber das ist doch nicht alles …!

Natürlich nicht. Nichtsdestotrotz ist diese Entschiedenheit zum eigenen Glück in meinen Augen das Fundament, auf dem das Empfinden sexueller Fülle sicher fußt. Erfüllender und erfüllter Sex aber ist nicht nur eine Frage der Haltung mir selbst gegenüber, sondern gleichgewichtig eine Frage der Haltung gegenüber meinem, meiner oder aber auch meinen Liebsten. Hier stolpern wir aber wieder über einen furchtbar klebrigen Fallstrick. Die meisten sogenannten „Liebespartnerschaften“ sind in meinen Augen genau dies gerade nicht: Partnerschaften! Da wird gelogen und verheimlicht, getrickst und manipuliert, dass sich die Balken biegen. „Partnerschaft“ aber heißt ja: „sich gemeinsam an einem höheren Ziel oder Wert ausrichten“. Wie soll das möglich sein, wenn wir einander zugleich beständig manipulieren oder täuschen? Oder besser: Das geht natürlich schon, wenn man es so haben will, das sieht man ja oft, aber das geht dann halt auf Dauer meistens nicht besonders gut. 

Ein wichtiges Thema ist also Vertrauen, Ehrlichkeit und der Mut, sich zu zeigen?

Vertrauen ist in meinen Augen existenziell, und zwar sowohl für unsere Liebesbeziehungen (oder gar -partnerschaften!) an sich, insbesondere aber auch für die Tiefe unserer sexuellen Erfahrungen, die wir miteinander machen. Und damit meine ich ausdrücklich sowohl das Vertrauen in die anderen Menschen als auch unser eigenes Vertrauen in uns selbst, in unseren Körper und immer wieder in unsere Fähigkeiten, mit emotional angespannten Situationen liebevoll und wohlwollend umzugehen. So absurd dies auch klingt: Ich glaube, die Basis unzähliger sogenannter Liebesbeziehungen ist derzeit nicht Kooperation, sondern eine subtile oder auch ganz offensichtliche Konkurrenz zueinander. Im Schatten einer solchen Haltung kann die Sexualität zwangsläufig nur ein verkümmertes Dasein führen.

Und? Wenn dem so wäre? Wie kämen wir da wieder raus?

Das ist ein Fall für KMG!

Oh, toll! Eine Abkürzung … Löst du das auch auf?

Es gibt eine Grundhaltung, zu welcher ich die Menschen zu verführen suche: Ich nenne sie: „KMG“. Die Abkürzung steht für: „Kooperative zur Mehrung des gegenseitigen und gemeinsamen Glücks“. 

Das klingt super schön: „Mehrung des gegenseitigen und gemeinsamen Glücks“!

Im Grunde versteckt sich dahinter ein ganz schlichter Pragmatismus. Ich sage es mal so: Wenn ihr zwei Hübschen schon eine emotionale und/oder sexuelle Beziehung miteinander führt, warum macht ihr dann nicht auch das wirklich Bestmögliche daraus? Ihr könntet euch als Partner*innen in gemeinsamer Sache verstehen. Warum solltet ihr eure erotischen Begegnungen nicht dazu nutzen, wirklich das Maximum an Freude, Wonne und Lust aus euch selbst und auseinander herauszukitzeln?! 

Gerade wenn es über das Schlafzimmer hinaus auch noch andere Dinge gibt, die uns verbinden wie gemeinsame Kinder, gemeinsame Freunde oder gemeinsame Hobbies, wäre es da nicht ein ganz besonderer Boost, wenn wir nicht nur Partner im Leben wären, sondern auch Komplizen in der Lust?

Du redest von wirklich sehr grundlegenden Dingen. 

Ich sage, es hilft nichts, in der Kür punkten zu wollen, solange wir die Basics nicht beherrschen. Wer keine Übung darin hat, liebevoll und wohlwollend über die eigenen und anderen Empfindungen, Wünsche oder Ideen zu sprechen, wird es schwer haben, das Thema „sexuelle Wünsche oder Sehnsüchte“ in die eigene Beziehung einzubringen. Beziehungen, in denen es keine Kultur des partnerschaftlichen Umgangs mit unerwarteten Herausforderungen gibt, nehmen in dem emotionalen Minenfeld, das die Sexualität für viele von uns bei Lichte betrachtet leider ist, erheblichen Schaden. Über kurz oder lang übernimmt die Resignation die Regie. Ihr das Steuer abzunehmen, ist oft der erste Schritt. Das aber ist leichter gesagt als getan. Hat die Resignation eine Beziehung befallen, gelingt dieser Kraftakt nur zu zweit.

