Genauer gesagt: Ich arbeite sogar schon einen Tag vor meiner Periode nicht mehr. Ich bin dann wie ein Bär in seiner Höhle. Ich bin brummig, einzelgängerisch und schläfrig. Ich liege in meinem Bett, sitze auf dem Balkon oder spaziere über den Friedhof. Ich genieße die Stille und meide Fernseher und Gespräche. Seit ich während meiner Periode ruhe, hat sich etwas Bemerkenswertes eingestellt.

Alles begann mit den vier weiblichen Zyklus-Archetypen. (Lest hier den Text von Izabela Brzozowska). Doch konkret wurde es für mich mit diesem Podcast von Olivia Bryant von Selfcervix.com (Ein Interview mit Olivia zu Self:Cervix findest Du hier). Sie hat Alexandra und Sjanie von der Red School interviewt, deren Denkweise über den Zyklus eine immense Veränderung bei mir in Gang gesetzt hat. Alexandra und Sjanie teilen den Zyklus in zwei Hälften. Die erste Hälfte beginnt nach der Regel und geht bis zum Eisprung. Die zweite Hälfte vom Eisprung bis zur ersten Blutung. Die erste Hälfte bezeichnen die beiden als eine „weite Straße“, die Wahrnehmung ist im Außen. Nach dem Eisprung wird „die Straße enger und führt zu einem Selbst“.

Ja versus Nein

Was das konkret heißt, kennt jede von uns. Die erste Hälfte ist die „Ja-Zeit“, wie Alexandra und Sjanie es nennen. Die Frauen haben unendlich viel Kraft, sagen zu jeder Aufgabe „Ja, ich mach das“, arbeiten wie die Pferde, haben Spaß dabei und strahlen. Doch dann kommt der Eisprung und alles wird anders. Sehr schön in diesem Video zu sehen…

Nun fängt die „Nein-Zeit“an. Die Kräfte schwinden und die aufgehalsten Arbeiten werden zu viel. „Den Volldampf der ersten Zyklushälfte hält die Frau auf Dauer nicht durch“, erklären Alexandra und Sjanie. „Das führt zu Erschöpfung, Ausnutzung und Burn-out.“ Auch das kennen die meisten von uns.

Frauen haben nicht nur ihre Regel, sie sind quasi 28 Tage im Zyklus – und ihren Hormonen ausgeliefert. Wer wissen will wie, der liest den lustigen Artikel von Sophie Heywood im The Guardian:

„Well guess what – it turns out my ever-changing personality actually makes total sense. I’m not actually a moodswinging weirdo who wants to run up to strangers singing naked hosannas to the moon and the stars one week, and then stay in my room focused solely on death the next – I mean, I am, but it all clicks into place now. I’ve just been going through the various stages of my cycle, and feeling the lovely rush of oestrogen, (which drops twice every cycle), or the onslaught of progesterone, without realising I could work with them rather than against them.“

Ich habe mir die von ihr empfohlen App „Hormone Horoscope Pro“ (ca 3 Euro) runter geladen. Und kann nun quasi live verfolgen, welche Hormone wirken und was sie mit mir machen. Noch mal Sophie Heawood: „Ovulation! I’ve learned so much about how ovulation affects my social life! Honestly, please invite me over to your house at this time, and not just because my body is programmed to try and have unprotected sex with you. My desire to be around other people is at its zenith. My social nerves disappear. My jokes are funnier. (No, I’m not ovulating while writing this column, how could you tell … ?)“

Nach der Ovulation kommt die zweite Zyklushälfte, und die genießt keinen guten Ruf. Ich habe da bisher auch sehr mit mir gehadert. Warum bin ich so erschöpft und übellaunig? Warum habe ich keine Lust mehr auf die angeschobenen Projekte? Ich habe mir dann mit Selbstvorwürfen das Leben schwer gemacht und viel mit mir geschimpft. Und auch bei unserer Umwelt kommt die zweite Zyklushälfte nicht gut an. Die meisten wollen das Arbeitstier „die dunkle, wilde Frau ist nicht so beliebt“, sagen die beiden Frauen.

