Caroline gehört zu einer neuen Generation von Autorinnnen, „die ein eigenes Bild von sich und ihrem Körper entwerfen“, schreibt Iris Radisch im Zeit Magazin. Caroline Rosales neues Buch „Sexuell Verfügbar“ tut weh – und rechnet mit Männern wie Frauen ab. Die Autorin erzählt von der Kindheit bis zur Karriere wie das Patriarchat ihre Sexualität geprägt hat. Bei ihrer Lesung in der Kulturbrauerei hatte ich fast körperliche Schmerzen, als sie schilderte, wie sie den Chefredakteur zwar nicht sexy findet, es dann aber doch zu Intimitäten kommt. Sie ist dabei schonungslos ehrlich – auch mit sich selbst.

Caroline, wieso hast du damals zum „Chef“ nicht „Nein“ gesagt?

Nun, ich denke, dass die Geschichte „Dunkelheit“ in meinem Buch, in dem „der Chef“ vorkommt, von ihrer Ambivalenz lebt. Viele junge Frauen meiner und der umliegenden Generationen machen Dinge mit, weil sie denken, dass es sich so gehört, weil sie nicht unhöflich sein wollen, das Gegenüber nicht verstören oder gar verärgern wollen. Auf der anderen Seite spielt auch der Aspekt der Kontrolle oder Macht eine Rolle, aber ich möchte die Geschichte gar nicht zu Ende erklären– die Erzählung, die Kunst selbst zu deuten. (Mehr zu Nein heißt Nein findest du hier.)

Du beschreibst so schonungslos ehrlich in dem Kapitel „Dunkelheit“, dass du an den geschäftlichen Kontakten des „Chefs“ interessiert warst. Gab es damals einen unausgesprochenen Deal zwischen Männern und Frauen: Sex gegen Vorteile?

Ja, das spielte sicher auch eine Rolle, aber auch hier ist wichtiger: Jeder entdeckt selbst seinen Sinn in der Geschichte.

© Andreas Wilcke, bearbeitet von Julija Goyd

Hat es die #metoo-Debatte gebraucht, damit du dieses Buch schreiben konntest?

Ja. Auch die Bücher von Virginie Despentes und Laurie Penny brauchte ich. Tatsächlich habe ich versucht, ein ähnliches Buch mit 21 Jahren zu schreiben. Aber mir fehlte der richtige Ton, der Beat, eine tiefere Intention. Erst durch #metoo, immerhin die größte Bürgerrechtsbewegung des Jahrzehntes, sind viele Dinge sagbar und benennbar geworden.

Wie sind die Reaktionen auf dein Buch?

50 Prozent der Frauen haben das alles so ähnlich erlebt wie ich. Vom rosa Kleid, für das man gelobt wird, während die abgerissene Hose nie okay war. Über’s Küsschen für den Opa, das man nicht will, aber über sich ergehen lässt. Bis hin zum Porno schauen mit dem Freund und zum Sex, den man so nicht wollte. Dieses ganze perfide: Du bist nicht okay, so wie du bist.

Weitere Geschichten von starken Frauen findest du hier und hier.

Was hat dieses „Mache, was die anderen dir sagen“ mit unserer Generation Frauen gemacht? Und was mit unserem Sexleben?

Wir haben gelernt „serviceorientiert“ zu denken und mehr auf unser Gegenüber zu achten als auf uns selbst. Das führt dazu, dass wir unweigerlich wenig auf unsere Bedürfnisse achten.

Das Fazit deines Buches könnte lauten: Unsere Kindheit ist schuld an dem schlechten Sex, den wir heute haben. Wieso ist das so?

Es gibt kein weibliches Wollen. Unser Wollen liegt daran, gewollt zu werden. Viele Frauen habe bis heute das Gefühl, sich beim Sex von außen zu sehen und sich selbst Regieanweisungen geben zu müssen.

Warum tun sich Frauen oft schwer bei sich zu bleiben?

Mädchen wollen immer die besten sein. Sie machen alles mit. Die meisten Mädchen hatten in der Jugend keinen super Sex, mussten es aber faken. Frau war zufrieden, weil der Kerl zufrieden war. Frauen ist es wichtig, dass der andere happy ist, dass er sich nicht geniert oder seine Gefühle nicht verletzt werden.

Damals war noch nicht die Rede vom Recht der Frauen auf einen Orgasmus. Hast du dir erfüllenden Sex damals erwartet?

Ich würde ehrlich gesagt anzweifeln, dass es heute anders ist. Ich glaube, ich habe mir gar nichts vorgestellt.

Sind wir zu viel bei den anderen und zu wenig bei uns?

In dem Kapitel mit „dem Chef“ geht es MIR schlecht, doch mein Fokus ist die ganze Zeit auf SEINEN Gefühlen, nicht bei mir. Ich denke, das kennen viele. Viele sind abgekappt von den eigenen Gefühlen, hält so viel aus, ist so stark und kennt keinen Schmerz – beim Beine enthaaren, Augenbrauen zupfen und beim Sex. Es ist irgendwie selbstverständlich, dass Frauen Schmerz aushalten.

Lieber Schmerzen aushalten als Gefühle zu benennen?

Wenn du deine Gefühle benennst, bist du doch sofort „verhaltensauffällig“. Wenn du mal wütend rumschreist, giltst du als „hysterisch“ und wenn du lustlos bist, dann kommt man gleich mit der Bewertung „frigide“ um die Ecke. Was wir fühlen, ist nie richtig. Und vollwertig sind wir auch nicht. Singles-ein ist nur ein Übergang, genauso wie du als Ehefrau immer nur die Hälfte von jemandem anderen bist.

Wie hat es mit deiner Karriere geklappt?

Ich habe meine ersten Jobs im Journalismus aufgrund meiner Schönheit bekommen: Da gab es eine Visitenkarte und ein Vorstellungsgespräch. Das ging über mein Aussehen – zugehört hat man mir erst später.

Wie stehst du zum Begriff MILF?

Der Begriff MILF ist ein kompletter Missgriff, ebenso wie die „schöne Kommissarin“ im Fernsehfilm, „die Zahnarztgattin“ in der Werbung, der „After-Baby-Body“ nach der Schwangerschaft. Horror!

Es scheint, dass Frauen vor allem über ihre fuckability wahrgenommen werden?

Richtig. Zumindest schwingt es immer mit.

Was sind deine persönlichen Tipps für uns und unsere Kinder?

Da ich Autorin und keine Psychologin oder Expertin bin, tue ich mich sehr schwer damit, gute Tipps zu verteilen. Ich kann nur sagen, dass meine Lösung eher eine persönliche Variante ist. Ich erzähle meinen Kindern von der Ehe für alle, von dem Blödsinn des Mädchen- und Jungen-Spielzeugs. Mein Sohn tanzt, meine Tochter baut Sandburgen im Matsch. Beide sind sehr souveräne Kids, sie wachsen mit einer berufstätigen, alleinerziehenden Mutter auf, mit einer großen, erweiterten Familie. Ich denke, für sie ist das sehr gut und passend – und für mich auch.

Danke für das Gespräch, Caroline!