Was können wir tun, wenn die Resignation von unserer partnerschaftlichen Sexualität Besitz ergriffen hat? Lies weiter! Dies und mehr erfährst Du im zweiten Teil des Interviews …

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Meditieren für mehr Lust

Bondage, Dreier, Dauerorgasmen – viele Frauen empfinden einen enormen Leistungsdruck im Bett. Doch es geht auch anders: Achtsamkeit war für mich der Schlüssel zu besserem Sex.

Frauen lesen vielerorts über multiple Orgasmen, polyamouröses lieben oder BDSM, über Swingerclubs, Kuschelpartys oder über Pornos gucken mit dem Liebsten. Doch einige Frauen empfinden dann Leistungsdruck, mithalten zu müssen! Auch ich manchmal. Dabei hat doch jede Frau ihre ganz eigene Sexualität und es lohnt sich Expertin für sich selbst zu werden. Doch wie wird man seine persönliche Sexpertin? 

Meditieren für besseren Sex!

Seit ich meditiere, hat sich mein Sexleben nochmal verändert. Ich persönlich meditiere jeden Abend eine halbe Stunde. Kind ins Bett gebracht, gemütlich machen auf dem Sofa, Kopfhörer drauf und dann lausche ich einer geführten Meditation, die ich bei einem Workshop aufnehmen durfte. Für Anfänger*innen, Einsteiger*innen und Neugierige gibt es zahlreiche kostenlose Apps.

Meditieren ist erwiesenermaßen gut für Geist und Körper. Die tiefe Atmung durchblutet nicht nur Herz und Lunge, sondern auch die Vagina. Juhuuu. Und sorgt obendrein für ein Ende vom Kopfkarussell und vom To-Listen-Bullshit-Bingo. Und wenn’s oben endlich still wird, dann kann unten das Feuerwerk zünden: Kopf aus, Pussy an!

Lustvolle Zweisamkeit

Achtsamkeit macht also nicht nur Lust, sie verbessert auch die Zweisamkeit. Ganz bei sich, spürt man langsam immer besser, was es beim Sex braucht. Welche Berührung? Welche Stellung? Welches Tempo? Welcher innere Anteil sich zeigen will, ob die Wild Woman gelebt werden möchte oder die Verletzlichkeit? Man ist nicht mehr im Kopf, sondern im Körper. Man denkt nicht mehr, was es braucht, man fühlt es!

Ich kann nur raten: Lebe dein sexuelles Wesen aus, teste Fantasien, lies Blogs und probiere crazy Stellungen aus – und hol dir dabei Zerrungen und Lachanfälle. Gehe dabei ruhig aus deiner Komfortzone raus, doch tue das alles stets mit der besten Sexpertin an deiner Seite: dir selbst.

Den Sex, den du willst

Denn durch die Meditation entsteht mit der Zeit eine innige Verbindung mit sich selbst. Diese Verbindung ermöglicht ein immer tieferes Wissen und Erfühlen, was es beim Sex braucht (oder eben nicht) und das bringt Freude und Erfüllung ins wilde Treiben. Und dann hat man genau den Sex, den man möchte… Und davon möchte man dann garantiert immer mehr haben.

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Da muss ich erst meinen Mann fragen…

Da muss ich erst meinen Mann fragen
Frauen fragen häufig um Erlaubnis. Ob sie sprechen dürfen, führen dürfen oder sich einen Vibrator anschaffen dürfen. Ein Plädoyer für mehr Selbstermächtigung und Selbstfürsorge – auch beim (Solo-)Sex.

Neulich beim Plausch mit einer Bekannten gab es diesen seltsamen Moment. „Ist dieser Druckwellen-Vibrator wirklich so tolll“, fragt sie mich. „Meine Freundinnen kommen unter einer Minute zum Orgasmus“, sagt sie weiter.

„Ich habe noch einen Original verpackten Womanizer zu Hause. Magst du den haben?“, frage ich.

„Da muss ich erst meinen Mann fragen“, antwortete meine Bekannte.

WAAAAAS?

