70 % der Frauen erleben beim Geschlechtsverkehr keinen Orgasmus. Gabriela Mann von „Mein Liebesleben“ ist Integrated Relationship & Sexual Health Coach und hat es sich zur Aufgabe gemacht, das zu ändern. Hier erzählt sie von Scham, Schuld und Taubheit im Schoß – und wie Frau das hinter sich lassen kann.

Warum ist weibliche Sexualität voller Scham und Schuld?

In den letzten Jahrtausenden hatte die weibliche Sexualität quasi keine Autonomie. Ein Mädchen aber auch eine Frau konnte nicht selber über ihre Lust entscheiden, sonst wurde sie geächtet, bestraft oder sogar getötet. So hat sich die sexuelle Lust mit Scham und Schuldgefühlen gekoppelt. Darum unterdrücken viele Frauen ihre große sexuelle Kraft und das Erleben dieser zarten, guten, wilden Gefühle. Darüber hinaus wird sehr abwertend über die weiblichen Sexualorgane gesprochen und bewertet, wie unser Brüste, Bauch, Po aussehen sollen. Das weibliche innere Selbstverständlichkeitsgefühl ist dadurch abtrainiert worden.

Wie wirkt sich das auf das Sexleben von Frauen aus?

Die meisten von uns haben gar kein Gespür und Gefühl dafür, was wir eigentlich für Lustempfinden, Lustpotenzial und vor allem Kraftpotenzial im Beckenbereich haben. Weil wir sofort als Mädchen angefangen haben, diesen Bereich zu meiden, kennen wir unseren Intimbereich nicht genug und wissen gar nicht, was sich richtig gut und befriedigend für uns anfühlt. Demzufolge kennen wir auch unsere Grenzen nicht. Infolgedessen lassen wir im Liebesleben Dinge mit uns machen, die sich für uns gar nicht gut anfühlen und vor allem nicht orgastisch befriedigend sind. (Hier dazu mehr) Wir tun es dem Partner zuliebe und wissen nicht, dass wir uns dadurch jedes Mal leicht re-traumatisieren. Das führt letzten Endes dazu, dass die Vagina Jahre später komplett zumacht, gefühllos und gefühlstaub wird (Hier mehr dazu). Und dann hat eine Frau verständlicherweise überhaupt kein genussvolles Sexleben mehr.

Was kann Frau dagegen tun?

Wir können anfangen unseren Vaginalbereich und unser Becken zu sensibilisieren. Dazu gehört, Verkrampfungen, die oft chronisch vorhanden sind, zu lockern. Nur so können wir wieder an die darunterliegenden weichen, sanften Gefühle kommen, die uns dann orgasmische Momente schenken. Dazu gehört, zu entdecken, was sich individuell am besten anfühlt und wie ich neue Autobahnen zum Orgasmus bauen kann, anstatt kleine Trampelpfade zu haben, die nicht verlässlich für mich funktionieren. Natürlich müssen wir uns dann auch die psychischen Aspekte anschauen und in unserem Stammhirn wieder ein Gefühl von Sicherheit, Loslassen und Autonomie in Verbindung mit Sexualität etablieren.  

Wie hilfst du Frauen, in ihre Kraft zu kommen?

Viele Frauen sind schon so erleichtert, wenn sie hören, dass sie nicht die Einzige sind, die darunter leidet, beim Geschlechtsverkehr nicht zum Orgasmus zu kommen. Zu erleben, dass leider 70 % der Frauen aktuell noch mit dieser Problematik kämpfen, ist schon sehr traurig. Ich schaue mir an, was die Frau im Moment noch davon abhält, beim Geschlechtsverkehr zum Orgasmus zu kommen. Meistens geht es darum, die eigene Empfindungswelt und die eigene Kraft im Becken und Vaginalbereich kennenzulernen. Wenn wir erst einmal anfangen, dem Raum zu geben, verändert sich schon sehr viel. (Hier dazu mehr) Wir haben dieses Organ einfach nicht bewusst aktiviert, so wie wir ja quasi beim Klavierspielen oder Basteln aktiv die Finger trainieren. Sobald man wieder ein Gespür für die Vagina hat, ist es auch viel einfacher, zum Orgasmus zu kommen.

