Ich trage so gut wie nie einen BH. Ich habe keine Lust mehr beim Wäschekauf die ganzen Photoshop-optimierten Körper zu sehen, nur um dann festzustellen, passt mir nicht, kratzt, ist sowieso unbequem. Im Sommer unter dünnen Kleidchen oder weißen, semi-transparenten Oberteilen greife ich hin und wieder zu einem meiner vier bügellosen BHs, um Nippel-Alarm zu vermeiden, aber auch darauf könnte ich verzichten. Das hat mehrere Gründe. (Mona sieht das übrigens anders. Hier liest du warum?)

BH aus der Kinderabteilung – wtf?

Meine Brüste sind klein. Ziemlich klein. Vor allem aber sind sie rund, fest und hübsch. Ich mochte meine Brüste schon immer und habe mir wirklich nie, nie, nie größere gewünscht. Der offensichtlichste Vorteil: Es bedarf keinen unterstützenden Halt durch einen BH, keine Rückenschmerzen oder Probleme beim Sport (wobei auch ich beim Joggen ein Sportbustier trage, soviel muss dann doch sein).

Seitdem ich Brüste habe, ist der Kauf von Unterwäsche eine sehr nervige Angelegenheit. Standardgrößen passen mir nicht. Ich wurde mal in einem Wäscheladen ausgemessen, angeblich habe ich BH-Größe 85 AA – breites Kreuz, kleine Titten. Die Wäscheverkäuferin hat mich mitleidig angeschaut und in die Kinderabteilung geschickt. Nicht gerade sexy (und warum gibt es das überhaupt gepolsterte BHs für Mädchen bis 14 Jahre?).
Jahrelang habe ich daher aus Mangel an hübscher Lingerie Triangel-Bikinis getragen. Die konnte ich bequem justieren und die langen Bänder habe ich in der richtigen Länge abgeschnitten und zusammen genäht, sodass keine riesigen Knoten unter dem Shirt oder im Nacken baumelten. Erst nach einer ganzen Weile habe ich kapiert, das diese Art der BHs Verursacher für meine Nacken- und Schulterschmerzen waren. Zudem ist der Bikini-Stoff nicht besonders hautfreundlich.

Seit 2-3 Jahren lässt sich beobachten, dass es auch bei den Buchstabenketten wie H&M oder C&A neben den spitzenbesetzten, vermeintlich erotischen Pushup-BHs mehr und mehr Modelle ohne Bügel, Stäbchen und Einlagen gibt. Die sehen meistens auch sehr hübsch aus, mein Problem weiterhin: passen nicht. Entweder beulen die Cups (oft verläuft die Naht genau über dem Nippel und das zeichnet sich dann echt unschön unter dem Shirt ab) oder sie kneifen unter der Brust. Und diese Verschluss-Einsätze, um den BH weiter zu machen..ach bitte.

Free the nipple!

Ohne BH vor die Tür zu gehen, fühlt sich erstaunlich gut an. Nichts kneift oder drückt und die Brüste schwingen angenehm weich unter der Kleidung. Ob nun mit einem Soft- BH oder ganz ohne, die natürliche Brustform und die Brustwarzen zeichnet sich ab. Ich finde das schön! Klar auch irgendwie sexy, aber dennoch möchte ich mit meinen Nippeln keine Signale aussenden und Männer herbeiwinken. Echt nicht.
Aus unerfindlichen Gründen werden die weiblichen Brustwarzen aber nicht als normales Körperteil angesehen. Obwohl jeder schon dran genuckelt hat, werden Frauennippel sexualisiert, tabuisiert und zensiert. Unzählige Instagram- und Facebook-Profile werden wegen angeblich „sexueller“ Inhalte gesperrt, Frauennippel sind verboten, Männernippel sind okay. Auch das Photoshoppen von männlichen Nippeln auf Frauenbrüste ist erlaubt. WARUM, Alter? Auch aus diesem Grund werde ich meine Nippel überall dort zeigen, wo Prüderie vorherrst.

Foto: Micol Hebron

Die Free the Nipple-Bewegung ist natürlich nicht neu, seit 2012 kämpfen Frauen mit der feministischen Hashtag-Kagmagne #freethenipple für die gesellschaftliche Akzeptanz femininer Nacktheit und sexuelle Gleichberechtigung.

Besonders in den USA – in denen es ja bekanntermaßen eine Silikon-Titten-Obsession gibt – ist die Bewegung groß. Denn in 35 Staaten ist es nach wie vor verboten, die Brustwarzen öffentlich zu zeigen. Selbst Stillen in der Öffentlichkeit kann bestraft werden. Männer dürfen aber unbestraft blank ziehen. Es ist schon erstaunlich, dass in Zeiten von Body Shaming, Instagram-Selbstdarstellung, aber auch maximaler Gewaltdarstellung in den Medien sich jemand an einer weiblichen Brustwarze stört. In mitteleuropäischen Ländern wird sich daran glücklicherweise nicht so gestoßen und ich sehe auch immer mehr junge Frauen, die auf einzwängende Unterwäsche verzichten.

Hier ist der Trailer zu dem neuen Film „Free The Nipple“ von Lina Esco. Nippel statt Gewalt!

Vorteile von BH-frei

Neben individuellen und politischen Gründen sprechen auch einige medizinische Aspekte für BH-frei.

BH-Träger sorgen für Verspannungsschmerzen im Schulterbereich und schränken das tiefe und bewusste Atmen ein. Weg damit. Bügel und Unterbrustband können einen Lymphstau fördern und dadurch beispielswiesel Zysten verursachen. Weg damit. Auch die Überstimulierung von neurolymphatischen Punkten ist basierend auf TCM problematisch. Energetisch werden Lebermeridian und Milz beeinträchtigt. Weg damit. Und der Verschluss hinten liegt auch noch genau auf dem achten Brustwirbel. Kennt ihr das Phänomen, dass beim Zurücklehnen die Stuhllehne genau auf den BH-Verschluss drückt? Aua. Weg damit!

Sogar meine Frauenärztin sagt, der beste BH ist die eigene Muskulatur. Liegen die Brüste faul im BH, ist eine Hängebrust viel wahrscheinlicher. Und vom Schwitzen in synthetischer Unterwäsche müssen wir gar nicht erst sprechen. Besser zu leichten Baumwollbustiers oder schmal geschnittenen Unterhemden greifen. Die geben auch etwas Form und Sicherheit.

Reclaim your body!

Ich kann euch nur empfehlen, die Scham vor Nippeln zu überprüfen und mal ohne BH vor die Tür zu gehen. Im Alltag unter den ganz normalen Klamotten fällt das auch gar nicht so sehr auf und gibt somit auch keinen Anlass für andere zum Glotzen. Das Glotzen hört dann auf, wenn die weiblichen Nippel nicht mehr Tabu, sondern ganz normal sind! Reclaim your body, free the nipple!