Ich bin geschockt. „Den Mann fragen?“ Warum? Fragt Dich Dein Mann auch, bevor er sich einen runterholt? Ich habe die Fragen dann doch nicht gestellt. Eigentlich schade. Ich habe sie auch nicht gefragt, was ihr Mann gegen ihren Solo-Sex einzuwenden haben könnte? Stattdessen habe ich mir viele Gedanken über ein wichtiges Thema gemacht: ERLAUBNIS.

Warum ist es selbst in Deutschland im 21. Jahrhundert für viele Frauen noch so schwer ihre Lust ohne Wenn und Aber auszuleben? Sich zu erlauben, sich zu befriedigen? (Das da das Wort FRIEDEN drin steckt, zeigt schon die Wichtigkeit.) Wir wohnen schließlich in einem Land und zu einer Zeit, wo Frauen so viele Freiheiten genießen wie kaum anderswo. Wählen, arbeiten und Auto fahren dürfen. Über ihren Körper und ihre Sexualität entscheiden können und Sex haben können, mit wem, wann und wie oft sie wollen. Auch mit sich selbst.

Solo-Sex ist Selbstfürsorge

Solo-Sex ist Quality Time mit sich selbst: Man spürt seinen Körper, fühlt seine Haut, genießt die Berührung und lässt die Energie fließen. Er erfüllt, tut gut und lässt einen strahlen. Er ist ein Geschenk an sich selbst – genauso wie eine Massage, ein Yoga-Retreat oder ein Museumsbesuch.

Solo-Sex ist ganz anders als mit einer Partner*in. Er steht nicht in Konkurrenz, sondern ist eine Bereicherung! Nicht nur für Singles, sondern auch für diejenigen, die in einer Beziehung leben. Erwiesenermaßen steigert Solo-Sex die Lust – und damit auch die auf andere Menschen.

Der Druckwellenvibrator ist ein interessantes Spielzeug 

Gerade für Frauen, die sich mit einem Orgasmus schwer tun, vielleicht sogar noch nie einen hatte, könnte dieses Gerät eine echte Bereicherung sein und zu völlig neuen, lustvollen Erfahrungen verhelfen.

Doch anscheinend hapert es manchmal noch mit der Erlaubnis und der Selbstermächtigung. Ich kenne das auch von mir selbst: Manchmal fällt es so schwer, mir zu erlauben in meine Kraft zu kommen, meine Wahrheit und meine Wünsche auszusprechen. Da ist die Scham, die Schuld oder die Angst als anstrengend, kompliziert, zu viel, zu wenig oder zu wild angesehen zu werden. 

Sexualität frei ausleben

Mein Trick ist es, mir immer mehr das zu erlauben, was mich glücklich macht; und immer mehr das wegzulassen, was mich nicht glücklich macht. Dafür muss ich ausschließlich mich selbst und nur mich um Erlaubnis bitten.

Mein ganz persönlicher Wunsch: Dass sich immer mehr Frauen erlauben, ihre Sexualität immer freier auszuleben. Dass keine Frau um Erlaubnis bitten muss und stattdessen lustvoll lebt – ob mit einem Partner, einer Partnerin, als Single oder mit einem Spielzeug.

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Die Krux mit dem Loslassen

Für guten Sex muss man loslassen können, heißt es oft. Da kann ich nur lachen. Sobald ich anfange loszulassen, wird’s nur noch lauter in meinem Kopf.

Seine Hände umfassen meine Hüfte, seine Küsse sind warm und weich. Ich will sie genießen. Sie schmecken so verheißungsvoll. Doch stattdessen bemerke ich die Staubschicht auf dem Bücherregal (Notiz im Kopf: Reinigungskraft Bescheid sagen), die Strumpfhose der Tochter, die geflickt werden muss, schiebt sich ins Blickfeld, genauso wie die Tagesdecke, die mal wieder in die Reinigung müsste. 

All diese To Do’s schreien mich an:

Sie schreien: Du kannst nicht loslassen! Erledige mich erst noch! Jetzt!„Schluss jetzt“, denke ich. Dann folgt mein Mantra: „Ich lasse jetzt los!“ Jetzt konzentriere ich mich darauf, nichts zu denken. Doch es ist wie mit einem rosa Elefanten. Je mehr ich nicht an alle die unerledigten Dinge denke will, desto mehr türmen sie sich in meinem Kopf auf. Die Wäsche! Der Geschirrspüler! Das Altpapier! Die Steuer! Und die Briefmarken, die noch gekauft werden wollen! Ich stöhne laut auf. Mein Mann versteht es falsch und zieht mir bereits das Shirt aus der Hose.

