Viele haben Lust im Bett etwas Neues auszuprobieren. Gerne wie bei „Fifty Shade of Gray“ etwas aus dem BDSM-Bereich. Fesseln geht doch schnell und einfach? Doch bevor nun ein Seil im Baumarkt gekauft wird, haben wir Bondage-Experten Matthias T.J. Grimme zum Interview gebeten. Hier beantwortet er alle Fragen für Anfänger*innen.

Bondage-Spezialist Matthias T.J. Grimme

Bondage-Spezialist Matthias T.J. Grimme

Was tun, wenn der eine Partner Bondage ausprobieren will, doch der andere nicht?

Naja, das ist ein altes Problem, welches nicht nur für Bondage signifikant ist. Das fängt ja bei manchen schon bei Oral- oder Analsex an. Oder mit der Art, wie man angefasst werden möchte (ganz weich und zärtlich oder doch bestimmend und fest). Bondage ist ja ganz offiziell Teil der Verhandlungssexualitäten. Wenn die Beziehung offen ist, kann man sich eine Fesselpartner*in außerhalb suchen. Oder heimlich in ein SM-Studio gehen. Denn wenn jemand nicht will, kann man nichts machen, denn ohne Einverständnis geht’s ja nicht. Ich würde auf jeden Fall mal genauer gucken, was der Grund ist. Ist es ein Informationsdefizit, Angst wegen schlechter Erfahrungen oder etwas, was mit dem eigenen Rollenselbstverständnis nicht übereinkommt? Ich würde anbieten, ganz vorsichtig anzufangen. Vielleicht erstmal einfach nur die Hände festhalten oder ein Baumwolltuch um die Handgelenke schlingen, ohne einen Knoten zu machen. Also versuchen Kompromisse zu entwickeln.

Man hat sich geeinigt und will nun loslegen? Einfach starten oder zuerst einen Kurs besuchen oder eines deiner Bücher studieren?

Auf einer ganz vorsichtigen Ebene kann man natürlich einfach rumprobieren. Aber über kurz oder lang wird man feststellen, dass manches nicht so klappt, wie man es wollte. Dann sind natürlich meine Bücher und DVDs ein guter weiterer Schritt, aber am besten sind natürlich Workshops. Da kann es natürlich schwer sein, jemanden zu finden, dessen Angebote zu einem passen. Der eine lernt lieber in einer offenen, spielerischen Atmosphäre (wie sie meine Workshops bieten), die andere braucht ganz klare Regeln. Und nach einem Workshop-Besuch erschließen sich Bücher und Filme, die das Fesseln erklären, viel besser.

Das Bondage-Handbuch von Matthias T.J. Grimme

Das Bondage-Handbuch von Matthias T.J. Grimme

Was sind die typischen Anfängerfehler?

Meist fesseln die Leute die Hände zu fest und den Körper zu locker. Das heißt, die Hände zicken rum und am Körper rutscht die Fesselung. Gerade Neulingen können nicht abschätzen, was ein Problem ist und was normal (Seil drückt), daher herrscht eine große Unsicherheit. Da hilft nur regelmäßiges Nachfragen, ob alles in Ordnung ist. Damit wird dann auch keine Sicherheit vorgetäuscht, die noch nicht da sein kann.

Was geht gar nicht?

Auf Störungsmeldungen des gefesselten Partner nicht oder nicht adäquat – sprich sofort – reagieren. Den gefesselten Partner alleine lassen.

Was sind Deine 5 ultimativen Anfänger-Tipps?

Vor dem Fesseln gemeinsam überlegen, wozu die Fesselung dienen soll: Bondage für Sex, für ein schickes Foto, als strenge Bewegungslosigkeit oder eher als tantrisches Erlebnis.

Grundsätzlich gilt, es ist immer besser sich erst zu informieren – etwa auf meiner Webseite www.bondageproject.com – und dann losfesseln, damit die Session auch klappt.

Klare Absprachen treffen, wann die Fesselung beendet werden muss.

Sicherheits-Schneidewerkzeug wie EMT-Schere (stumpfe Spitze) bereit legen.

Übungs-Session und erotisches Fesselspiel nicht mischen. Entweder oder!

Wo bekommt man die Seile her – wohl kaum im Baumarkt?

Zuerst sollte man sich entscheiden, welche Naturfaser am besten zu den gemeinsamen Wünschen passt. Baumwolle 8 mm hohl geflochten für besonders gemütliche und kuschelige Fesselungen und ist ohne Vorbereitung fesselfertig. Hanf und Jute gedreht in 6 mm für alles, worauf man Lust hat bis hin zu Hängefesselungen (aber die bitte erst nach Workshop-Teilnahme).
Gute SM-Shops bieten bearbeitetes Seil zum Fesseln an. Oft im Set – 7 oder 8 Seile zu jeweils 8 Meter. In manchen Shops kann man auch Meterware kaufen (bei Baumwolle üblich). Hanf und Jute als Rohseil muss erst noch bearbeitet werden, dazu gibt’s Tipps sowohl auf meiner Seite als auch sonst im Netz.
Manche Seilshops (Segelbedarf – Baumärkte nur ausnahmsweise) bieten Hanfseil an. Achtung, nicht verwechseln mit Poly-Hanf – das ist Kunstfaser und sieht nur so aus, wie Hanf.

Was braucht man noch?