Hast Du Tipps wie Frau sich besser spüren kann?

Eine Blockade ist, dass die meisten Frauen sich nicht trauen, tief zu atmen und Geräusche beim Sex zu machen. Damit verhindern sie, dass sich die Lust im ganzen Nervensystem ausbreiten kann und zu einer orgastischen Welle werden kann.

Man kann schon einfach damit anfangen, dass man sich mal eine Woche lang vornimmt, jeden Abend 5 Minuten lang in die Vagina reinzuatmen. So entsteht ein erstes Bewusstsein für den Schoß und dadurch werden die Nervenbahnen von Gehirn zur Vagina stärker. Das führt später immer mehr dazu, dass die Orgasmusfähigkeit wächst, weil aus einem Trampelpfad eine Autobahn im Nervensystem wird. 

Wie wichtig ist für dich dabei Selbstliebe? Verantwortung?

Ohne Selbstliebe geht nichts im Leben. Das ist eine Grundvoraussetzung für ein glückliches Leben. Doch der erste Schritt für ein befriedigendes Liebesleben ist es, die Verantwortung dafür zu übernehmen. (Hier dazu mehr) Ein falscher Glaubenssatz ist, dass der andere dafür verantwortlich ist, dass wir sexuell befriedigt werden. Tatsächlich ist einer der häufigsten Aha-Momente meiner Klient*innen, wenn sie erleben: „Meine sexuelle Lust ist gar nicht abhängig vom Partner, sondern der Zugang dazu steckt komplett in mir!“.

Müssen sich Frauen viel mehr erlauben?

Ja, auf jeden Fall. Wir müssen uns erst mal erlauben, uns überhaupt mit der Vagina auseinanderzusetzen. Wir müssen uns erlauben, dass es unser Grundrecht ist, beim Sex zum Orgasmus zu kommen. Wir müssen uns erlauben unserem Partner zu sagen, dass wir den Sex mit ihm, als nicht befriedigend empfinden und dass sich etwas ändern muss. Wir müssen uns erlauben, dass unsere Sexualität genauso wichtig ist wie die Befriedigung des Gegenübers. Wir müssen uns erlauben, wütend zu sein, kraftvoll zu sein und sexy zu sein. Wir Deutschen müssen uns erlauben, unseren Sex-Appeal viel mehr auszuleben.

Welche hindernden Glaubenssätze begegnen dir bei Deiner Arbeit?

Viele Frauen denken, es liegt nur an ihnen und mit ihr stimmt was nicht. Das ist so traurig, weil viele Frauen jahrelang oder jahrzehntelang oder manchmal sogar ein Leben lang ein unbefriedigendes Liebesleben haben. Darum ist es so wichtig, dass wir endlich anfangen, diese Lüge in der Gesellschaft offenzulegen.

Bei den Männern begegnet mir häufig noch dem Glaubenssatz, dass es peinlich ist, wenn man an seiner Sexualität arbeitet. Ich habe viele Klientinnen, die ihre sexuelle Lust endlich entdecken und sie mit dem Partner teilen möchten. Doch leider sind dann viele Männer nicht bereit, über sich hinauszuwachsen. Dabei wäre es total der Gewinn für die Partnerschaft, wenn beide sich neu entdecken. Ein Mann kann schließlich auch multiple Orgasmen erleben.

Gibt es eine Art Leitfaden, wie man eine lustvolle Frau mit jeder Menge Orgasmen werden kann?

Vagina anschalten, dann schaltet sich der Kopf automatisch ab!  Und genau das praktizieren wir mit den Übungen, die ich meinen Klientinnen gebe. So viel Lust in der Vagina zu entwickeln, dass der Kopf einfach loslässt, weil das Gehirn von der Vagina mehr Impulse bekommt und lieber auf die hört als auf die kritische Stimme im Kopf.

Gabriela Mann von „Mein Liebesleben“ by Oliver Betke

Gabriela bietet individuelle Coaching-Pakete an, aber auch Onlinekurse für Frauen und Männer. Der nächste große Onlinekurs für Frauen startet am 1. Februar 2019. 

Hier kannst du ihr kostenloses eBook herunterladen, wo sie viele Grundprinzipien des weiblichen Orgasmus erklärt und praktische Hinweise gibt.