Ich fliehe ins Bad

„Ich will doch auch“, denke ich gefrustet. „Das kann doch nicht so schwer sein!“ Ich atme nun tief in mein Becken. Ich habe mal gelesen, das soll für Entspannung sorgen. Dabei zähle ich im Kopf beim Einatmen bis acht und beim Ausatmen auch. Mein Mann zieht mich ins Schlafzimmer. „Er ist schon soweit“, denke ich. Ich bin es noch nicht. Meine Hände sind kalt, meine Füße auch. Mein Kopf produziert nur noch Panikhinweise: „Achtung! Achtung! Lustkurve fällt“. Loslassen, warum klappt es bei mir nicht mit dem sch… loslassen. Zu den To Do’s in meinem Kopf kommen nun Vorwürfe. Ich winde mich aus seiner Umarmung und fliehe ins Badezimmer.

Dort lehne ich mich an die Tür. Ich bin frustriert, müde und genervt von mir selbst. Er ist so sexy, süß und ich habe Lust, aber mein Kopf lässt sich überhaupt nicht ausschalten. Ich wünschte, es gebe einen Knopf oder zumindest eine Pause-Taste für die Birne. Ich wasche mir die Hände und denke nach. Was könnte helfen? Was könnte mir gute Laune machen?

Die rettende Idee

Kurz entschlossen gehe ich ins Wohnzimmer und drehe Musik an. Ich fange an zu tanzen. Erst vorsichtig und unsicher, dann aber mit immer mehr Freude lasse ich die Tanz-Sau raus. Die Arme schweben, die Hüfte kreist, ich fließe von einer Bewegung in die nächste. Im Augenwinkel bemerkte ich, dass er in der Tür steht. Seine Anwesenheit macht mich an. Ich bewege mich sinnlicher, genieße mein exklusives Publikum, fühle mich wild, frei, lasziv und frivol. Mein Mann grinst breit. Ich drehe mich zu ihm und grinse zurück. Ich habe Lust. Lust auf ihn. Ich ziehe ihn heran und nun endlich sind alle To Do’s vergessen. 

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Die Sache mit der Analmassage

Analmassage ist immer noch ein großes Tabuthema. Viele Frauen denken „igitt“ oder „aua“ beim Gedanken anal verwöhnt zu werden. Diesmal berichtet Heike Niemeier aus ihrer Praxis als Sexberaterin. Es geht weniger um den richtigen Umgang mit einer Analmassage, sondern: Wie kann eine Frau ihrer Skepsis und ihren Vorurteile begegnen und sie eventuell sogar abbauen.

„Schlechte und übergriffige Erfahrungen erzeugen bei mir Abwehr. Wenn es um ‚anal‘ in meinem Sexleben geht, bin ich immer auf Abwehr.“ So begann ein Gespräch mit einer Klientin.

Beim Gespräch mit ihren Freundinnen sagten die: „Das ist so intensiv“ oder „Da sind so viele Nerven, super erregend“. Aber es gab auch die andere Seite, die sagte: „Das tut weh“, „Das ist aber ekelig“ oder „Da schäme ich mich aber“.

Ich habe dieses Thema recht häufig in meiner Praxis zu Gast. Und fast immer ist es ein unerwünschter Gast, der mit vielen Vorurteilen und Klischees behaftet ist. Die gängigsten sind die, dass Analsex schmerzhaft ist und mit Kot in Zusammenhang gebracht wird. Analsex richtig praktiziert muss weder schmerzhaft noch in einer Welle des Kots enden. Das bedeutet in Kürze ausgedrückt: beiderseitiges Einverständnis, genügend Zeit und keine Hektik, viel Gleitgel, Kondome und ein Safeword, wenn die Grenze erreicht ist, über die niemand der Beteiligten gehen möchte.

Wie nähert man sich dem Thema?

Doch in diesem Artikel geht es mir nicht darum, Analverkehr zu erklären, sondern in erster Linie darum, dass etwas Negatives durchaus in etwas Positives verwandelt werden kann.