Neben dem geeigneten Fesselpartner braucht man eine entspannte Atmosphäre. Ein Notschneide-Gerät (EMT-Schere oder ähnliches). Wenn man Hängefesselungen erlernt hat, braucht man natürlich Karabiner und einen Bondage-Ring, an dem man die Seile beim Fesseln festmachen kann. Und der muss natürlich an einem stabilen Bondage-Gestell befestigt sein.

Was muss man beim Material sonst noch beachten/bedenken?

Seil ist Verbrauchsware, das heißt, es kann mit der Zeit kaputt gehen bzw. Fehler bekommen, die das Fesseln unsicher machen. Bei Einrissen im Seil sollte man das Seil austauschen.

Was müssen die Partner vorher besprechen/abklären?

Siehe oben! Wichtig finde ich auch, wenn man als „passiver“ Part weiß, was alles passieren kann. Denn nur dann, ist das Einverständnis zum Fesseln auch informiert.
Lesetipp: https://theropebottomguide.com/the-rope-bottom-guide/

Wie klärt man Grenzen? Was sind Safe Words oder wie funktioniert die Ampel?

Jede*r hat seine Tabus, also Sachen, die nicht passieren dürfen. Außerdem haben wir alle Sachen, die eventuell gehen, bei denen wir aber nicht sicher sind. Und dann gibt’s natürlich Vorlieben. Manches ändert sich im Laufe der Zeit.
Auf ein Safewort muss man sich vorher einigen, denn damit muss man eine Session abbrechen können, wenn es zu viel wird. Ein Aktiver muss IMMER reagieren, wenn das Safewort benutzt wird. Also sofortiges Abfesseln und Beendigung der Situation.
Der Ampelcode differenziert: Grün heißt, alles ist gut, weitermachen. Gelb bedeutet, Achtung, langsamer machen, nicht so fest am Seil ziehen. Rot bedeutet Stopp, Situation beenden.

Was muss die/der Gefesselte bedenken – auch emotional?

Zuerst mal, muss man für sich schauen, ob die Person, von der man sich fesseln lassen will, auch vertrauenswürdig ist. Vielleicht sollte man vorher checken, was andere so erzählen.
Ansonsten kann Gefesseltwerden einen sehr tief berühren und damit auch eine Lawine von Gefühlen auslösen. Oder einen einfach nur geil machen. Oder beängstigen. Mehr dazu siehe oben in der Broschüre für Modelle. Und man sollte sich bewusst sein, dass man auch gefesselt immer noch selbst für sich und sein Wohlbefinden verantwortlich ist.

Was muss der/die Fesselnde bedenken – auch emotional?

Wenn ich jemanden fessle, muss ich klare Absprachen haben. Darf ich außer dem Fesseln, den anderen auch sexuell berühren oder eher nicht. Gleichzeitig übernehme ich ein Stück weit Verantwortung für meinen Partner. Bondage soll sich ja gut anfühlen und da muss ich immer im Kontakt mit meinem Gegenüber bleiben, statt nur auf die Seiltechnik zu achten.

Was passiert emotional/sexuell im besten Fall?

Im besten Falle fühlt sich der Gefesselte sicher und geborgen in den Seilen. Manche macht es auch geil, sowohl die Passiven als auch die Aktiven können Lust bekommen auf direkte genitale Stimulation. Und hinterher hat man, wenn alles toll gelaufen ist, Lust auf mehr.

Und was im schlimmsten Fall – und was tue ich dann?

Im schlimmsten Fall kann es zu einem emotionalen Absturz kommen. Dann sollte man, statt Schuldzuschreibungen zu machen, liebe schauen, wie man das beim nächsten Mal vermeiden kann, indem man anders fesselt oder achtsamer an die Session herangeht.
Ein anderer – meist als deutlich weniger schlimm erlebter – Fall ist, wenn irgendwas körperlich schiefgelaufen ist. Bei Hautabschürfungen Wunde versorgen. Bei Taubheit, die länger als ein paar Stunden dauert, bitte den Arzt aufsuchen und ehrlich erzählen, wie es passiert ist.

Gehören beim Bondage SM Achtsamkeit zusammen?

Gute Bondage ist für mich ein Teil von SM (oder BDSM), die nur funktioniert, wenn man sich selbst und dem Partner achtsam gegenüber ist. Auch wenn es vielleicht rauh, derbe und wild gelaufen ist, sollte man immer genau hin spüren. Und schauen, dass auch im Verlaufe der Session, die Einvernehmlichkeit erhalten bleibt.

Übt man zuerst an sich/einer Puppe oder gleich am Partner?

Am besten übt man unter der Aufsicht von erfahrenen Fesslern mit seinem Partner*in. Denn das Gegenüber ist der beste Lehrer und nicht der Workshop-Leiter. Jeder ist anders und was sich bei der einen richtig anfühlt, kann beim anderen nur unangenehm sein.
Natürlich kann man das eine oder andere auch an sich üben – etwa den Basisknoten.

Wo trifft man Gleichgesinnte?

In vielen deutschen Treffen gibt es Fesselgruppen, Fesseltreffs und Bondage-Dojos. In letzteren gibt es meistens auch Workshops. Das muss man gegebenenfalls bei Tante Google erfragen.

Das SM-Handbuch von Matthias T.J. Grimme

Das SM-Handbuch von Matthias T.J. Grimme

Matthias T. J. Grimme aka Drachenmann, Autor des SM-Handbuches, des Bondage-Handbuches und des Japan Bondage Handbuches, Mitherausgeber des SM-Magazins Schlagzeilen. Mehr Infos www.bondageproject.com und www.schlagzeilen.com