Die Suche nach Wahrhaftigkeit

Dabei ist gerade die zweite Zyklushälfte so spannend. In ihrem Podcast berichten die beiden, dass nach dem Eisprung die Frau mehr und mehr nach innen hört. Sie stellt nun Dinge infrage, ist egoistisch und erscheint unberechenbar. Doch in Wahrheit ist sie auf der Suche nach Wahrhaftigkeit. Will ich das wirklich? Tut mir das gut? Nährt mich das?

Anfangs habe ich den Kopf geschüttelt. Worin liegt der Vorteil, Dinge infrage zu stellen? Inzwischen sehe ich es als mächtige Kontrollinstanz, die jeden Monat schaut, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Die es sich herausnimmt, Entscheidungen auf den Prüfstand zu stellen und zu hinterfragen. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber eine super Kontrollinstanz.

Der Innere Tempel während der Periode

Zusätzlich zu dem Controlling passiert noch etwas Zweites. Je näher die Regel kommt, desto weniger funktioniert bei mir der Kopf. Er versinkt geradezu in einem Nebel. „Die Frau muss sich runterbremsen, sonst würde sie den Eingang zu ihrem ‚inneren Tempel’ verpassen“, erklären die Gründerinnen von Red School. Denn in der Zeit der Regel finden im ‚inneren Tempel’ die Heilarbeit und die Visionen statt. Nicht umsonst konnten die Priesterinnen von Delphi nur während ihres Zyklus weissagen. In diesen Tagen steht Frau voll in ihrer weibliche Kraft, ist tief verwurzelt im Universum, kann dadurch alte Seelenwunden heilen, hat Zugang zu altem Wissen und ihre Intuition arbeitet auf Hochtouren.

Ich trete nun während der 2-3 Tage rund um den Zyklusbeginn kürzer. Und nicht nur ich. Auch PR-Boss Renae Stint gibt sich und ihren Mitarbeiterinnen „Code Red“-Tage (lest mehr in diesem Interview). Im besten Fall nehme ich mir frei (was als Selbstständige besser geht). Sollte mein Terminkalender dennoch voll sein (lest hier, wie man es Kind, Karriere und Zyklus vereinbaren kann), versuche ich Lücken für Stille zu finden. In der U-Bahn höre ich dann keine Musik, sondern hänge meinen Gedanken nach. Abends bleibt der Fernseher aus und ich gehe lieber in die Badewanne. Ich schaffe ganz bewusst Raum für Stille. So dass ich vom Denken ins Fühlen und Loslassen kommen kann. Denn dann passieren magische Dinge.

Die Auswirkung auf mein (Sex-)Leben

Seit drei Monaten mache ich das nun schon und ich bin bereits viel zufriedener und ausgeglichener. Ich treffe gute Entscheidungen, weil ich spüre, was ich brauche und was nicht. Ich habe mehr Energie und Geistesblitze in der ersten Zyklushälfte. Während der zweiten Zyklushälfte heilen alte Wunden, schließe ich Frieden, höre meinen Freunden aus tiefstem Herzen zu. Ich bin einerseits weicher und berührbarer, aber andererseits auch wilder und egoistischer.

Auch auf mein Sexleben hat das Leben im Einklang mit dem Zyklus einen enormen Einfluss. Um den Eisprung herum habe ich seit jeher die größte Lust. Doch seit ich meinen Frieden mit der introvertierten, egoistischen zweiten Hälfte gemacht habe, entdecke ich gerade in den Tagen vor der Regel eine neue Wildheit. Ein „Ist-mir-doch-egal-was-andere-denken“. Ein Nehmen, Packen und Verschlingen. Und auch während der Regel ist plötzlich viel mehr Lust vorhanden. Dann durchströmt mich eine große Sinnlichkeit, eine Lust auf Fühlen, Anfassen und Genießen.

Die zweite Hälfte ist nun kein Kampf mehr gegen das Erlahmen und die Müdigkeit, sondern ich profitiere immer mehr von dieser Zeitqualität. Alle Dinge kommen auf den Prüfstand, was nicht passt, muss gehen. Ich bin bei mir und treffe Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu meinem Wohle. Ich bin empathisch, ruhig und geerdet. Ich höre, sehe und fühle mehr und habe ein tiefes Verständnis für das Leben. Ich verzeihe, lass Dinge gehen und reinige meine Seele. Ich erfahre Lust, Wollust, Sinnlichkeit und bin mehr in meinem Schoss als in meinem Kopf.