Eines Tages kam bei meiner Klientin der Wunsch auf, nicht mehr zusammenzucken zu müssen, wenn ein Mann ihren Po berührte. Selbst sanftes Berühren im Sinne von streicheln und massieren erzeugte schon ein Wegzucken ihrerseits. Zu der Zeit nämlich gab es einen Mann an ihrer Seite, der ihren Po schön fand und auch gerne verwöhnen wollte (verwöhnen im Sinne von berühren, streicheln und massieren). Da er dies kommunizierte und nicht einfach über sie hinweg ging, fühlte sie einen Freiraum zu agieren. Sie hatte das Vertrauen, sich mit ihm in diese Richtung wagen zu können.

Wie kann sie die Abwehrhaltung aufheben?

Ich empfahl ihr einen Analmassage-Workshop. Hier könnte sie in einem geschützten Raum erste positive Erfahrungen machen. Nachdem sie einen Workshop gefunden und gebucht hatte, war ich natürlich gespannt, welche Erfahrungen sie dort machen würde.

Später erzählte sie mir: Sie ist mit Herzklopfen, schweißgebadet und sehr aufgeregt zur vereinbarten Zeit hingegangen. Sie wurde sehr freundlich empfangen und teilte all ihre Ängste sofort mit. Das hatten wir gemeinsam bearbeitet und besprochen. Ihre Ängste wurden sehr ernst genommen und sie empfand nach kurzer Zeit Vertrauen. Sie blieb also und verabschiedete sich nicht sofort wieder.

Locker werden

Insgesamt waren acht Personen anwesend. Sie durfte sich eine Partnerin aussuchen. Gesagt, getan und erleichternderweise gefiel auch sie der erwählten Partnerin. Das Programm begann mit Tanzen zum Lockerwerden. Hier stellte sie sich die Frage: Ist dieser Workshop wirklich meiner? Danach stand in den Po atmen auf dem Plan. Sie war immer noch unsicher, ob es der richtige Workshop für sie sei. Doch sie blieb und dann ging es weiter. Schritt für Schritt wurden die Teilnehmer*innen in die Kunst der Analmassage eingeführt (Bitte in diesem Kontext nicht missverstehen 😉

  • mit warmen Tüchern den Po verwöhnen
  • erste Berührungen mit den Händen ausführen und Kontakt aufnehmen
  • erste Massage der Pobacken
  • schwarze Latexhandschuhe anziehen (die fand sie übrigens sehr sexy)
  • den Po mit Gleitgel einreiben und massieren
  • sich der Rosette nähern und massieren
  • und letztlich wird dann der Finger langsam von der Partnerin eingeatmet (bislang hatte meine Klientin in ihrer Abwehrhaltung immer gedacht, dass der Finger einfach in den Po gesteckt wird)

Ein kleiner Tipp: Niemals vom Po in die Vagina fassen. Das kann sehr schmerzhafte und unschöne Infektionen auslösen.

Eine kleine Leseempfehlung: „Make Love” von Anne-Marlene Henning und Tina Bremer-Olszewski

Ihr Mut wird belohnt

Alles geschah ganz langsam, entspannt und immer im beiderseitigen Austausch mit der Workshop-Partnerin. Zu jeder Zeit war es möglich, nein zu sagen und nicht weiter zu gehen. Der Kurs war zu Ende und nachdem sie noch einen Wein getrunken hatte, ging sie nach Hause und fand sich sehr mutig. Dem kann ich nur zustimmen.

Später hat sie mir berichtet, dass ihre Analmassage beim Partner großen Anklang fand und seine Erregung für sie ebenfalls sehr erregend war. Und sie hatte sogar den Mut sich auch von ihm anal verwöhnen zu lassen. Die ersten Berührungen und Massagen gefielen ihr. Sie konnte ihren Po als erogene Zone nun nicht nur wahrnehmen, sondern auch akzeptieren. Und sogar die Vorstellung von Analverkehr rückte in ihre Vorstellung. Wow, was für ein Schritt.

Ich freue mich sehr darüber und wünsche beiden weiterhin viel Spaß. Und ich finde es wunderbar, dass dieser Mann ihr den Raum und die Zeit dazu gegeben hat und auch weiterhin geben wird. Denn wichtig ist auch hier, wie immer, miteinander zu reden. Wünsche und Träume an das Sexuelle offen aussprechen zu dürfen, aber eben auch Verständnis zu zeigen, wenn es dann trotz eines mutigen Ausprobierens nicht den Vorlieben des anderen entspricht.